06.01.2014

Die Farben des Jazz

LITERATURKRITIK: Der japanische Autor Haruki Murakami schickt in seinem neuen Roman einen Mann auf die Reise in die eigene Vergangenheit.
Haruki Murakami wird schon seit geraumer Zeit als Favorit für den Literaturnobelpreis gehandelt, doch bisher ging er leer aus. Vor gut einem Jahr musste er hinnehmen, dass ausgerechnet der regimetreue chinesische Autor Mo Yan diesen Preis erhielt.
In Murakamis neuem Roman "Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki" gibt es nun eine Episode, die diese Zurücksetzung anspielungsreich kommentiert. Der Held der Geschichte, Tsukuru Tazaki, reist von Japan nach Skandinavien, es ist Sommer, er kauft sich eine Tüte Kirschen auf einem Markt und setzt sich auf eine Bank, als er bemerkt, dass zwei Mädchen ihn beobachten. "Sie näherten sich langsam wie wachsame Möwen. ,Sind Sie Chinese?', fragte die Größere auf Englisch. ,Nein, Japaner', sagte Tsukuru. ,Wir ähneln uns, sind aber anders.' Die beiden machten verständnislose Gesichter."
Von allen zeitgenössischen Literaten, die mit dem Literaturnobelpreis in Verbindung gebracht werden, ist Murakami wohl der Schriftsteller mit den meisten Lesern. Seine Bücher erobern verlässlich die Bestsellerlisten, in Japan genauso wie in Deutschland und den USA. Murakami kann süchtigmachend schreiben, dabei scheut er keine handwerklichen Tricks, ein Kapitel endet bei ihm schon mal mit dem Satz: "In dieser Nacht geschahen einige seltsame Dinge."
Zugleich versucht Murakami in seinen Romanen zu ergründen, was es auf sich hat mit alldem, was uns als Wirklichkeit umgibt. Er lotet aus, was Menschen bewegt, die sich träumend, denkend, liebend durch diese vielschichtige Wirklichkeit tasten. Dabei lässt der Jazzliebhaber Murakami Realität und mystische Motive ineinanderfließen.
Der Mann im Mittelpunkt seines neuen Romans ist ein Ingenieur in den Dreißi-
gern, der in einem Büro in Tokio arbeitet und an der Planung von Bahnhöfen beteiligt ist. Tazaki hat sich im Alltag eingerichtet, die Arbeit und regelmäßige Besuche im Schwimmbad geben den Takt seiner Tage vor. Hin und wieder hat er eine Freundin, aber bevor diese Liebesgeschichten ernst werden, sind sie schon vorüber. Seit 16 Jahren bewegt er sich an der Oberfläche seines Lebens. Damals geriet er in eine schwere psychische Krise, als seine vier engsten Schulfreunde ihn ohne Angabe von Gründen aus ihrem Kreis ausschlossen und jeden weiteren Kontakt zu ihm ablehnten.
Als Tazaki nun die zwei Jahre ältere Sara kennenlernt und ihr in wachsender Verliebtheit von seiner Verletzung berichtet, fordert Sara ihn auf, die Freunde von damals aufzusuchen. Weil sie sich weigert, mit ihm zu schlafen, bevor er deren Beweggründe kennt, macht sich Tazaki auf die Reise.
Es wird eine Reise, die ihn nicht nur zurück in seine Heimatstadt und eben nach Skandinavien führt, sondern auch in die Welt seines Unterbewusstseins. In einem erotischen Traum begegnet er den zwei Mädchen aus der Clique. Hier wird deutlich, welche Bandbreite der Erzähler Murakami beherrscht, einerseits gehört er zu den wenigen Autoren, die so über Sex schreiben können, wie man von Sex lesen möchte, und zugleich schimmert durch, dass der Japaner auch in der westlichen Philosophie zu Hause ist, ihn also auch Fragen nach den Grenzen der Vernunft faszinieren.
In einer abendlichen Diskussion zwischen Tazaki und seinem Studienfreund Haida über die Beziehung von Logik und Träumerei heißt es an einer Stelle: "Alles hat seine Grenzen. Auch das Denken. Man sollte diese Grenzen respektieren, aber sich auch nicht fürchten, sie zu durchbrechen. Das ist das Wichtigste, um frei zu werden. Respekt und Abneigung gegenüber den Grenzen. Die wichtigsten Dinge im Leben haben immer zwei Seiten."
Dieses Motiv zieht sich durch Murakamis Romane, auch durch sein vielseitiges Werk "1Q84", in dem es neben unserer Welt noch eine Parallelwelt mit zwei Monden am Himmel gibt.
Diesmal, in "Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki", fasst Murakami den Handlungsfluss schmaler, der Ingenieur Tazaki bleibt der realen Welt und der Gegenwart verbunden, auch wenn er weit zurückreist in die Vergangenheit und in einem skandinavischen Sommerhaus eine lange, zärtliche Umarmung erlebt.
Doch letztlich ist die Handlung in den Romanen Murakamis ohnehin zweitrangig. Der 64-jährige Japaner, der früher eine Jazzbar in Tokio führte, der auch in Europa und den USA lebte, fängt in seinen lakonisch erzählten Romanen ein Lebensgefühl ein, das ein Ausdruck unserer Zeit ist. Es ist ein fragmentiertes Gefühl: die Erfahrung von Verlust, die Akzeptanz von Vereinzelung, die Sehnsucht nach Liebe und Freundschaft - und die Gewissheit, dass der Tod unausweichlich ist.
"Jeder einzelne Mensch hat seine eigene Farbe, die den Umriss seines Körpers mit einem schwachen Schein umgibt. Als würde er von hinten angestrahlt werden. Wie eine Hintergrundbeleuchtung."
Eines Tages wird Murakami den Nobelpreis erhalten. Weil er so bunt wie sonst niemand von der menschlichen Farblosigkeit zu erzählen weiß.
Haruki Murakami: "Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki". Aus dem Japanischen von Ursula Gräfe. DuMont Buchverlag, Köln; 320 Seiten; 22,99 Euro. Erscheint am 10. Januar.
Von Claudia Voigt

DER SPIEGEL 2/2014
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