27.01.2014

Hundert Jahre Krieg

Im Zuge des Ersten Weltkriegs eroberten Großbritannien und Frankreich den Nahen Osten und teilten ihn untereinander auf. An keinem Schauplatz sind die Folgen des damaligen Konflikts so gegenwärtig wie in der arabischen Welt.
Damaskus, im dritten Jahr des Bürgerkriegs. Auf dem Berg Kassiun, an dessen Fuß Kain seinen Bruder Abel erschlagen haben soll, hat sich die 4. Division der syrischen Armee verschanzt. Von irgendwo dort oben, ermitteln Ballistiker der Vereinten Nationen, wurden die Giftgasraketen abgefeuert, die unten in Muadamija und in Ain Tarma einschlugen. 1400 Menschen starben in den Morgenstunden des 21. August 2013, 1400 von mehr als 100 000, die seit Beginn des Aufstands ums Leben kamen.
Bagdad, das ehemalige Palastviertel hinter dem Assassinen-Tor. Zwei Jahre nach dem Abzug der US-Armee regieren wieder Iraker in der "Grünen Zone" am Tigris-Knie. Hier hatten sich die Amerikaner einbetoniert, als ihnen das besetzte Zweistromland um die Ohren flog. Doch nun geht es den aktuellen Machthabern nicht besser. Jenseits der Mauer, in der "Roten Zone", wird wieder gestorben, dutzend-, hundert-, tausendfach. Über 8200 Tote waren es im vergangenen Jahr.
Beirut, die von allen Arabern so geliebte Hauptstadt des Libanon. Hier leben und hier streiten sie: die Frommen und die Säkularen, die Muslime und die Christen, die Sunniten und Schiiten, die Drusen, Maroniten und Chaldäer. Seit von Libyen bis Syrien erneut gekämpft wird, seit Tunesien, Ägypten und der Irak in Aufruhr sind, lautet die Frage wieder: Hat Beirut den letzten Ausbruch der Gewalt gerade hinter oder den nächsten vor sich?
Zwei Jahre nach den Aufständen von 2011 erscheint der Nahe Osten wieder so trostlos wie zuvor. Kaum ein Land zwischen dem östlichen Mittelmeer und dem Schatt al-Arab, der Türkei im Norden und dem Roten Meer im Süden, das in den vergangenen Jahrzehnten nicht von einem Krieg oder Bürgerkrieg heimgesucht worden wäre; keines, von dem nicht zu befürchten wäre, dass ihm erneut einer bevorsteht.
Die Bewegung, die als Arabischer Frühling begann, droht in Gegenrevolten und in Staatsstreichen unterzugehen. Doch überraschen mag das nur jene, die mit dem Aufruhr in Tunesien, Ägypten, Libyen und Syrien die Hoffnung auf eine historische Wende im Nahen Osten verbanden.
Die Aufstände vom Maghreb bis an den Golf sind nicht nur ein blutiger Neuanfang, sie sind zugleich der vorläufig letzte Akt in einem fast ununterbrochenen Bürgerkrieg, der vor hundert Jahren begann und nie wirklich zu Ende ging. An keinem Schauplatz des Ersten Weltkriegs sind die Folgen jenes epochalen, von Europa ausgegangenen Konflikts so gegenwärtig und bestimmen bis heute die politischen Verhältnisse so unmittelbar wie im Nahen Osten.
Gingen der sogenannte europäische Bürgerkrieg 1945 und der Kalte Krieg 1990 zu Ende, so sind die Spannungen, die mit dem Ersten Weltkrieg in der arabischen Welt aufbrachen, heute so akut wie je zuvor. In gewisser Weise steht der Nahe Osten jetzt dort, wo Europa nach dem Versailler Vertrag 1919 stand: vor einer politischen Landkarte, die die ethnischen und konfessionellen Wirklichkeiten dieser Region missachtet.
In Afrika, Lateinamerika, nach dem Blutzoll des Zweiten Weltkriegs auch in Mitteleuropa, haben sich die meisten Völker mit den Grenzen abgefunden, die ihnen die Geschichte aufgedrückt hat. Im Nahen Osten nicht. Die Staaten, die dort in den Jahren nach 1914 gegründet, die Grenzen, die gezogen wurden, genießen in der Wahrnehmung vieler ihrer Bürger - und der ihrer Nachbarstaaten - bis heute keine Legitimität.
Die Legitimität von Staaten, schreibt der US-Historiker David Fromkin in "A Peace to End All Peace", dem Standardwerk zur Entstehung des modernen Nahen Ostens, entstehe in dieser Region entweder aus ihrer Tradition, aus der Stärke und Verwurzelung ihrer Gründer - oder sie entstehe eben nicht.
Nur zwei Länder des erweiterten Nahen Ostens, Ägypten und Iran, verfügen über eine so lange ununterbrochene Geschichte, dass ihre staatliche Integrität trotz schwerer Krisen kaum zu erschüttern ist. Zwei andere stehen bis heute auf dem Fundament, das ihre Gründer schufen - die Türkische Republik Mustafa Kemal Atatürks und das Königreich Saudi-Arabien, das Abd al-Asis Ibn Saud 1932 schlussendlich einte.
Von diesen vier großen Ländern eingerahmt aber bilden fünf Staaten und ein scheinbar ewiger Nichtstaat den Kern des Nahen Ostens. Fromkin nennt sie "Englands und Frankreichs Kinder": der Libanon, Syrien, Jordanien, der Irak, Israel - und Palästina.
Keine Gruppe von Staaten, zumal von so geringer Größe, hat in den vergangenen Jahrzehnten so viele Kriege, Bürgerkriege, Umstürze und Terroranschläge gesehen wie diese sechs. Um zu verstehen, wie es zu dieser historischen Anomalie gekommen ist, muss vieles berücksichtigt werden: die deprimierende Geschichte der Region vor dem Ersten Weltkrieg, das Versagen der arabischen Eliten und die fortwährenden Eingriffe der Supermächte danach; die Rolle des politischen Islam, die Entdeckung des Erdöls, die Gründung Israels, der Kalte Krieg.
Am Anfang der hundert Jahre Krieg im Nahen Osten aber steht der mutwillige Beschluss zweier europäischer Kolonialmächte, diesen Teil der Welt nach ihren Bedürfnissen zu ordnen und buchstäblich eine Linie in den Wüstensand zu ziehen - "A Line in the Sand", wie der britische Historiker James Barr seinen 2011 erschienenen Abriss dieser Entscheidung überschreibt.
Wohin der Arabische Frühling führt, was aus dem Nahen Osten wird, ist noch immer völlig offen. Apokalyptische Szenarien sind so spekulativ wie die Hoffnung, dass die Region zu neuen, stabileren politischen Verhältnissen und Grenzen findet.
Woher aber rührt dieser Mangel an Legitimität, dieser Abgrund an Misstrauen, der den Nahen Osten vergiftet? Wie ist es zu diesem "Peace to End All Peace" gekommen, dem "Frieden, der jeden Frieden beendete"?
Istanbul, im Sommer 1914. Die Hauptstadt des Osmanischen Reiches scheint eine halbe Welt weit entfernt von jenem sonnigen Zimmer in der Ischler Kaiservilla, in dem Kaiser Franz Joseph I. am 28. Juli sein Manifest "An meine Völker!" unterzeichnet und mit der Kriegserklärung an Serbien den Weltkrieg auslöst.
Über Jahrhunderte hat das Osmanische Reich das südliche und östliche Mittelmeer beherrscht, von Alexandretta bis Arisch, vom Maghreb bis Suez. Doch Algerien und Tunesien sind von den Franzosen erobert worden, Ägypten fiel an die Briten, und 1911 haben die Italiener in Libyen einen Brückenkopf errichtet. Von der heutigen Türkei abgesehen besteht das Reich am Vorabend des Krieges nur noch aus der Levante, dem Zweistromland bis an den Persischen Golf und der Arabischen Halbinsel bis in den Jemen.
Um diese Landstriche geht es in den Nahost-Feldzügen des Ersten Weltkriegs. 400 Jahre lang haben sie tief im Schatten der Geschichte gelegen, nun verwandeln sie sich binnen weniger Jahre in jenen Krisenbogen, dessen Städtenamen für Generationen zu Chiffren des Unfriedens werden: Basra und Bagdad, Aleppo und Damaskus, Beirut, Gaza, Suez.
Dass im Hinterhof des Osmanischen Reiches die größten Erdölreserven der Welt lagern, ahnen die Akteure des Ersten Weltkriegs nur dunkel; wüssten sie es bereits, würde der Kampf im Nahen Osten vermutlich noch viel härter und kompromissloser ausfallen.
So aber sind die Kriegsziele beider Seiten von einer Weltordnung bestimmt, die sich in den kommenden vier Jahren auflösen wird: Großbritannien will den Seeweg zum Verbündeten Russland öffnen und seine Verbindung über den Suez-Kanal und den Persischen Golf nach Indien sichern; das Deutsche Reich will genau das verhindern.
Für ein paar Tage ist unklar, ob das Osmanische Reich selbst überhaupt in den Krieg eintreten wird und, wenn ja, an wessen Seite. Kurz nach Kriegsbeginn schlägt sich Istanbul dann auf die Seite Berlins und Wiens. Am 2. August unterzeichnen Deutsche und Osmanen ein Geheimabkommen, kurz darauf brechen die beiden deutschen Kriegsschiffe SMS "Goeben" und SMS "Breslau" aus dem westlichen Mittelmeer nach Konstantinopel auf. Dort werden sie - offiziell ist Istanbul noch neutral - unter den Namen "Yavuz" und "Midilli" der osmanischen Marine übergeben; die weiterhin deutschen Besatzungen tragen nun den Fez.
Mit dem Durchbruch der beiden Schlachtkreuzer ans Goldene Horn und der Verminung der Dardanellen tritt der Casus Belli ein: Osmanen und Deutsche blockieren damit die Verbindung der Briten und Franzosen zu ihrem Verbündeten Russland; kurz darauf bombardiert die "Goeben" unter osmanischer Flagge russische Häfen am Schwarzen Meer. Anfang November erklären Russland, Großbritannien und Frankreich dem Osmanischen Reich den Krieg. In London keimt der Gedanke, die Meerengen militärisch zu öffnen und Istanbul einzunehmen.
Drei Monate später trifft eine britisch-französische Flotte an der Südspitze der Halbinsel Gallipoli ein. Der Angriff, zuerst von der See, dann mit Landstreitkräften geführt, scheitert dramatisch; der Erfolg der Osmanen führt zum Rücktritt des britischen Marineministers Winston Churchill, begründet den Ruhm des späteren türkischen Staatsgründers Atatürk und wird zum Trauma der auf Seiten der Alliierten kämpfenden Australier und Neuseeländer (siehe Seite 64).
Vor allem aber wird die Niederlage von Gallipoli zum strategischen Wendepunkt des Krieges im Nahen Osten. Da der Plan der Alliierten misslungen ist, das Osmanische Reich am Haupt zu treffen, versuchen sie nun verstärkt, es an den Gliedern zu packen - seinen militärisch schwächer verteidigten arabischen Provinzen. Dieser Plan deckt sich mit dem Bestreben der Araber, das Joch der osmanischen Herrschaft abzuschütteln. Im Juli 1915 nimmt Sir Henry McMahon, der britische Hochkommissar in Ägypten, einen geheimen Briefwechsel mit Hussein Bin Ali auf. Dem Scherifen des Hedschas und der heiligen Stadt Mekka und seinen Söhnen Ali, Faisal und Abdullah schwebt, wie den Eliten in Damaskus, die Gründung eines arabischen Nationalstaats vom Taurus bis ans Rote Meer und vom Mittelmeer bis an die iranische Grenze vor.
Im Oktober 1915 schreibt McMahon Hussein einen Brief, in dem er, ein paar vage Einschränkungen vorausschickend, Großbritanniens Bereitschaft erklärt, "die Unabhängigkeit der Araber in den Gebieten anzuerkennen, deren Grenzen der Scherif vorgeschlagen hat". Es ist der britische Teil einer historischen Abmachung, die auf die Zerschlagung des Osmanischen Reiches und die Neuordnung seiner arabischen Provinzen zielt.
Die Araber erfüllen ihren Teil der Abmachung. Im Juni 1916 beginnen sie ihren Aufstand gegen die Osmanen, der den Vormarsch der britischen Truppen vom Sinai über Jerusalem bis Damaskus entscheidend stützt. Militärisch inspiriert werden sie vom britischen Archäologen und Agenten Thomas Edward Lawrence, der später unter dem Namen "Lawrence of Arabia" berühmt wird.
Die Briten spielen aber nicht mit offenen Karten. Die Revolte der Araber, schreibt Lawrence schon Anfang 1916 in einem Geheimpapier, werde dem Empire von Nutzen sein, "weil sie unserem unmittelbaren Ziele dient, den islamischen 'Block' aufzulösen und das Osmanische Reich zu besiegen". An einen geeinten arabischen Nationalstaat, von dem Hussein und seine Söhne träumen, denken die Briten keineswegs. "Die (vom Scherifen) in der Nachfolge der Türken gegründeten Staaten wären für uns harmlos", schreibt Lawrence. "Die Araber sind noch unsteter als die Türken. Richtig behandelt, würden sie über das Stadium eines politischen Mosaiks nicht hinauswachsen, ein Gewebe kleiner, eifersüchtiger Fürstentümer, unfähig zum Zusammenhalt."
Wichtiger als ihre arabischen Waffenbrüder sind den Briten die Franzosen, mit deren Soldaten sie zusammen an der europäischen Front stehen und unerhörte Opfer bringen. "Die Freundschaft Frankreichs", sagt der britische Premier David Lloyd George später zu seinem französischen Kollegen Georges Clemenceau, "ist uns zehn Syrien wert." Frankreich ist eine Kolonialmacht, die seit langem Anspruch auf die zum Teil christlich bevölkerten arabischen Provinzen des Osmanischen Reichs erhebt. Großbritannien würde die Region lieber allein kontrollieren, doch vom gemeinsamen Gegner Deutschland bedroht, ist London bereit, die zu erwartende Beute zu teilen.
Noch während McMahon Briefe mit dem Scherifen Hussein wechselt, handelt der britische Abgeordnete Sir Mark Sykes mit dem französischen Diplomaten François Georges-Picot ein Abkommen aus, das dem Geist dieses Briefwechsels grundsätzlich widerspricht. Es teilt die noch verbliebenen arabischen Provinzen des Osmanischen Reiches so auf, dass die Gebiete im Norden an Frankreich und die im Süden an die Briten fallen. "Ich würde eine Linie ziehen, die vom ,e' in Acre (Akko) bis zum letzten ,k' in Kirkuk reicht", sagt Sykes, als er den Pakt Ende 1916 am Kartentisch in 10 Downing Street erläutert.
Das Sykes-Picot-Abkommen ist ein ungeniert imperialistisches Dokument. Es nimmt keine Rücksicht auf die Wünsche der betroffenen Bevölkerung, setzt sich willkürlich über die ethnischen und konfessionellen Grenzen der arabischen und kurdischen Welt hinweg und beschwört damit Konflikte herauf, welche die Region noch hundert Jahre später plagen werden. "Selbst unter den Maßstäben der Zeit", schreibt James Barr, sei es "ein schamlos eigennütziger Pakt".
Ein Hauch schlechten Gewissens durchweht denn auch die Diskussionen um den zunächst geheimen Vertrag. An dessen Durchsetzung als Gründungsdokument des modernen Nahen Ostens ändert das nichts, im Gegenteil. Als im November 1917 die Bolschewiken die provisorische Regierung stürzen und unter anderen Geheimverträgen auch das Sykes-Picot-Abkommen öffentlich machen, sind die Briten bereits eine weitere Verpflichtung eingegangen - von der sie weder den Arabern noch den Franzosen etwas erzählt haben.
Am 2. November 1917 hat Außenminister Arthur James Balfour der zionistischen Föderation in London "die Errichtung einer nationalen Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina" zugesagt. Mehrere Motive bewegen die Briten dazu, den verfolgten Juden ein Recht auf Selbstbestimmung einzuräumen und ihnen dafür ein Stück aus der Erbmasse des Osmanischen Reiches in Aussicht zu stellen. Eines der wichtigsten ist die mit jedem Kriegsjahr lauter werdende Kritik am Imperialismus. Nicht dass die Imperialisten im britischen Kabinett diese Kritik teilten - aber sie stört sie, zumal die Kritik mit der Wiederwahl des US-Präsidenten Woodrow Wilson im November 1916 einen prominenten Fürsprecher gewonnen hat.
"Jedes Volk sollte frei sein, sein eigenes Schicksal zu bestimmen", sagt er im Januar 1917 vor dem Kriegseintritt der USA. Wilson kennt das Sykes-Picot-Abkommen zu diesem Zeitpunkt nicht, aber die Briten ahnen, dass sie es ihrem neuen Alliierten irgendwann werden offenbaren müssen. Die Balfour-Erklärung ist auch ein Versuch, der zu erwartenden Reaktion der Amerikaner auf ihre eigenmächtige Neugestaltung des Nahen Ostens vorzubeugen.
Unterdessen schaffen die Briten - mit Hilfe der Araber - militärische Fakten. Sie rücken unter starker Gegenwehr der Osmanen und der Deutschen über den Sinai und Palästina nach Damaskus vor; zugleich marschieren sie den Euphrat hinauf nach Bagdad und besetzen das Zweistromland. Mehr als anderthalb Millionen Soldaten sind von 1915 bis 1918 im Nahen Osten im Einsatz, mehrere hunderttausend fallen - nicht eingerechnet die etwa eine Million Armenier, die im Osmanischen Reich getötet werden oder verhungern.
Im Oktober 1918 endet der Erste Weltkrieg am östlichen Mittelmeer mit dem Waffenstillstand von Mudros. Das Osmanische Reich ist geschlagen und wird, abgesehen von Anatolien, unter den Siegern und ihren Partnern aufgeteilt. Dem Nahen Osten wird jener Friede aufgedrückt, "der jeden Frieden beendet" - für ein ganzes Jahrhundert.
Als US-Präsident Wilson Anfang 1919 bei den Friedensverhandlungen in Paris mit dem britischen Premier Lloyd George und dessen französischem Kollegen Clemenceau zusammentrifft, wird er Zeuge eines für ihn unerwarteten Schauspiels. Die Führer der beiden Siegermächte sind tief zerstritten und liefern einander, sekundiert von ihren Außenministern, ein schneidendes Rededuell um die Zukunft des Nahen Ostens. Die Franzosen bestehen darauf, das Mandat für den heutigen Libanon, aber auch für die Gebiete bis zum Tigris zu übernehmen; die Kontrolle über das dem heutigen Syrien entsprechende Land hatten sie sich im Sykes-Picot-Abkommen zuschreiben lassen.
Die Briten, die über ihr eigenes Mandat in Palästina nachdenken und soeben genauere Nachrichten über den immensen Ölreichtum des benachbarten Mesopotamien erhalten haben, stellen sich quer. Frankreich ein Mandat für Syrien zu geben widerspräche den Zusagen, die man am Anfang des Krieges den Arabern gemacht habe. Im Übrigen habe das Empire den Krieg im Nahen Osten mit fast einer Million Soldaten und 125 000 Toten und
Verwundeten praktisch im Alleingang geführt. "Ohne England gäbe es gar keine syrische Frage", sagt Lloyd George.
Da schaltet sich Präsident Wilson ein. Die einzige Möglichkeit herauszufinden, ob die Bewohner Syriens ein französisches und die Palästinas und Mesopotamiens ein britisches Mandat akzeptierten, sei, "die Wünsche der Bevölkerung in diesen Gebieten zu ermitteln". Es ist ein ebenso schlichter wie naheliegender Gedanke. Zwei Monate lang reisen der Chicagoer Geschäftsmann Charles Crane und der US-Theologe Henry King durch den Nahen Osten und interviewen Hunderte arabischer Notabeln und Petitionäre. Obwohl Briten und Franzosen ihre Mission zu beeinflussen suchen, wo sie nur können, ist deren Befund völlig eindeutig: Die lokale Bevölkerung will kein französisches Mandat in Syrien und kein britisches in Palästina; dass die Amerikaner sich in Mesopotamien umhören, haben die Briten erfolgreich verhindert.
Im August legen King und Crane ihren Bericht vor: Sie empfehlen ein Mandat über ein vereinigtes Syrien und Palästina, das von den neutralen USA und nicht von den europäischen Kolonialmächten übernommen werden solle. Husseins Sohn Faisal, den sie als "herausragende Persönlichkeit" beschreiben, möge Oberhaupt dieses Araberstaates werden.
Der bis heute nur Spezialisten bekannte King-Crane-Bericht ist in der Rückschau eine der großen und vergebenen Chancen in der Geschichte des Nahen Ostens. Auf Druck der Briten und Franzosen und wegen der schweren Erkrankung Präsident Wilsons im September 1919 wird der Bericht archiviert und erst drei Jahre später veröffentlicht. Unterdessen einigen sich Paris und London auf eine Neugestaltung des Nahen Ostens, die den Empfehlungen Kings und Cranes diametral widerspricht: Frankreich teilt sein Mandatsgebiet in die Staaten Libanon und Syrien auf; Großbritannien übernimmt das Mandat über Mesopotamien, dem es später den Namen Irak gibt, verleibt sich zuvor aber noch die ölreiche Provinz Mossul ein. Zwischen Syrien, dem Irak und ihrem Mandatsgebiet Palästina richten sie einen Pufferstaat namens "Transjordanien" ein.
Anstelle des einen arabischen Nationalstaats, den die Briten dem Scherifen Hussein in Aussicht gestellt haben, teilen die Siegermächte den Nahen Osten zunächst in vier Staaten auf, die aufgrund ihres geografischen Zuschnitts und ihrer ethnischen und konfessionellen Struktur bis heute zu den am schwierigsten regierbaren der Welt gehören.
Und sie wissen, was sie tun. Als kurz vor Abschluss der Verträge die Frage aufkommt, wo genau eigentlich die Nordgrenze Palästinas - und mithin des späteren Israel - verlaufen solle, schreibt ein Berater aus London an den britischen Premier Lloyd George: "Die Wahrheit ist, dass jede Teilung Arabiens zwischen Aleppo und Mekka unnatürlich ist. Strategische Überlegungen sind der beste Ratgeber." Am Ende entscheiden ein britischer General und ein Direktor der Anglo-Persian Oil Company über den genauen Grenzverlauf.
Nicht nur in der arabischen Welt, sondern auch in Europa werden nach dem Ersten Weltkrieg Grenzen gezogen, mit denen sich die Völker nicht abfinden mögen. Doch drei Faktoren führen im Nahen Osten zu fatalen und langfristigen Konsequenzen.
Erstens: Anders als viele Europäer, die spätestens seit Beginn des 19. Jahrhunderts nationales Bewusstsein und eigene politische Klassen etabliert haben, reißt der Erste Weltkrieg die Araber aus dem Schlaf der Geschichte. Die Osmanen hatten ihre nahöstlichen Provinzen vergleichsweise zurückhaltend, aber auch ohne jeden Gestaltungswillen regiert. Sie hatten nichts getan, um dort intellektuelle oder ökonomische Eliten heranzubilden. Keimte dennoch irgendwo nationales Selbstbewusstsein, so wurden seine Repräsentanten verbannt oder kurzerhand exekutiert. Mit diesem Erbe belastet, starten die Menschen des Nahen Ostens in das 20. Jahrhundert, und der vormoderne Staatsbegriff ihrer Religion erschwert ihre politische Organisation zusätzlich.
Zweitens: Die Willkür, mit der Frankreich und Großbritannien die ehemaligen arabischen Provinzen des Osmanischen Reiches neu ordnen, hinterlässt ein Trauma der Verschwörung, das sich über die folgenden Jahrzehnte zu einer Obsession auswächst. Bis heute hält sich die Legende, der rätselhafte Knick der Wüstengrenze zwischen Saudi-Arabien und Jordanien rühre daher, dass jemand den Kolonialminister Winston Churchill angerempelt habe, als er am Kartentisch seine Linie zog. Das Gerücht ist absurd - doch so ähnlich haben Sykes und Picot, Lloyd George und Clemenceau die Region ja tatsächlich filetiert.
Drittens: Anders als in Europa löst sich die Spannung, die der untaugliche Friede in der arabischen Welt hinterlässt, nicht in einer einzigen Eruption. Im Zweiten Weltkrieg ist der Nahe Osten nur ein Nebenkriegsschauplatz.
Doch die ungelösten Konflikte des Ersten und die aus der europäischen Katastrophe herüberschwappenden Folgen des Zweiten Weltkriegs - die Gründung Israels, der Kalte Krieg und der Wettlauf um die Ressourcen am Persischen Golf - werden zu einer historischen Last, die den Nahen Osten in einen nicht enden wollenden Krieg verstrickt. Er ist bis heute, knapp hundert Jahre nach dem Sommer von 1914, nicht vorüber. ◆
* Mit Faisal I. (auf dem Beifahrersitz) und arabischen Kämpfern im März 1918 in der Nähe von Akaba am Roten Meer.
Von Bernhard Zand

DER SPIEGEL 5/2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 5/2014
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Hundert Jahre Krieg

Video 00:38

Skifahrer filmt Lawinenabgang Plötzlich bricht der Schnee weg

  • Video "Unterhaussprecher Bercow: Der Brexit-Star in Zivil" Video 01:30
    Unterhaussprecher Bercow: Der Brexit-Star in Zivil
  • Video "Verendeter Wal: 40 Kilo Plastik im Bauch" Video 01:19
    Verendeter Wal: 40 Kilo Plastik im Bauch
  • Video "Tausende evakuiert: Historische Fluten in den USA" Video 01:00
    Tausende evakuiert: Historische Fluten in den USA
  • Video "Neuseeländischer Bauer gibt Waffe ab: Das ist das Risiko nicht wert" Video 02:11
    Neuseeländischer Bauer gibt Waffe ab: "Das ist das Risiko nicht wert"
  • Video "Virales Video: Elfjähriger dribbelt auf dem Laufband" Video 00:48
    Virales Video: Elfjähriger dribbelt auf dem Laufband
  • Video "Überschwemmte Straße in England: Die einen schaffen's - und die anderen..." Video 01:27
    Überschwemmte Straße in England: Die einen schaffen's - und die anderen...
  • Video "Überwachungsvideo: Trennzaun-Domino" Video 01:17
    Überwachungsvideo: Trennzaun-Domino
  • Video "AKW-Abriss: Mit Flex, Kärcher und Wischlappen" Video 06:44
    AKW-Abriss: Mit Flex, Kärcher und Wischlappen
  • Video "Schüsse in Utrecht: Was über den Attentäter bekannt ist" Video 01:47
    Schüsse in Utrecht: Was über den Attentäter bekannt ist
  • Video "Türkei: Wasserwerfer gegen PKK-Anhänger" Video 01:05
    Türkei: Wasserwerfer gegen PKK-Anhänger
  • Video "Videoanalyse zu 737 Max: Wie Boeing sich selbst kontrolliert" Video 04:28
    Videoanalyse zu 737 Max: Wie Boeing sich selbst kontrolliert
  • Video "Mays Brexit-Deal: Unterhaussprecher verhindert erneute Abstimmung" Video 02:29
    Mays Brexit-Deal: Unterhaussprecher verhindert erneute Abstimmung
  • Video "Grasen first! Stoische Schafherde ignoriert Kampfhubschrauber" Video 00:35
    Grasen first! Stoische Schafherde ignoriert Kampfhubschrauber
  • Video "Dieselskandal: Warum soll ich jetzt dafür geradestehen?" Video 06:20
    Dieselskandal: "Warum soll ich jetzt dafür geradestehen?"
  • Video "Terror in Christchurch: Ein Haka für die Toten" Video 02:27
    Terror in Christchurch: Ein Haka für die Toten
  • Video "Skifahrer filmt Lawinenabgang: Plötzlich bricht der Schnee weg" Video 00:38
    Skifahrer filmt Lawinenabgang: Plötzlich bricht der Schnee weg