10.02.2014

Wutachtal 21

EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTE: Wie 250 Fledermäuse eine Dampflok lahmlegten
Wo die Mopsfledermaus schläft, ist der Wutbürger nicht fern, Manuel Jußen durfte es gerade wieder erleben. Er hat persönlich nichts gegen die flauschigen Tierchen und gibt sogar zu, sie "schon putzig" zu finden. Aber dass sie stärker sein sollen, am Ende, als seine Dampflok? Und ihr Winterschlaf wichtiger genommen wird als das Wohl, ja womöglich der Fortbestand der im südlichen Schwarzwald weltberühmten Sauschwänzlebahn?
Jußen stapft durch den dunklen Kehrtunnel "Im Weiler", der auf 1205 Metern eine 180-Grad-Kurve am Berg beschreibt. Hier fährt, im Sommer, während tief drunten die Wasser der Wutach gurgeln, die Museumsbahn, gezogen von einer preußischen P8, Baujahr 1919, Jußens Lok. Und hier hätte sie auch den Winter über fahren sollen, wenn nicht die Beschützer der Mopsfledermaus auf den Plan getreten wären, deren Anliegen sich die zuständigen Behörden bald zu eigen machten.
Am 5. Dezember verhängte die Untere Naturschutzbehörde des Schwarzwald-Baar-Kreises ein totales Winterfahrverbot gegen die Sauschwänzlebahn. Eine Maßnahme, die ab sofort bis zum 31. März 2014 gilt, beschlossen mit dem Ziel, den Winterschlaf der geschützten Mopsfledermaus im Kehrtunnel keinesfalls zu stören.
Für die Betreiber der Museumsbahn, ein Unternehmen im Besitz des Städtchens Blumberg, war das gewissermaßen die Kriegserklärung. Und vor ihnen lag eine Art Präzedenzfall: Hier ging es nicht wie so häufig darum, die Natur gegen eine rücksichtslose Moderne zu verteidigen. Hier ging es darum, Mopsfledermäuse gegen nostalgische Dampflok-Touren auszuspielen, Altes gegen zu Erhaltendes; eine harte Nuss.
Die Bahnbetriebe Blumberg klagten gegen die angeordnete "sofortige Vollziehung". Und Manuel Jußen ärgerte sich darüber, dass seine prachtvolle P8, 18 Meter lang, 70 Tonnen schwer, ungenutzt überwintern sollte wegen 250 kleiner Fledermäuse, die sich die falsche Höhle ausgesucht hatten. "Ich habe nichts gegen Fledermäuse", sagt Jußen, "aber ..." Sein Aber betrifft unseren Lebensstil. Keine Bahnfahrt ohne Folgen. Kein Ausflug ohne Emissionen. Die Ökobilanz unseres Lebens: am Ende deutlich negativ.
Die Hüter der vom Aussterben bedrohten Fledermaus hatten starke, anrührende Argumente. Über 20 Jahre alt könnten die hochentwickelten Tiere werden. Ein Leben lang kehrten sie in ihre gewohnten Quartiere zurück. Und eine Umsiedlung, hier und da bereits versucht, funktioniere in der Regel nicht. Sie wegen ein paar "Nikolausfahrten" zu gefährden konnte einem aus vielen Gründen unvernünftig vorkommen.
Für das zuständige Landratsamt war der Fall deshalb klar: Die Fledermäuse haben - in dem eigens für sie eingerichteten Schutzgebiet - Vorfahrt beziehungsweise das Recht auf ungestörten Schlaf. Und folglich hatte die kommerzielle Museumsbahn, laut Eigenwerbung "ein unvergessliches Erlebnis", im Winter zu ruhen.
Vor dem Verwaltungsgericht Freiburg erreichten Lokbesitzer Jußen und die Geschäftsführung der Sauschwänzlebahn im Kampf mit den Kreisbehörden einen Vergleich. Den zugehörigen Bericht begann der lokal zuständige "Südkurier" mit dem Satz: "Durchatmen bei der Sauschwänzlebahn", aber davon konnte gar keine Rede sein. Die Betreiber der Bahn erreichten nur, dass einmal in diesem Winter ein - dieselgetriebener - Messzug den Kehrtunnel durchfahren darf, um die Strecke zu überprüfen. Dampfgetriebene Vergnügungsfahrten blieben dagegen strikt untersagt, bis die Mopsfledermäuse im Frühling ihr Quartier wieder verlassen würden.
"Das Verbot ist ein Einfallstor, da werden wir nicht mehr glücklich", sagt Lokbesitzer Jußen. In Blumberg fürchten sie nun weitere Einschnitte in den Fahrplan ihrer Nostalgie-Bahn, und ein wenig missmutig bereiten sie sich auf das große "Westernwochenende" Mitte Mai vor, auf die "Vatertagsfahrt" und das "Whiskytasting" später im Jahr. Und natürlich stellen sie die in Deutschland so schwer zu beantwortende Frage, welche Interessen höher zu bewerten seien: jene von 250 Mopsfledermäusen oder jene von Tausenden Touristen, die sich an der Schönheit des Südschwarzwaldes an Bord einer Dampfeisenbahn erfreuen wollen.
Tatsächlich fahren bis zu 120 000 Fahrgäste jedes Jahr mit der Sauschwänzlebahn. Vielleicht reicht das. Vielleicht ist es richtig, 250 seltene Tiere zu schützen, statt auch noch im Winter unter Dampf durch die naturgeschützte Gegend zu knattern. Vielleicht treten an den Ufern der Wutach, bildlich gesprochen, auch zwei bedrohte Arten gegeneinander an. Und wer zuerst ausstirbt, hat verloren.
Von Christina Schmidt

DER SPIEGEL 7/2014
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