01.03.2014

SCHACHCarlsen der Große

Wohl niemand zuvor hat das Spiel so beherrscht wie der junge Weltmeister Magnus Carlsen. Ein eigen-williges Genie, unmöglich, ihm näherzukommen - außer bei einer Schachpartie.
Der Mann ist ein journalistischer Alptraum. Nicht, weil er so uninteressant oder blass wäre, ganz im Gegenteil. Die Welt reißt sich derzeit um ihn wie um kaum einen Gesprächspartner sonst: Magnus Carlsen, gerade mal 23 geworden, ist der neue Schachweltmeister. Aber Interviews langweilen ihn, die Fragen erscheinen ihm banal, Seichtes aus einer anderen Welt. Zeitverlust. Vielleicht fühlt er sich den Reportern auch einfach nur geistig überlegen. Das wäre nachvollziehbar - der Norweger ist ein Genie, und die sind in der Regel sehr eigenwillig.
Im indischen Chennai hat Carlsen im vergangenen November beim Zweikampf den bisherigen Titelträger Viswanathan Anand, damals 43, vor heimischem Publikum entthront, ach was, er hat ihn förmlich vom Brett gefegt. Das auf zwölf Partien angesetzte Match war schon vorzeitig vorbei, drei Siege bei sieben Remisen, keine Niederlage - ein Kantersieg. Und vor wenigen Tagen hat der Norweger in Zürich ein Spitzenturnier gegen Weltklassegegner gewonnen, wieder ohne Verlust.
Magnus Carlsen bewegt sich in einsamen Schach-Höhen. Kein Mensch hat je das komplexe und anspruchsvolle königliche Spiel so durchdacht wie er, seine Elo-Zahl - die Größenordnung, nach der man die Spielstärke misst - ist die höchste jemals erreichte. Carlsen beherrscht derzeit seine Konkurrenz wie Roger Federer in seinen besten Zeiten das Tennis, wie Tiger Woods in seinen Glanztagen das Golfspiel.
"Mozart des Schachs" haben sie ihn früher getauft, weil er ein Wunderkind war und schon in jungen Jahren wunderbar komponierte Partien aufs Brett zauberte. "Boa constrictor des Schachs" haben sie ihn später genannt, weil er seinen Gegnern auf dem Brett buchstäblich die Luft abschnürt, sie zerdrückt, ohne dass sie eine Chance haben, sich aus seiner Umklammerung zu befreien. Ein Champion, halb Gott, halb Schlange.
Gleichzeitig hat dieser Carlsen seinen Sport, seine Kunst, seine Wissenschaft auch attraktiv für Nichteingeweihte gemacht, für ein generell an Superstars interessiertes Publikum. Er ist telegen, er wird mit Schauspielerinnen wie Liv Tyler und James-Bond-Girl Gemma Arterton abgelichtet. Und in Einzelporträts hat Starfotograf Anton Corbijn den Mann mit dem Babyface und dem markanten Kinn zu einem James Dean der Neuzeit stilisiert, ganz cool, ganz sexy und natürlich schwarzweiß.
Das amerikanische Nachrichtenmagazin "Time" reiht den neuen Champion ein in seine Liste der "100 einflussreichsten Persönlichkeiten der Erde". Das Frauenmagazin "Cosmopolitan" preist ihn als einen der attraktivsten Männer. Und Carlsen zeigt keine Scheu. Er mischt sich öffentlichkeitswirksam unter die Großen der Welt, spielt mal auf Anfrage gegen Bill Gates in London, mal gegen George Soros in den Hamptons, mal gegen Mark Zuckerberg im Silicon Valley.
Zieht. Gewinnt. Lächelt. Schweigt.
Wenn da nur nicht diese Interviews wären. Carlsen hat Kollegen vom "New Yorker" bis zur "Neuen Zürcher Zeitung" mit seinen Allgemeinplätzen, seinen Kurz- oder Nicht-Antworten zur Verzweiflung gebracht. "Ich hasse Verlieren"; "Man kann experimentieren und trotzdem gut spielen"; "Das behalte ich lieber für mich". Der Reporter des "Zeit-Magazins" war wegen der mangelnden Zuneigung seines Gesprächspartners geradezu beleidigt: "Wir ziehen uns zum Interview zurück. Aber was ist das? Carlsen legt sich mehr auf das Sofa, als dass er sich setzt. Seine Unlust trifft mich mit voller Wucht. Er sagt nur das Nötigste, langsam und leise, dann hält er inne." Und seien wir ehrlich: Auch das SPIEGEL-Gespräch im Jahr 2010 hat nicht zu den Höhepunkten des Journalismus gehört. Originalton Carlsen zu seinem IQ: "Keine Ahnung." Zu seinem Leben außerhalb des Schachs: "Das ist privat und vertraulich."
"Ich spreche durch meine Züge zur Welt, die erklären alles", hat Carlsen der Große trotzig einem besonders aufdringlichen Journalisten in den Block diktiert. Warum ihn nicht beim Wort nehmen? Warum das Phänomen Carlsen nicht anhand einer Schachpartie mit ihm zu ergründen versuchen? Taut der skandinavische Eisberg vielleicht beim anschließenden Interview etwas auf, lässt sein Genie auch mal sprachlich aufblitzen?
Es kann natürlich nicht ernsthaft darum gehen, ihn schachlich herauszufordern, da liegen Welten zwischen uns. Ich bin seit fünf Jahrzehnten ein begeisterter Amateurspieler und habe früher in einem Provinzverein der Landesliga die Figuren geschoben. Schach hat mir im Beruf gelegentlich geholfen: Israels Premier Menachem Begin, dessen halbe Familie die Nazis ausrotteten, hat nie deutschen Journalisten Rede und Antwort gestanden; mit mir hat er immerhin zwei Schachpartien gespielt, sein Pressesprecher nannte das anschließend eine wesentliche Verbesserung der deutsch-israelischen Beziehungen. Natan Scharanski, der gläubige Jude und Dissident in der Sowjetunion, hat mir bei einem improvisierten Duell nach dem Austausch an der Glienicker Brücke von seinen Gulag-Tagen erzählt, von den Schachrätseln, die er sich ausdachte und die ihn "vor dem Verrücktwerden bewahrten".
Und wie jeder Schachspieler habe auch ich eine Partie, die mich stolz macht: Beim Kampf gegen den Russen Garri Kasparow vor sechs Jahren, den früheren Weltmeister - und späteren Coach Carlsens -, erwischte ich eine Sternstunde, hatte in einer aufregenden Partie lange Zeit beste Angriffschancen.
Jetzt also Carlsen. Die Chance zum Vergleich dieser beiden so abgrundtief unterschiedlichen Charaktere und Überflieger. Lange Verhandlungen, dann eine überraschende Zusage. Treffen in Oslo, ein Spiel, eine halbe Stunde Interview. Ich habe eine Schnellpartie mit zehn Minuten Gesamtbedenkzeit pro Spieler vorgeschlagen, um ihn nicht zu langweilen; er willigt ein - eher ein weiterer Nachteil für mich, denn Carlsen ist auch ein Meister im Blitzschach. Dafür gibt er mir die weißen Steine, unter Gleichstarken hat der Anziehende einen kleinen Vorteil.
Das Treffen findet im Bürogebäude eines Versicherungskonzerns in Oslo statt. Schlichtes skandinavisches Interieur, Stühle, Tisch, Kaffee und Kekse, ein Schachbrett. Ein fester Händedruck. Carlsen tippt noch etwas in seinen PC. Er sieht jünger aus als auf den Fotos, hemdsärmlig, sein buschiges Haar kaum gebändigt. Small Talk über Olympia in Sotschi und den Schneesturm, der draußen tobt. Dann will er ans Brett. Espen Agdestein, Carlsens Manager, schenkt Kaffee ein. Ein Schulfreund Carlsens fotografiert. Ideale Bedingungen, himmlische Ruhe. Kein Vorwand für Entschuldigungen.
Ich ziehe mit dem Damenbauern, neben dem Doppelschritt mit dem Königsbauern die gängigste Eröffnung. Auch Carlsen spielt das oft mit Weiß. Und wenig überraschend, kommen seine Züge blitzschnell.
Nach vier Zügen: So weit kenne ich das noch. Er hat das klassische Nimzoindisch gewählt, eines der weitverbreiteten schwarzen Konzepte. Aber ich weiß nicht so recht, wie es am stärksten für mich weitergehen soll. Ich habe mich nicht gezielt auf Eröffnungen vorbereitet - das hat gegen einen mit allen Varianten vertrauten Weltmeister auch keinen Sinn. Es geht jetzt nur darum, keinen frühen Fehler zu machen und meine Figuren ordentlich zu entwickeln, damit ich möglichst lange, vielleicht bis ins Mittelspiel, mithalten kann. Und ihn vielleicht mal mit einem Angriffszug überraschen - ihn, den stets Nervenstarken, aus der Ruhe zu bringen, haben allerdings schon ungleich Stärkere erfolglos versucht.
Kaltblütige Gelassenheit am Brett, die musste ihm keiner beibringen, die war ihm sozusagen angeboren.
Seine Eltern haben ihn sehr weitsichtig Magnus genannt, was lateinisch "der Große" bedeutet. Neben seinen drei Schwestern wächst er wohlbehütet auf, der umschwärmte Junge. Finanzielle Probleme gibt es in der intakten Oberschichtfamilie nicht, der Vater arbeitet als Manager bei einem Ölkonzern, die Mutter ist Ingenieurin. Sie erziehen ihre Kleinen antiautoritär, versuchen spielerisch zu ergründen, wo deren Interessen liegen. Magnus zeigt schon sehr früh ungewöhnliches Erinnerungsvermögen, kennt als Knirps alle Staaten und Hauptstädte der Welt, kann Puzzles mit 500 Teilen legen. Und verblüfft mit erstaunlich komplexen Konstruktionen aus Legobausteinen. Als Magnus fünf ist, versucht ihn der schachbegeisterte Vater für die 64 Felder zu begeistern - und scheitert zunächst. Der Filius fährt lieber Ski und spielt Fußball.
Magnus Carlsen ist später dran als die meisten anderen Wunderkinder des Schachs: Er ist schon acht, als es dem Vater beim zweiten Anlauf gelingt, Begeisterung zu wecken. Dann allerdings macht der Kleine schnell gewaltige Fortschritte, die Schule interessiert ihn nicht, er schafft das alles mit links, Hausaufgaben ignoriert er völlig. Als Magnus zwölf ist, nimmt Vater Carlsen eine Auszeit, packt die gesamte Familie in einen Wohnwagen und fährt von Schachturnier zu Schachturnier durch Europa. Die Spielpraxis gegen Stärkere hilft beim Durchbruch: Mit 13 Jahren, 4 Monaten und 27 Tagen erringt er wegen seiner guten Wettkampfergebnisse als einer der Jüngsten aller Zeiten den Titel eines Großmeisters.
Aber immer noch haben damals, im Jahr 2004, viele Spitzenspieler den Jungen mit dem Engelsgesicht unterschätzt, diesen Schlaks, der nicht so recht wusste, wohin mit seinen langen Beinen, der sich oft vor dem Brett nur so dahinfläzte, der in den Spielpausen Donald-Duck-Hefte verschlang. Sie sollten für diesen Irrtum noch bitter bezahlen.
Wie aber geht es jetzt in meiner Partie weiter? Greife ich mit meinem Bauern seinen Läufer an und suche den Abtausch? Entwickle ich meinen anderen Springer?
Um die Erfindung des Schachspiels rankt sich eine Legende. Der indische Weise Sissa ibn Dahir litt im dritten Jahrhundert wie so viele seiner Freunde unter der Härte des Herrschers, der ihm aber, weil er sich gut von ihm unterhalten fühlte, einen Wunsch erfüllen wollte. Sissa bat, ihm die 64 Felder eines Spielbretts mit Weizenkörnern zu füllen, und zwar auf das erste Feld ein Korn, auf das zweite zwei, auf das dritte vier Körner und bei jedem weiteren doppelt so viele wie auf das vorige Feld. Der Herrscher wunderte sich über die Bescheidenheit des Brahmanen, versprach es - und musste sich dann von seinem Quartiermeister erklären lassen, dass sämtliche Ernten des Reiches nicht reichen würden. Es wären 18 Trillionen Weizenkörner nötig gewesen.
Ähnlich exponentiell verhält es sich beim Schach. Schon nach zwei Zügen sind 72 084 Stellungen möglich, für die ersten 40 Züge gibt es 10 hoch 120 mögliche Spielverläufe, eine Zahl, die weit größer ist als die Zahl aller Atome im beobachtbaren Universum. Schach ist somit nicht nur ein Spiel, eine Kunst, sondern eine Wissenschaft, mehr noch: ein Gegen-Universum zu dem realen da draußen mit seinen Schwarzen Löchern und seiner Unendlichkeit.
Die Besten, die diesem Unfassbaren nahegekommen sind oder sich so fühlten, glaubten, von einer besonderen Nähe zum Allwissenden, zum Schöpfer berichten zu können: Viele Großmeister haben sich, wie der geniale Amerikaner Bobby Fischer, nicht mehr im normalen Leben zurechtgefunden. Oder mussten wegen Wahnvorstellungen, wie der von einer Fliege verfolgte Akiba Rubinstein, in die Geschlossene. Weltmeister Wilhelm Steinitz wollte angeblich nur noch gegen Gott spielen, ihm sogar einen Bauern vorgeben.
Carlsen hat bis jetzt gerade mal 30 Sekunden gebraucht, ich schon fast drei Minuten. Ich entschließe mich zu einem Zwischenzug mit dem Bauern, um mein Zentrum zu sichern. Der Champion wird das später als "nicht ganz stellungskonform" tadeln.
Zehn Züge sind vorbei - und die gute Nachricht ist: Bill Gates war jetzt bei seinem Kampf gegen Carlsen in London schon matt. Mir scheint, dass meine Partie noch ziemlich offen ist. Die Figuren sind entwickelt. Allerdings stehen jetzt große Entscheidungen an. Eher passiv weiter schieben und dann doch bald taktisch erdrückt werden oder etwas Ungewöhnliches, Kämpferisches versuchen?
Carlsens Weg ist nach Erreichen seiner Großmeisternorm steil nach oben verlaufen. Mit 15 gehört er schon zum erweiterten Kreis der Weltklasse, und sein späterer WM-Gegner Anand ruft nach einer frustrierenden Niederlage gegen den so auf seinen Sport Fokussierten einmal verzweifelt aus: "Höchste Zeit, ihm mal die Mädels vorzustellen!" Von irgendwelchen Affären wird freilich nichts bekannt, Carlsen ist unablenkbar. Der Weg bis zur Nummer eins bleibt dann allerdings noch weit. Und er ist verbunden mit zwei Namen, die in der Schachwelt einen besonderen Klang haben: Frederic Friedel und Garri Kasparow.
Der Hamburger Friedel, Diplomlinguist und als Chef von ChessBase Experte für Computerschach, ist so etwas wie Guru und guter Geist der führenden Spieler. Die meisten hat er zu Hause bewirtet und beobachtet genau ihre Entwicklung. Schon frühzeitig macht er seinen Freund Kasparow auf den jungen Carlsen aufmerksam. Doch der ist sich nicht sicher, ob er in ihm wie Friedel den kommenden Weltmeister sehen soll. Schließlich lässt er sich Anfang 2009 überzeugen und trainiert den Norweger - es sind die Monate, in denen Carlsen den Sprung von der Nummer vier zur Nummer eins schafft.
Beide sprechen bis heute mit leuchtenden Augen von ihren Zeiten als Dream- Team. Aber um auf die Dauer zusammenzubleiben, sind sie doch zu verschieden. Der Russe ist immer auf der Suche nach der "unsterblichen Partie", trotz aller Erfolge immer ein Romantiker geblieben, der für Glanzsiege kein Risiko scheut und der auch damals in unserem Kampf das Brett förmlich in Flammen gesetzt hat; der Norweger ist ein brillanter Taktiker und Vereinfacher, der auch in fast ausgeglichenen, "toten" Stellungen noch Gewinnwege sucht und findet.
Robert von Weizsäcker, der Ehrenpräsident des Deutschen Schachbundes, hat nach dem WM-Kampf in Chennai vor einigen Wochen allen Ernstes Carlsens Schach als "blutleer und seelenlos" beschrieben, er habe seinen Gegner nur "ausgesessen", in der vierten oder fünften Stunde in Remis-Stellungen zermürbt und ein wenig kreatives "Computerschach" gezeigt - ein erstaunliches Fehlurteil für jemanden, der das Spiel kennt.
Mit einer ähnlichen Argumentation könnte man auch den Fußball, den Bayern München derzeit spielt, mit hohem Anteil an Ballbesitz, geduldigem Warten und dann blitzschnellem Zuschlagen, als blutleer und seelenlos beschreiben: In Wahrheit hat Carlsen Schach taktisch meisterlich weiterentwickelt. Er setzt viel weniger auf Computervorbereitung, als es die anderen Weltklassespieler tun, kann sich auf sein intuitives Spielverständnis verlassen. So kann er jede Schwäche des Gegners erkennen und ausnutzen - auch Carlsen macht irgendwann mal einen Fehler, aber eben fast immer nur den vorletzten.
Also jetzt, mein elfter Zug, Wendepunkt der Partie. Ich habe schon sechs Minuten meiner Nachdenkzeit verbraucht. Ich muss etwas riskieren. Lange Rochade, und damit stürmisch hinein in einen Schach-Orkan. Wenn Carlsen jetzt mit seinem Läufer meinen Springer auf f3 schlägt, habe ich zwar einen Doppelbauern, aber auf der offenen Linie auch Angriffschancen. Und außerdem könnte sich bald mein Bauer in der Mitte opfern, wenn, ja wenn mein eigener König nicht schneller in Bedrängnis kommt ...
Nach 15 Zügen: Nichts ist so gekommen, wie ich es mir erhofft habe. Carlsen hat zwar meinen Springer geschlagen, aber auf der Damenseite. Und er macht Druck, während es mir nicht gelingt, auch nur einen ansatzweise vielversprechenden Angriff zu starten. Jetzt habe ich alle Hände voll zu tun mit Verteidigung. Die Partie ist gekippt, aber sie ist noch nicht verloren.
Schach ist auch ein psychologisches Spiel. Mit Äußerlichkeiten den Gegner ablenken, das hat Tradition: Im 16. Jahrhundert riet der Spanier Ruy López, seinen Gegner so zu setzen, dass ihm "das Sonnenlicht ins Gesicht fällt, um ihn zu blenden". Spätere Meister brachten Zigarren mit, um ihren sensiblen Kontrahenten den Rauch ins Gesicht zu blasen, oder nahmen eine Katze auf den Schoß, wenn sie wussten, der Opponent werde von Allergien geplagt. Immer wieder war auch von "Magnetstrahlen" die Rede. Heute ist es eher der Toilettengang des Gegners oder das Handzeichen eines Zuschauers im Publikum, was bei manchem Panik auslöst - es könnten geheime Botschaften aus einer parallel zur Partie laufenden Computeranalyse übermittelt werden, siegbringende Tipps.
Manchmal ist es aber auch nur der aufreizend ruhige Gesichtsausdruck, der den anderen völlig aus dem Rhythmus bringt. Carlsen beispielsweise hat früher oft gegähnt, als langweile ihn die Auseinandersetzung, als sei sie im Grunde schon vorbei. Heute arbeitet er mit eingefrorenen Gesichtszügen, Pokerface.
Andere blicken triumphierend, Kasparow machte immer den wilden Mann, grimmig, aggressiv, als wollte er seinen Kontrahenten anspringen. Viele Gegner ließen sich auch davon einschüchtern und machten schwer erklärliche Fehler. Den dicksten Patzer aller Schach-Weltmeister leistete sich der damalige Champion Wladimir Kramnik 2006 gegen einen besonders perfiden, emotionslosen Unmenschen: Er ließ sich einzügig von dem Computerprogramm "Deep Fritz" mattsetzen.
Und jetzt schlägt bei mir die Schachblindheit zu, am ehesten erklärbar noch durch die selbstverschuldete Zeitnot. Carlsen hat bis jetzt gerade einmal drei Minuten verbraucht, ich schon neuneinhalb - und damit fast die gesamte verabredete Zeit. Ich übersehe bei meinem folgenden Turmzug, dass die Fesselung des Springers ja durch den Damenzug aufgehoben ist - und schaufele mir so schnell mein Grab.
21 Züge, und es ist vorbei. Ich könnte noch ein wenig weitermachen, ein Matt liegt mindestens zehn Züge entfernt. Aber ich habe keine Chance mehr auf eine ernsthafte Gegenwehr und entscheidenden materiellen Nachteil: Die Dame ist viel zu stark und beweglich, meinem verbliebenen Turm weit überlegen. In einer solchen Situation kann man den Weltbesten nicht mit Weiterspielen beleidigen.
Ich schüttele ihm zur Gratulation die Hand. Er bedankt sich mit einer Kurzanalyse unserer Partie und mit einem schmeichelhaften Vergleich: "Sie haben aggressiv und etwa auf demselben Level wie George Soros gespielt." Die lange Rochade nennt er "mutig, nur leider haben Sie dann ein paar Fehler gemacht".
Und dann zeigt er sich beim anschließenden Interview erstaunlich locker, fast aufgekratzt.
Was ist nach dem Erringen des Weltmeistertitels noch seine Motivation? Und warum mag er sich nicht, wie manche seiner Vorgänger auf dem Schachthron, mit dem besten Computer messen?
"Ich glaube, ich kann mich noch wesentlich verbessern, und ich würde gern meinen Titel später so oft wie möglich verteidigen. Computer interessieren mich nicht so. Schach ist für mich nicht so sehr die wissenschaftliche Analyse nach dem besten Zug als vielmehr ein psychologischer Krieg." Er glaubt, die Schachwelt noch lange beherrschen zu können, "meinen Höhepunkt sollte ich zwischen 30 und 40 haben", aber er weiß, alle werden ihn jagen. "Und natürlich ist auch meine Zeit ganz oben endlich." Er will nur so lange Turniere spielen, wie er in der Weltspitze mithalten kann - "falls ich das nicht mehr schaffe, höre ich auf".
Dann erzählt Carlsen, als Nächstes plane er in Brasilien einen Schaukampf gegen zehn Gegner gleichzeitig, und zwar simultan und "blind", ohne Ansicht des Bretts. Ist das nicht der Weg in den Irrsinn? Er schüttelt den Kopf. "Man darf es nur nicht zu oft und gegen zu viele machen. Aber grundsätzlich kann Schach schon eine Obsession werden, es besteht die Möglichkeit, in eine Parallelwelt abzurutschen, sich im unendlichen Kosmos des Spiels zu verlieren."
Für sich selbst sieht er die Gefahr nicht als besonders groß an, er habe auch noch andere Interessen, er spiele Fußball mit Freunden, höre viel Musik, Dire Straits und Rammstein sind seine Lieblingsbands. Er lenke sich mit amerikanischen TV-Serien und beim Online-Pokern ab, manchmal lange Nachtstunden. Er sei überhaupt kein Morgenmensch und brauche zehn Stunden Schlaf.
Was darf man sonst noch von seinem Privatleben erfahren?
"Ich bin kürzlich von zu Hause ausgezogen und habe mir eine kleine Wohnung in der Innenstadt von Oslo genommen. Aber ich hänge an der Familie, wir gehen alle gemeinsam ein-, zweimal in der Woche essen." Ob er selbst einmal Frau und Kinder haben werde, wisse er noch nicht. Natürlich, er bemerke schon, dass es Schach-Groupies gebe. "Ich genieße die Aufmerksamkeit durchaus."
Sein alter Weggefährte und Mentor Kasparow ist zwischenzeitlich in die Politik gegangen, hat sich gegen den russischen Präsidenten engagiert. Kämpft jetzt um das Präsidentenamt bei der Fide, dem Weltschachverband. Ein Vorbild?
"Ich kann mir das für mich nicht vorstellen. Aber ich wünsche ihm Glück."
Früher hat er bei Niederlagen geweint. Wie geht er heute damit um, wenn es ihn doch mal am Brett erwischt?
Er will ehrlich sein, gibt sich Mühe mit der Antwort. "Ich denke, ich bin derzeit der Beste. Das heißt, es gibt keine Entschuldigungen für Niederlagen - und ich hasse es zu verlieren. In London letztes Jahr beim Kandidatenturnier hätte ich fast geweint. Aus Ärger, aus Frustration, aus Enttäuschung über mich selbst."
Hat ihn der merkwürdige Vorwurf des deutschen Schach-Ehrenpräsidenten gekränkt? Diese Unterstellung des Nicht-Kreativen, wo doch schon für den stilbildenden Objektkünstler und Kulturkritiker Marcel Duchamp im vorigen Jahrhundert die Schachspieler "so verrückt sind, wie die Künstler eigentlich sein sollten, aber leider nicht sind"?
"Der Vorwurf kann mich nicht treffen. Ich sehe mein Schach als revolutionär an, als kreativ", sagt der Champion. "Offensichtlich setze ich meine Kontrahenten erfolgreich unter Druck. Und deshalb: Ich nehme die Fehler meiner Gegner für mich in Anspruch."
Carlsen gibt den Schach-Erklärer, den Nach-Denker, ganz gelassen, fast so, als hielte er das Interview nicht für Zeitverschwendung. Was, bitte, war die schwachsinnigste aller schwachsinnigen Journalistenfragen? Gab es jemals etwas ähnlich Rätselhaftes wie den Sinnspruch, der in einer Parodie Lukas Podolski zugeschrieben wird: "Fußball ist wie Schach, nur ohne Würfel"?
Er überlegt. "Eine Dame im US-Fernsehen hat mich einmal gefragt, welche denn meine Lieblingsfigur im Schach sei." Da guckte Magnus Carlsen lange gegen die Wand. Dann stand er auf und ging.
Von Erich Follath

DER SPIEGEL 10/2014
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