27.01.2014

ENERGIEDie große Flaute

Nach der Pleite der Öko-Firma Prokon zittern bundesweit Windstrom-Investoren um ihr Geld. Eine Branchenanalyse zeigt: Mindestens die Hälfte der Projekte, in die Sparer mit dem Versprechen auf hohe Rendite gelockt wurden, läuft schlecht.
Drei Übertragungswagen, zehn Kamerateams, rund 50 Journalisten: An Aufmerksamkeit mangelte es Carsten Rodbertus nicht, als er vergangenen Donnerstag in der schleswig-holsteinischen Provinz in Jeanshemd und mit Firmenblouson eine Montagehalle seiner Firma Prokon betrat - und der Ökounternehmer mit dem grauen Zopf erfüllte die Erwartungen. Die Pressekonferenz geriet zum Spektakel.
Mehrere hundert Mitarbeiter begrüßten Rodbertus mit Applaus und Bravorufen - obwohl er einen Insolvenzverwalter mitgebracht hatte.
Doch im Grunde sei die Firma gesund, so die Botschaft des Ökogurus, "zwölf Tage am Stück, zwölf Stunden am Tag" habe die Belegschaft zuletzt geackert, um eine Pleite zu verhindern.
Dass es nicht gelang, die Firma zu retten, ist in Rodbertus' Welt vor allem Schuld der Anleger, die insgesamt 1,4 Milliarden Euro in die Firma gesteckt haben. Sie fordern nämlich derzeit in Scharen ein, was er ihnen einst versprochen hat: mindestens sechs Prozent Zinsen pro Jahr oder eine Rückzahlung des Kapitals, wenn sie den Vertrag kündigen. Vergangene Woche musste Prokon deshalb vorläufig Insolvenz anmelden. 75 000 Sparer bangen um ihr Geld.
Es ist eine der spektakulärsten Pleiten eines Geschäftsmodells, von dem sich Politiker und Geldanleger einen doppelten Gewinn versprachen: Wer sein Geld in Windparks anlegt, so lautete die Losung, hilft gleichzeitig der Umwelt und dem eigenen Kontostand. Und weil der Staat 20 Jahre lang feste Fördersätze garantiert, erschien vielen Bürgern die Verheißung der Anlagebranche durchaus plausibel: auf sichere Weise satte Rendite machen, und das mit gutem Gewissen.
Doch nun mehren sich die Anzeichen, dass der grüne Kapitalismus nicht alle Hoffnungen erfüllen kann. Bei Gerichten in ganz Deutschland stapeln sich Klagen von Windpark-Anlegern, die seit Jahren keine Ausschüttungen mehr aus ihrem Investment gesehen haben oder deren Parks schlicht pleite sind. Verbraucherschützer klagen, dass viele Projekte falsch konstruiert und undurchsichtig gemanagt sind. Und in der Ökostrom-Branche grassiert die Angst, dass nach der Prokon-Pleite und den jüngsten Energiewendeplänen von Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel immer weniger Anleger in Windparks investieren wollen.
Das gilt vor allem für jene große Zahl an Projekten, die nach dem Investorenmodell der sogenannten geschlossenen Fonds organisiert sind. Sie sind in der Regel auf eine Laufzeit von 20 Jahren angelegt, werden von einem begrenzten Kreis von Anlegern gespeist und versprechen jährlich Auszahlungen.
Doch neue Zahlen, zusammengetragen und über Jahre hinweg ausgewertet, belegen nun, was geprellte Anleger schon lange vermuteten: Bei rund der Hälfte dieser kommerziellen Windpark-Gesellschaften laufen die Geschäfte derart schlecht, dass die Anleger froh sein können, wenn sie nach der üblichen Laufzeit von 20 Jahren ihr Kapital zurückbekommen.
Das jedenfalls ist das Ergebnis einer Auswertung von 1150 Jahresabschlüssen, die Werner Daldorf, Vorstandsvorsitzender im Anlegerbeirat des Bundesverbandes Windenergie, im Laufe von etlichen Jahren gesammelt hat. Daldorf ist eigentlich Steuerberater, ein typischer noch dazu: zurückhaltend, akribisch, mit randloser Brille und braunem, gescheiteltem Haar. Seit 1990 fungiert der 63-Jährige als Berater bei Windenergie-Projekten - und seit 2002 ist er im Anlegerbeirat des Bundesverbands Windenergie aktiv, der Interessenvertretung der Branche.
Für diese Aufgabe hat der Kasseler umfangreiches Material zusammengetragen, das Regalreihen voller Leitz-Ordner füllt und erstmals eine Bewertung der Geschäfte von über 170 kommerziellen Windparks über mehr als zehn Jahre hinweg erlaubt (siehe Grafik).
Das Ergebnis ist ernüchternd: Im Schnitt haben die Anleger pro Jahr Ausschüttungen in Höhe von 2,5 Prozent ihres eingesetzten Kapitals bekommen. "Über den Verlauf von zehn Jahren sind das also 25 Prozent der Einlage - während nach den Prospekten schon 60 bis 80 Prozent geflossen sein sollten", sagt Daldorf.
Selbst wenn die Ausschüttungen in den kommenden Jahren noch stark zunehmen sollten, weil beispielsweise die Bankschulden der Fonds dann abgetragen sind, dürften sich nur Parks in sehr guten Lagen wirklich rechnen.
Schaut man sich die Ergebnisse im Detail an, ist das Bild noch schlimmer. Ein Fünftel aller Parks, für die Abschlüsse über einen Zeitraum von zehn Jahren vorliegen, haben ihren Anlegern nämlich nicht in einem einzigen Jahr mehr als zwei Prozent ihres Einsatzes überwiesen.
Daldorfs Erkenntnisse sind überraschend, angesichts der üppigen Subventionen, die der Staat seit Jahren in alternative Energien steckt. Der garantierte Preis für eine Kilowattstunde Ökostrom beträgt derzeit im Schnitt 17 Cent - das ist das Vierfache des Börsenpreises. Wegen der großzügigen Staatszuschüsse werben Anbieter von Öko-Investments bis heute mit Slogans wie: "Profitieren auch Sie von der Energiewende!"
Auch Volker Hippe dachte, dass er nicht nur in eine sichere, sondern auch in eine gute Sache investiert. Seine Frau starb vor 13 Jahren, da war er gerade einmal Mitte vierzig. Eine Lebensversicherung zahlte ihm rund 35 000 Euro aus. "Leg es an für die Kinder", habe er sich gedacht - die jüngste von drei Töchtern war damals sechs.
Hippe steckte das Geld in den Windpark Amesdorf-Wellen in Sachsen-Anhalt. Der Fonds-Anbieter, die Umwelt Management AG, versprach jährliche Auszahlungen von fünf bis sechs Prozent in den ersten Jahren - und von 20 Prozent und mehr ab 2012.
Nach kurzer Zeit allerdings blieben die in Aussicht gestellten Überweisungen aus.
Wer als Anleger derart reinfällt, muss sich oft anhören, dass er eben vorsichtiger hätte sein sollen. Doch Hippe machte den Fehler, den viele machen: Er vertraute einer Bank. Allerdings nicht der Deutschen oder der Commerzbank - sondern der Umweltbank, die auf ökologische Investments spezialisiert ist.
In einem Informationsheftchen bejubelte das Institut im Jahr 2001 Beteiligungen "an einem solide kalkulierten Windpark" als "ideale Zusatzrente".
Wohl kalkuliert waren bei vielen Windpark-Projekten aber allenfalls die Gebühren und Provisionen, die von den beteiligten Firmen abgeräumt wurden. Nicht selten machen die Kosten bei geschlossenen Fonds 15 oder sogar 20 Prozent der Einzahlungen aus, denn bei den komplexen Finanzierungskonstrukten kassiert oft ein halbes Dutzend Unternehmen mit - für bizarr klingende Posten wie Projektierung, Eigenkapitalbeschaffung oder schlicht für: Marketing.
Große Gewinne lassen sich da nur schwer einfahren. Der finanzielle Risikopuffer etwa ist häufig dünn, weil zuzüglich zum eingesammelten Anlegerkapital noch gigantische Kredite bei Banken aufgenommen werden. Oft beträgt der Anteil dieser Fremdfinanzierung 70 Prozent des Fonds-Volumens oder sogar mehr. Viele Verbraucherschützer halten allenfalls die Hälfte für vertretbar, um das Risiko für Anleger überschaubar zu halten.
Denn Gefahren gibt es auch so schon genug. Die junge Windenergie-Technik etwa zeigte schnell ihre Tücken, als sie nach der Jahrtausendwende großflächig zum Einsatz kam: Getriebe versagten, kostspielige und vor allem aufwendige Reparaturen wurden erforderlich.
Vor allem aber spielte die Natur nicht mit. Die Prognosen, wie viel Strom eine Anlage liefern kann, glichen oft Rechnungen aus dem Wolkenkuckucksheim. Der Grund: Gutachter gründen ihre Aussagen oft auf eine nicht ausreichende Methodik und verzichten auf kostspielige Langzeitmessungen.
Das Problem: Selbst wenn die Prognosen nur knapp danebenliegen, sind die Auswirkungen gewaltig. Weicht die tatsächliche Windgeschwindigkeit beispielsweise um zehn Prozent vom prognostizierten Wert ab, nimmt die Stromausbeute in einer Dreierpotenz ab: Sie schrumpft um knapp 30 Prozent.
Ob die Angaben der Parkbetreiber angesichts solch enormer Risiken überhaupt Sinn machten, überprüfte trotzdem lange niemand. Wenn die Finanzaufsicht Ba-Fin Verkaufsprospekte kontrollierte, beschränkte sie sich auf den Check von Formalitäten.
Ein neues Gesetz, das vergangenen Sommer unter anderem für geschlossene Fonds verabschiedet wurde, soll das zwar ändern: Welche Windenergie-Firmen unter die Regelungen fallen, ist wegen etlicher Ausnahmeklauseln aber noch unklar - und die Branche hat längst andere Finanzierungsmodelle gefunden, die für sie nicht weniger lukrativ und für Anleger nicht weniger riskant sind.
Die Darmstädter Windenergie-Firma Breeze Two Energy etwa platzierte im Jahr 2006 Unternehmensanleihen im Wert von 470 Millionen Euro am Markt, für die eigentlich zwischen 5,3 und 6,1 Prozent Zinsen bezahlt werden sollten. Im Portfolio konnte Breeze Two rund 35 Windparks mit einer Leistung von 310 Megawatt vorweisen - so viel wie ein kleineres Kohlekraftwerk also.
Doch zwischen 2008 und 2011 liefen hohe Verluste auf. Zum Ende des Jahres 2011 war die Firma mit 205,5 Millionen Euro "bilanziell überschuldet", wie es im damaligen Geschäftsbericht hieß. Nur weil das Insolvenzrecht inzwischen geändert wurde, konnte eine Pleite abgewendet werden: Seit 2008 reicht eine "positive Fortführungsprognose", damit die Geschäfte weiterlaufen.
Im Grünstrom-Gewerbe ist eine solche Perspektive leicht zu konstruieren: Man muss einfach nur die Behauptung aufstellen, der Wind werde im nächsten Jahr stärker wehen. So gilt das Überleben von Breeze Two der damaligen Geschäftsführung zufolge als "überwiegend wahrscheinlich" - etliche Anleger verbuchten trotzdem Verluste.
Auf eine ähnliche Hängepartie sollten sich auch Prokon-Investoren einstellen, die sich über sogenannte Genussrechte an dem Unternehmen beteiligt haben. Denn Firmenchef Rodbertus verkündete am Donnerstag zwar vollmundig, er wolle die Liquidität des Unternehmens durch den Verkauf einiger Windparks wiederherstellen.
Doch selbst wenn ihm das gelingt, ist unklar, wie und wann die Investoren zu ihrem Geld kommen. Es gebe "Anhaltspunkte dafür", erklärte der Insolvenzverwalter des Unternehmens am vergangenen Donnerstag, dass "sogenannte nachrangige Forderungen im Insolvenzverfahren nicht berücksichtigt werden müssen".
Unter bestimmten juristischen Voraussetzungen hieße das: Solange Prokon alle anderen Verbindlichkeiten bedient, aber trotzdem weiter klamm ist, muss die Firma Anlegern womöglich weder Zinsen noch Kapital auszahlen.
Und zwar auf unbestimmte Zeit.
Von Gunther Latsch, Anne Seith und Gerald Traufetter

DER SPIEGEL 5/2014
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