06.01.2014

ESSAYIm digitalen Panoptikum

Wir fühlen uns frei. Aber wir sind es nicht. Von Byung-Chul Han
Heute wird alles smart. Wir werden bald in einer Smart City leben, in der alles, ja, komplett alles miteinander vernetzt sein wird, nicht nur Menschen, sondern auch Dinge. Wir werden nicht nur von Freunden, sondern auch von Haushaltsgeräten, Haustieren und Lebensmitteln im Kühlschrank E-Mails erhalten. Das Internet der Dinge macht es möglich. In der Smart City werden wir alle mit dem Google Glass unterwegs sein. Wir werden überall und jederzeit mit nützlichen Informationen versorgt, ohne dass wir sie eigens abgefragt hätten. Wir werden ins Restaurant gelotst, in die Bar, ins Konzert. Die Datenbrille wird für uns auch Entscheidungen treffen. Mit einer Dating-App wird sie uns sogar zu mehr Erfolg und Effizienz in Sachen Liebe und Sex verhelfen.
Unser Gesichtsfeld wird von der Datenbrille auf nützliche Informationen hin gescannt. Wir werden alle glückliche Informationsjäger. Dabei unterwerfen wir uns einer Jägeroptik. Die Sichtfelder, von denen keine Information zu erwarten ist, werden ausgeblendet. Das kontemplative Verweilen bei Dingen, das eine Formel des Glücks wäre, weicht komplett dem Jagen nach Informationen. Die menschliche Wahrnehmung erreicht endlich eine totale Effizienz. Sie lässt sich nicht mehr von den Dingen ablenken, die wenig Aufmerksamkeit verdienen oder kaum Information versprechen. Das menschliche Auge verwandelt sich selbst in eine effiziente Suchmaschine.
Das Internet der Dinge vollendet gleichzeitig die Transparenzgesellschaft, die ununterscheidbar geworden ist von einer totalen Überwachungsgesellschaft. Dinge, die uns umgeben, beobachten und überwachen uns. Sie senden pausenlos Informationen über unser Tun und Lassen. Der Kühlschrank etwa weiß Bescheid über unsere Essgewohnheiten. Die vernetzte Zahnbürste über unsere Zahnhygiene. Die Dinge wirken aktiv mit an der Totalprotokollierung des Lebens. Die digitale Kontrollgesellschaft verwandelt auch die Datenbrille in eine Überwachungskamera und das Smartphone in eine Wanze.
Heute wird jeder Klick, den wir tätigen, gespeichert. Jeder Schritt, den wir machen, wird rekonstruierbar. Überall hinterlassen wir unsere digitalen Spuren. Unser digitaler Habitus bildet sich exakt im Netz ab. Die Totalprotokollierung des Lebens wird Vertrauen vollständig durch Information und Kontrolle ersetzen.
Vertrauen macht Beziehungen zu anderen Menschen auch ohne genauere Kenntnisse über diese möglich. Die digitale Vernetzung erleichtert die Informationsbeschaffung dermaßen, dass Vertrauen als soziale Praxis immer unbedeutender wird. Es weicht der Kontrolle. So hat die Transparenzgesellschaft eine strukturelle Nähe zur Kontrollgesellschaft. Wo Informationen sehr leicht zu beschaffen sind, schaltet das soziale System vom Vertrauen auf Kontrolle und Transparenz um.
An die Stelle des Big Brother tritt Big Data. Die lückenlose Totalprotokollierung des Lebens vollendet die Transparenzgesellschaft. Sie gleicht einem digitalen Panoptikum.
Die Idee des Panoptikums stammt von dem britischen Philosophen Jeremy Bentham. Er hat im 18. Jahrhundert einen Gefängnisbau konzipiert, der eine totale Überwachung der Insassen möglich macht. Zellen werden um einen Überwachungsturm herum angeordnet, der dem Big Brother einen totalen Durchblick gewährt. Die Insassen werden zum Disziplinierungszweck voneinander isoliert und dürfen nicht miteinander sprechen. Die Bewohner des digitalen Panoptikums hingegen kommunizieren intensiv miteinander und entblößen sich freiwillig. Die digitale Kontrollgesellschaft macht intensiv Gebrauch von der Freiheit. Sie ist nur möglich dank freiwilliger Selbstausleuchtung und Selbstentblößung.
In der digitalen Kontrollgesellschaft fallen die pornografische Zurschaustellung und die panoptische Kontrolle zusammen. Die Überwachungsgesellschaft vollendet sich dort, wo ihre Bewohner nicht durch einen äußeren Zwang, sondern aus einem inneren Bedürfnis heraus sich mitteilen, wo also die Angst davor, seine Privat- und Intimsphäre aufgeben zu müssen, dem Bedürfnis weicht, sie schamlos zur Schau zu stellen, und wo Freiheit und Kontrolle ununterscheidbar werden.
Der Big Brother des benthamschen Panoptikums kann die Insassen nur äußerlich beobachten. Er weiß nicht, was in ihrem Innern vor sich geht. Er kann ihre Gedanken nicht lesen. Im digitalen Panoptikum ist es dagegen möglich, zu den Gedanken seiner Bewohner vorzudringen. Darin besteht die ungeheure Effizienz des digitalen Panoptikums. Möglich wird nun eine psychopolitische Steuerung der Gesellschaft.
Die Transparenz wird heute im Namen der Informationsfreiheit oder Demokratie gefordert. In Wirklichkeit ist sie eine Ideologie, ja, ein neoliberales Dispositiv. Sie kehrt alles gewaltsam nach außen, um es Information werden zu lassen. Mehr Information und Kommunikation bedeuten in der heutigen immateriellen Produktionsweise mehr Produktivität, Beschleunigung und Wachstum.
Geheimnis, Fremdheit oder Andersheit stellen Hindernisse für eine grenzenlose Kommunikation dar. So werden sie im Namen der Transparenz abgebaut. Vom Dispositiv der Transparenz geht ein Konformismuszwang aus. Zur Logik der Transparenz gehört es, dass sie ein weitgehendes Einvernehmen erwirkt. Eine totale Konformität ist die Folge.
"Neusprech" heißt die Idealsprache in George Orwells Überwachungsstaat. Es hat komplett "Altsprech" zu ersetzen. Neusprech hat nur das Ziel, den Gedankenspielraum einzuengen. Gedankendelikte sollten schon dadurch unmöglich gemacht werden, dass die Wörter, die dafür notwendig wären, aus dem Vokabular entfernt werden. So wird auch das Wort "Freiheit" beseitigt. Bereits in dieser Hinsicht unterscheidet sich Orwells Überwachungsstaat vom digitalen Panoptikum von heute, das gerade von der Freiheit exzessiv Gebrauch macht.
Orwells Überwachungsstaat mit Teleschirmen und Folterkammern ist etwas ganz anderes als das digitale Panoptikum mit Internet, Smartphone und Google Glass, das vom Schein grenzenloser Freiheit und Kommunikation beherrscht ist. Hier wird nicht gefoltert, sondern gepostet und getwittert. Die Überwachung, die mit der Freiheit zusammenfällt, ist wesentlich effizienter als jene Überwachung, die gegen die Freiheit gerichtet ist.
Die Machttechnik des neoliberalen Regimes ist nicht prohibitiv oder repressiv, sondern seduktiv. Eingesetzt wird eine smarte Macht. Sie verführt, statt zu verbieten. Sie setzt sich nicht im Gehorchen, sondern im Gefallen durch. Man unterwirft sich dem Herrschaftszusammenhang, während man konsumiert und kommuniziert, ja, während man Like-Buttons klickt. Die smarte Macht schmiegt sich der Psyche an, schmeichelt ihr, statt sie zu unterdrücken oder zu disziplinieren. Sie erlegt uns kein Schweigen auf. Vielmehr fordert sie uns permanent dazu auf, mitzuteilen, zu teilen, teilzunehmen, unsere Meinungen, Bedürfnisse, Wünsche zu kommunizieren und unser Leben zu erzählen. Wir haben heute mit einer Machttechnik zu tun, die nicht unsere Freiheit verneint oder unterdrückt, sondern sie ausbeutet. Darin besteht die heutige Krise der Freiheit.
Das Prinzip der Negativität, das den Überwachungsstaat von Orwell bestimmt, weicht dem Prinzip der Positivität. Das heißt: Bedürfnisse werden nicht unterdrückt, sondern angeregt. Kommunikation wird nicht unterdrückt, sondern maximiert. An die Stelle der durch Folter erpressten Geständnisse treten die freiwillige Ausstellung der Privatsphäre und die digitale Ausleuchtung der Seele. Smartphone ersetzt Folterkammer.
Benthams Großer Bruder ist zwar unsichtbar, aber er ist allgegenwärtig in den Köpfen der Insassen. Im digitalen Panoptikum fühlt sich dagegen niemand wirklich überwacht. Daher ist der Terminus "Überwachungsstaat" nicht ganz geeignet, um das digitale Panoptikum von heute zu charakterisieren. In ihm fühlt man sich frei. Aber gerade diese gefühlte Freiheit, die Orwells Überwachungsstaat ganz fehlt, ist ein Problem. Sie verhindert den Widerstand.
1987 kam es zu heftigen Protesten gegen die Volkszählung. Im Einwohnermeldeamt von Leverkusen explodierte sogar eine Bombe. Menschen vermuteten hinter dem Vorhaben einer Volkszählung einen Überwachungsstaat, der ihnen Freiheit nimmt und Informationen gegen ihren Willen entreißt. Der Fragebogen enthielt aber nur sehr harmlose Angaben wie Schulabschluss, Beruf oder Miete. Heute entblößt man sich freiwillig und gibt sogar intime Details über sich selbst preis. Trotz NSA-Überwachungen, die jedes Smartphone in einen Überwachungsapparat verwandeln, kommt es kaum zu Protesten. Darin besteht die Effizienz der freien Überwachung. Überwachung gibt sich als Freiheit. Freiheit erweist sich als Kontrolle.
Legendär ist der Werbespot von Apple, der 1984 während des Super Bowl über den Bildschirm flackerte. In ihm inszeniert sich Apple als Befreier gegen Orwells Überwachungsstaat. Im Gleichschritt betreten willenlos und apathisch wirkende Arbeiter eine große Halle und lauschen der fanatischen Rede des Großen Bruders auf dem Teleschirm. Da stürmt eine Läuferin in die Halle, verfolgt von der Gedankenpolizei. Sie läuft unbeirrt nach vorn, vor ihrem wogenden Busen trägt sie einen großen Vorschlaghammer. Entschlossen rennt sie auf den Großen Bruder zu und schleudert den Hammer mit voller Wucht in den Teleschirm, der daraufhin lichterloh explodiert. Die Menschen erwachen aus ihrer Apathie. Eine Stimme verkündet: "On January 24th, Apple Computer will introduce Macintosh. And you'll see why 1984 won't be like '1984'." Entgegen Apples Botschaft aber markiert das Jahr 1984 nicht das Ende des Überwachungsstaats, sondern den Beginn einer neuartigen Kontrollgesellschaft, die in ihrer Effizienz den Überwachungsstaat von Orwell um ein Vielfaches übertrifft.
Es ist kürzlich bekannt geworden, dass die NSA in internen Unterlagen Steve Jobs als Big Brother bezeichnet. Handy-User heißen dort "Zombies". Und es ist auch konsequent, dass dort von "Smartphone-Ausbeutung" die Rede ist.
Die NSA ist aber nicht das eigentliche Problem. Nicht nur Google oder Facebook, sondern auch Datenfirmen wie das global agierende Marketing-Unternehmen Acxiom sind von der Datensammelwut erfasst. Allein in den USA verfügt das Unternehmen über Daten von 300 Millionen US-Bürgern, also von fast allen. "Wir geben Ihnen einen 360-Grad-Blick auf Ihre Kunden", so heißt der panoptische Werbeslogan von Acxiom. Angesichts dieser Entwicklung ist Edward Snowden weder Held noch Verbrecher. Er ist ein tragisches Phantom in einer Welt, die ein digitales Panoptikum geworden ist.
Han, 54, ist Professor für Philosophie und Kulturwissenschaft an der Universität der Künste Berlin. Zuletzt erschien von ihm das Buch "Im Schwarm. Ansichten des Digitalen" (Matthes & Seitz, Berlin).
Von Han, Byung-Chul

DER SPIEGEL 2/2014
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