17.02.2014

NIGERIA Missionare für den Frieden

Einst kämpften sie gegeneinander, der Muslim Muhammad Ashafa und der Christ James Wuye, dann gründeten sie gemeinsam ein Versöhnungszentrum.
Am liebsten hätte ich diesen Bastard erwürgt", sagt James Movel Wuye, der Christ.
"Ich überlegte, wie ich seine Adresse herausfinden kann, um ihn endlich auszulöschen", sagt Muhammad Nurayn Ashafa, der Muslim.
So dachten die beiden Männer, als sie sich zum ersten Mal Auge in Auge gegenüberstanden. Vor gut 18 Jahren war das, und damals waren sie noch Gegner im Namen ihres Gottes, hier in Kaduna, der Millionenstadt im Zentrum Nigerias, wo der christliche Süden und der muslimische Norden aneinanderstoßen. Die eine Hälfte der über 170 Millionen Nigerianer sind Muslime, die andere Hälfte sind Christen. Seit drei Jahrzehnten bekriegen sich die Fanatiker auf beiden Seiten, weit über 20 000 Menschen starben bislang, zahllose Moscheen, Kirchen und Schulen wurden niedergebrannt, Dörfer ausgelöscht. Im Norden des Landes terrorisieren seit eineinhalb Jahrzehnten die Islamisten von Boko Haram Andersgläubige und gemäßigte Glaubensbrüder; militante Christen verüben ihrerseits Pogrome an Muslimen.
Wuye und Ashafa standen in diesem Konflikt an vorderster Front. Der eine kommandierte eine christliche Kampftruppe, der andere eine islamistische Miliz. Heute ist der eine Pastor, der andere Imam - und die einstigen Erzfeinde sind beste Freunde. "Ich liebe diesen Kerl", bekennt der Pastor. "Ich kenne keinen netteren Menschen", schwärmt der Imam.
Gemeinsam haben sie 1995 das Interfaith Mediation Centre gegründet. Ein kleines Versöhnungszentrum, das in diesem riesigen, zerrissenen Land Frieden zwischen Christen und Muslimen stiften will. Nur getrennt durch eine Sperrholzwand arbeiten sie heute nebeneinander im sechsten Stock eines heruntergekommenen Hochhauses in Kaduna.
Sie richten Frühwarnsysteme in Krisengegenden ein, organisieren Seminare für Lokalpolitiker und Religionsführer, bilden Pastor-Imam-Paare nach ihrem Vorbild aus. Als Seelsorger, Krisenberater, Schlichter und Feuerwehrmänner sind sie nicht nur in Nigeria, sondern in aller Welt gefragt, von Somalia bis Palästina, bei brasilianischen Ureinwohnern, australischen Aborigines und bosnischen Muslimen. Für ihre Arbeit wurden sie mehrfach ausgezeichnet; im Dezember 2013 erhielten sie den Deutschen Afrika-Preis.
Die beiden sind gleich alt, Jahrgang 1960, aber ihre Erscheinung könnte unterschiedlicher kaum sein. Ashafa, groß, rank und bärtig, trägt Sandalen, Turban und einen lilienweißen Kaftan. Wuye, klein, rundlich und glattrasiert, trägt ein graues Ibo-Gewand und Lackschuhe. Der Imam lebt polygam, er hat 2 Frauen, 2 Söhne und 14 Töchter. Der Pastor, ein gelernter Kartograf, lebt monogam, er hat eine Frau und drei Kinder.
Wenn sie aus ihrer kriegerischen Vergangenheit erzählen, dann klingt das, als redeten sie von anderen Menschen. Schwer vorstellbar, dass sie einmal junge, mordlustige Männer waren - bis zu jenem Tag im Mai 1995, als sie zusammen mit anderen lokalen Religionsführern in den Palast des Gouverneurs von Kaduna eingeladen wurden. Sie sprachen über die staatliche Polio-Impfkampagne, denn argwöhnische Muslime hielten diese für ein verdecktes Sterilisierungsprogramm.
"Als ich James in der Kaffeepause begrüßen musste, rang ich mir ein gequältes Lächeln ab, aber innerlich brannte mein Herz", sagt Ashafa. Vor ihm stand dieser "Christenhund", dessen Miliz zwei seiner Vettern umgebracht und seinen geistlichen Mentor in einen Brunnen geworfen und mit Steinen erschlagen hatte.
Doch irgendetwas Unerklärliches muss an diesem Tag mit ihm geschehen sein. Denn danach ging der vor Rachsucht glühende Muslim Ashafa nach Hause und studierte den Koran, die Verse der Sure 41, die die Macht der Versöhnung beschwören. "Nach drei Monaten hatte ich eine spirituelle Erleuchtung, die mich aus dem Gefängnis des Hasses befreite." Wenig später gründeten sie gemeinsam ihr Zentrum für Versöhnung.
Auch der Christ James Wuye spürte nach der ersten Begegnung die Anziehungskraft seines Gegners. Aber anders als Ashafa brauchte er drei Jahre, ehe er wirklich vergeben konnte. "Bei einem Gefecht hatte mir ein Dschihadist den rechten Arm abgeschlagen, vermutlich einer von Ashafas Männern. In meinen Alpträumen sah ich die Machete auch auf meinen linken Arm niedersausen."
Trotzdem trafen sie sich, tranken Tee und begannen eine Art Wettstreit: Koran gegen Bibel - wer hat recht?
Misstrauen und Mordgelüste blieben, zumindest vorläufig. Als sich ihre Schlägertrupps zu Friedensgesprächen versammelten, trugen manche Teilnehmer Messer unter den Gewändern. Einmal schlief Ashafa ein, und Wuye überlegte kurz, ob er ihn mit einem Kissen ersticken sollte. "Aber irgendwann habe ich begriffen, dass man Menschen nicht bekehren kann, wenn man sie hasst", sagt der Pastor. "Und ich besann mich auf das Prinzip der Vergebung, das unsere Religionen verbindet." So ging schließlich auch er durch die harte Schule der Feindesliebe.
"Wir müssen diesen Irrsinn stoppen, sonst hat Nigeria keine Zukunft", sagt der Imam. Der Pastor nickt und fügt hinzu: "Wir haben hier keinen Religionskrieg. Es ist vielmehr eine Verteilungsschlacht in einem potentiell reichen, aber miserabel regierten Land." Nigeria ist der größte Erdölexporteur Afrikas, doch die Mehrheit der Menschen lebt in Armut. Sie streiten um knappe Ressourcen, um Arbeit, Land, Wasser, Lebenschancen. Die Konflikte brechen meist an den Trennlinien zwischen den 250 Volksgruppen aus, vor allem im Middle Belt, wo Christentum und Islam aufeinanderprallen. Und wo korrupte Politiker und verbohrte Religionsführer den Glaubenszwist schüren und ihre Anhänger gegeneinander aufhetzen.
Auch Kaduna, diese staubige, überbevölkerte Großstadt, ist in zwei Teile zerfallen, getrennt durch einen Fluss. Im Norden wohnen überwiegend Muslime vom Volk der Haussa-Fulani, im Süden hauptsächlich Christen verschiedener Ethnien.
Am Freitag steht Imam Ashafa mit einem Hirtenstab in der Hand auf der mit Blauglas eingefassten Kanzel seiner Moschee im Norden der Stadt. Eine schmucklose Halle, eiernde Ventilatoren, durchgescheuerte Teppiche, und weil der Platz nicht ausreicht, knien in den Gassen ringsum Hunderte Gläubige im Staub und hören die Predigt über Lautsprecher: Versöhnung der Religionen, Frieden statt Dschihad. Nach dem Gebet versammeln sich Jungen und Mädchen im Nebenraum und singen fromme Lieder.
"Wir müssen das Virus des Hasses von klein auf bekämpfen", sagt der Imam. "Wir müssen unseren Glauben reformieren und den modernen Zeiten anpassen." Wer in Nordnigeria solche Gedanken ausspricht, lebt gefährlich. Vor gut zwei Wochen wurde ein liberaler Imam in einer 70 Kilometer von Kaduna entfernten Stadt erschossen; in den vergangenen Wochen starben über hundert Menschen bei Attentaten von Boko Haram.
Und die Staatsorgane schlagen mit aller Härte zurück. Menschenrechtsorganisationen werfen Armee und Polizei regelmäßig Verbrechen vor. Augenzeugen berichten, dass Verdächtige wahllos exekutiert und unschuldige Muslime ohne Anklage eingekerkert werden. "Das ist der Teufelskreis der Gewalt", sagt Ashafa, er wirkt jetzt müde und verdrossen.
Zwei Tage später, am Sonntag, feiern die Christen im Süden von Kaduna Gottesdienst. Militäreinheiten patrouillieren durch die Straßen, die Maschinengewehre auf den Panzerwagen sind schussbereit. Der Sonntag ist für die Christen der freudigste Tag. Und der unheilvollste. Weil dann die meisten tödlichen Anschläge stattfinden. Mehrfach haben Islamisten die "Assembly of God" von Pastor James Wuye attackiert. Die Teerstraße, die an der Kirche vorbeiführt, wurde mit Stacheldraht und Stahlkrampen gespickt, vor dem Außentor wacht ein Soldat mit entsicherter Kalaschnikow. Halbwüchsige in Pfadfinderkluft durchkämmen die Umgebung, eine freiwillige Schutztruppe, die sich Royal Rangers nennt.
Rechts sitzen die Männer, links die Frauen, alle in ihren besten Kleidern. Der Sänger der Kirchenband sieht aus wie Sammy Davis Junior, er schmettert Soul-Hymnen, die Gemeinde tanzt, lacht und singt mit. Dann treten der Reihe nach die Prediger auf, sie schreien mehr, als sie sprechen. Der Wortschwall wird vom Gebrabbel der Gläubigen begleitet, in kollektiver Ekstase strecken sie die Hände zum Himmel. Viermal werden sie aufgerufen, Geld in den Glaskasten vor dem Altar zu werfen, denn wer spende, werde vom Allmächtigen aus der Armut befreit.
Dann tritt auch der Pastor auf die Kanzel und liefert eine Kostprobe seiner Redekunst: eine kurze Predigt, vorgetragen mit mächtiger Stentorstimme, es geht auch bei ihm um die friedliche Koexistenz der Religionen. "Brüder und Schwestern, wir müssen Böses mit Gutem vergelten!"
James Wuyes "Assembly of God" ist ein Ableger der Pfingstkirchen; das Missionshandwerk hat er bei einem Schüler des fundamentalistischen US-Fernsehpredigers Pat Robertson gelernt. Nicht nur in Kaduna, im ganzen Land wird das Wohlstandsevangelium verkündet, vor allem von evangelikalen Priestern und Sektenführern. Der muslimische Norden liegt in jener Zone zwischen 10. und 40. Breitengrad, die christliche Eiferer zum "spirituellen Schlachtfeld des 21. Jahrhunderts" deklariert haben. Genau das sind auch die Kerngebiete des Islam. Nigeria, die größte muslimisch-christliche Nation der Welt, ist besessen von Religiosität. Vor Jahren erklärten in einer Umfrage für die BBC genau 100 Prozent der befragten Nigerianer, an Gott oder ein höheres Wesen zu glauben; 95 Prozent waren bereit, für ihre Konfession zu sterben.
Am nächsten Tag machen sich der Pastor und der Imam auf den Weg nach Nassarawa und Trikania. Dort, wo die beiden Stadtviertel aneinandergrenzen, traut sich kein Fremder mehr hin. Links leben Christen, rechts Muslime, dazwischen ist eine unbewohnte Pufferzone. "Kampfgebiet", sagt der Imam. "Werkstatt des Satans", sagt der Pastor. Ganz in der Nähe haben sie seinen Arm abgehackt.
Hier brachen im November 2002 blutige Unruhen aus. In der Hauptstadt Abuja sollte die Miss World gewählt werden, und eine Journalistin schrieb, dass auch Mohammed Gefallen an den Schönheiten gefunden hätte. Daraufhin machten empörte Muslime Jagd auf Christen. Seither kommt es regelmäßig zu Zusammenstößen, zuletzt im Juni 2012, als mehr als 50 Menschen massakriert wurden.
Der Pastor und der Imam gehen durch Hausruinen, steigen über verkohlte Mauerreste, queren den menschenleeren Platz, wo im Vorjahr viele Leichen lagen. Der Ort erinnert sie an ihren eigenen Glaubenswahn. "Es kommt mir noch heute wie ein Wunder vor, dass wir die Waffen niedergelegt haben", sagt der Imam. Er umfasst mit seiner Linken die Plastikfinger des Pastors; er trägt eine Prothese.
Als sie weitergehen, tanzen johlende Kinder um die zwei Geistlichen herum, verschleierte Frauen winken, alte Männer begrüßen sie. Die beiden werden hier geschätzt, von Christen wie von Muslimen. Doch die bösen Blicke, die ihnen manche Anwohner nachwerfen, sind nicht zu übersehen. "In beiden Lagern gibt es Unversöhnliche", sagt Wuye. Und es gibt jene, die ihre Initiative für naiv halten.
Den Zweiflern begegnet Ashafa mit seiner Lieblingsfabel: Sie handelt von einem winzigen Vogel, der unermüdlich zu einem Fluss fliegt und ein paar Wassertropfen mit seinem Schnabel aufnimmt, um einen Waldbrand zu löschen. Die anderen Tiere verspotten ihn. Doch der Vogel meint nur: "Das wenige, das ich tun kann, tue ich." Daraufhin helfen auch die Elefanten mit - und löschen den Brand.
Inzwischen ist die Mittagshitze unerträglich geworden, der Pastor und der Imam flüchten sich unter das schattige Vordach eines Ladens und liefern sich eine ihrer typischen Diskussionen: Wuye ist felsenfest überzeugt, dass sein Glaube der richtige sei; Ashafa behauptet unter umgekehrtem Vorzeichen genau das Gleiche. Der Christ studiert den Koran, der Muslim die Bibel, und ein jeder versucht, den anderen zu bekehren. "In Glaubensfragen schließen wir keine Kompromisse", sagt Wuye. "Aber wir lassen genug Platz für den anderen." Ihre Gegensätzlichkeit eint sie, sie sind wie Yin und Yang, zwei Charismatiker, glaubensstark, sanftmütig, heiter. Beide ahnen, dass sie der Wahrheit, wenn es diese überhaupt gibt, nur gemeinsam näher kommen.
So sitzen sie da und streiten lächelnd, als ein junger Mann auf sie zueilt. Er stellt sich vor als Sadik Titus, er sei Student und wolle etwas verändern. Dann erzählt er, wie es hier früher war, als Christen und Muslime auf dem heute verwaisten Platz mitten in der Kampfzone Fußball spielten oder Disco machten. Und wie er im Vorjahr die Toten dort liegen sah.
Pastor Wuye gibt Titus die Adresse ihres Versöhnungszentrums und lädt ihn ein, sie zu besuchen. Vielleicht fliegt ihnen ja ein neuer Vogel zu, der beim Löschen des Feuers hilft.
Von Grill, Bartholomäus

DER SPIEGEL 8/2014
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