13.01.2014

VERBRAUCHERSCHUTZBrüsseler Bio-Bombe

Wo Öko draufsteht, ist oft nicht nur Öko drin: Zu diesem Befund kommt die EU-Kommission und will die Regeln für Bio-Lebensmittel drastisch verschärfen.
Eine im Sonnenlicht glänzende, knallrote Erdbeere, im Hintergrund ein Bauernhof, an der Seite das amtliche europäische Bio-Siegel: Wer einen Joghurt mit solch einem Etikett kauft, vertraut darauf, einen Becher voller Natur zu bekommen.
Doch der Schein kann trügerisch sein. Ein Bio-Erdbeerjoghurt muss keine einzige Frucht enthalten. Eine Lücke in der EU-Öko-Verordnung erlaubt den Herstellern, Aromastoffe aus dem Labor zu verwenden.
Wo Öko draufsteht, ist oft nicht nur Öko drin - diesen Verdacht hatten viele Verbraucher schon lange, jetzt liefert die EU-Kommission den Befund schwarz auf weiß. "Standards, die nicht glaubwürdig sind, können langfristig das Vertrauen der Verbraucher gefährden und zu einem Zusammenbruch des Marktes führen", heißt es in dem Entwurf einer neuen EU-Verordnung, die dem SPIEGEL vorliegt.
Agrarkommissar Dacian Ciolos will die europäischen Regeln für die Produktion und den Verkauf von Lebensmitteln verschärfen, die ein amtliches Öko-Gütesiegel tragen. Es geht ihm vor allem darum, die zahlreichen Ausnahmen abzuschaffen, die dazu führen, dass ein Bio-Produkt nicht zu 100 Prozent aus biologischen Zutaten besteht. "Ökologische Produktionsregeln werden durch Ausnahmen und unklare Bestimmungen weichgespült", schreiben die EU-Beamten in einem Begleitdokument.
‣ Beispiel Bauernhöfe: Noch ist es erlaubt, dass ein Betrieb sowohl Öko-Landbau als auch konventionelle Landwirtschaft betreibt. Dies soll nach dem Kommissionsvorschlag verboten werden. Damit werde das Betrugs- und Kontaminierungsrisiko deutlich minimiert;
‣ Pestizide: Bislang gibt es keine Garantie, dass in einem Bio-Produkt nicht Rückstände von Pestiziden vorkommen. In Zukunft müssten die Produzenten garantieren, dass der Pestizidanteil nicht höher ist als in Baby-Nahrungsmitteln. Eigentlich eine Selbstverständlichkeit, bislang aber nicht Vorschrift. Sollten die Regeln nicht verschärft werden, würden unerlaubte Substanzen in ökologischen Produkten zunehmend zu einem Problem werden, warnt die EU-Kommission;
‣ Geflügel- und Schweinefleisch: Bisher mussten nur 20 Prozent des Futters aus der näheren Umgebung des Hofs stammen, künftig sollen es 60 Prozent sein. Ebenso muss das Eiweißfutter zu 100 Prozent ökologisch hergestellt sein, bislang durften bis zu 5 Prozent Futter verwendet werden, das nicht aus biologischem Anbau stammt.
Insgesamt will die Brüsseler Kommission die Überprüfungen massiv ausweiten: Bislang überwachen Kontrolleure vorrangig die landwirtschaftlichen Erzeuger, für die weitere Produktionskette ist die Aufsicht nicht so streng. Großhändler müssen nur selten mit Kontrollen rechnen, Einzelhändler sind ganz davon ausgenommen, ebenso Subunternehmer. Das soll sich ändern.
Zudem soll das bestehende System legaler Ausnahmen von den Produktionsauflagen deutlich beschnitten werden, denn es werde "von einigen Mitgliedstaaten missbraucht", heißt in den Kommissionsentwürfen. Je weniger Kontrollen, desto mehr Betrugsfälle gebe es. Als Hauptgrund sehen Experten wie die Verbraucherorganisation Foodwatch die rasante Geschwindigkeit, mit der die Bio-Branche in den vergangenen Jahren gewachsen ist. Lag der Umsatz im Jahr 2000 noch bei 2,1 Milliarden Euro, erreichte er 2012 bereits 7 Milliarden. Bio ist zum Massenmarkt geworden.
Das führt auch dazu, dass die heimischen Produzenten die Nachfrage schon lange nicht mehr befriedigen können. Importe aus Nicht-EU-Ländern werden immer bedeutsamer: Chile produziert zum Beispiel mehr Bio-Äpfel als Deutschland. Bio-Zwiebeln kommen oft schon aus Argentinien und Ägypten nach Deutschland, Leinsaat aus Kanada und Argentinien, Möhren und Paprika auch aus Israel. Die für die Tierhaltung so wichtigen Eiweißfuttermittel werden unter anderem aus Russland eingeführt.
Diese Importe sollen daher auch strenger kontrolliert werden. Bislang verließen sich die EU-Importeure größtenteils auf die Kontrollen in den Herkunftsländern, 63 verschiedene Importstandards existieren allein für Bio-Produkte. In Zukunft soll es einen geben.
"Wir begrüßen eine Verschärfung der Regeln", sagt Foodwatch-Sprecher Martin Rücker. Doch nicht überall in der Öko-Branche stoßen die Vorschläge der EU-Kommission auf Gegenliebe. So haben Vertreter der Internationalen Vereinigung der ökologischen Landbaubewegungen (IFOAM) bei Politikern und Beamten Stimmung gegen die Pläne gemacht. Sie fürchten, dass der Verwaltungsaufwand für die Bio-Erzeuger zu groß werde. Der bestehende Rechtsrahmen sei ausreichend, sagt der Brüsseler IFOAM-Direktor Marco Schlüter.
Von Christoph Schult

DER SPIEGEL 3/2014
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