20.01.2014

Warum darf man „Zigeuner“ sagen, Herr Bauerdick?

Rolf Bauerdick, 56, ist Fotograf und Autor des Buches "Zigeuner - Begegnungen mit einem ungeliebten Volk".
SPIEGEL: Herr Bauerdick, Sie sprechen in Ihrem Buch von "Zigeunern" anstatt von "Sinti" und "Roma". Warum politisch so unkorrekt?
Bauerdick: Ich habe in 20 Jahren über hundert Reisen zu Zigeunern in Rumänien, Bulgarien, Ungarn, Tschechien und der Slowakei unternommen, und die Mehrheit der Menschen dort bezeichnet sich selbst als Zigeuner. Sie sind stolz auf ihre Kultur, sie grenzen sich ab von den "Gadsche", den Nichtzigeunern. Auch in anderen Ländern Europas sprechen die Leute ganz selbstverständlich von Zigeunern. Nur wir Deutschen haben damit ein Problem.
SPIEGEL: Wie erklären Sie sich das?
Bauerdick: Das hat natürlich mit der Vergangenheit zu tun. Die Nazis haben nicht nur die Zigeuner vernichtet, sondern auch ihren Namen als rassistisches Schmähwort beschmutzt. Doch anstatt sich das Wort selbstbewusst wieder anzueignen und rassistischen Tendenzen entgegenzusteuern, haben sich viele Zigeunerverbände und Menschenrechtsorganisationen von dem Begriff distanziert.
SPIEGEL: Ist das nicht ein Zeichen von Respekt?
Bauerdick: Wir verhalten uns scheinheilig. Der Respekt gegenüber diesen Menschen ist nicht gewachsen, seitdem wir das Wort ausgetauscht haben. Auch ihre Lebenssituation verbessert sich nicht.
SPIEGEL: Warum ist ihre Situation so schwierig?
Bauerdick: Die meisten Zigeuner haben ihren Platz verloren. Nicht nur, dass sie in ihren Heimatländern von jeher diskriminiert werden. Auch die Nischen, in denen sie lange Zeit gearbeitet haben, sind verschwunden. Schauen wir uns die traditionellen Bezeichnungen der Roma an: Die Kalderasch haben als Kupferschmiede und Kesselflicker gearbeitet, die Lovara waren Pferdehändler, und die Ursari hielten Tanzbären. Diese Berufe sind heute ausgestorben. Und Zugang zur Bildungswelt gibt es kaum.
SPIEGEL: Was folgt daraus?
Bauerdick: Ein fataler Prozess: Durch die jahrhundertelange Diskriminierung haben viele Zigeuner sich daran gewöhnt, sich ein Leben in Nischen einzurichten. Viele sichern ihr Leben durch Bettelei oder Prostitution, das kann man nicht leugnen. Aber all das sind Mechanismen der Selbstausbeutung und Armut. Mir geht es so, dass ich mehr Angst um die Zigeuner habe als vor ihnen.

DER SPIEGEL 4/2014
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