20.01.2014

ECUADOR Dschungelmärchen

Ein New Yorker Anwalt und ein mächtiger Ölkonzern bekämpfen einander im größten Umweltprozess aller Zeiten. Es geht um eine Tragödie im Urwald - und um viele Milliarden Dollar.
New York City ist an diesem Morgen die perfekte Kulisse für das Drama, das sich im 21. Stock des Bezirksgerichts in Lower Manhattan anbahnt. Die Stadt hat alle Farben verloren, ihre Wolkenkratzer hüllen sich in Nebel, finsteren Schatten gleich. Eisige Luft kriecht in den Saal 21B.
Der Zeuge, der hereingeführt wird, versteht kein Englisch. Es ist das erste Mal, dass er seine Heimat verlassen hat. Donald Moncayo, 40, lebt in einer spartanischen Behausung im Dschungel von Ecuador.
Moncayo ist ein mittelgroßer Mann mit sanftem Gesicht. Er trägt Jeans und einen geliehenen Parka; warme Sachen besitzt er nicht. In die USA hat er nur eine Sporttasche mitgenommen und seinen Laptop, auf dem er Fotos und E-Mails gespeichert hat. Ginge es vor dem Gericht nicht um das, was er liebt, seine Heimat, er wäre lieber zu Hause geblieben. Er hat lange gezögert, aber nun ist er hier, ein Zeuge zwischen zwei Gegenspielern. Der eine vertritt die Interessen der Urwaldbewohner, der andere die eines Ölmultis.
Der Anwalt Steven Donziger lässt sich im Gerichtssaal nicht blicken. Er sitzt in der Küche seiner Wohnung in der Upper West Side und feilt an Aussagen, schlaflos, Tag und Nacht.
Donzigers weißbärtiger Gegner, Randy Mastro, schlendert pfeifend in den Saal, grinst in die Runde und setzt sich in die erste Reihe.
Aufmerksam mustert Moncayo die Menschen, die vor ihm sitzen. Die mit den dunklen Anzügen und den Aktentaschen sind Anwälte von Chevron, dem zweitgrößten Öl- und Gaskonzern der Welt - es ist Randy Mastros Team. Die anderen, mit Ethno-Schals, Zöpfen und Ziegenbärtchen, sind Donzigers Leute.
Der Richter rauscht herein, die Anwesenden stehen auf. Ein Übersetzer weist Moncayo an, die Hand zum Schwur zu heben. Moncayo ist gekommen, um von der Tragödie zu erzählen, die sein Leben geprägt hat - vom Erdöl, das den Urwald verpestet und Menschen und Tiere krank macht. Er möchte dem Richter erklären, dass Chevron schuld sei am frühen Tod seiner Mutter. Dass der Konzern verantwortlich sei für das Leiden Zehntausender Indianer und Bauern in Ecuador.
Es ist der größte Umweltprozess aller Zeiten. Menschenrechtler und Aktivisten sehen in ihm einen Präzedenzfall - eine Chance, Weltkonzernen zu zeigen, dass lasche Gesetze in armen Ländern kein Freibrief für Schweinereien sind. Firmen wie Royal Dutch Shell, Dole und Dow Chemical solidarisieren sich mit Chevron, weil sie fürchten, der Fall könnte Nachahmer in der Dritten Welt inspirieren. Es geht um 9,5 Milliarden Dollar.
Der Prozess hat viele Schauplätze, New York ist nur einer davon. Doch vor diesem Gericht sind die Rollen vertauscht: Chevron hat Donziger, den Anwalt der Ecuadorianer, angeklagt. Die Anwälte um Mastro behaupten, dass Donziger und seine "Mitverschwörer" aus dem Urwald eine Betrügerbande seien, die es auf Chevrons Milliarden abgesehen hätten.
Der Zeuge Moncayo kommt nicht dazu, seine Geschichte zu erzählen. Einer von Mastros Kollegen nimmt ihn ins Kreuzverhör.
"Mister Moncayo, Sie sind zur Schule gegangen?"
"Ja."
"Sechs Jahre lang, richtig?"
"Ja."
"Sie können Spanisch lesen, aber nicht besonders gut, richtig?"
Moncayo blickt dem Anwalt in die Augen und lächelt: "Korrekt."
Der Richter thront über allem wie eine Statue, die Augen halb geschlossen. Doch als Moncayo seinen Laptop erwähnt, erwacht die wuchtige Gestalt zum Leben. "Wo ist Ihr Computer jetzt, Mister Moncayo?", fragt der Richter. "In New York?"
Der Zeuge bejaht, arglos. Mastro und sein Team schnappen zu: Sie wollen den Laptop beschlagnahmen lassen. Sie hoffen auf Beweise für ihre Version.
Der Richter verfügt, dass der Laptop innerhalb von zwei Stunden an Chevrons Anwälte zu übergeben sei. Er empfiehlt Moncayo, sich einen eigenen Anwalt zu suchen. "Wenn Sie nicht kooperieren", droht der Richter, "machen Sie sich nach amerikanischem Recht strafbar."
Moncayo schaut auf seine Hände, während der Übersetzer spricht. Er schüttelt den Kopf, verwirrt. Der Prozess, das gierige Monster, schickt sich an, ein weiteres Opfer zu verschlingen.
Die Geschichte des Prozesses beginnt 20 Jahre und 10 Tage bevor Moncayo in seine Fänge gerät, am selben Bezirksgericht in Lower Manhattan. Es war, am Anfang, eine David-und-Goliath-Geschichte: Urwaldbewohner gegen mächtigen Ölkonzern.
Am 3. November 1993 reichte eine Gruppe von Anwälten, unter ihnen der junge Steven Donziger, im Namen von 48 Bewohnern des ecuadorianischen Regenwalds eine Sammelklage gegen Texaco ein: "Aguinda gegen Texaco". Texaco war der erste Ölkonzern, der in Ecuador Erdöl gefördert hatte, von 1964 bis 1992. Maria Aguinda ist eine Indianerin vom Stamm der Quechua. Die Klage unterschrieb sie mit einem Fingerabdruck.
Die Anwälte warfen Texaco vor, den Urwald zerstört zu haben - vorsätzlich, um Kosten zu sparen in einer entlegenen Region eines bitterarmen Landes. Hunderte offene Deponien für giftigen Müll habe Texaco im Urwald gegraben. Über 63 Milliarden Liter Abwasser aus Bohrlöchern, reich an Salz, Schwermetallen und Giften, seien in die Flüsse des Dschungels geleitet worden. Menschen und Tiere, die daraus tranken, seien krank geworden, viele seien gestorben. Indigene Stämme seien fast ausgerottet worden. Texacos Verbrechen, sagten die Anwälte, sei "ein Tschernobyl in Amazonien".
Den ölverseuchten Urwald gibt es. In seinem Innern plätschern Bäche, die wie Tankstellen riechen. Doch der Ölkonzern wies jede Schuld von sich.
Im Kino gäbe es keinen Zweifel, wer in dieser Geschichte gut und wer böse ist. Es gäbe einen Kampf, David gegen Goliath, und am Ende würde der tapfere Kleine den Bösewicht besiegen.
Die Wirklichkeit ist komplizierter. David ist seit 1993 gewachsen, er ist hart und zynisch geworden. Goliath fletscht sein gruseliges Gebiss und winselt, dass er das Opfer sei. So verharren sie in feindseliger Umklammerung. Beide verlieren dabei. Und der Prozess endet nicht. Er dehnt sich in Zeit und Raum wie ein endlos aufblasbarer Ballon. Generationen von Juristen haben ihn gefüttert, bis er irgendwann eine eigene Dynamik entwickelt hat.
Er lockt Prominente an, Stings Ehefrau Trudie Styler und die Schauspieler Brad Pitt und Angelina Jolie. Sie pilgern in den Wald und beklagen die Zerstörung. Juristen verfolgen fasziniert die Wendungen, die den Fall um die Welt führen. In seiner Größe und Absurdität, sagen Experten in den USA und in Deutschland, sei er mit keinem anderen vergleichbar.
Seit über zwei Jahrzehnten, auf drei Kontinenten, saugt das Monster Menschen ein, verformt sie und spuckt sie wieder aus. Es beschäftigt Hunderte Anwälte und Gerichte in den USA, in Ecuador, Brasilien, Argentinien, Kanada und Holland. Es überlebte Richter, die sich bis in den Tod mit ihm befassten, und es überlebte Texaco. Als der Konzern 2001 mit dem Konkurrenten Chevron fusionierte, nahm der Prozess den neuen Firmennamen an: "Aguinda gegen Chevron". Ein Sprecher des Konzerns gelobte: "Wir werden weiterkämpfen, bis die Hölle gefriert - und dann werden wir den Kampf auf dem Eis zu Ende bringen."
Die Geschichte des Monsters ist auch die Geschichte dreier Männer: Steven Donziger, der Anwalt der Ecuadorianer, Donald Moncayo, der Zeuge, und Randy Mastro, Chevrons Chefanwalt.
Der Angeklagte Donziger, 52, hat seine Wohnung und seine halbfertige Aussage verlassen, für die Dauer eines Mittagessens. Er sitzt im Henry's am Broadway, hinten in einer Ecke, aber nicht zu übersehen: ein Hüne in einer aufgeplusterten Winterjacke. Er hat ein großes Gesicht mit dunklen Augen, graues Stoppelhaar, Schaufelhände. Als Student an der Harvard Law School spielte er mit Barack Obama Basketball. Sie machten im selben Jahr ihren Abschluss, 1991. Knapp zwei Jahre später, im April 1993, reiste Donziger zum ersten Mal in den Urwald im Nordosten Ecuadors.
Was er dort erlebte, wurde zum Wendepunkt seines Lebens. "Es kam mir vor, als würde ich die Apokalypse sehen", sagt er. Das Öl war überall, so erinnert er sich, aus schwarzen Ölseen ragten Rohre, die das Gebräu in den nächsten Bach oder Fluss leiteten. Die Bewohner des Urwalds wateten barfuß durch Öl.
Der junge Jurist war mit einer Gruppe von Anwälten und Medizinern unterwegs. Sie fuhren Hunderte Kilometer durch den Wald, um die Bohrtürme zu besichtigen, die Texaco gebaut hatte. Der Vater eines Studienfreundes hatte die Reise organisiert - ein gebürtiger Ecuadorianer namens Cristóbal Bonifaz. Er wollte Texaco für die Zerstörung seiner Heimat zur Rechenschaft ziehen und suchte Mitstreiter.
Donziger hatte sich schon in Harvard für Menschenrechte interessiert. Es fiel Bonifaz nicht schwer, ihn zu gewinnen. "Wir redeten mit Leuten, die dort lebten", erzählt Donziger, "und sahen, dass sie aus den Bächen tranken. Es kam mir vor wie vorsätzlicher Mord."
Donald Moncayo, der Zeuge, lebte zu jener Zeit nur 300 Meter von Bohrloch LA-02 entfernt in einer Hütte. Er war 19 Jahre alt und pflanzte hinter der Hütte Kaffee und Maniok an, um sich und seine Geschwister durchzubringen. Seine Eltern waren früh gestorben.
Wäre er Donziger damals über den Weg gelaufen, er hätte ihm die Geschichte seines Lebens erzählen können - denn als er geboren wurde, als Sohn von Siedlern im Dschungel, kam Texacos Geschäft dort gerade in Schwung. 1972 hatte der Konzern die erste Pipeline zum Pazifik vollendet und Ecuador auf einen Schlag zum zweitgrößten Ölexporteur Lateinamerikas gemacht, nach Venezuela.
Viele Jahre später wurde Donald zu einer Art Fremdenführer. Wenn er im Urwald ist, und das ist er eigentlich ständig, verbringt er viel Zeit damit, Besuchern die Zerstörung zu zeigen. Hunderte Aktivisten, Forscher, Journalisten und sonstige Interessierte hat er herumgeführt, im Frühling 2012 auch Angelina Jolie und Brad Pitt. "Oh my God!", habe Angelina gerufen, sagt Donald und grinst.
Bevor das Öl entdeckt wurde, war der Nordosten Ecuadors ein Gebiet von unberührter Schönheit - ein wuchernder, tropischer Regenwald am Fuße der Anden, ein Refugium seltener Lebewesen, durchschlängelt von kleinen und großen Strömen, die in den Amazonas münden. Heute ist die Region zersetzt von Spuren der Verwüstung, die Menschen bei ihrer Jagd nach Rohstoffen hinterlassen haben. Während Donald von Angelina Jolie erzählt, steht er vor dem Bohrloch LA-02, dem Loch, neben dem er seine Kindheit verbrachte. Es ist eine Ruine auf einer matschigen Wiese. Er streift weiße Plastikhandschuhe über, nimmt eine Schaufel und gräbt ein Loch. Die Masse, die er herausholt, ist klebrig und schwarz, sie glänzt im Licht und riecht nach Benzin.
Hinter LA-02 führt eine Böschung zu einem Bach herab. Donald deutet auf ein rostiges Rohr, das von der Wiese ins Gewässer führt. "Das sollte verhindern, dass das Ölbecken überläuft", sagt er. Vorsichtig klettert er hinab, die Erde schmatzt unter seinen Gummistiefeln. Die Oberfläche des Bachs ist von einem feinen, schillernden Film bedeckt.
Das Öl gehört zu Donalds Leben, seit er denken kann. Als Kind balancierte er über die Pipelines zur Schule, weil die Straßen mit Öl verdreckt waren. Seine Mutter schimpfte, wenn die Kleidung davon fleckig wurde wie ein Tarnanzug. Sie wusch sie im Fluss - auch an jenem Morgen, an dem sie plötzlich krank wurde.
"Meine Mutter hatte eine Wunde, die schon fast verheilt war", sagt Donald. "Sie ging zum Fluss, während mein Bruder das Mittagessen vorbereitete." Als sie zurückkam, klagte sie über Schmerzen. Nachmittags wurde es schlimmer, bis sie nicht mehr aufstehen konnte. Donald, damals 13, und sein Bruder brachten die Mutter ins Krankenhaus. "Der Arzt sagte, sie habe eine Vergiftung", erzählt er. "Am nächsten Tag um 15 Uhr war sie tot."
Donald glaubt, wie so viele hier, dass das Öl die Menschen krank macht. Die Bewohner des Urwalds klagen über Hautausschläge und eine seltsame Häufung von Geburtsschäden, Krebs und unerklärlichen Todesfällen. Einzelne Studien stützen den Verdacht - doch Chevron beschäftigt ein Heer von Wissenschaftlern, die gegenteilige Ergebnisse präsentieren.
Bis Mitte der sechziger Jahre lebten in dieser Region des Dschungels fast nur die Stämme der Quechua, Cofán, Siona, Secoya und Huaorani. Ermengildo Criollo vom Stamm der Cofán war sechs Jahre alt, als die Männer von Texaco kamen. "Wir hörten Lärm", erinnert er sich, "und dann sahen wir Helikopter. Wir fürchteten uns, wir hatten noch nie Helikopter gesehen und dachten, es sei das Militär." Sein Vater wies die Familie an, sich tiefer im Wald zu verstecken. Doch der Lärm wurde lauter, "wie ein riesiges Tier". Eines Tages folgten der Junge und sein Vater dem Lärm, bis sie das Lager der weißen Männer erspähten. "Die Männer winkten uns heran und gaben uns Essen", sagt Criollo, "Nudeln mit Sardinen, Brot und Käse." Doch die Indianer verstanden die Sprache der Fremden nicht. Das Essen fanden sie komisch, der Käse roch.
Die Cofán wichen den Arbeitern aus, zogen weiter in den Dschungel hinein. Doch dann verfärbten sich auch dort die Flüsse, so erzählt es Criollo, und es gab weniger Fische. Gestank breitete sich aus.
Texaco pflanzte Asphaltstraßen und einen Flughafen in den Dschungel. Die Siedlung für seine Ölarbeiter nannte der Konzern Lago Agrio, nach seinem ersten profitablen Ölfeld Sour Lake in Texas.
Die kleine Andenrepublik hatte bis dahin vor allem Bananen verkauft. Die Regierung kannte sich weder mit Ölförderung noch mit Umweltschutz aus. Es gab keine eindeutigen Gesetze, welche die Ölproduktion geregelt hätten. So musste Texaco das giftige Wasser aus den Ölquellen nicht in tiefe Gesteinsschichten "re-injizieren", wie es in den USA üblich war. Im Wald um Lago Agrio wurde die Brühe aus Schwermetallen, Salzen und giftigen Stoffen in schwimmbadgroße, offene Gruben entleert. Der staatliche Ölkonzern, der in das Geschäft einstieg, übernahm die Praxis von Texaco.
Lago Agrio ist heute Hässlichkeit in Form einer Stadt - Flachbauten, schäbige Geschäfte und Kneipen, dazwischen streunende Hunde. Die Luft ist heiß und voller blutgieriger Insekten, die nur kurz abtauchen, wenn mal wieder ein Regenguss vom Himmel stürzt. Die Grenze zu Kolumbien ist wenige Kilometer entfernt, Drogenschmuggler und Guerilleros treiben sich herum. Pipelines säumen die Straßen, darüber hängen, wie zum Hohn, Plakate: "Öl ist Fortschritt!"
Ermengildo Criollo lebt außerhalb von Lago Agrio in einer Siedlung von Holzhütten, die auf Stelzen im Urwald stehen. Es ist der letzte Rückzugsraum der Cofán. Mit dem Öl kamen Siedler und verdrängten die Stämme. Als Texaco das Land verließ, übernahm der heimische Konzern Petroecuador den Betrieb; später kamen chinesische Firmen.
Im Wald hinter den Hütten kreischen Affen. Ein gelber Schmetterling flattert vorbei. In der Ferne brummen Maschinen. "Sie behaupten, dass Öl Fortschritt sei", sagt Criollo, "aber für mich ist es das nicht. Öl ist Zerstörung, es tötet uns."
Die Anschuldigungen der Kläger wies Texaco zurück, mit der Begründung, man habe sich "an alle ecuadorianischen Gesetze" gehalten. Es begann ein Spiel auf Zeit: New York sei der falsche Ort für den Prozess, so die Anwälte des Konzerns, dessen Zentrale sich damals in White Plains, New York, befand. Wenn es einen Prozess geben sollte, dann in Ecuador.
Donziger kämpfte dagegen - er fürchtete, dass die Klage in Ecuador keine Chance haben würde. Die Regierung war abhängig vom Erdöl, die Justiz korrupt. Doch Texaco präsentierte eine Reihe von Gutachten, die die Unbestechlichkeit des ecuadorianischen Rechtssystems priesen. Acht Jahre dauerte dieser erste Kampf. In jener Zeit entwickelte Donziger das, was er "ein Geschäftsmodell für Menschenrechtsfälle" nennt. "Chevron bekämpft uns auch deshalb so verbissen", sagt er, "weil es das erste Mal ist, dass arme Menschen einen Prozess gegen einen Konzern mit unerschöpflichen Ressourcen am Leben erhalten konnten."
Die Indianer, auf deren Land nach Öl gebohrt wurde, hatten damit wenig zu tun. Ihre Anwälte aber entschieden sich für eine riskante Strategie: Sie suchten Investoren, denen sie Anteile am erwarteten Erfolgshonorar versprachen. Die Investoren gingen auf den Deal ein.
2001 wies ein New Yorker Gericht die Klage ab, mit der Begründung, sie habe "sehr viel mit Ecuador und sehr wenig mit den Vereinigten Staaten zu tun".
Am 7. Mai 2003 reichten die Anwälte um Donziger ihre Klage an einem Provinzgericht in Lago Agrio ein. Ihr Gegner hieß nun Chevron. Donziger hatte knapp ein Viertel seines Lebens mit der Klage verbracht. Das Monster wuchs weiter.
Ein Richter, gefolgt von einer Menschentraube, stapfte schwitzend durch den Urwald, von einem Bohrloch zum nächsten, während Anwälte beider Seiten referierten, was dort ihrer Meinung nach vorgefallen war. Jahre verstrichen, Richter stapften und gingen.
Aus Chevrons Sicht waren diese "juristischen Inspektionen" ganz und gar überflüssig. Der Konzern berief sich darauf, dass er Mitte der neunziger Jahre 40 Millionen Dollar für die Reinigung einiger Ölgruben ausgegeben hatte. Damit seien alle Verpflichtungen erfüllt.
Für Donziger wurde es der Prozess seines Lebens. Es sah aus, als könnte er nur tragisch scheitern: Chevron hatte Hunderte Anwälte und Wissenschaftler auf den Fall angesetzt. Ecuadors Wirtschaft hing am Öltropf. Das Provinzgericht in Lago Agrio war ein surrealer Schauplatz für den Milliardenprozess - ein schmutzgrau-gelbes Gebäude, dessen Fassade bröckelte. Ein einzelner Richter mit einem kümmerlichen Gehalt sollte entscheiden.
"Warum zum Teufel trug der Richter plötzlich ein schickes Dschungel-Outfit, das man bei Paragon in New York City kaufen kann?", notierte Donziger am 6. April 2006 in ein privates Notizbuch, das mittlerweile Teil der Gerichtsakten ist.
"Ich werde paranoid", schrieb er an einer anderen Stelle, "und denke, dass jeder, mit dem ich ein Problem habe oder der unseren Plan bedroht, von Chevron bezahlt wird ... Wenn diese Wichser die 18 Milliarden Gallonen aufsaugen könnten, um den Anschein zu erwecken, dass es nie passiert ist, würden sie es tun." Er frage sich, ob er Barack Obama um Hilfe bitten solle, seinen einstigen Kumpel - "aber ich will ihn nicht belästigen".
Doch er brauchte Verstärkung. Er reiste durch die Welt, um Helfer, Investoren, Journalisten und Celebrities für seine Mission zu mobilisieren. Und er begann, Dinge zu tun, die ihm selbst nicht geheuer waren. Nachdem er den Richter in Lago Agrio zum Mittagessen getroffen hatte, schrieb er: "Ich liebe es - dieses Lobbying. Ich bin gut darin. Aber ich hasse es, hasse, dass es notwendig ist."
2007 flog Ecuadors neuer Präsident, der Linkspopulist Rafael Correa, im Helikopter in den Urwald. Er umarmte einen weinenden Bauern und sprach von einem "Verbrechen gegen die Menschlichkeit".
Ein dubioser Experte, vom Gericht eingesetzt, entnahm Proben aus Böden und Bächen. Er kam zu dem Schluss, dass Chevron 27 Milliarden Dollar Schadensersatz zahlen sollte. Am 14. Februar 2011 schließlich verurteilte ein Richter in Lago Agrio Chevron zu 9,5 Milliarden Dollar Schadensersatz - und zu einer Entschuldigung. Ohne Entschuldigung, beschied er, würden 18,1 Milliarden Dollar fällig.
Es hätte ein historischer Sieg für die Urwaldbewohner sein können. Doch das Monster, mittlerweile volljährig, zuckte nur kurz und zog weiter - an andere Gerichte, in andere Länder. 250 000 Seiten Akten blieben in Lago Agrio zurück.
Das MetLife Building kauert wie ein grobschlächtiger Riese über dem stuckverzierten Grand Central Terminal in Midtown Manhattan. Im 47. Stock sitzt Randy Mastro, 57, in einem Konferenzraum seiner Kanzlei und könnte nicht zufriedener mit sich sein. "Wir sind jetzt auf der Zielgeraden", sagt er und grinst, ein listiger Nikolaus mit weißen Locken, weißem Bart und roter Krawatte.
Dass Donziger in New York als Angeklagter vor Gericht steht, ist Mastros Werk; er hat drei Jahre lang darauf hingearbeitet. In Lago Agrio war er noch nie, die Frage amüsiert ihn. Warum sollte er in den Urwald reisen? In seiner Version der Geschichte spielt die Verschmutzung keine Rolle. Es geht um die Frage: Kann er Donziger Betrug nachweisen? Wurde der Richter, der 2011 in Lago Agrio das Urteil gegen Chevron fällte, bestochen?
"Es ist eine Detektivgeschichte", sagt Mastro, er sammelt Puzzleteile, auch Donalds Laptop soll eines sein. Am Ende, sagt er, werde Donziger überführt sein als "ein New Yorker Anwalt, der sich gemeinsam mit anderen amerikanischen Anwälten, Beratern und Finanziers ein Komplott ausgedacht hat, um ein reiches amerikanisches Opfer auszunehmen".
Der Angeklagte Donziger gibt sich unbeirrt: Der Prozess in New York sei nur ein Ablenkungsmanöver des Konzerns. "Sie versuchen, mein Leben zu zerstören", sagt er. "Es ist eine große Lüge, und wenn ich oder andere in unserem Team kapitulieren, kommen sie damit durch. Also machen wir weiter." Im 21. Jahr.
Das höchste Gericht in Ecuador bestätigte am 12. November 2013 das 9,5-Milliarden-Dollar-Urteil gegen Chevron.
Mitte Dezember entschied ein Berufungsgericht in Ontario, dass die Ecuadorianer die Konfiszierung von Chevron-Besitz in Kanada vorantreiben dürfen.
Das Urteil in New York wird in diesen Tagen erwartet. Beide Seiten rechnen damit, dass Chevron gewinnen wird. Donziger will Berufung einlegen.
Nach seiner Aussage vor dem New Yorker Gericht ist der Zeuge Donald Moncayo verstört. Er geht zu seinem Hotel zurück und holt den Laptop. Er habe keine Wahl, sagen ihm Donzigers Anwälte, er käme sonst ins Gefängnis. Fünf Stunden braucht der Techniker von Chevron, um all seine Daten zu kopieren, jedes Foto, jede E-Mail. Moncayo steht ohnmächtig daneben. Wut steigt in ihm auf. Als sie ihm den Laptop endlich zurückgeben, schleudert er ihn zu Boden. Der Rechner ist zertrümmert. Moncayos Kampfgeist ist stärker denn je.
Am nächsten Tag fliegt er zurück in den Dschungel, er muss wieder Journalisten durch das zerstörte Gebiet führen. Das Monster will gefüttert werden.
Von Shafy, Samiha

DER SPIEGEL 4/2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.

DER SPIEGEL 4/2014
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

ECUADOR:
Dschungelmärchen