20.01.2014

LITERATURWelle machen

Don Winslow ist einer der besten Thriller-Autoren der Welt. Bisher waren Gangster und Surfer seine Protagonisten. „Vergeltung“ hat einen neuen Helden: den Elitesoldaten.
Den ersten Toten gibt es auf der ersten Seite. Er ist ein irakischer Aufständischer, und Dave Collins, ein amerikanischer Elitesoldat auf der Suche nach dem Führer der Rebellen, schießt ihm in die Brust und in den Kopf. Kurze Zeit später töten Terroristen Collins' Familie, woraufhin sich dieser, als seine Regierung nichts unternimmt, ein Team von Gleichgesinnten zusammensucht und einen Rachefeldzug beginnt. Am Ende sind es bestimmt einige hundert Menschen, die er und seine Leute ins Jenseits befördert haben. Die Explosion, die entsteht, als die Rachsüchtigen ein gutgesichertes Terroristennest in Indonesien mit Spezialsprengstoff in die
Luft jagen, ist noch aus dem Weltraum zu sehen.
Niemand würde "Vergeltung", den neuen Roman des amerikanischen Schriftstellers Don Winslow, im Suhrkamp Verlag vermuten, neben den Werken von Theodor W. Adorno, Bertolt Brecht, Hermann Hesse und Sibylle Lewitscharoff. Das Cover lässt Trash erwarten, und die Geschichte liest sich streckenweise wie der Plot eines Videospiels für die Playstation.
Tatsächlich gibt es nicht viele Autoren, für die die Suhrkamp-Leute in letzter Zeit so viel Geld hingelegt haben wie für Winslow. Einen sechsstelligen Betrag zahlte der Verlag für "Vergeltung", außerdem hat er die Rechte an alten Büchern von Winslow gekauft und Optionen auf solche, die noch kommen werden.
Für andere Verlage sind solche Beträge nichts Besonderes, für Suhrkamp ist es eine Menge Geld. Zumal der Winslow-Deal für einen Moment zum Spielstein im Kampf um die Macht im Verlag wurde, für den Miteigentümer Hans Barlach galt der Deal als Hinweis auf die Geldverschwendung der Geschäftsführung.
Winslow war da hierzulande noch ein aufgehender Stern, der Überraschungserfolg "Tage der Toten", ein Drogenkriegsepos, hatte ihn bekannt gemacht. Sein Roman "Zeit des Zorns" war von Oliver Stone verfilmt worden, als "Savages" kam das Werk im Oktober 2012 in die deutschen Kinos.
Heute spielt Barlach im Verlag eher eine Nebenrolle. Und Winslow hat "Vergeltung" geschrieben, den Wurf, der ihm endlich den ganz großen Erfolg bringen soll.
Es ist ein erstaunliches Buch. Denn berühmt geworden ist Winslow mit Geschichten über die Schönheit und die Abgründe von Südkalifornien, über Surfer, Slacker und Dealer. "Vergeltung" liest sich, als wäre Winslows Welt größer geworden. Es spielt überall, nur nicht mehr an den Stränden zwischen Los Angeles und San Diego.
"Ich wollte ein Buch über die Folgen von 9/11 schreiben", sagt Winslow, ein kleiner, drahtiger, glatzköpfiger Mann. "Über Menschen, die ihre Familie verlieren, über den Krieg gegen den Terror und die Leute, die ihn führen."
Es ist auch ein Roman über den alten Jungstraum geworden, dass ein paar Männer, wenn sie sich geschickt anstellen, es mit einer ganzen Armee aufnehmen können. Nur dass dies heute, im Zeitalter des Hightech-Krieges, eben keine Phantasie mehr sein muss.
Don Winslow hat ein Apartment direkt am Strand in Solana Beach, einem kleinen Surfer-Ort, 20 Autominuten nördlich von San Diego. Man sieht ihm seine 60 Jahre nicht an. Wann immer er hier ist, geht er jeden Morgen aufs Wasser surfen.
"Meine Bücher sind wie die Wellen", sagt er. "Du schaust sie an, und erst einmal siehst du nur die Oberfläche. Welche Farbe das Wasser hat, wie die Gischt spritzt, wie ein Surfer die Wellen reitet. Aber wenn du sie wirklich verstehen willst, musst du tauchen. Da werden die Dinge auf einmal ganz anders: kälter, dunkler, gefährlicher. Aber man versteht, was oben passiert."
Im Sommer ist an diesem Strand die Hölle los. Jetzt, im kalifornischen Winter, ist Solana Beach ein Ort von surrealer Schönheit. Es gibt das Meer und den Strand, viele leere Parkplätze, ein paar Familien, die sich vor dem Kofferraum ihrer Autos die Neoprenanzüge anziehen, Tacobuden, Yogastudios und Surfläden. Eine alte Neonreklame in der Sonne. Ansonsten, landeinwärts: Hügel, Wüste.
Aber mit diesem Ort ist es wie mit den Wellen. Auf den ersten Blick rollen sie harmlos an den Strand, eine nach der anderen. Doch wenn man sie zu lesen weiß, sieht man die Kräfte, die sie treiben. "Es gibt die Häuser, bei denen man sicher sein kann, dass sie mit Drogengeldern gebaut worden sind. Und nicht alle Boote sind nur zum Angeln da."
Manchmal werden die Beweise angespült. Vor einigen Monaten, sagt Winslow, wurde eine Brücke von der Polizei gesperrt. Vier Tonnen Marihuana hatten sich in den Pfeilern verfangen.
Don Winslow wuchs in einem Fischerdorf im Bundesstaat Rhode Island an der amerikanischen Ostküste auf. Sein Vater war bei der Navy, er hatte im Zweiten Weltkrieg im Pazifik gekämpft. Seine Mutter war Bibliothekarin. Seine Großmutter wiederum war mit der Mafia verbandelt. Als "Der Pate" herauskam, schaute er den Film mit den Söhnen der lokalen Bosse an. Schon als Junge wollte er schreiben.
Er studierte afrikanische Geschichte an der Universität von Nebraska, ging nach New York, fing an, als Privatdetektiv zu arbeiten, war Bergführer in China, Safarileiter in Afrika. Er studierte noch einmal, Militärgeschichte. Als er schließlich nach Kalifornien zog, verdiente er sein Geld als Brand-Ermittler für eine Versicherung. Seinen ersten erfolgreichen Roman, "Die Auferstehung des Bobby Z", schrieb er im Pendlerzug nach Los Angeles. Ein Kapitel morgens, ein Kapitel abends.
Legt man Winslows Kalifornien-Romane aneinander, erkennt man das große und ehrgeizige Vorhaben, in immer neuen Perspektiven die südkalifornische Geschichte der vergangenen 50 Jahre als Crime Story zu erzählen.
Da gibt es die Frühgeschichte in "Frankie Machine", Winslows Roman über einen alternden Ex-Mafioso, der einen Anglerbedarfsladen betreibt und gegen seinen Willen zurück ins Verbrechen gezogen wird. Und die Romane "Pacific Private" und "Pacific Paradise" um den surfenden Privatdetektiv Boone Daniels, der eigentlich jeden Auftrag für eine gute Welle sausen lässt, bis die Umstände ihn zwingen, seinen Job ernst zu nehmen, bilden eine lange Erzählung darüber, wie die Zeit über einen Taugenichts hinweggeht. Nur dass Jungs wie er die Subkultur dieser Küste erfunden haben.
Und dann ist da noch "Zeit des Zorns", Winslows großer Roman über Ben, Chon und O, die drei jungen Marihuana-Dealer, die das große Geld gemacht haben und versuchen davonzukommen, als ein mexikanisches Kartell seinen Anteil kassieren will. Sie sind die Kinder der Gründergeneration. Wohlstandsverwahrlost, bereit, bedingungslos Gutes zu tun, naiv.
Wieder und wieder beschreibt Winslow das Kraftfeld, das die rund hundert Meilen zwischen San Diego und Los Angeles beherrscht, die Gegend, wo in den Sechzigern Hippies und Surfer aufeinandertrafen und die südkalifornische Drogenkultur entstehen ließen. Für die Drogenmafia ist dieses Strandleben die Geschäftsgrundlage.
Nun also "Vergeltung". Rasant gleitet man auch hier über die Oberfläche der Handlung - nur dass das Kraftzentrum nun nicht mehr der "War on Drugs" ist, sondern der Krieg gegen den Terror. Es geht um Islamisten und die schier grenzenlosen Mittel der radikalen Scheichs, die sie finanzieren. Vor allem aber um den Krieg selbst und die Spezialeinheiten, mit denen der Westen ihn führt.
Wahrscheinlich gab es nie in der Geschichte der Menschheit besser ausgebildete Soldaten als heute. So wie Winslow sie zeichnet, sind sie keine stumpfen Befehlsempfänger mehr, die der Drill zu Kampfmaschinen gemacht hat. Sie sind hochspezialisierte Gewaltdienstleister, die sogar gelernt haben, welche biochemischen Prozesse in ihrem Körper für Angst und Mut verantwortlich sind und wie man sie manipulieren kann. "Die Navy Seals arbeiten mit Sportphysiologen zusammen, die sonst Trainingsprogramme für Leistungssportler entwickeln", sagt Winslow.
Und nie hatten Soldaten bessere Waffen.
"Vergeltung" ist eine melancholische Feier dieses Männertyps - der am Ende verstehen muss, dass er ein Dinosaurier ist, der letzte seiner Art. Die Krieger der Zukunft betreten das Schlachtfeld nicht mehr. Sie haben als Jugendliche im Keller ihrer Oma Ballerspiele gespielt und machen im Grunde immer noch das Gleiche - nur jetzt in Containern der Armee.
Ob die militärskeptischen Deutschen dieses Buch mögen werden? Es gibt einen Deutschen in "Vergeltung", Ulrich, er ist der Sprengstoffspezialist der Truppe, mit der die Hauptfigur Collins seinen Feldzug führt. Ulrich ist ehemaliger Hauptmann einer deutschen Spezialeinheit, enttäuscht über die zögerliche deutsche Politik in Afghanistan und glücklich darüber, nun losschlagen zu können.
Es ist ein interessantes Spiel, das Suhrkamp und Winslow da aufgezogen haben. Einer der besten Thriller-Autoren der Welt, geliebt für die Komplexität und die subkulturelle Klugheit seiner Entwürfe, macht sich daran, den Thriller-Mainstream zu erobern, und gibt dafür einiges von dem auf, was ihn bisher besonders gemacht hat. Ein Verlag, der mit diesem Autor ein Publikum gewonnen hat, das ihm bisher verschlossen war, geht den ganzen Weg mit, auch auf die Gefahr hin, einige Leser vor den Kopf zu stoßen.
Wahrscheinlich wird sich an Ulrich entscheiden, wie das Spiel ausgeht. ◆
Don Winslow: "Vergeltung". Aus dem amerikanischen Englisch von Conny Lösch. Suhrkamp Verlag, Berlin; 496 Seiten; 14,99 Euro.
Von Tobias Rapp

DER SPIEGEL 4/2014
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