03.02.2014

EUROPAWAHLEN Achtung, Alkoholkontrolle!

Der Luxemburger Jean-Claude Juncker hat beste Chancen, Spitzenkandidat der Konservativen für die Europawahl zu werden. Doch ist er einem Spitzenamt in Brüssel wirklich gewachsen?
Am vorvergangenen Samstag führte der Österreichische Rundfunk ein 15-minütiges Interview mit Jean-Claude Juncker. Gleich am Anfang wurde er gefragt, ob es hart sei, nach 19 Jahren als Luxemburger Premierminister in die Opposition verbannt zu sein. "Überhaupt nicht", konterte der 59-Jährige. "Wenn ich durch Luxemburg gehe, habe ich den Eindruck, ich wäre noch nie so populär gewesen wie im Moment."
Da war sie wieder, die junckersche Mischung aus Chuzpe und Charme, der Politiker und Bürger in ganz Europa erlegen sind. Kein Wunder, dass Juncker derzeit beste Chancen hat, Anfang März zum Spitzenkandidaten der Europäischen Volkspartei (EVP) gekürt zu werden: Ernsthafte Gegenkandidaten sind nicht in Sicht, und kürzlich stellte auch Angela Merkel im CDU-Präsidium klar, dass sie nichts gegen die Kandidatur des langjährigen "Mister Euro" einzuwenden habe.
Doch je öfter Junckers Name fällt, desto mehr stellt sich die Frage, ob er den Belastungen des Amts des Kommissionspräsidenten gewachsen wäre. Langjährige Wegbegleiter berichten von menschlichen Schwächen, die einer breiten Öffentlichkeit nahezu unbekannt sind - aber in einem erstmals mit wirklich harten Bandagen geführten Europawahlkampf eine erhebliche Rolle spielen könnten, ganz wie in nationalen Wahlkämpfen auch.
Juncker droht so etwas wie eine politische Alkoholkontrolle.
Den Anstoß gab der neue Chef der Euro-Gruppe, der Niederländer Jeroen Dijsselbloem, Junckers Nachfolger. Anfang des Jahres erzählte Dijsselbloem in der niederländischen TV-Talkshow "Knevel & Van den Brink", dass die Sitzungen der mächtigen Euro-Gruppe unter seiner Leitung "calvinistischer" abliefen als zu Junckers Zeiten. Auf die Frage eines Moderators, ob also nicht mehr geraucht und getrunken werden dürfe, antwortete Dijsselbloem: "Das war schon immer verboten. Nur der ehemalige Vorsitzende hat sich nicht daran gehalten." Juncker sei eben "ein verstockter Raucher und Trinker".
Damit war das heikle Thema auf dem Markt, und die Antwort aus Luxemburg kam zwei Tage später. Er habe nicht vor, auf Äußerungen zu reagieren, "die in einer humoristischen Sendung im niederländischen Fernsehen gemacht wurden", sagte Juncker und versicherte: "Ich habe kein Alkoholproblem."
Doch das sehen viele, die ihn in Brüssel über Jahre beobachtet und begleitet haben, deutlich anders. Teilnehmer der Euro-Gruppen-Besprechungen erinnern sich an Sitzungen, die Juncker "etwas erratisch" geleitet habe, andere wollen eine Alkoholfahne gerochen haben. In Luxemburg zucken politische Weggefährten bei diesem Thema nur die Achseln - die Trinkfreude ihres fast zwei Dekaden lang amtierenden Regierungschefs sei "ein offenes Geheimnis". Der Journalist Pascal Steinwachs schrieb im "Lëtzebuerger Journal", schelmische Zungen behaupteten, Juncker habe tatsächlich kein Problem mit Alkohol, nur ohne.
In EVP- wie CDU-Kreisen wird beteuert, das Thema habe bei Gesprächen über die Spitzenkandidatur bislang nie eine Rolle gespielt. Bewusst scheint es aber so gut wie allen zu sein, auch dem Berliner Kanzleramt. Denn sogar enge politische Freunde bestätigen, dass Juncker seit Jahren zu viel trinke. Schon zum Mittagessen genehmige er sich mitunter zwei Gin Tonic und ein Bier. Das habe ihn aber in seiner Amtsführung bislang nicht beeinträchtigt, schieben die Weggefährten schnell hinterher.
Tatsächlich sind bislang keine gravierenden Ausfälle bekanntgeworden, die man Junckers Alkoholkonsum zuschreiben könnte. Es sind vielmehr zahlreiche Begebenheiten überliefert, bei denen er trotz erhöhten Alkoholpegels ein straffes Arbeitspensum absolvierte. Er funktionierte so lange, wie er musste, bis die offiziellen Termine vorbei waren und sich die Türen hinter ihm schlossen.
Sich von Zeit zu Zeit zurückzuziehen wäre Juncker in seinem neuen Spitzenamt in Brüssel aber nicht mehr möglich. Der Tag eines EU-Kommissionspräsidenten ist streng durchgetaktet: Kabinettsbesprechungen, öffentliche Auftritte, Empfänge für Staats- und Regierungschefs aus der ganzen Welt. In Luxemburg empfing Juncker Journalisten meist in vertraulichen Runden, in Brüssel würde ihn die Weltpresse auf Schritt und Tritt beobachten.
Trotzdem setzt die EVP-Spitze weiter auf Juncker. Sie braucht dringend einen prominenten Kandidaten, der dem SPD-Spitzenmann Martin Schulz im anstehenden Wahlkampf Paroli bieten kann. Fast zwei Jahrzehnte lang saß der Luxemburger im Europäischen Rat, als Euro-Gruppen-Vorsitzender hat er geholfen, die Währungsunion einigermaßen glimpflich durch die Schuldenkrise zu manövrieren.
Ebenso spricht für ihn, dass er Zuhörer wie nur wenige für Europa zu begeistern vermag. "Wenn Juncker kommt, ist auch in Deutschland der Saal voll", schwärmt ein CDU-Präsidiumsmitglied. Mit ihm als Spitzenkandidaten könnte es sogar erstmals in der Geschichte der Europawahlen ein Fernsehduell zwischen zwei Deutsch sprechenden Europapolitikern geben. Schulz gegen Juncker, so würde die sperrige europäische Demokratie TV-tauglich - aber der Wahlkampf auch entsprechend härter.
Und Juncker hat noch eine offene Flanke, eine in Luxemburg weiter schwelende Geheimdienst-Diskussion, ausgelöst durch die sogenannte Bombenleger-Affäre. Die Serie von 18 Sprengstoffanschlägen in den achtziger Jahren beschäftigt die Justiz des Großherzogtums bis heute.
Ein Untersuchungsausschuss kam 2013 zu dem Schluss, dass Premierminister Juncker, der für die Kontrolle des Geheimdienstes SREL verantwortlich ist, seine Pflicht sträflich vernachlässigt hatte. Unter Junckers Ägide entwickelte der Geheimdienst ein bizarres Eigenleben und hörte illegal Personen ab - einschließlich Juncker selbst. Vor einem Monat gelangte schließlich der Bericht eines Ex-Geheimdienstagenten in die Presse: In dem 14-seitigen Gedächtnisprotokoll beschreibt der Agent André Kemmer, wie Juncker in einem allerdings Jahre zurückliegenden Streit mit dem damaligen Geheimdienst-Chef Marco Mille die Kontrolle verloren habe: "Juncker war stockbetrunken", heißt es wörtlich. "Ohne einleitende Worte fing er an, Mille zu beleidigen." Juncker habe Mille gegenüber mehrmals das Wort "ficken" gebraucht.
Juncker bestritt im Gespräch mit dem SPIEGEL alle Vorhaltungen. Dass der Agentenbericht den Medien zugespielt wurde, sei Teil eines "Destabilisierungsmanövers, das seit Jahren läuft". Im Übrigen gebrauche er das F-Wort nicht, so Juncker. Was die Zweifel an seinem Gesundheitszustand betreffe, sagt der 59-Jährige: "Ich glaube schon, dass ich dem Job des Kommissionspräsidenten gewachsen bin." Er habe nichts dagegen, dass die Spitzenkandidaten für die Europawahl von den Medien genau unter die Lupe genommen würden. "Aber ich würde gern über Politik befragt werden - und nicht über mein Alkoholproblem, das ich nicht habe."
Von Amann, Melanie, Schult, Christoph

DER SPIEGEL 6/2014
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