24.02.2014

FAMILIENOhne knutschen

Alleinerziehende Großstädter entdecken die Wohngemeinschaft als neue Lebensform. Sie suchen Austausch und Unterstützung.
Auf die Idee mit der WG für Alleinerziehende kam Ben kurz nach der Trennung von seiner Frau. "Ich fand allein leben immer doof", sagt der Vater von Lotta, 4, und Leo, 6. Also schaltete er eine Anzeige: "Leidenschaftlicher Papa" sucht "Alleinerziehende(n) oder Teilzeit-Vater/-Mutter mit Kind". Er sei etwas chaotisch, singe und koche gern und gehe "manchmal auch noch feiern (Elektro)".
Ben telefonierte mit 15 potentiellen Mitbewohnern, 8 davon traf er auf einen Kaffee. Am Ende entschied er sich für Laura und ihr Baby. "Reines Bauchgefühl", sagt der 37-jährige Betriebswirt.
1,6 Millionen Alleinerziehende mit minderjährigen Kindern gibt es in Deutschland, bei jeder fünften Familie fehlt ein Elternteil. Betrachtet man Familienstrukturen in Deutschland, zeichnen sich drei Entwicklungen ab: Konventionelle Formen wie das Ernährermodell verlieren an Bedeutung. Immer mehr Kinder wachsen "multilokal" auf, also in verschiedenen Haushalten. Daneben sind unterschiedliche Lebensmodelle mit Kindern entstanden. Eines davon: die Alleinerziehenden-WG.
"Bei uns gibt's Großfamilien-Action", sagt Ben. Er sitzt in seiner Wohnung in Berlin-Friedrichshain und dreht sich eine Zigarette. Auf dem Balkon darf geraucht werden. Die Wände sind bunt gestrichen, es gibt ein Lego-Zimmer, am Kühlschrank hängen Kinderzeichnungen. Seine Mitbewohnerin Laura, 26, hat gerade ihren Sohn ins Bett gebracht. "Hast du schon gegessen?", fragt Ben. Er hat Nudeln mit Tomatensauce gekocht. Ben sagt, er wolle der "Vereinzelung der Gesellschaft" etwas entgegensetzen. "Diese Mini-Strukturen sind doch nichts. Kinder wollen Menschen um sich." Auch er selbst brauche Austausch und Geborgenheit.
Die Internetplattform wg-gesucht.de stellt einen eindeutigen Trend zur Wohngemeinschaft mit Kindern fest. Die Zahl solcher Inserate hat sich seit 2011 mehr als verdreifacht. An der Spitze liegt Berlin, gefolgt von Hamburg und München.
"Gerade Alleinerziehende mit höherem Bildungsstand organisieren sich zunehmend in Netzwerken", sagt die Soziologin Sabina Enzelberger. Die Sehnsucht nach Gemeinschaft spiele dabei ebenso eine Rolle wie der Wunsch, Verantwortung zu teilen - nur sei das heute auch jenseits einer Liebesbeziehung denkbar. In einer WG würden Alleinerziehende neue Bezugspersonen für ihre Kinder finden. "Ist der Aufbau eines Netzwerks erst mal gelungen, fühlen sie sich durchaus zufrieden", sagt Enzelberger. Die Dauer des Alleinerziehens steige, weil eben nicht mehr um jeden Preis ein neuer Partner gesucht werde.
Die Journalistin Monika Evers lebte vier Jahre lang mit ihrer Tochter in einer Wohngemeinschaft, zusammen mit einer anderen Mutter und deren Tochter. "Die Erziehungsstile müssen zusammenpassen", sagt Evers. Schließlich ziehe man immer auch das Kind der anderen mit groß. Man plane das Leben wie in einer Partnerschaft, "nur ohne knutschen". Schwierig sei es allerdings gewesen, als ihre WG-Partnerin einen neuen Mann kennenlernte und umzog. "Meine Tochter hat sehr darunter gelitten, wieder eine Trennung durchzumachen."
Trotzdem möchte Evers in eine neue WG ziehen, die Vorteile überwiegen. Eine passende Mitbewohnerin hat sie schon gefunden, nur bei der Wohnungssuche in Hamburg tun sie sich schwer. "Leider sind Alleinerziehende bei Vermietern völlig unbeliebt."
Neben dem Wunsch nach einem familienähnlichen Umfeld spielen bei der Entscheidung für eine Wohngemeinschaft auch ökonomische Zwänge eine Rolle. "Nach der Trennung vom Partner müssen Alleinerziehende oft ihre gewohnte Umgebung verlassen", sagt Miriam Hoheisel vom Verband alleinerziehender Mütter und Väter (VAMV), "eine Wohnung in der Innenstadt oder ein Haus mit Garten können sie sich nicht mehr leisten."
In den vergangenen sechs Jahren ist die Situation für Alleinerziehende in Deutschland sogar noch schwieriger geworden, zu diesem Ergebnis kommt eine neue Studie der Bertelsmann Stiftung. Mit der Reform des Unterhaltsgesetzes von 2008 habe sich die Vorstellung etabliert, dass Erziehung nebenbei - also nach einem achtstündigen Arbeitstag - erledigt werden könne. "Auch die Rechtsprechung setzt Alleinerziehende massiv unter Druck, in Vollzeit zu arbeiten", so die Bertelsmann-Expertin Anette Stein.
Das Modell WG kann die für Alleinerziehende typische Dreifachbelastung aus Beruf, Kindern und Haushalt abmildern. Die beiden WG-Bewohner Ben und Laura etwa kaufen füreinander ein, teilen sich die Putzarbeit und passen gegenseitig auf ihre Kinder auf.
"Natürlich kann eine WG in Einzelfällen gut funktionieren", sagt Hoheisel vom VAMV, "das entlässt aber den Staat nicht aus seiner Verantwortung." Viele Alleinerziehende fühlen sich von der Politik zu wenig unterstützt. Knapp 40 Prozent aller Alleinerziehenden Haushalte beziehen Hartz-IV-Hilfen, ihr Armutsrisiko ist gestiegen. Das liegt auch an der Steuerpolitik. Höchstens 1308 Euro Freibetrag können Alleinerziehende jährlich geltend machen. Zwar sollen sie laut Koalitionsvertrag bessergestellt werden - um wie viel und wann ist allerdings unklar.
WG-Bewohner Ben sorgt sich derzeit sogar, dass auch sein kleiner Steuervorteil noch wegbrechen könnte. Wenn er und Laura nicht als Bedarfsgemeinschaft gelten wollen, müssen sie strikt getrennte Kassen führen. Deshalb hat im Kühlschrank jetzt jeder seine eigene Etage. "Sogar die Putzmittel müssten in zweifacher Ausführung da sein", sagt Ben - sonst droht Ärger mit dem Fiskus.
Von Nicola Abé

DER SPIEGEL 9/2014
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