10.02.2014

KARRIERENSehnsucht nach Amerika

Präsident Gauck wollte unbedingt mehr Gehör finden. Ein Berater verhalf ihm dazu, doch vielleicht mit etwas zu lauten Worten.
Im Getümmel der Münchner Sicherheitskonferenz steht am Samstag vor einer Woche ein hochgewachsener Mann. "Home-Run", sagt er. Es ist sein Urteil über die Grundsatzrede des Bundespräsidenten zur deutschen Außenpolitik, über jene Rede, in der Joachim Gauck den Konferenzteilnehmern zurief, Deutschland solle sich außenpolitisch künftig "früher, entschiedener und substantieller" engagieren.
Home-Run. Den Begriff verwenden Amerikaner, wenn ein Spieler beim Baseball den Ball so hart und weit schlägt, dass der Gegner ihn nicht schnell genug kontrollieren kann: ein Triumph. Auch Berater von US-Präsident Barack Obama loben so ihren Chef nach beeindruckenden Ansprachen. Doch der hochgewachsene Mann in München ist kein Amerikaner, er ist Deutscher und seit August vergangenen Jahres "Leiter Planungsstab und Reden" im Bundespräsidialamt: Thomas Kleine-Brockhoff, 53.
Der ehemalige Bürgerrechtler Gauck hat nie einen Hehl daraus gemacht, wie sehr er die Vereinigten Staaten von Amerika bewundert, das selbsternannte Land der Freiheit. Es ist also nicht verwunderlich, dass Gauck gerade Kleine-Brockhoff zu seinem Redenschreiber gemacht hat, der als "Zeit"-Korrespondent in Washington jahrelang gegen den antiamerikanischen Zeitgeist angeschrieben hatte.
Gauck reiste erst kurz nach der Wiedervereinigung zum ersten Mal in die USA. Von seinem Aufenthalt in Washington schwärmte er später wie ein kleiner Junge von Disney World. Erst in jüngster Zeit hat sich das Amerika-Bild des Präsidenten wegen der NSA-Affäre eingetrübt. Nichts ist ihm nämlich wichtiger als bürgerliche Freiheiten - und die greifen die Späher von der NSA fundamental an.
Mit Kleine-Brockhoff teilt Gauck nicht nur die Sehnsucht nach Amerika, sondern auch den Wunsch nach einer aktiveren Rolle Deutschlands in der Welt. Als Kleine-Brockhoff 2007 zur US-Denkfabrik German Marshall Fund wechselte, widmete er sich mit Leidenschaft jenem Thema, das Gauck jetzt zum neuen Leitmotiv seiner Präsidentschaft erwählt hat: Deutschlands Verantwortung.
"Deutschland hat geistige Faulheit bewiesen, indem es fälschlicherweise glaubte, Frieden und Wohlstand seien automatisch garantiert", schrieb Kleine-Brockhoff damals in einem Aufsatz. "Es ist trügerisch, sich vorzustellen, Deutschland sei geschützt vor den Verwerfungen unserer Zeit - wie eine Insel", sagte Gauck nun in München. So offensichtlich klangen die inhaltlichen Parallelen, dass Konferenzteilnehmer scherzten: "Habt ihr auch Kleine-Brockhoff zugehört?"
Gauck hat endlich einen Berater gefunden, der prägnant formuliert, was Gaucks eigene Überzeugung ist. Seit langem habe der Präsident sich mit Berlins neuer Rolle in einer globalisierten Welt befasst, heißt es in seiner Umgebung. Doch bislang fanden seine Reden zu wenig Echo.
Nun hat er einen Adjutanten gefunden, der seine außenpolitischen Überzeugungen nicht nur teilt, sondern zu Schlagzeilen macht. Andererseits ist der neue Präsidenteneinflüsterer nicht so leicht in eine behäbige deutsche Behördenbürokratie zu integrieren. Kleine-Brockhoff galt bei der "Zeit" als genialer, aber auch getriebener Journalist. "Große-Brockhaus" nannten ihn Kollegen, weil er noch die winzigsten Details einer Recherche wie ein Lexikon speicherte - etwa als er deutschen Politikern bei der Privatisierung der Leuna-Werke Korruption nachzuweisen suchte.
Im Präsidialamt registrieren Mitarbeiter stirnrunzelnd, wie selbstbewusst und bestimmt der Neue auftritt - und wie albern ihm mit seiner amerikanischen Sozialisierung manche innenpolitischen deutschen Debatten erschienen.
Einige fürchten gar, der schillernde Vordenker könne den Präsidenten in den Schatten stellen, der von der Weltläufigkeit seines Beraters beeindruckt scheint. Kleine-Brockhoff versichert zwar, er verstehe seine Rolle als die eines Dienstleisters. Außerdem ließe sich der Präsident bestimmt keine Ideen einflüstern, Gauck habe schließlich seine eigenen Gedanken über Jahrzehnte entwickelt. Doch sich kleinzumachen fällt dem Amtsneuling naturgemäß schwer. Kleine-Brockhoff misst 2,02 Meter.
Von Florian Gathmann und Gregor Peter Schmitz

DER SPIEGEL 7/2014
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