10.02.2014

FRANKREICHMarines bester Mann

Der Front national führt vor den Europawahlen die Umfragen an. Sein Chefstratege ist ein 32-jähriger Eliteschulabsolvent. Florian Philippot verkörpert die Verwandlung der einst geächteten in eine wählbare Partei.
An einem eisig kalten Wintertag geht Florian Philippot durch die Straßen von Forbach, der Stadt, in der er zum Bürgermeister gewählt werden möchte. Leute eilen herbei, um seine Hand zu schütteln, ein Ladenbesitzer schenkt ihm einen Keks, die Wirtin der Bahnhofskneipe gibt einen Kaffee aus. Ein alter Tunesier legt den Arm um ihn.
Philippot ist der Kandidat des Front national (FN), einer Partei, die in Frankreich als "rechtsextrem" bezeichnet wird, doch ihm schlägt Freundlichkeit entgegen. Niemand stellt sich ihm in den Weg, niemand beschimpft ihn. Wem soll dieser nette junge Mann schon Angst machen?
"Ich werde das erste Mal rechtsextrem wählen", sagt ein wenig aufgekratzt die blondierte Frau an der Kasse eines Ladens, den Philippot besucht. "Das ist nicht rechtsextrem", sagt Philippot, "es ist - nennen wir es eine kohärente Wahl." Die Frau schaut erschrocken: "Das war nicht abwertend gemeint. Ich meine nur - es ist sicherlich extremer als alles, was ich bisher gewählt habe."
Florian Philippot ist ein ruhiger 32-Jähriger, nicht besonders groß, nicht besonders hübsch, auf vertrauenerweckende Weise jungenhaft. Mit seinen polierten Schuhen und dem gutsitzenden Mantel sieht er aus wie der Absolvent einer Eliteschule, der er auch ist. Philippot ist ein besonderer Kandidat. Er ist Vize-vorsitzender des Front national, Chefstratege und der wichtigste Berater seiner Chefin Marine Le Pen.
Das kleine Forbach an der deutschen Grenze, 22 000 Einwohner, gegenüber von Saarbrücken, will er bei den Kommunalwahlen im März für sich erobern. Seine Chancen stehen gut. Nach Marine Le Pen ist Florian Philippot das gefragteste Gesicht der Partei. Fast täglich tritt er in Radio und Fernsehen auf, kommentiert das Tagesgeschehen, kritisiert Regierung und Konservative. Wenn ihn gerade niemand interviewt, twittert er unentwegt seine Botschaften ins Land hinaus.
Bis vor wenigen Jahren galt die Partei als Haufen unwählbarer, rassistischer Außenseiter, nun präsentiert sie sich als professionelle Bewegung mit freundlichem Personal. Dafür steht Philippot wie kein anderer. Eine Figur wie ihn gab es in der Partei bisher nicht. Er war hoher Funktionär der Generalinspektion im Innenministerium, er ist Absolvent der Eliteschulen HEC und Ena, der Kaderschmieden der Republik.
Wenn man in diesen Wochen irgendwo im Land eine Sektion des FN besucht oder ihr Spitzenpersonal begleitet, erlebt man eine Bewegung im Hochgefühl. 2014 ist für die Partei ein entscheidendes Jahr, bei den Kommunal- und den Europawahlen erwartet sie einen Triumph.
Einen symbolischen Sieg erzielte sie schon im vergangenen Oktober: Sie gewann eine im Grunde unbedeutende Regionalwahl in der südfranzösischen Stadt Brignoles. Der Vertreter des FN schlug im zweiten Wahlgang eine Kandidatin, die von Sozialisten und Konservativen unterstützt wurde. Es war ein Zeichen dafür, dass die Zeit der Zweckbündnisse zwischen Links und Rechts zu Ende geht, die bisher Siege des FN verhinderten.
Bei den Europawahlen im Mai könnte der FN 23 Prozent erreichen, er wäre damit stärkste Partei, vor den Konservativen und den Sozialisten. Philippot ist auch bei der Europawahl Kandidat, er führt die Liste im Osten des Landes an.
An einem Winterabend sitzt Florian Philippot im Saal des Wirtshauses "Les bons amis" in Geispolsheim, einem elsässischen Kaff bei Straßburg, anderthalb Autostunden von Forbach entfernt. Rund 150 Fans und eine Handvoll Journalisten füllen den Saal bis auf den letzten Platz.
Geduldig wartet er, bis die örtliche Parteichefin ihre Ausführungen über herumlungernde Kosovaren beendet hat, dann stellt er sich vor die Menge. "Etwas Großes ist im Begriff, sich zu ereignen", sagt er. "Es gibt eine Dynamik des Volkes. Ihr spürt das, und die Mächtigen spüren es auch. Deshalb sind sie so unruhig."
Philippot ist ein rhetorisch brillanter, aber kein charismatischer Redner. Er entwirft das Bild eines Landes, in dem Einwanderer Parallelgesellschaften errichten, während die Franzosen der Globalisierung ungeschützt ausgesetzt sind. Er sagt, Sozialisten und Konservative machten - unter dem Diktat Brüssels - ein und dieselbe Politik: für Großkonzerne, gegen einfache Bürger. Er spricht seine Worte kalt in den Saal, ein Zitat von Marine Le Pen: "Globalisierung, das bedeutet: Man lässt Produkte von Sklaven herstellen und verkauft sie an Arbeitslose!"
Der Front national hingegen, erklärt Philippot, wolle aus dem Euro austreten, den Freihandel einschränken, die Grenzen zu den Nachbarländern wieder kontrollieren und außerdem Volksabstimmungen einführen. "Wir sind die Einzigen, die über echte Probleme reden: Arbeitslosigkeit, Sicherheit, Einwanderung."
In seinem Programm gelobt der FN, die Einwanderung auf 10 000 Personen pro Jahr zu beschränken und bei der Jobsuche den "nationalen Vorrang" für Franzosen vor Ausländern einzuführen. Doch davon spricht Philippot heute nicht, er fordert "intelligenten Protektionismus" und Widerstand gegen die von Deutschland verordnete Austerität.
Am Ende seiner Rede bricht Jubel aus, Anhänger umringen ihn und wollen mit ihm fotografiert werden. Ein Schweißer, der sich Eddy nennt, lässt kaum mehr seine Hand los. Er sagt, er habe François Hollande gewählt und könne seine Dummheit kaum fassen.
Der Erfolg des lange geächteten Front national hat vor allem zwei Ursachen. Die eine ist das gesellschaftliche und politische Klima in Frankreich. Eine Depression hat das Land im Griff, viele Bürger haben kein Vertrauen mehr in ihre Eliten. Sie fürchten den wirtschaftlichen Abstieg und den politischen Bedeutungsverlust Frankreichs. Diese Ängste versteht der FN, und er profitiert von ihnen.
Wie explosiv die Stimmung im Land ist, zeigt sich auch in der Radikalisierung der katholischen Rechten. Mehr als 100 000 Menschen demonstrierten am vorvergangenen Wochenende wieder gegen Hollande und die Homo-Ehe.
Der zweite Grund für den Erfolg des FN ist, dass er nicht mehr die Partei ist, die er einmal war. Ihr Mitbegründer Jean-Marie Le Pen schockierte einst mit der Aussage, die Gaskammern seien "ein Detail der Geschichte". Seit seine Tochter Marine im Januar 2011 zur Parteichefin gewählt wurde, hat sie den Front national der "dédiabolisation" unterzogen: der "Entteufelung". Sie trennte sich von Mitgliedern, die sich antisemitisch geäußert hatten, kämpft dafür gegen die angebliche Bedrohung durch den Islam und verspricht soziale Wohltaten.
Marine Le Pen zielt nun auf den Mainstream und auf die Macht. Das Mehrheitswahlrecht macht es unwahrscheinlich, dass sie eines Tages Präsidentin Frankreichs wird. Im Europäischen Parlament aber könnte sie bald über die meisten französischen Abgeordneten verfügen.
Ein solcher Erfolg der Antieuropäer in Frankreich, einem der beiden Kernländer des Euro, wäre ein Schlag für das zerbrechliche europäische Projekt. Auch in anderen Ländern sind populistische, antieuropäische und einwanderungsfeindliche Parteien erfolgreich, und mit einigen will der FN in Brüssel paktieren: etwa mit der österreichischen FPÖ und dem Niederländer Geert Wilders.
Am Tag nach seinem Auftritt in Geispolsheim sitzt Philippot in einer Wohnung im dritten Stock eines Wohnhauses im Stadtzentrum von Forbach. Hier liegt seine Wahlkampfzentrale, von hier aus will er die Stadt erobern. Sein Team brütet über Flugblättern, an der Wand hängt ein großes Porträt von Marine Le Pen.
Es bleibt vieles rätselhaft an diesem Mann. Er sagt nichts Unüberlegtes, und Einblicke in sein Innenleben lässt er nicht zu. Er ist ein introvertierter Mensch, der zweifellos gut ist in dem, was er tut, aber es ist schwer zu sagen, woran er wirklich glaubt und wer er ist.
Als Frankreich im Januar 2013 erstmals Massendemonstrationen gegen die Homo-Ehe erlebte, sagte Philippot, er werde daran nicht teilnehmen. Ein Radiosender fragte ihn deshalb nach seiner sexuellen Orientierung. Er antwortete: "Ich rede niemals über mein Privatleben. Das werden Sie nie erfahren."
Sein Held ist General de Gaulle, der stets ein Verfechter der französischen Souveränität gewesen sei. "De Gaulle hätte niemals dem Euro zugestimmt und schon gar nicht dem Fiskalpakt", sagt Philippot und bezeichnet seine Partei als die "wahren Nachfahren" des Generals. Sein Verhältnis zu Jean-Marie Le Pen, dem Parteimitgründer, einem lebenslangen Gegner de Gaulles, gilt als problematisch.
Er erzählt gern, dass er nie für den alten Le Pen gestimmt habe - nicht einmal 2002, als dieser zum Schrecken der meisten Franzosen den zweiten Wahlgang der Präsidentschaftswahlen erreichte. Philippot war damals ein Anhänger des Linksnationalisten Jean-Pierre Chevènement, eines früheren Innenministers.
Damals schon habe ihn gestört, sagt er, dass die führenden Köpfe des Landes zu gleichförmig dächten. An seiner Uni seien 90 Prozent für die EU-Verfassung gewesen. 55 Prozent der Franzosen lehnten die dann in einem Volksentscheid ab. "Diese Entkoppelung zwischen Eliten und Bevölkerung kann nicht funktionieren."
Als er 2009 bereits im Innenministerium arbeitete, hörte er erstmals von Marine Le Pen. Sie war noch nicht Parteivorsitzende, aber er wollte sie unbedingt treffen, und ein gemeinsamer Freund vermittelte ein Abendessen. Was dann geschah, hört sich an wie Liebe auf den ersten Blick: "Es hat sofort gepasst, menschlich und politisch." Philippot und sie hätten gegenseitig die Sätze des anderen beendet, schwärmte Marine Le Pen später.
Philippot wurde zu ihrem heimlichen Berater für Medien und Strategie. Als er 2011 das erste Mal vor Journalisten sprach, stellte sie ihn der Presse unter einem Pseudonym vor, damit er bei der Arbeit keine Probleme bekomme. Erst in jenem Jahr trat er der Partei bei. Im Oktober ernannte sie den unbekannten 30-Jährigen zu ihrem Strategiechef für die Präsidentschaftswahlen. Im Juli 2012, nachdem sie das historisch beste Ergebnis der Parteigeschichte erzielt hatte, machte sie Philippot zum Vizevorsitzenden.
Nun steht Philippot vor seiner nächsten Herausforderung, der Wahl in Forbach. Zurzeit stellt die Partei in Frankreich keinen einzigen Bürgermeister. Philippot glaubt, dass sie im Frühjahr Tausende Gemeinderäte und sogar fünf bis zehn Rathäuser gewinnen könnte.
Forbach ist für Philippot ein Rückspiel. Bei den Parlamentswahlen vor anderthalb Jahren holte er hier 46,3 Prozent und verlor nur knapp gegen den heutigen sozialistischen Abgeordneten Laurent Kalinowski, der auch Bürgermeister ist. Dieses Jahr will er ihn schlagen. Forbach könnte für die Partei ein strategisches Einfallstor in einer Gegend sein, in der sie bisher wenig Erfolg hatte. Auch deshalb kam im Oktober der populäre Innenminister Manuel Valls zu Besuch, gefolgt von der Hauptstadtpresse.
Forbach ist eine hässliche Kleinstadt mit großer industrieller Vergangenheit. Neben dem Rathaus steht eine Statue, die drei Bergleute zeigt. Sie erinnert an eine Zeit, in der sich der Kohlenbau in seiner Blüte befand. Die letzte Mine machte 2004 dicht. Tausende frühere Bergleute befinden sich seither in einem lebenslangen Urlaub. Sie erhalten 80 Prozent ihres früheren Gehalts, dürfen aber nicht arbeiten. Forbach steht mit seinen Problemen für viele Gegenden Frankreichs: Deindustrialisierung, eine überdurchschnittliche Arbeitslosigkeit und ein Gefühl steigender Unsicherheit.
Der Sozialgeograf Christophe Guilluy hat in seinem Buch "Fractures françaises" beschrieben, dass der FN am stärksten in den sogenannten peri-urbanen Zonen hinzugewinnt. Sie liegen außerhalb der Großstädte, waren einst ländlich und kämpfen heute mit urbanen Problemen. Wirtschaftlich haben sie am stärksten verloren.
Die Sehnsucht, die der Front national bedient, ist die nach dem Frankreich der sechziger Jahre - ein autoritär regiertes, sich selbst genügendes Land mit weniger Einwanderern und einer staatlich gesteuerten, aber brummenden Wirtschaft.
Das größte Handicap Philippots im Wahlkampf ist, dass er nicht aus der Gegend stammt. Er ist in einem Vorort der Stadt Lille aufgewachsen und lebt seit Jahren im schicken 6. Arrondissement von Paris. In Forbach wirkt er manchmal wie ein Tourist, auch wenn er nun eine Zweitwohnung hier hat. Die Lokalpolitik fällt ihm nicht so leicht wie seine Fernsehauftritte. Seine Mitstreiter müssen ihn auf der Straße immer wieder auffordern, dort jemanden zu grüßen oder da mit jemandem ein kleines Gespräch zu führen.
Stolz ist Philippot auf sein Wahlprogramm, lauter DIN-A4-Seiten mit Vorschlägen: eine Fußgängerzone für die Innenstadt, mehr Videoüberwachung, die Förderung "französischer Kultur" statt islamischer Kulturvereine. Es unterscheidet zwischen der "neuen, ungebremsten Zuwanderung" und den "Söhnen und Töchtern einer erfolgreichen Einwanderung", die seine Wähler sein könnten. Die Passage liest er laut vor und grinst.
Am liebsten besucht er die Wähler zu Hause. Seine Anhänger sollen ihn den Nachbarn und Freunden vorstellen, demnächst werde er, sagt er, sogar bei einer Schwarzen in einer Sozialbausiedlung zu Gast sein. Doch an diesem Abend, im Haus der Familie Caps, trifft Philippot auf die traditionelle Wählerschaft des Front national. Es sind alte Menschen mit schwerem deutschem Akzent, wie man ihn hier in der Gegend oft hört. Sie wollen nicht über den Euro reden, sondern über falsch geparkte Autos und Ausländer. Warum, fragt Frau Caps, gebe es nirgends mehr Rostwurst, aber überall Döner?
Man könne in Forbach nach 18 Uhr nicht mehr raus, sagt einer, alle sind sauer wegen der Asylbewerber im Ort. Was machen wir eigentlich mit den Eingebürgerten?, fragt einer, und es ist klar, was er meint. Philippot übergeht rabiate Äußerungen geschickt und gibt den Leuten dennoch das Gefühl, er verstehe sie.
Als er in dieser Nacht am Rathaus vorbeifährt, ist im Büro des Bürgermeisters noch Licht zu sehen. "Die halten Kriegsrat", sagt Philippot vergnügt. "Kriegsrat gegen den Front national."
Der Bürgermeister von Forbach heißt Laurent Kalinowski, ein 58-jähriger Mann mit dünnem grauem Schnurrbart, er sitzt in einem riesigen Saal im obersten Stock des Rathauses, eines langgezogenen Betonbaus aus den siebziger Jahren, auch die Designermöbel im Raum stammen noch aus jener Zeit. Kalinowski ist wütend. Den Namen seines Widersachers nimmt er nie in den Mund, er nennt ihn nur: "le parachuté", den "mit dem Fallschirm Abgeworfenen". So heißen in Frankreich Kandidaten, die Parteien aus Paris in die Provinz entsenden - eine verbreitete, aber in Verruf stehende Praxis.
In Kalinowskis Honoratiorenfranzösisch schleicht sich immer wieder der Tonfall der Gegend. Sein Vater war Bergmann, zu Hause haben sie Lothringer Platt gesprochen, Französisch hat er erst in der Schule gelernt. Er selbst war Lehrer. "Der Front national ist und bleibt für mich rechtsextrem", sagt Kalinowski, "er kann sich anziehen, wie er will. Wenn man mir von dieser Partei erzählt, dann denke ich an 1933."
Der FN, sagt er, kenne diese Gegend überhaupt nicht, die seien wohl in Paris bei ihren Wähleranalysen darauf gestoßen. "Die surfen auf den Problemen, die wir hier haben", sagt er. "Eine antieuropäische Position ist doch absurd in dieser Grenzregion!"
Kalinowski ist zwar Abgeordneter, in Paris aber ein Unbekannter geblieben. Philippot ist ein Medienstar. Es ist ein ungleicher Kampf. "Erinnern wir uns an die Geschichte", sagt er. "Wer hatte vor 70 Jahren seine Position inne?" Er sagt nicht Goebbels, aber er meint Goebbels. Das Problem ist, dass viele seiner Bürger solche drastischen Warnungen schon ihr Leben lang gehört haben und dass viele sie nicht mehr ernst nehmen.
Philippot und seine Leute erzählen vergnügt, dass der Bürgermeister sie meide, dass er nicht beim Lions-Club-Dinner aufgetaucht sei, als er erfahren habe, dass Philippot komme, und ihm auch sonst aus dem Weg gehe. Kalinowski sagt, er lasse sich nicht von einem Dahergelaufenen vorschreiben, wie er seinen Wahlkampf zu führen habe.
In der Zwischenzeit besucht Philippot Geschäftsinhaber in der Innenstadt, die mit ihm sympathisieren. Einen Friseur, der eine Wahlkampfparty für ihn organisieren will, einen Boutiquebesitzer, der ihn mit Geschäftsinhabern zusammenbringen will - "aber superdiskret", sagt der und schlägt vor, das Treffen sicherheitshalber in Deutschland abzuhalten. Philippot geht durch eine Stadt mit offenen Türen. Aber das öffentliche Bekenntnis fällt seinen Unterstützern schwer.
Der Name Front national riecht trotz "Entteufelung" nach Schwefel. Es gibt Gerüchte, dass Marine Le Pen die Partei umtaufen könnte, das wäre ein weiterer Schritt weg vom Erbe ihres Vaters, hin zur Wählbarkeit. Professionalisiert hat sie die Partei bereits. Sie verfügt dank des Wahlergebnisses von 2012 über so viel Geld wie nie zuvor. In allen Départements gibt es nun Verbände, in einem Jahr sind 125 Parteibüros entstanden. Die Mitgliederzahl ist seit ihrer Wahl von 12 000 auf 80 000 gewachsen.
Neben den rauen alten Kämpen wirken Philippot und die smarten jungen Männer, die er zum FN bringt, manchmal immer noch wie eine Partei in der Partei. Sein persönlicher Mitarbeiter etwa, der ihm nicht von der Seite weicht. Julien Rochedy, der gutaussehende Chef des jungen FN. Oder Bruno Clavet, Kandidat in Paris, ein Teilnehmer der Talentshow "X Factor", von dem es Fotos aus seiner Zeit als Unterwäschemodel gibt.
Die meisten Kandidaten, mit denen die Partei bei den Kommunalwahlen antritt, sind Neulinge in der Politik. Die Zentrale hat für sie den "Kleinen Führer für den Kandidaten des Front national" erstellt. Darin steht etwa: "Es ist entscheidend für Ihre Glaubwürdigkeit, dass Sie sich auskennen in der Stadt, in der Sie antreten."
Philippot hat außerdem das wöchentliche Argumentarium erfunden: Seine Mitarbeiter verschicken vorgefertigte Wortbeiträge zu aktuellen Themen für Kandidaten, Abgeordnete und Parteileitung. Samt den erwarteten Gegenargumenten. Die Rolle des Spindoktors gefällt Philippot. Er wirkt manchmal, als ob alles ein Spiel wäre, bei dem es darauf ankommt, der Cleverste zu sein - wie in der amerikanischen Fernsehserie "House of Cards", wo ein Politiker keine Prinzipien braucht, sondern nur eine gute Taktik, die richtigen Sätze im richtigen Moment.
Nicht alle beim FN sind so gewieft wie Philippot und Marine Le Pen. Vielleicht geschehen deshalb immer wieder Pannen, die das Bild von der gewandelten Bewegung stören. Eine Kandidatin verglich die aus Französisch-Guayana stammende Justizministerin Christiane Taubira mit einem Affen. Seither haben auch andere FN-Kandidaten mit rassistischen Äußerungen auf sich aufmerksam gemacht.
Die Parteileitung hat sie alle umgehend suspendiert und sich von ihnen distanziert. Das unterscheidet den neuen Front national vom alten. Damals gehörten Ausfälle dazu, in der Welt von Florian Philippot haben sie keinen Platz mehr.
Wenn man ihn nach diesen Kandidaten fragt, in seinem Wahlkampfbüro in Forbach, verzieht er das Gesicht. Es handle sich, sagt Philippot, um "Casting-Fehler".
Von Mathieu von Rohr

DER SPIEGEL 7/2014
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