30.12.2013

Zuchtmeister der flauen Rede

LITERATURKRITIK: Ein Briefband aus 44 Jahren zeigt den strengen Eigenbrötler Arno Schmidt von bisher unbekannten, beinahe freundlichen Seiten.
Er könne, teilte der Autor mit, "als Resultat so enger dürftijer Kindheit, nich großzügich denk'n. Ich habe nie gelernt, mich richtich zu benehmen, in keiner Gesellschaft ... Speziell Mir eign war die Isoliertheit, von BabyBeinen an".
Wer so von sich spricht und dabei schon orthografisch mitteilt, dass er die Konvention, auch wo er sie beherrscht, für verbesserungswürdig hält, aus dem kann nur ein großer Schriftsteller werden. Und in der Tat ließ der 1979 verstorbene Arno Schmidt lebenslänglich kaum ein Missverständnis darüber entstehen, dass er sich für intelligenter als fast alle, für gebildeter als die Gelehrten und für tüchtiger als die Fleißigen hielt.
Für Besuche hatte er keine Geduld, für Geselligkeit keine Zeit und für öffentliche Auftritte wenig Sinn - so stellen dann die Briefe eines solchen Eigenbrötlers nicht, wie bei dieserhalb durchschnittlichen Naturen, eine Seite persönlichen Umgangs dar, sondern bilden ihn beinahe vollkommen ab.
Damit ist der gerade erschienene Band "Und nun auf, zum Postauto!", der 160 Briefe aus 44 Lebensjahren versammelt, eine gute Gelegenheit, einen Autor neu in Augenschein zu nehmen, der in seinem enorm produktiven Schriftstellerleben Höhen und Tiefen in extremis ausgeschritten hat: Begonnen hatte der im Januar 1914 geborene Schmidt auf sich allein gestellt und in drastischer Armut. Über Jahre musste er um Veröffentlichung kämpfen, weil seine Vorliebe für Sexualwortspiele, seine Verachtung für die adenauersche Melange aus Katholizismus und Wiederbewaffnung - sowie schließlich sein orthografischer Eigensinn diverse Verleger überforderten.
Doch als er im Alter von 65 Jahren überraschend starb, war der Goethepreis-träger und Autor des gewaltigen Werks "Zettel's Traum" weit mehr als ein be-
rühmter Kauz: Der "deutsche Joyce" hatte mit seinen Romanen, die in vertrackter Weise, aber mit durchaus spannender Story historische und utopische Stoffe, von der griechischen Welt bis ins Jahr 2014, verhandeln, eine Art Alleinstellungsmerkmal in der ambitionierten Literatur. Auch als sein Werk immer mehr ins Obsessive ging, das Kreuzworträtselhafte zunahm und die Altherrenbesessenheit zwanghafte Züge bekam - "nur 1 Hand vermochte sie noch zu bändijen; während die andere lustichst in ihren Reizen wühlte & praßte" -, schlug sich das Publikum nicht nur wacker durch die umfangreichen Typoskripte, sondern folgte auch der verhängnisvollen Liebe des Privatgelehrten für zu Recht fast vergessene Autoren wie Klopstock, de la Motte Fouqué und Schnabel. Als Entdecker und Reklamefachmann zog der Komet Arno Schmidt am Lebensende einen breiten Schweif hinter sich her, dessen Partikel in der Mehrzahl inzwischen verglüht sind.
Und auch sein Werk strahlt nicht mehr so hell, seine Gemeinde trifft sich zu Versammlungen und diskutiert im Netz, doch über die Gruppe der Eingeweihten hinaus ist Schmidt ein mausetoter Klassiker. Was dann auch wieder schade ist.
Denn einen so angriffslustigen, bärbeißigen, hellwachen Geist findet man in der Gegenwart nicht. "Intelligenz lähmt, schwächt, hindert?: Ihr werd't Euch wundern!: Scharf wie'n Terrier macht se!!", heißt es im "Steinernen Herz", einem der früheren Romane Schmidts - ein Zitat, das auf Plakaten verbreitet wurde, auf dem Höhepunkt seines Ruhms als Nonkonformist und Zuchtmeister der flauen und flauschigen Rede.
Und ebendieses Temperament ist zu erfahren in dem editorisch einerseits bewundernswert genauen, andererseits rätselhaft verschwiegenen Briefband: So werden die Adressaten der Briefe - von Kollegen wie Böll und Andersch über Verleger wie Rowohlt und Unseld bis hin zu Lesern, Freunden und Verwandten - sinnvoll und sachlich vorgestellt, doch findet sich kein Hinweis darauf, welch rotem Faden diese Auswahl folgt.
Wenn sie aber den Sinn haben sollte, diesen rauen Solitär der deutschen Literatur einem unbefangenen Publikum vorzustellen, dann erfüllt sie diesen Zweck: Wir treffen einen rastlos fleißigen Autor an, einen unduldsamen Kollegen, einen treulich verlegenen Sohn, einen freundlich-großzügigen Mentor, einen immer interessanten Geist - und den bekannt produktiven Pedanten: Am 20. Februar 1957 belehrt er den Knaur Verlag darüber, dass man im einbändigen Lexikon dieses Hauses "aufs korrekteste kostbare Zeilen einsparen" könnte, indem man bei mathematischen Formeln "anstatt des von Ihnen verwendeten wagerechten Bruchstriches den schrägen" einführte. "Ich nehme ein beliebiges Beispiel: Spalte 1803 geben Sie die Formel für das Verdichtungsverhältnis an; mit schrägem Bruchstrich geschrieben sähe das so aus:
(VH + VC)/VC
Sie würden allein an dieser einen Stelle dadurch 2 Zeilen sparen; und ebenso an 30 anderen."
Und endlich Friede auf Erden, Ordnung in den Palästen und fließend Wasser in den Hütten aller Autoren!
"Und nun auf, zum Postauto!". Briefe von Arno Schmidt. Eine Edition der Arno Schmidt Stiftung im Suhrkamp Verlag, Berlin; 296 Seiten; 29 Euro.
Von Elke Schmitter

DER SPIEGEL 1/2014
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