13.01.2014

ÖKOLOGIE Die Zähmung der Ströme

Auf dem Balkan rauschen die letzten Wildflüsse Europas durch unberührte Täler. Doch künftig sollen sie von mehr als 570 Staudämmen gebändigt werden, um Strom zu gewinnen. Was ist kostbarer: grüne Energie - oder die Natur?
Wer weiß schon noch, wie Flüsse einst flossen, als man sie ließ? Wie breit das Bett ist, das sie sich über die Jahrhunderte gebahnt haben? Wie Stillwasser glitzert neben Stromschnellen, die über Schotterfelder rauschen; wie Schwemmholz, zu Nestern getürmt, an den Ufern kleiner Inseln strandet. Wie Pappelschösslinge um Halt ringen, sich alles immerzu ändert an der Grenze zwischen Wasser und Land.
An der Vjosa lässt sich beobachten, wie früher auch Elbe, Rhein und Oder die Landschaft formten. Der Fluss zieht durch sein Tal im Süden Albaniens, verzweigt sich in Arme, die bald wieder zusammenfließen, das Wasser gibt und nimmt den festen Grund.
"Bei jedem Hochwasser verlagert die Vjosa ihren Lauf", schwärmt Ulrich Eichelmann, Naturschützer von der Organisation Riverwatch, und blickt hinüber zum schmalen Band des Auwalds, der sich an die Talflanke schmiegt. "Der Fluss füllt das ganze Tal aus", sagt der 52-Jährige. "So etwas gibt es in Europa nur noch hier, auf dem Balkan." Dann hält er inne. Drüben am anderen Ufer steigt ein Kormoran schwerfällig in die Lüfte.
Die Vjosa: 270 Kilometer Flusslandschaft, vom griechischen Pindosgebirge bis hinab zur Adria. Kein Damm stört das Wasser auf seinem Weg. Kein Betonbett lenkt den Lauf. Und jeder Kiesel erzähle eine Geschichte, sagt Eichelmann - von unberührten Orten oben in den Bergen, von Wasserfällen, Schluchten, Seen.
So glasklar wie die Vjosa rauschen viele Gewässer in den Staaten des ehemaligen Jugoslawiens die Berge hinab, ebenso in Albanien und Bulgarien. "Auf dem Balkan schlägt das blaue Herz Europas", sagt Eichelmann, der sich zusammen mit der Umweltorganisation EuroNatur dafür einsetzt, die natürlichen Ströme zu erhalten.
80 Prozent der Flüsse auf dem Balkan, so zeigt ein Gutachten, sind noch in gutem oder sehr gutem ökologischem Zustand - ein Paradies für Fische, Muscheln, Schnecken und Insekten.
Doch die letzten Wildflüsse Europas sind in Gefahr. Mehr als 570 größere Staudämme samt Wasserkraftwerken (jeweils mit einer Kapazität von über einem Megawatt) sind in der Region geplant (siehe Grafik).
Mit dem Geld internationaler Finanzinstitute - unter ihnen die Deutsche Bank, die Weltbank und die Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBRD) - sind die Wehrbauer ans Werk gegangen.
Eine "Goldgräberstimmung" macht Eichelmann aus, die "Hydrolobby" wittere den letzten unerschlossenen Energiemarkt Europas. Kurz bevor die Balkanstaaten sich qua Beitritt den Öko-Reglements der Europäische Union unterwerfen müssen, versuche die Industrie, Tatsachen zu schaffen: "Was in der EU längst verboten ist, wird nun noch schnell auf dem Balkan versucht", sagt Eichelmann. Im Namen von Ökostrom und Klimaschutz drohe ein Ausverkauf unberührter Natur.
In Albanien ist die Zähmung der Ströme in vollem Gang. Ein Bauboom hat das bettelarme Land ergriffen: Im Fluss Drin im Norden des Landes sind drei große Dämme bereits fertig. Für den Devoll hat die norwegische Firma Statkraft Konzessionen erworben. Und auch an der Vjosa droht Ungemach. Acht Dämme sind geplant. Einer davon ist bereits im Bau. Nahe der Ortschaft Kalivaç drängt der Fluss sich durch eine Enge. Bagger verschieben dort Berge aus Kies und Sand. Fast 50 Meter hoch und 350 Meter breit soll die Staumauer werden.
Es ist ein Italiener, Francesco Becchetti, der diesen Staudamm errichten will. In seiner Heimat besitzt der 47-Jährige ein Bau- und Müllimperium, in Albanien einen Fernsehsender. Wer ihn treffen will, muss sich zunächst von einem seiner TV-Journalisten aushorchen lassen. Dann geht es über eine staubige Straße bis nach Kalivaç. Dort wartet der Industrielle mit seiner Entourage, einem guten Dutzend kräftiger Männer, die sich um eine beträchtliche Anzahl teurer Limousinen scharen.
Im Bürocontainer der Baustelle zeigt Becchetti dann die Pläne für die Sperre der Vjosa. Dicke Gutachten hat der bärtige Italiener mitgebracht. 70 Millionen Euro habe sein Talsperrenprojekt bereits verschlungen, berichtet er, auch Geld der Deutschen Bank war dabei. Inzwischen hat sich das Geldhaus aus dem Joint Venture verabschiedet.
Beim Aufstieg auf das halbfertige Bauwerk kommt die Rede dann auf die Vjosa. Ob Becchetti bekannt sei, dass es sich um einen der letzten Wildflüsse Europas handle? Nein, antwortet der Bauherr. "Aber der Damm wird kein Problem für die Umwelt sein", sagt er. Und: "Ich musste mir das erst erklären lassen - aber wir planen eine Forellentreppe ein."
Eine Forellentreppe? Gegen den Komplettverlust eines einzigartigen Lebensraums? Aus Ökologensicht: ein schlechter Witz. "Sollte die Vjosa zu einer Kette von Stauseen verkommen", befürchtet Spase Shumka von der naturwissenschaftlichen Fakultät der Agrar-Universität Tirana, "können zum Beispiel Aal und Meeräsche hier nicht überleben." Bis zu 200 Kilometer wandern die europaweit bedrohten Fische bislang die Vjosa hinauf.
Zahllose Vögel wie etwa Flussregenpfeifer, Seiden- und Silberreiher seien auf die Auen der Flüsse angewiesen, sagt Shumka. Und viele nur auf dem Balkan heimische Fischarten wie etwa die Pindus-Bachschmerle könnten an den Rand des Aussterbens gebracht werden.
In der Hauptstadt Tirana wird allerdings schnell deutlich, dass Naturschutz in der Prioritätenliste der albanischen Regierung einen unteren Platz belegt.
Im Regierungsviertel am Bulevardi Dëshmorët e Kombit residiert Damian Gjiknuri, Minister für Energie und Industrie. Zwar gibt sich der erst wenige Monate amtierende Politiker redlich Mühe, Verständnis für den Naturschutz aufzubringen. Die Energieversorgung des Landes liegt ihm indes mehr am Herzen.
"Zurzeit müssen wir zwischen 35 und 40 Prozent unseres Stroms importieren", sagt Gjiknuri. Um das zu ändern, habe Albanien keine andere Wahl, als auf Wasserkraft zu setzen. Das Potential sei enorm: "Wir können die heimische Stromproduktion durch Wasserkraft um das Zehnfache steigern."
Aus dem gleichen Grund will im benachbarten Mazedonien das staatseigene Energieunternehmen Elektrani na Makedonija (ELEM) zwei Staudämme bauen - mitten in einen Nationalpark.
Das 73 000 Hektar große Mavrovo-Schutzgebiet liegt an der Grenze zu Albanien und dem Kosovo und ist einer der ältesten Nationalparks Europas. Buchen-Urwälder gibt es dort, durch die noch Wölfe und Bären schleichen. In den Bächen leben Fischotter, Forellen und Süßwasserkrebse. Stolz der Region ist der Balkan-Luchs; nur noch etwa 50 Exemplare der Katzenart streifen durch die Wälder - Aussterben in Sicht.
Zwei größere Dämme sind im Mavrovo-Nationalpark geplant. "Lukovo Pole" liegt hoch oben in den Bergen, dort, wo die Bäume alpinen Feuchtwiesen weichen und die Pflanzenvielfalt am größten ist. In der Nähe haben Experten der Unesco ein Tal entdeckt, das als Weltnaturerbe in Frage kommt.
71 Meter hoch soll der Lukovo-Pole-Damm werden. Eine neue Straße durch den Nationalpark müsste gebaut werden, um ihn zu errichten. Im Juli will die Weltbank entscheiden, ob sie das Projekt mit 70 Millionen Dollar unterstützt.
Weiter unten im Tal liegt "Boskov Most", das letzte Refugium des Balkan-Luchses. Dort soll ein Damm den Fluss Mala Reka blockieren. Die EBRD hat bereits 65 Millionen Euro für den Bau zugesagt. Eine schmale Straße führt entlang der Mala Reka bergan. Nach ein paar Minuten Fahrt stoppt Eichelmann den Wagen und springt hinaus. Der erste Schnee des Winters liegt wie eine löchrige Decke über dem Tal. Die Luft ist schneidend kalt. Der Fluss schäumt und rauscht.
Eichelmann kraxelt die Böschung hinab. Und plötzlich ist da eine eigene Welt aus Licht und Schatten, Kälte und Feuchtigkeit. Das Wasser umtost moosbewachsene Felsen, verschwindet in Höhlungen, zwängt sich durch Kämme aus Eiszapfen.
Am überhängenden Fels hat eine Wasseramsel ihr Kugelnest aus Moos gebaut. Im Labyrinth der Wurzeln und Steine leben nur auf dem Balkan vorkommende Forellenarten und die Larven von Köcherfliegen und Quelljungfern. "Das liebe ich: diese einzigartige Vielfalt", sagt Eichelmann. Was passiert mit der Mala Reka, wenn der Damm gebaut würde? "Das Flussbett läge die meiste Zeit trocken." Das Wasser des künftigen Stausees soll zwar noch durch die Mala Reka abgeleitet werden, allerdings nur zu Zeiten des höchsten Strombedarfs. "Schwallbetrieb" nennen Ingenieure das Konzept. Einmal am Tag jagt dann eine Flutwelle durchs Tal.
Die Mehrheit der Tiere und Pflanzen im Ökosystem, fürchten Biologen, würde die tägliche Spülung nicht überleben. Und die für den Dammbau notwendigen Straßen würden Mavrovo fragmentieren und Wildtieren das Leben erschweren.
Die internationalen Finanziers schert das nicht: "Keines der Gutachten legt nahe, dass der Nationalparkstatus von Mavrovo gefährdet wird", heißt es bei der EBRD. Die Vielfalt sei nicht in Gefahr, beschwichtigen auch die Kraftwerksbetreiber des Energieunternehmens ELEM.
Mazedonien gehört zu den Ländern des "202020-Netzwerks". Diese Staaten haben sich vorgenommen, den Anteil grüner Energie bis 2020 auf mindestens 20 Prozent zu heben und den Treibhausgas-Ausstoß um 20 Prozent zu senken. "Ohne Wasserkraft kommen wir nicht aus", sagt ELEM-Chef Dejan Boskovski.
Doch der internationale Druck wächst. Die Weltnaturschutzunion IUCN fordert in einer Resolution, den Bau der Wasserkraftwerke im Mavrovo-Nationalpark aufzugeben. Und vergangene Woche wandten sich mehr als hundert europäische Forscher, unter ihnen auch der deutsche Naturwissenschaftler Ernst Ulrich von Weizsäcker, direkt an Weltbank und EBRD, um die Finanzierung der Mavrovo-Dämme zu stoppen. "Wir sind überrascht, dass Ihre Institutionen überhaupt erwägen, diese Projekte zu unterstützen", heißt es in dem Schreiben. Die Vorhaben "unterminieren die Nationalpark-Idee" und "verstoßen gegen EU-Gesetze wie die ,Natura 2000'-Direktive" und die Wasserrahmenrichtlinie.
Wenn nichts geschehe, würden "diese Flüsse genauso zerstört wie unsere in den siebziger Jahren - und das auch noch mit unserer Hilfe", mahnt Ulrich Eichelmann. "Ich bin nicht gegen Wasserkraft, aber wir brauchen einen Masterplan für den Balkan, um festzulegen, wo es in Ordnung ist, solche Kraftwerke zu errichten, und wo nicht."
Viele der Balkanstaaten strebten in die EU. "Wenn diese Länder etwas in die Gemeinschaft einbringen können, dann ist das Landschaft", sagt der Naturschützer.
Doch die meisten Balkanstaaten stecken tief in der Wirtschaftskrise. Wo kein Geld ist, wird Naturschutz zweitrangig. Selbst eine gründliche Bestandsaufnahme der Flussvielfalt steht bislang noch aus.
Allerdings könnte die Krise den Flüssen indirekt sogar nützen. Denn sie hat den Dammbau vielerorts zum Spielfeld der Spekulanten werden lassen - und deshalb hat Albaniens Energieminister Gjiknuri erste Dammbaukonzessionen schon wieder kassiert. "Viele Investoren haben gar nicht erst angefangen zu bauen, sondern versucht, die Lizenzen auf dem Schwarzmarkt weiterzuverkaufen", berichtet er. Andere würden "nur so tun, als bauten sie etwas", um den Marktpreis ihrer Projekte zu erhöhen.
Die halbfertige Talsperre bei Kalivaç erwähnt Gjiknuri nicht explizit. Er kann indes kaum verbergen, dass ihm auch diese Sache nicht geheuer ist. Aus gutem Grund: Denn so geschäftig Bauunternehmer Becchetti seine Dammbaustelle an der Vjosa auch präsentiert - getan hat sich dort seit vier Jahren fast gar nichts.
Für Ulrich Eichelmann ist das ein Hoffnungsschimmer. "Noch ist an der Vjosa kein irreparabler Schaden entstanden", sagt der Naturschützer. "Wir werden alles tun, um die Kraftwerke zu verhindern - aber es ist ein Rennen gegen die Zeit."
Von Bethge, Philip

DER SPIEGEL 3/2014
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