06.01.2014

TÜRKEI Die Rache der Brüder

Der muslimische Prediger Fethullah Gülen fordert die Regierung heraus. Seine einflussreichen Getreuen scheinen sich vorgenommen zu haben, Premier Erdogan zu stürzen.
Er habe "seinen Premier" geliebt, sagt Turgut Keleş. Noch im Frühsommer habe er zu Recep Tayyip Erdogan gehalten, als Demonstranten in Istanbul gegen die Abholzung des Gezi-Parks und die Regierung protestierten. Und als Erdogan vor Zehntausenden Unterstützern eine Kundgebung abhielt, da stand er in der ersten Reihe.
Nur ein halbes Jahr später ist alles anders. Der einstige Fan sagt: "Erdogan muss weg." Denn der Regierungschef habe Millionen Türken "verraten". Keleş war lange Zeit Wähler der islamisch-konservativen Regierungspartei AKP von Premier Erdogan. Vor allem aber ist er Bewunderer und Unterstützer des muslimischen Predigers Fethullah Gülen.
Keleş hat eine Schule besucht, die Anhänger Gülens gegründet haben, später studierte er an einer Universität der Gemeinde. Danach habe die Bewegung ihm geholfen, einen Job zu finden, erzählt er. Heute arbeitet er für ein Bauunternehmen in Istanbul - und ist noch immer ein ergebener Anhänger. "Wer Gülen beleidigt", sagt er, "beleidigt mich."
Lange Zeit waren Erdogan und Gülen Verbündete. Im Herbst jedoch kündigte der Premier an, Nachhilfezentren der Gülen-Gemeinde schließen zu lassen. Erdogan beschuldigte Anhänger des Predigers, einen "Staat im Staat" geschaffen zu haben. Seither führen die einstigen Partner erbittert Krieg. Es ist ein Machtkampf, der zu bestätigen scheint, was bis dahin von vielen als Verschwörungstheorie abgetan wurde: dass Gülen-Leute die türkische Polizei und Justiz vielfach kontrollieren.
Offensichtlich wurde das kurz vor Weihnachten, als die Polizei mehr als 50 Verdächtige verhaftete, darunter hochrangige AKP-Mitglieder, Unternehmer und die Söhne dreier Minister. Sie sollen Schmiergelder kassiert und illegale Ölgeschäfte mit Iran eingefädelt haben.
Der Experte Gareth Jenkins vom Central Asia-Caucasus Institute vermutet Anhänger Gülens hinter den Ermittlungen. "Die Bewegung will Erdogan einschüchtern. Sie versucht verzweifelt, die Schließung ihrer Nachhilfezentren zu verhindern." Ein früherer Justizminister der AKP sagte gar, dass ein Mitarbeiter des Obersten Gerichts den Rat des Predigers eingeholt habe, bevor er über einen Fall entschied.
Keleş blickt sich in dem Café in einer Istanbuler Seitenstraße um. Er hat Angst, beobachtet zu werden. Eigentlich, sagt er, sei er nicht befugt, über die Gülen-Bewegung zu sprechen. Er möchte deshalb auch seinen wirklichen Namen nicht nennen. Aber er wolle etwas richtigstellen: Nicht die Bewegung habe den Konflikt begonnen, sondern Erdogan. "Er verhält sich wie ein Despot."
Fethullah Gülen, vermutlich 72 Jahre alt, lebt in den USA, im Bundesstaat Pennsylvania. 1999 ist er aus der Türkei geflohen, denn die damalige säkulare Regierung warf ihm vor, das Land islamisieren zu wollen. Gülens rund acht Millionen Anhänger unterhalten Schulen, Medienhäuser, Kliniken und eine Versicherung in 140 Ländern, auch in Deutschland. Die Gülen-Gemeinde sei die mächtigste islamistische Gruppierung in der Türkei, schrieben US-Diplomaten in den 2010 von WikiLeaks veröffentlichten Botschaftsberichten. "Sie kontrolliert Handel und Wirtschaft und hat die politische Szene tief unterwandert."
Angefangen hat Gülen als Imam in Edirne und Izmir, bald überredete er fromme Geschäftsmänner zu Spenden. Mit dem Geld finanzierte der Prediger Schulen; seine Unterstützer gründeten Studentenwohnheime, genannt Lichthäuser. Diese sind das Fundament der Organisation. Auch Keleş lebte während seines Studiums dort. Die Lichthäuser bieten eine oft kostenlose Unterkunft, gefordert wird dafür Loyalität. Der Ton in den Lichthäusern sei militärisch, erzählen Aussteiger; die Bewohner studieren Schriften und Predigten Gülens, ein Vorsteher kontrolliert sie.
In Schulen und Nachhilfezentren rekrutiert die Gemeinde neue Anhänger, die zu "Soldaten des Lichts" ausgebildet werden. Sie sollen Gülens Vision einer islamischen Gesellschaft verbreiten: als Manager in Unternehmen sowie als Politiker, Lehrer oder Richter.
Doch obwohl die Bewegung so groß ist, hat sie keine Adresse und keine Zentrale. Allein Fethullah Gülen bestimmt Kurs und Ausrichtung; Vertraute des Predigers, sogenannte Brüder, kontrollieren die wichtigsten Unternehmen der Bewegung. Dazu gehören "Zaman", die auflagenstärkste Zeitung der Türkei, sowie die Bank Asya, eines der größten Finanzinstitute des Landes.
In einer Predigt forderte Gülen seine Anhänger bereits vor mehr als zwei Jahrzehnten dazu auf, den türkischen Staat zu unterwandern: "Ihr müsst in die Arterien des Systems eindringen, ohne dabei bemerkt zu werden. Ihr müsst warten, bis der richtige Moment gekommen ist, bis ihr die gesamte Staatsmacht an euch gerissen habt." Gülen sagt, das Video sei manipuliert worden.
Als die AKP 2002 an die Macht kam, sah der Premier in der Gülen-Organisation einen Verbündeten. Bei der Besetzung wichtiger Posten in Polizei und Justiz beförderte er Kader der Bewegung. Gemeinsam entmachteten Erdogan und Gülen das Militär, bis dahin Hüter des säkularen Staats.
Im "Ergenekon"-Verfahren wurden Generäle, aber auch Hunderte Politiker, Anwälte und Journalisten wegen eines angeblichen Putschversuchs verhaftet. Einzelnen Beschuldigten konnten Verbrechen nachgewiesen werden. Oft jedoch stellten sich die Vorwürfe als erfunden heraus. Kritiker sagen, die Gülen-Bewegung habe damals mit Einverständnis Erdogans den Prozess missbraucht, um politische Rivalen in Staatsapparat und Zivilgesellschaft zu beseitigen. Der Chefberater des Premiers räumte vor zwei Wochen ein, Kräfte in der Justiz hätten sich damals gegen das Militär verschworen. Der Generalstab will nun den Prozess neu aufrollen.
Ein hochrangiger Aussteiger behauptet, zahlreiche Staatsbeamte handelten auf Befehl der Gülen-Brüder: "Sie waren unsere Schüler. Wir haben sie ausgebildet und unterstützt. Wenn diese dankbaren Kinder ihr Amt antreten, dienen sie weiterhin Gülen."
Auch kritische Journalisten wurden verfolgt. Der Reporter Nedim Şener etwa berichtete wie sein Kollege Ahmet Şik über die Machenschaften der Gülen-Gemeinde. Im März 2011 wurden die beiden verhaftet. Sie kamen erst 2012 frei.
Şener sagt, er zweifle nicht an der Ernsthaftigkeit der derzeitigen Korruptionsvorwürfe - aber die Motive der Ermittler müssten hinterfragt werden. Da seien kaum neutrale Juristen am Werk, sondern Gülen-Anhänger: "Der Gemeinde liegt nichts an Rechtsstaatlichkeit und Demokratie. Sie will Einfluss und Geld."
Denn nicht nur um Ideologie, auch um Geld geht es. Die Gülen-Leute erschlossen türkischen Unternehmen neue Märkte, indem sie Schulen im Ausland eröffneten. Der Çalik-Konzern etwa, der von Erdogans Schwiegersohn geführt wird, profitierte von den Verbindungen der Gemeinde zu dem früheren turkmenischen Diktator Nijasow.
Doch die Allianz zwischen Erdogan und Gülen begann zu bröckeln, spätestens nach der Parlamentswahl 2011. Erdogan meinte, nicht mehr auf die Bewegung angewiesen zu sein. Gülen-Anhänger wiederum störten sich am zunehmend autoritären Regierungsstil des Premiers. "Erdogan ist für uns zu einer Belastung geworden", sagt Keleş.
Die beiden Lager streiten unter anderem über den Umgang mit den Kurden. Der türkische Geheimdienstchef Hakan Fidan führte im Auftrag des Premiers geheime Friedensverhandlungen mit der kurdischen PKK. Fethullah Gülen hingegen forderte in einer Videobotschaft das türkische Militär auf, kurdische Separatisten anzugreifen: "Lokalisiert sie, umzingelt sie, zerschlagt ihre Einheiten, lasst Feuer auf ihre Häuser regnen, überzieht ihr Klagegeschrei mit noch mehr Wehgeschrei."
Im Februar 2012 versuchten Staatsanwälte, Erdogans Geheimdienstchef festzunehmen. Der Premier verhinderte Fidans Verhaftung - und übertrug Polizeikompetenzen an den Geheimdienst. Im Gegenzug griffen Medien der Bewegung den Regierungschef mit derselben Vehemenz an, mit der sie zuvor Oppositionelle verfolgt hatten. Im Sommer 2013 kritisierte Gülen dann Erdogan für den brutalen Umgang mit den Gezi-Demonstranten.
Doch erst nach dessen Drohung, die Nachhilfezentren zu schließen, eskalierte der Konflikt. Der Abgeordnete Hakan Şükür, ein ehemaliger Fußballspieler und Nationalheld, erklärte seinen Austritt aus der AKP: "Als Anhänger der Bewegung nehme ich die Feindseligkeiten gegen Gülen persönlich." Die Tageszeitung "Zaman" nannte ihn danach einen "Helden mit Löwenherz"; sein Rücktritt solle als "letzte Warnung" verstanden werden.
Einen Tag später schreckte der Korruptionsskandal das Land auf. Der Premier versucht nach wie vor, die Anschuldigungen als Komplott abzutun, und spricht von einem "zweiten Unabhängigkeitskrieg". Er kündigte an, gegen Gülen-Kader vorzugehen. Mehr als 500 Polizisten wurden bereits versetzt. Angeblich soll Erdogan eine Liste vorliegen mit den Namen 2000 weiterer vermeintlicher Gülen-Anhänger im Staatsapparat.
Gülen-Unterstützer Keleş sagt, die Bewegung sei bereit, den Kampf bis zum "bitteren Ende" auszufechten. Der Oppositionspolitiker und Gülen-Gegner Ilhan Cihaner rechnet in den kommenden Wochen mit weiteren Enthüllungen. Er sagt, die Gemeinde besitze genügend kompromittierende Dokumente, um Erdogan zu stürzen. "Der Konflikt ist längst nicht ausgestanden."
Von Popp, Maximilian

DER SPIEGEL 2/2014
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