06.01.2014

KOMMUNIKATIONDie Angreifer-App

Der Chat-Dienst Line will von Japan aus WhatsApp herausfordern. Um die Aufholjagd zu finanzieren, prüft das Unternehmen einen Börsengang.
Alles leuchtet grün, die Wände, die Decke, der Fußboden - grün wie das Firmenlogo. Die gleiche Farbe hat auch der Teppich der großen Spielwiese, die in der Kantine zum Faulenzen einlädt. Hier, von der 27. Etage eines Wolkenkratzers aus, könnten die Entwickler von Line-App sich entspannen und den Blick über das Häusermeer von Tokio schweifen lassen - wenn sie nicht so viel arbeiten müssten.
Die 700-köpfige Belegschaft hat keine Zeit zum Spielen, sie ist in kleinen Teams damit beschäftigt, die nächsten Etappen der globalen Line-App-Offensive vorzubereiten. Ende November vergangenen Jahres hat Akira Morikawa, 46, der Präsident des Unternehmens, einen weiteren Durchbruch verkündet: Mehr als 300 Millionen Smartphone-Nutzer weltweit chatten, mailen oder telefonieren demnach bereits über Line kostenlos mit Freunden und Bekannten - und das erst zweieinhalb Jahre nach Start dieses Dienstes.
Besonders schnell verbreitet sich Line-App in Asien, aber auch in Deutschland fordert sie Smartphone-Größen wie WhatsApp, Skype und Facebook heraus. Denn die Angreifer-App aus Japan lockt Nutzer, indem sie Vorzüge der Wettbewerber miteinander verknüpft: Über Line können die Nutzer nicht nur schriftliche Nachrichten austauschen, sondern auch per Video chatten, Erlebnisse live mit Freunden teilen oder gemeinsam Spiele spielen. Oft schicken sie sich gegenseitig auch nur lustige Sticker mit sogenannten Anime-Figuren.
Mit seiner zotteligen Frisur wirkt auch Line-Boss Morikawa wie eine Zeichentrickfigur, doch der gelernte Computerfachmann ist ein nüchterner Geschäftsmann. Er will Line zur global führenden Kommunikations-App machen.
Ein ehrgeiziges Ziel: Die Tochter des südkoreanischen Internetkonzerns Naver tüftelte die Line-App erst im Frühjahr 2011 aus: "Wir begannen nur mit etwa einem Dutzend Leuten", sagt Morikawa.
Damals, im Chaos nach dem Erdbeben und dem Tsunami in Nordostjapan, suchten Angestellte von Naver nur einen Weg, um untereinander in Kontakt zu bleiben. Bis dahin hatten sie vor allem südkoreanische Online-Spiele für den japanischen Markt weiterentwickelt.
Inzwischen verändert die App den Alltag vieler Smartphone-Nutzer. Morikawa selbst schickt während der Arbeit Sticker mit seiner 13-jährigen Tochter hin und her. Auch Freundschaften lassen sich mit Line besiegeln: Wenn zwei Nutzer sich treffen und gleichzeitig ihre Handys schütteln, fügen sie sich so zur Liste ihrer Freunde hinzu.
Selbst Ehepaare, behauptet Morikawa, könnten sich mit Hilfe von Line-App besser verstehen - das hätten Marktforscher herausgefunden. Denn weil Line-Nutzer nicht nur Worte verschicken, sondern oft lediglich Anime-Figuren, könnten sie besonders gut Gefühle mitteilen.
So etwas freut den Line-App-Boss, denn besonders beliebte Anime-Sticker laden sich seine Nutzer im Line-Shop gegen Gebühren herunter. Aber Morikawa will mehr: Er will Line zur mobilen Plattform ausbauen - für viele denkbare Formen des Online-Handels.
Um die Expansion zu finanzieren, prüft Morikawa einen Börsengang. Zuvor gilt es jedoch, potentielle Anleger zu überzeugen, und dafür muss der App-Anbieter noch Hunderte Millionen neuer Nutzer gewinnen - vor allem außerhalb Japans. Deshalb nehmen die Japaner verstärkt Europa ins Visier. Doch wie wollen sie ihrem Hauptkonkurrenten WhatsApp beispielsweise in Deutschland Kunden abjagen? Etwa mit niedlichen Anime-Stickern, die auf Nichtjapaner teilweise doch etwas kindlich wirken?
Auf diese Frage lacht Morikawa. Selbst westliche Geschäftsleute, findet er, sollten ruhig mal mit Hilfe von Anime-Stickern kommunizieren. Auch in Deutschland umwirbt Line seine Nutzer daher selbstbewusst mit Phantasiefiguren wie Moon, James, Brown oder Cherry Coco. Allerdings will er die Welt nicht nur mit rein japanischen Gimmicks erobern. In Tokio beschäftigt Morikawa auch ausländische Entwickler, um Line-App behutsam zu lokalisieren.
Auf dem Wachstumsmarkt Indien etwa hilft Bollywood-Star Katrina Kaif, eine langhaarige Schönheit, Smartphone-Nutzern, sich näherzukommen: Mal verschickt sie Luftküsse, mal kichert sie "ha, ha, ha", mal reckt sie aber auch unfreundlich die Faust: "No!"
Der Line-Chef sieht den Erfolg der App auch als Chance für Japan, sich als Hightech-Nation zurückzumelden. Zwar ist er stolz auf seine frühere Karriere beim Elektronikriesen Sony. Doch viele von Nippons Firmenkolossen hätten sich lange auf ihren Erfolgen ausgeruht, bemängelt der Manager. "Sie wurden defensiv."
In Japan prangt auf fast jedem Smartphone die Line-App, aber Morikawa sieht seine Firma auch weltweit im Vorteil: Als Entwickler mobiler Online-Spiele habe sie eine Menge Know-how gesammelt, das sie nun für immer neue Attraktionen nutzen könne.
"Bei Line-App müssen wir schnell sein wie Fußballspieler", sagt Morikawa. "Sobald wir aufhören, den Ball nach vorn zu schießen und unsere Gegner anzugreifen, werden wir besiegt."
Von Wieland Wagner

DER SPIEGEL 2/2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 2/2014
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

KOMMUNIKATION:
Die Angreifer-App

Video 01:05

Dashcam-Video "Riesenspinne" nähert sich US-Cop

  • Video "Wahlkampf in Montana: Trump lobt US-Politiker für Angriff auf Journalist" Video 01:08
    Wahlkampf in Montana: Trump lobt US-Politiker für Angriff auf Journalist
  • Video "Köstliche Szene im britischen Parlament: Scottish for Runaways" Video 01:26
    Köstliche Szene im britischen Parlament: Scottish for Runaways
  • Video "Anhaltende Dürre: Rhein-Pegel sinkt auf 33 Zentimeter" Video 02:27
    Anhaltende Dürre: Rhein-Pegel sinkt auf 33 Zentimeter
  • Video "Serien-Start Deutschland 86: Ein ostdeutsches Traumschiff für westdeutsche Waffenexporte" Video 05:26
    Serien-Start "Deutschland 86": "Ein ostdeutsches Traumschiff für westdeutsche Waffenexporte"
  • Video "Australien: Mädchen bricht bei Harrys Umarmung in Tränen aus" Video 00:45
    Australien: Mädchen bricht bei Harrys Umarmung in Tränen aus
  • Video "NBA-Basketball: Hornets Monk mit dem Dunk des Tages" Video 00:28
    NBA-Basketball: Hornets Monk mit dem Dunk des Tages
  • Video "Serien-Start Deutschland 86: Ein ostdeutsches Traumschiff für westdeutsche Waffenexporte" Video 05:26
    Serien-Start "Deutschland 86": "Ein ostdeutsches Traumschiff für westdeutsche Waffenexporte"
  • Video "Neues Video zu Banksy-Auktion: Schredder sollte Bild komplett zerstören" Video 01:26
    Neues Video zu Banksy-Auktion: Schredder sollte Bild komplett zerstören
  • Video "Glasbodenbrücke in China: Und dann ist der Riss auf einmal echt" Video 01:20
    Glasbodenbrücke in China: Und dann ist der Riss auf einmal echt
  • Video "Video aus Mexiko: Frau taucht mit großem Krokodil" Video 01:13
    Video aus Mexiko: Frau taucht mit großem Krokodil
  • Video "Rauchgeruch in Air-Force-Maschine: Melania Trump muss notlanden" Video 00:36
    Rauchgeruch in Air-Force-Maschine: Melania Trump muss notlanden
  • Video "Wakeboarden über Eisberge: Ziemlich coole Sache" Video 01:13
    Wakeboarden über Eisberge: Ziemlich coole Sache
  • Video "Ägyptens Präsident als Beifahrer: Putin rast in Luxuskarosse über Formel-1-Strecke" Video 01:01
    Ägyptens Präsident als Beifahrer: Putin rast in Luxuskarosse über Formel-1-Strecke
  • Video "Peter-Jackson-Film: Erster Weltkrieg ganz nah" Video 00:00
    Peter-Jackson-Film: Erster Weltkrieg ganz nah
  • Video "Fall Khashoggi: US-Republikaner widersprechen Trump" Video 01:34
    Fall Khashoggi: US-Republikaner widersprechen Trump
  • Video "Dashcam-Video: Riesenspinne nähert sich US-Cop" Video 01:05
    Dashcam-Video: "Riesenspinne" nähert sich US-Cop