20.01.2014

ÖKOLOGIE„Jeder Piepmatz zählt“

Der Vogelexperte Peter Berthold, 74, vom Max-Planck-Institut für Ornithologie über die Vogelfütterung und die Bedeutung der Singvögel für die Natur
SPIEGEL: Naturschützer raten der Bevölkerung, im Winter die Vögel zu füttern - auch bei eher mildem Wetter?
Berthold: Es spielt gar keine Rolle, wie der Winter ist. Es gibt das ganze Jahr über zu wenig Futter - die Landschaft ist ausgeräumt. Es wird zum Beispiel viel zu viel Mais angebaut. Da wächst kein Wildkraut mehr. Auch Larven, Räupchen, Püppchen, es fehlt an allem. Wir müssen das ganze Jahr über füttern, um die Bestände zu erhalten.
SPIEGEL: Wie bitte? Auch im Sommer?
Berthold: Da ist es sogar wichtiger. Im Winter müssen die Vögel nichts machen, nur ruhig sitzen. Im Sommer aber ziehen sie Junge auf und fliegen viel. Sie brauchen dann zwei- bis dreimal so viel Futter. Wir haben das mal an einer Futterstelle untersucht. Im Juni, Juli wurden dort 100 Meisenknödel pro Zeiteinheit gegessen, im Winter 2. Die Knödel eignen sich übrigens für alle Arten. Mit dem Fett betanken die Tiere ihren Flugmotor wie wir Autos mit Benzin.
SPIEGEL: Profitieren davon nicht nur einige ohnehin häufige Arten?
Berthold: Wenn Sie nur bei starkem Frost oder Schnee zufüttern, kommen tatsächlich nur Allerweltsvögel. Bei ganzjährigen Futterstellen ist das anders. Im Sommer landet da zwar mal zehn Tage kein Vogel. Aber sobald kühles Wetter aufzieht, haben Sie am Tag 1000 Vögel da und nicht 5, sondern 40 Arten. Das ist wie bei einem Gasthaus: Es muss sich rumsprechen, wo es ist. Und es muss zuverlässig geöffnet haben, sonst kommt keiner.
SPIEGEL: Greift man mit der Fütterung nicht fahrlässig in die Natur ein?
Berthold: Unsere Umwelt ist doch längst nicht mehr ursprünglich. Seit 200 Jahren krempeln wir die Landschaft um. Inzwischen haben wir einen vom Menschen eingerichteten Freiland-Zoo. Trotzdem sollte die Artenvielfalt möglichst groß sein, um das Ökosystem zu stabilisieren. Jeder Piepmatz zählt, auch für uns Menschen: Kohlmeisen zum Beispiel können 30 bis 40 Prozent der Schädlinge im Öko-Landbau entfernen.
SPIEGEL: Erfüllen denn auch gefütterte Vögel noch ihre ökologische Rolle?
Berthold: Aber ja. Das, was wir im Futterhaus anbieten können, ist nicht sonderlich attraktiv. Sobald es draußen etwas gibt, wird das von den Vögeln bevorzugt. Die wissen, was gut für sie ist.
SPIEGEL: Den Vogelfutterherstellern tun Sie trotzdem einen großen Gefallen.
Berthold: Ich berate die Hersteller sogar, natürlich unentgeltlich. Ich will ja, dass die Vögel gut ernährt werden! Sonst kann man die Tiere irgendwann nur noch im Internet singen hören.

DER SPIEGEL 4/2014
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