03.02.2014

EXPEDITIONEN Kein schöner Land

Der Hamburger Jochen Szech will deutsche Touristen nach Nordkorea bringen. Gemeinsam mit einer Gruppe von Reiseunternehmern hat er sich in der letzten stalinistischen Diktatur nach Ausflugsmöglichkeiten umgesehen.
Jochen Szech ist der Chef, und er sagt: "Die Kunden wollen jetzt Nordkorea sehen, solange es noch existiert." Einmal noch dem Monster begegnen. Szech hat die Sowjetunion gesehen, er hat die DDR gesehen, er hat Kuba gesehen, "als es noch Kuba war". Er steht am Flughafen von Peking, eine Mütze mit der Aufschrift "Tirol" auf dem Kopf. Szech, 51, mit blassblauen Augen und von konsequenter Fröhlichkeit, ist überzeugt, dass das Nordkorea, wie wir es kennen, verschwinden wird. Er illustriert das, indem er Luft in seine Backen bläst und diese plötzlich entweichen lässt. Plopp. Nicht morgen, nicht übermorgen, aber irgendwann, bald.
Auf der Anzeigetafel, bei den Abflügen, steht: Pjöngjang, 14.05 Uhr.
Um Szech herum, müde auf ihre Koffer gestützt, sind ein Dutzend Leute versammelt, Szechs Verbündete auf diesem Völkerverständigungstrip, deutsche Tourismusunternehmer, wie er selbst. Da ist Sigi Müller, Chef von "Kiwi Tours", München, und Sebastian Plötzgen, "Iteru Travel", spezialisiert auf den Nahen Osten und Ägypten. Da ist Sabine Roehrs von "Chili Reisen - Entdecke die Welt" und Elisabeth Heidrich von "Lernidee Erlebnisreisen", Berlin. Szech, Geschäftsführer des Hamburger Reisebüros "Go East" und Vizepräsident der deutschen "Allianz selbständiger Reiseunternehmen", hat in Branchenblättern zu einer Erkundungstour in die Demokratische Volksrepublik Korea aufgerufen. Man will herausfinden, ob man den "dunklen Stern Asiens" (Lonely Planet) künftig ins Programm aufnehmen kann. Ob man geschäftliche Bande knüpfen soll nach Pjöngjang.
Nicht alle in der Gruppe sind Touristiker. Es gibt eine mitgereiste Ehefrau, es gibt einen Kameramann, der nach Bildern sucht, es gibt einen Hotelbesitzer aus Celle, der mal was anderes erleben will. Und es gibt einen schlechtgetarnten SPIEGEL-Reporter, der die Gelegenheit nutzt, das verschlossene Land mit den Augen von Reiseveranstaltern zu sehen.
Ihr Reiseprogramm. Tag 1: Ankunft Pjöngjang 17.00 Air Koryo JS 252 - Treffen mit den Guides - Fahrt zum Thermalbad Ryonggang - Übernachtung
Das Flugzeug, "eine Tupolew Tu-204", wie der Reiseprofi Szech sofort feststellt, ist ausgebucht und voller gutgelaunter Touristen. Nur zu dieser Zeit ist an drei Abenden pro Woche die Massengymnastikschau Arirang zu sehen, ein Spektakel mit 100 000 Darstellern. Eine Militärparade zur Feier des 65. Jahrestages der Staatsgründung steht bevor. Etwa 6000 westliche Touristen kommen derzeit pro Jahr nach Nordkorea, dazu etwa zehnmal so viele Chinesen. In Deutschland geht das Jahr 2013 seinem Ende entgegen, in Nordkorea schreibt man das Jahr Juche 102, nach einem Kalender, der einsetzt mit der Geburt des Großen Führers Kim Il Sung, Vater des Geliebten Führers Kim Jong Il, Großvater des Obersten Führers Kim Jong Un. Das ist der Junge, der Basketball und Atombomben liebt.
"Meine lieben deutschen Freunde, willkommen in der Demokratischen Volksrepublik Korea." Frau Ri, die Reiseleiterin der Reiseleiter, nimmt die Gruppe in Empfang. Sie spricht ein strenges, nahezu perfektes Deutsch. Die wenigen Fehler, die sie macht, haben Charme. "Darf ich Sie zur Toilette verführen?", wird sie später einmal fragen. Nordkorea kann man nur in geführten Gruppen besuchen. Frau Ri wird die Aufpasserin sein, wird das Gesicht und die Stimme Nordkoreas für die Deutschen sein.
Im Reisebus, der durch die Nacht fährt, spricht Frau Ri ins Mikrofon, dass die Partei der Arbeit unter dem Vorsitz ihres Ersten Sekretärs Kim Jong Un beschlossen habe, den Tourismus im Land tatkräftig auszubauen. Laut nordkoreanischer Theorie ist dieses Land, mit seinen 24 Millionen Einwohnern, das schönste und beste der Welt. Der Bus fährt an einem Triumphbogen vorbei, der, so Frau Ri, "elf Meter höher" sei als der in Paris.
100 000 Betten will Nordkorea in den kommenden Jahren für Urlauber bereitstellen. Vier Ausflugsregionen sollen als Sonderzonen ausgebaut werden, visafrei für Touristen: das Kumgang-Gebirge an der Grenze zu Südkorea, die Hafenstadt Wonsan im Osten, der Vulkan Paektusan im Norden und die Chilbo-Berge im Nordosten. Skigebiete und Beachresorts sind im Bau oder geplant. In zehn Jahren möchte Nordkorea drei Millionen Touristen pro Jahr empfangen.
Die Autobahn ist acht Spuren breit und vollkommen leer. Frau Ri sagt, sie sei für die Zukunft gebaut. Welche Zukunft? Wird das Regime noch auf Jahrzehnte bestehen? Kann eine Wiedervereinigung mit dem Süden je glücken? Wird das Land den Weg Chinas gehen, sich nach und nach öffnen für eine kommunistische Marktwirtschaft? Oder kommt es zum Aufstand, zum Krieg, der auf andere Staaten übergreift?
Auf der Gegenfahrbahn tauchen Fußgänger oder Radfahrer aus dem Dunkel auf, viele barfuß. Selbst wenn sie Autos hätten, dürften sie die Autobahn nicht benutzen, Nordkoreaner brauchen Passierscheine, um die eigene Stadt zu verlassen. Sie dürfen nicht reisen, auch nicht im eigenen Land.
Die Gruppe wird in einem Thermalhotel untergebracht, in dem es keinen Pool gibt. Verstreute Häuser in einem Birkenwald. Eine Kröte hüpft in die Lobby.
Tag 2: Besuch des imposanten Westsee-Staudamms - Mineralwasserfabrik Kangso - Chongsanri-Bauernkooperative - Unterkunft im Hotel Yanggakdo
Die Fachleute am Frühstückstisch sind sich einig: Das Land hat Potential. Wenn auch nur als Nische, natürlich. Die Runde besteht aus Vertretern kleiner, auf Gruppen- und Studienreisen spezialisierter Anbieter, davon gibt es Hunderte in Deutschland. Sie organisieren Trips nach Turkmenistan oder Bhutan, sie chartern Sonderzüge nach Sibirien, sie sind Eroberer, die dem Tourismus neues Terrain erschließen. "Es gibt erstaunlich viele Ländersammler", sagt Jochen Szech, "die wollen einfach überall gewesen sein." Der Mythos vom abgeschotteten Nordkorea ziehe viele an. Nicht unbedingt Abenteurer, auch keine Backpacker, für die ist es zu teuer. Eher die Bildungshungrigen, Vielgereisten, An-Land-und-Geschichte-Interessierten.
Szech, in Flensburg aufgewachsen, machte sich mit 20 per Anhalter auf nach Asien. Ein halbes Jahr lang abenteuerte er in den frühen Achtzigern durch die Türkei der Militärdiktatur, durch den Iran Chomeinis, durch Pakistan, Indien, er verfiel dem Osten. Erst jobbte er für TUI als Reiseleiter im Polen des Generals Jaruzelski, dann ging er mitten im Kalten Krieg zum Russischstudium nach Moskau und gründete 1989, am Vorabend der Wende, das Reisebüro Go East. Slogan: Im Osten geht die Sonne auf.
Szech glaubt an die heilbringende, zivilisierende, gleichmacherische Kraft des Tourismus, der "auf Dauer jedes Regime aufweicht", wie er sagt. Er denkt an Burma. Er denkt an Kuba, wo die badenden Pauschaltouristen in Varadero womöglich dem Kapitalismus eine Bresche schlugen. So betrachtet wären die touristischen Sonderzonen, die Nordkorea schaffen will, die Keimzellen seiner Selbstauflösung. In Szechs Kopf gibt es die Idee, eine Drei-Diktaturen-Tour zu vermarkten, eine geführte Gruppenreise durch Russland, Nordkorea und China, gern per Sonderzug. Er würde das "Diktatour" nennen.
Bald sehen Szech und seine Leute Nordkorea zum ersten Mal bei Tageslicht. Schriftzüge stehen auf Steintafeln in der Landschaft, "Wir gehorchen der Partei", "Unsere Methode ist eine gute Methode". "Ermunterungen" für das Volk nennt das Frau Ri. Zu Hunderten ziehen Arbeiterinnen und Arbeiter über die braunen Felder. Keine einzige Landmaschine ist zu sehen, Agrarwirtschaft aus dem 19. Jahrhundert. Bei den Hungersnöten in den Neunzigern kamen viele hunderttausend Nordkoreaner ums Leben.
Man darf fotografieren, das ist neu, lange Zeit fuhren Touristenbusse mit geschlossenen Vorhängen übers Land. Doch weil Touristen nur Ausschnitte vorgeführt werden, die dem Regime genehm sind, ist die erblickte Realität nie repräsentativ. Man kann unter Jochen Szechs Leuten zwei Arten der Wahrnehmung unterscheiden, zwei Arten, aus dem Busfenster zu schauen. Einige haben diesen konstanten Röntgenblick, der immer enttarnen will, was sich ihm darbietet, der stets nur das Böse sehen will. Andere wiederum, vielleicht aus professioneller Höflichkeit, zeigen eine erstaunlich hohe Bereitschaft, den errichteten Fassaden Glauben zu schenken, auf das Gute zu vertrauen. Beides endet in Blindheit.
Acht Kilometer lang, sagt Frau Ri, sei der Staudamm, über den der Bus gerade fahre, und er trenne die Mündung des Taedong-Flusses vom offenen Meer, 30 000 Soldaten hätten an dem Bau mitgewirkt. Frau Ri mag Zahlen, solange sie nichts aussagen. Es gibt auch Zahlen, die sie nicht nennt. 15 bis 40: Um ungefähr diesen Faktor liegt das Pro-Kopf-Einkommen in Südkorea höher als im Norden. 20 Prozent: So viel beträgt der Anteil an nordkoreanischen Männern zwischen 17 und 54 Jahren, die der Armee dienen und das Land zum wohl höchstmilitarisierten der Welt machen. 80 000 bis 130 000: Das ist die Spanne der Schätzungen zur Zahl der nordkoreanischen Insassen von Zwangsarbeits- und Umerziehungslagern, die offiziell nicht existieren.
Als wir über die Chongsanri-Bauernkooperative schlendern, einen Musterbetrieb mit tausend Bewohnern, hat Jochen Szech ein paar Ideen. "Hier könnte man wunderbar ein Bauernfrühstück für Reisegruppen veranstalten", sagt er. "Lasst doch die Besucher bei der Obsternte mitmachen, das geht in israelischen Kibbuzim auch." Frau Ri sagt, sie werde diese Vorschläge an ihre Vorgesetzten weiterleiten. Was es bereits gibt, sind geführte Fahrradtouren über Land. Und einen Wasservergnügungspark in Pjöngjang.
Auf dem Spielplatz der Grundschule der Kooperative steht eine Panzerattrappe als Klettergerät. In seinem Buch "The Real North Korea" gibt Andrei Lankov, russischer Nordkorea-Experte an der Kookmin-Universität in Seoul, ein Beispiel für eine Rechenaufgabe aus einem nordkoreanischen Schulbuch. "Während des Vaterländischen Befreiungskrieges töteten die tapferen Soldaten der Koreanischen Volksarmee in einer Schlacht 374 imperialistische amerikanische Bastarde. Die Anzahl der Gefangenen war um 133 höher als die Zahl getöteter amerikanischer Imperialisten-Schweine. Wie viele Bastarde wurden gefangen genommen?"
Sigi Müller, Gründer von Kiwi Tours, ist mit 18 Jahren allein aus der DDR abgehauen. Eine jüngere Teilnehmerin der Reise ist ebenfalls in Ostdeutschland aufgewachsen. Wenn die anderen, die Westdeutschen im Reisebus, die ungläubig auf die sozialistischen Szenen vor den Fenstern starren, auf die baufälligen Plattenbauten und die uniformierten Pioniere im Gänsemarsch, wenn die sie also fragen, "sag mal, war das bei euch im Osten auch so?" - das kann sie nicht leiden. Vielleicht, weil alles ganz anders war. Vielleicht, weil vieles ganz ähnlich war.
Die Korean International Travel Company hat ein Mittagessen vorbereitet am Fuß des Berges Ryongak. Hier ist ein Park, durch den sich ein steinerner Drache windet. Gruppen von Nordkoreanern sitzen um Feuerstellen, manche haben Lautsprecher und Mikrofon mitgebracht und singen Karaoke. Sie lachen den Besuchern zu, diesen ganz und gar Fremden, und wenn die Deutschen jetzt Koreanisch sprächen oder die Einheimischen Englisch, dann könnten sie miteinander reden, die Nordkoreaner könnten erzählen von ihrem wunschlosen Unglück.
Es gibt Hühnchen und Schwein, dazu Ginkgo mit Datteln und leider auch Kimchi: fermentierten Kohl. Eine Handorgelspielerin und eine Sängerin erscheinen und spielen koreanisches Liedgut, alle müssen tanzen. Bald intoniert das Duo die Internationale, das Kampflied aller Sozialisten. Völker, hört die Signale, auf zum letzten Gefecht, die Internationale erkämpft das Menschenrecht. Für eine Minute fühlt es sich an, als gäbe es für alle ein gemeinsames Ziel.
Tag 3: Monument Mansudae - Kim-Il-Sung-Platz - Pjöngjang Metro - Daesong Oberschule "9. Juni", Schülerkonzert - Massengymnastik Arirang im Stadion "1. Mai" - Hotel Yanggakdo
Pjöngjang wirkt nicht wie eine reale Stadt, eher wie das überdimensionale Modell einer Stadt, wie ein exzentrischer Vorschlag bei einem Architekturwettbewerb, entworfen von einem Wahnsinnigen und nur irrtümlich verwirklicht. Hunderte graue, riesige, gleichartige, quaderförmige Wohnblöcke. Rechtwinklig zueinander stehend in die Ebene gesetzt wie Legosteine auf ein Steckbrett. Dazwischengestreut große freie Plätze und ein gutes Dutzend gigantische Monumente zu Ehren des Systems. Sigi Müller sagt: "Die mögen hier gern große Sachen." Pjöngjang ist ein einziges Denkmal, "bitte nicht anfassen", sagt Frau Ri oft, und die Bewohner, zweieinhalb Millionen, wirken immer irgendwie störend. Die Stadt ist nicht für sie gemacht.
Sie anzuschauen, die Menschen von Nordkorea, ist die Hauptbeschäftigung des Touristen. Man beobachtet ihr Verhalten, als führe man durch einen Menschenzoo. Chinesische Touristen sind in Nordkorea durch ihre Neigung aufgefallen, kleinen Kindern ungefragt Süßigkeiten hinzuwerfen. Wie beim Entenfüttern.
Überall sieht man die Zeichen des Aufbruchs, der Öffnung, der wachsenden Individualität. Die Nordkoreaner gehen zu Hunderten auf den breiten Gehsteigen und tragen erstaunlich variantenreiche, bunte Kleidung, billig aus China importiert. Viele sprechen und tippen in ihre Handys, mit denen sie allerdings nicht ins Ausland telefonieren können. Sie betreiben kleine Shops an Straßenecken, wo es Brot, Getränke und Zigaretten gibt. Viele Frauen haben Kurzhaarfrisuren, nach dem Vorbild der Gattin des Führers. Der Tourist weiß zwar, dass er nicht die Wahrheit sieht, dass Pjöngjang der Wohnort der Privilegierten dieser Gesellschaft ist, dass es auf dem Lande, dort, wo man als Tourist nicht hinkommt, ganz anders aussieht.
Dennoch. Es ist wieder so ein Moment, da Zweifel aufkommen bei den Touristikern. Zweifel daran, dass die Horrormeldungen über Nordkorea, die ihnen zu Hause in den Medien geboten werden, wahr sein können: Armut, Arbeitslager, Folter, Exekutionen. Vor den Fenstern zieht ein funktionierendes, sattes Pjöngjang vorbei, und Jochen Szech sagt den Satz: "Da seht ihr, dass man nicht alles glauben darf, was in der Zeitung steht."
Sie sind Tourismusunternehmer, sie mögen keine geschäftsschädigende Berichterstattung. Nach Ägypten, wo angeblich Revolution ist, wolle kaum mehr jemand hinfahren, sagt einer, "dabei zeigen die doch im Fernsehen immer dasselbe brennende Auto in Kairo".
Aber es ist tatsächlich Revolution in Ägypten. Und der nordkoreanische Gulag existiert wirklich. Die "Washington Post" stellte unlängst einen historischen Vergleich an. Es gehöre zu den großen Fragen des Zweiten Weltkriegs, so der Autor, warum die Alliierten so lange von Auschwitz wussten, ohne etwas dagegen zu tun. "Historiker der Zukunft werden sich" - bezüglich Nordkorea - "erneut wundern, wie die Welt so viel wissen konnte und so wenig tat."
Und Touristen müssen sich fragen: Darf man so viel wissen über Nordkorea und trotzdem hinfahren? Andrei Lankov, der Nordkorea-Experte in Seoul, hat eine eindeutige Antwort: ja. Wer aus moralischen Gründen nicht nach Nordkorea reisen wolle, so Lankov, "müsste sich konsequenterweise von einer ganzen Reihe von Ländern fernhalten, etwa China, Russland, Ägypten, Vietnam oder Thailand". Lankov hält jeden Touristen in Nordkorea "für einen Teil der Lösung, nicht für einen Teil des Problems".
Dann ragen aus dem Boden zwei riesige goldene Zwerge. Szech und seine Leute stehen vor dem Großmonument Mansudae, das an den koreanischen Partisanenkampf gegen die japanischen Besatzer erinnert. Kim Il Sung und Kim Jong Il, in Bronze gegossen, wirken trotz 20 Meter Höhe seltsam klein und gedrungen. Touristen, die hierhin geführt werden, also alle, werden von ihren Reiseleitern aufgefordert, sich vor den beiden Diktatoren zu verbeugen, und die meisten, leicht erziehbar, tun das auch tatsächlich. Auch Szechs Truppe. Unter den westlichen Besuchern Nordkoreas ist ein erstaunliches Maß an Biegsamkeit zu beobachten. Man lässt sich protestlos abends im Hotel einsperren, lässt sich herumkommandieren, hält sich an die Regeln, zeigt sich gefügig. Eine Reise nach Nordkorea bringt den Nordkoreaner in jedem hervor.
Tag 4: Kumsusan-Palast - Fahrt nach Kaesong - Souvenirladen (Briefmarken kaufen) - Königsgrab von Wanggon - Gemeinsames Reisfladenschlagen
Pjöngjang hat keine Sehenswürdigkeiten im Wortsinn, nichts, was es hier gibt, muss man gesehen haben, alles ist nur pompös und banal. Der Reiz dieses Orts für den westlichen Touristen entspringt den Dingen, die fehlen. Keine Marktwirtschaft - keine Reklame. Keine Plakate, keine blinkenden Neonschriften. Die Abwesenheit des kapitalistischen Marktgeschreis führt zu einer großen, dunklen, verführerischen Ruhe. Hinzu kommt die erzwungene Pause vom digitalen Leben: kein Internet, keine E-Mails, keine Telefonanrufe, herrlich. "Das werden die Gäste lieben", sagt Jochen Szech. Du hast keine Wahl. Du musst nicht entscheiden, in welches Restaurant du heute gehst, es gibt kaum Restaurants, und Frau Ri hat es schon ausgesucht.
Keinen Raum für den eigenen Willen, keine Freiheit: Das ist der Fluch für die, die hier leben. Es ist gleichzeitig vielleicht das größte Luxusgut, das Nordkorea westlichen Besuchern bieten kann: ein paar Tage Urlaub vom Multioptionsdasein.
Danach allerdings, so glauben die Tourismusunternehmer, braucht der Kunde Erholung. Ein paar Tage Strand nach der Reisearbeit. Das chinesische Hainan wäre eine Option, "das ist das Mallorca Asiens", sagt Szech.
Tag 5: Panmunjom - Pjöngjang - Militärparade - Massentanz beim Parteimonument - Abschiedsdinner
An der Demarkationslinie, in der demilitarisierten Zone in Panmunjom, die seit dem Ende des Korea-Kriegs 1953 den Süden vom Norden trennt, kann man den Südkoreanern auf der anderen Seite in die Gewehrmündung blicken. Auf dem Mobiltelefon, in Reichweite südkoreanischer Netze, trifft eine Nachricht aus der anderen Welt ein: "Welcome to South Korea".
Lässt irgendeine Armee, die es ernst meint, Touristen an ihre Frontstellungen? Ein dritter Weltkrieg, wenn es ihn gäbe, würde am ehesten an diesem Ort ausbrechen. Seit März 2013 gibt es kein gültiges Waffenstillstandsabkommen mehr, offiziell sind Nord- und Südkorea im Krieg. Oder glaubt das hier in Wahrheit längst keiner mehr? Ist auch das alles nur Staffage, Teil jener Drohkulisse, die Kim Jong Un um seine Bombe herum aufgebaut hat, im Wissen darum, dass sie ihn und sein System zerstört, wenn er sie zündet? Was ist hier Wahrheit, was List?
Auch Hauptmann Kang Myang Son, der der Gruppe auf einer Schautafel die Gefechtslage im Grenzgebiet erklärt, benimmt sich wie ein Schauspieler. Erst sagt er in bebendem Bariton seinen Text auf, verdammt die Amerikaner, lobt die Atombombe, erzählt von seinen Soldaten, "von denen jeder Einzelne hundert Gegner töten kann". Sein Antiamerikanismus stößt auf Sympathie in der Reisegruppe, "die USA sind das einzige Land, in das ich aus politischen Gründen nicht mehr einreise", sagt einer der Deutschen. Dann, als der Hauptmann seinen Part beendet hat, erschlaffen seine strengen Züge, macht er draußen Witze, raucht eine Zigarette mit den Besuchern, posiert grinsend für Fotos.
Es sind die eigenen Klischees, die Nordkorea den Touristen verkauft. Die militärische Stärke, der Führerkult, die dressierten Massen im Stadion. Das ist derselbe touristische Mechanismus, gemäß dem Bayern mit Lederhosen für sich wirbt. Oder Brasilien mit Samba-Tänzerinnen. Nordkorea, aus der Perspektive, die man Touristen erlaubt, ist ein stalinistischer Themenpark.
Tag 6: Abflug 9.00 Air Koryo JS 151
Also: hinreisen? Auch wenn das Geld, das man ausgibt, dem Regime zufließt?
Hinreisen, sagt Jochen Szech. Auch Wochen später, nachdem Nordkorea wieder einmal besonders üble Schlagzeilen verursachte, weil Kim Jong Un seinen Onkel, den Vier-Sterne-General Chang Song Taek, hinrichten ließ, bleibt Szechs Glaube an die touristischen Segnungen für das Land unerschütterlich. Es handelt sich seiner Meinung nach um "vorübergehende Turbulenzen, wie sie nun mal vorkommen in Diktaturen".
Abschied. Gleich verlassen Jochen Szech und seine Leute den anderen Zustand und fliegen zurück in die Welt, aus der sie stammen. Wichtigste Erkenntnis: Nordkorea liegt auf der Erde. Es ist kein anderer Planet. Man kommt als Tourist ziemlich leicht hinein, man ist dort sicher, man kommt wieder raus. Ja, es ist der Spielplatz eines irren Geists. Ja, es darf und wird nicht bleiben, wie es ist.
Frau Ri, die inzwischen bemerkt hat, dass ein Journalist in der Gruppe ist, oder die das von Anfang an wusste, wirkt am Ende beinahe ein wenig traurig, doch das kann täuschen. Am Flughafen umarmt sie jeden einzeln, und mir spricht sie ins Ohr: "Sagen Sie den Lesern, sie sollen uns besuchen." ◆
Von Mingels, Guido

DER SPIEGEL 6/2014
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