10.03.2014

Prince Denmark

Islamisten in Dänemark bedrohen den 18-jährigen Dichter Yahya Hassan mit dem Tod. Verfolgt wird er wegen seiner Gedichte, in denen er seine Familie und das Milieu, aus dem er kommt, als rückständig und religiös verblendet beschreibt.
Er hat nur ein paar Gedichte geschrieben. Modernes Zeug, ohne Endreim, freies Versmaß. Das, was eigentlich niemand liest. Aber wenn Yahya Hassan einen Raum betritt, selbst wenn es in dem Verlagshaus ist, wo seine Gedichte erschienen sind, müssen vorher zwei Sicherheitsbeamte ihr Okay geben. Kein Attentäter da, kannst reingehen.
Hassan ist 18 Jahre alt, sein Buch "Yahya Hassan", das nun auf Deutsch erscheint, hat in wenigen Monaten über 100 000 Exemplare in Dänemark verkauft. Und er hat über 30 ernstzunehmende Morddrohungen erhalten. Er lebt in Kopenhagen und ist Däne, obwohl sein Name nicht danach klingt. Er kann den dänischen Staat allerdings nicht gut leiden, was aber nicht der Grund ist, warum er bedroht wird.
Dieser junge Bursche hat das Gesetz des Schweigens in seiner Familie gebrochen. Hassan hat seinen Vater kritisiert, der ihn und den Rest der Familie geschlagen hat. Er hat seine Herkunft so beschrieben, wie er sie sieht, rückständig, religiös verblendet, heuchlerisch. Kurz: Er hat das gemacht, was sonst sogenannte Islamkritiker machen. Das ist zumindest der Vorwurf. Und das in dem Land, in dem vor einigen Jahren die Mohammed-Karikaturen erschienen sind.
Kein Wunder, dass man in Dänemark verrücktspielt. 100 000 Bücher: Auf deutsche Verhältnisse übertragen, wäre das eine Millionenauflage.
In dieser Woche ist Hassan zur Leipziger Buchmesse eingeladen. Er wird wohl kommen. Vielleicht sieht die neue, kontroverse und aufregende Migrantenliteratur, die sich der deutsche Schriftsteller Maxim Biller wünscht, so aus wie die Lyrik Yahya Hassans. Aber was für Biller der Ausbruch aus der saturierten Wohlstandswelt ist und das Versprechen auf ein wildes und gefährliches Leben, ist für einen wie Hassan wirklich wild und gefährlich.
Mit der Kapuze seines Pullovers über dem Kopf betritt Hassan den Raum, schaut sich kurz um, eine schüchterne Begrüßung, dann stellt er seine Bierflasche auf den Tisch, es ist ein Uhr mittags, und seine Schachtel Prince-Zigaretten.
Er hat eine kleine Tätowierung auf seiner rechten Hand, drei Buchstaben: "Ord" steht da, das ist Dänisch für "Wort". Darum geht es. Um die Macht des Wortes. Wie eine Faust haben seine Zeilen Dänemark getroffen.
Fünf Kinder in Aufstellung und ein Vater mit Knüppel / Vielflennerei und eine Pfütze mit Pisse / Wir strecken eins nach dem anderen die Hand aus / Der Vorhersehbarkeit wegen / Dann das Geräusch wenn der Schlag trifft / ... / In der Schule dürfen wir nicht Arabisch sprechen / Zu Hause dürfen wir nicht Dänisch sprechen /
Ein Schlag ein Schrei eine Zahl
So fängt das Buch an, "Kindheit" heißt das erste Gedicht, und die Atemlosigkeit dieser Zeilen gibt den Rhythmus vor für die nachfolgenden 75 Gedichte.
Sie erzählen die Geschichte eines Jungen, dessen Familie aus einem Flüchtlingslager im Libanon nach Dänemark gekommen ist, mit einem überforderten und gewalttätigen Vater, der in der Moschee ein guter Muslim ist und zu Hause ein brutaler Kerl. Er schlägt seine Kinder und seine Frau, irgendwann verlässt sie ihn, worauf er sich eine neue Frau aus Tunesien kommen lässt, ein "neues Kopftuch", schreibt Hassan verächtlich.
Es ist Yahya Hassans Geschichte. Wie der Ich-Erzähler hat er die Schule abgebrochen, ist in verschiedenen Heimen gelandet. Im Buch fängt er an, mit seinen Kumpels kleine Einbrüche und ein paar Dealereien zu machen. Bis eine Lehrerin bemerkt, dass er schreiben kann, und anfängt, ihn zu fördern.
Seine Gedichte haben eine sehr präzise Sprache. Der Streit, den das Buch ausgelöst hat, geht allerdings nicht darum, wie Yahya Hassan schreibt. Sein literarischer Rang ist unbestritten. Es geht darum, was er schreibt.
Ein Interview machte aus "Yahya Hassan", das mit einer Erstauflage von 800 Stück auf den Markt kam, eine Sensation: "Ich bin so fucking wütend auf die Generation meiner Eltern!" war die Überschrift, es erschien in der linksliberalen Zeitung "Politiken" vor Erscheinen des Buchs. Hassan warf dieser Generation Heuchelei vor, mangelndes Interesse an ihren Kindern, religiösen Wahn. Als er das in einer Fernsehsendung wiederholte, bekam er die ersten Morddrohungen.
Die Aufregung ist ohne den Streit um die sogenannten Mohammed-Karikaturen von 2005/06 nicht zu verstehen. Auch damals ging es schon um die Fragen: Darf man den Islam beleidigen? Provozieren, um die Reaktion als Beweis für die Rückständigkeit der Einwanderer anzuführen? Und am Ende stand ein Angreifer mit der Axt im Flur des Zeichners Kurt Westergaard.
Aber Westergaard ist ein alter, weißer Mann. Nun hat ein junger Dichter aus dem Einwandererviertel geschrieben. Ansonsten ist vieles ähnlich: Der Streit geht um Religionskritik, die Integrationsprobleme und darum, wer was wie sagen darf. Die großen Fragen der westeuropäischen Einwandererländer. Auch Thilo Sarrazin hat aus ihnen eine späte Karriere als Autor gestrickt.
Jes Stein Pedersen, 54, grauhaarig, ist Literaturredakteur bei "Politiken". Die Zeitung gehört zu demselben Medienunternehmen wie "Jyllands-Posten", die Zeitung, die damals die Mohammed-Karikaturen veröffentlichte. Stein Pedersen muss noch immer durch drei Sicherheitsschleusen, wenn er von der Straße zu seinem Schreibtisch will. Jeden Monat bekommt er, wie alle "Politiken"-Mitarbeiter, einen Sicherheitsbericht, in dem die aktuelle Gefahrenstufe des Hauses angegeben wird. Manchmal ist sie sehr hoch, manchmal hoch, niedrig ist sie nie. Im September 2010 wurde ein Islamistenkommando festgenommen, das einen Anschlag auf das Kopenhagener Zeitungshaus vorbereitet hatte.
Stein Pedersen hat im Keller des Gebäudes, einem großen Saal, eine Veranstaltung mit Hassan gemacht. Er hat ihn auch in mehreren Artikeln verteidigt. Die Gedichte Hassans seien für ihn eine "Befreiung", sagt er. Endlich gehe der Angstkorridor zu Ende, in den die dänische Öffentlichkeit nach den Mohammed-Karikaturen geraten sei. Endlich spreche da jemand glaubwürdig von sich und nicht im Namen irgendeiner Idee.
Ausgerechnet bei den Linken aber, so Stein Pedersen, sei Hassan umstritten. "Die Sprachregeln der Political Correctness führen dazu, dass diejenigen, die sie eigentlich schützen sollen, von ihnen ausgeschlossen und zum Schweigen gebracht werden. Das kann nicht sein."
Dänemark ist ein eigenartiges Land. Die großen Tragödien des 20. Jahrhunderts sind an ihm ohne größere Spuren vorbeigezogen, ihr Imperium hatten die Dänen schon vorher verloren, Norwegen gehörte einmal zu ihnen, Island, der größte Teil Schleswig-Holsteins. Am Ersten Weltkrieg beteiligten sie sich nicht, im Zweiten Weltkrieg wurden sie besetzt und hatten ihren großen Augenblick, als sie die Deportation der meisten Juden verhindern konnten.
Zur EU gehören sie nicht aus übermäßiger Europa-Begeisterung, sondern weil es sich für sie rechnet. Sie haben nicht den Euro, sondern immer noch die Krone. Im Vergleich mit Deutschland begann die Zuwanderung aus der islamischen Welt erst spät: in den Achtzigern. Seit Ende der Neunziger ist die rechtspopulistische Danske Folkeparti im Parlament. Es gibt trotzdem nicht viele Europäer, die so gut durch das 20. Jahrhundert gekommen sind wie die Dänen.
Der Streit um die Mohammed-Karikaturen aber zeigte ihnen, wie nahe die Welt und ihre Probleme herangerückt waren. Und plötzlich gab es wegen ein paar dämlicher Zeichnungen gewalttätige Proteste, in arabischen Hauptstädten brannten dänische Flaggen, es starben mehr als hundert Menschen.
Nun klopft ein Junge an die dänische Käseglocke, der besseres Dänisch schreibt als die meisten Dänen, der allerdings nicht aussieht wie ein Däne - und Geschichten aus diesem Land erzählt, die für manche klingen, als würde da ein Rechtspopulist sprechen.
Neulich schlug Vater meine Schwestern auf offener Straße zusammen / Er war zurückgezogen ins alte Ghetto / Ich fuhr zu ihm in meinem unangemeldeten Auto / Klopfte an seine Tür / Ich konnte die Kinder hören aber niemand öffnete / Ich ging zu seiner anderen Tür / Er ist muslimisch verheiratet lebt aber getrennt für die Kommune / Damit seine Frau für das Sozialamt alleinerziehende Mutter ist
"Ein Radius von 100 Metern" heißt dieses Gedicht. Ein deprimierender Panoramablick über einige tausend Quadratmeter Ghetto.
Kein Wunder, dass die dänische Rechte Yahya Hassan gern lieben würde. Aber was machen mit diesem Jungen, der Dänemark nicht leiden mag? "Ich bin in den Heimen des dänischen Wohlfahrtsstaats verprügelt worden", sagt er. "Da sind schreckliche Dinge passiert. Dieses Land hat kein Interesse daran, Leuten wie mir eine gute Ausbildung zu ermöglichen."
Hassan selbst hat kein Interesse daran, für irgendjemand anders zu sprechen als für sich selbst. Seine Gedichte generalisieren fast nie, immer geht es um genau umrissene einzelne Figuren und ihr Handeln, um seine Familie und nicht um eine ganze Generation.
"Das, was ich schreibe, das ist meine Identität, das bin ich", sagt er. "Das heißt aber nicht, dass ich so bin, wie meine Leser denken. Das Lesen hängt vom Leser selbst ab. Von seiner Wirklichkeit. Ich bin für keine Deutung verantwortlich."
Im vergangenen Herbst wurde Yahya Hassan auf dem Hauptbahnhof von Kopenhagen attackiert. Ein polizeibekannter militanter Islamist griff ihn an. Bahnbeamte kamen Hassan zur Hilfe. Er schrieb ein Gedicht über die Attacke, das auf der Meinungsseite von "Politiken" erschien.
Als es zum Prozess gegen den Schläger kam, wollte die Verteidigung das Gedicht als Beweismittel nutzen. Hassan bestritt, dass die Zeilen einen Autor haben. Gedichte seien kein Beweismittel. Nicht für sein Leben, nicht vor Gericht. Sie sind Kunst. Und so sollten sie behandelt werden.
Yahya Hassan ist erst 18 Jahre alt, aber seit dem amerikanischen Rapper Eminem hat wohl kein wütender junger Mann in der westlichen Welt so geschickt mit den Erwartungshaltungen seiner Fans und Gegner gespielt.
Tatsächlich hat er in einem staatlich finanzierten HipHop-Workshop das Rappen gelernt, was ihn rasch langweilte, er fühlte sich durch die Genre-Regeln eingeengt. Der Rap-Einfluss schimmert im Rhythmus der Gedichte immer noch durch. Aber im HipHop werden nur die Mütter der anderen beleidigt: Nie trifft es die eigene Familie.
"Ich kann mich damit nicht auseinandersetzen", sagt Hassan auf die Frage, was eigentlich seine Familie zu den Gedichten sagt. "Auch als ich sie schrieb, konnte ich keine Rücksicht nehmen. Was wäre, wenn ich meine Schwester gefragt hätte, ob ich den Anfang des Buchs wirklich so schreiben soll? Und sie hätte gesagt, nein, schreib nicht darüber, wie wir verprügelt worden sind? Das Buch wäre keine zehn Seiten dick geworden."
Yahya Hassan ist wohl so etwas wie der letzte romantische Dichter Europas: Für die Wahrheit der Kunst hat er sein Land verraten, seine Familie, seine Freunde. Beseelt von der Liebe zu seiner Sprache, dem Dänischen. Ein Held. Und ein Popstar: Der Absturz der Buchfigur ist der Aufstieg des Autors.
Trotzdem sitzt Yahya Hassan im Meeting-Raum seines Verlags wie ein verlorener Junge.
Er führt ein ziemlich einsames Leben in seinem Kopenhagen, der Stadt, die er mit seinen Worten erobert hat. Wahrscheinlich hat er zu niemandem so engen Kontakt wie zu seinen beiden Bodyguards. "Früher hatte ich mit solchen Typen in Heimen und im Gefängnis zu tun", sagt er. "Jetzt müssen sie mich schützen."
Er hat einen seltsamen Blick. Manchmal schaut er unter seiner Kapuze hervor wie ein Jugendlicher, dem gerade alles zu viel wird. Manchmal sagt dieser Blick: Ihr könnt mich alle mal.
Aus dem Dänischen von Annette Hellmut und Michel Schleh. Ullstein Verlag, Berlin; 176 Seiten; 16 Euro.
Von Tobias Rapp

DER SPIEGEL 11/2014
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