10.03.2014

GESUNDHEIT„Die sind nicht bescheuert“

Der Pflegeheimleiter und Ethik-Experte Michael Schmieder kämpft gegen den verstörenden Trend, Demenzkranke in einer falschen Realität leben zu lassen.
Schmieder, 58, ist Chef des Heims Sonnweid im schweizerischen Wetzikon. Das Konzept des Deutschen unterscheidet sich fundamental von jener neuartigen Unterbringung dementer Senioren, wie sie im Modellprojekt De Hogewey in Holland praktiziert wird. Dort leben die verwirrten Einwohner in einem künstlichen Dorf scheinbar normal: Sie können einkaufen, zum Friseur gehen, am Teich spazieren - es ist eine Art Freilichtaltenheim. Ein ähnliches "Dorf" soll auch im rheinland-pfälzischen Alzey entstehen.
SPIEGEL: Fachleute aus aller Welt, auch aus Deutschland, schwärmen von dem holländischen Demenzdorf De Hogewey - nur Sie nicht. Warum?
Schmieder: Das Konzept funktioniert schon deshalb nicht, weil man es "Dorf" nennt. Mit diesem Begriff, der schön und heimelig klingt, will man der Krankheit den Schrecken nehmen. Als ginge das mit einem hübschen Label! Gewiss, es gibt da gute Mitarbeiter, die machen gute Demenzbetreuung. Sie nehmen Stress weg, das ist das Wichtigste. Die Menschen haben viel Platz, drinnen und draußen, sie können viel entscheiden. Aber der Name "Demenzdorf" ist Augenwischerei.
SPIEGEL: Weil die Friseure, Verkäufer und Kellner in Wirklichkeit zum Pflegepersonal gehören?
Schmieder: Das Schlimme ist: Die pflegerische Beziehung wird auf einer Lüge aufgebaut. Man tut das vermeintlich, um den Kranken zu schonen. Aber wen schont man in Wirklichkeit? Wenn ich meine Frau betrüge und ihr das nicht sage, schone ich vor allem mich selbst. Die Pflegenden, die den Kranken belügen, suchen eine Lösung für sich - nicht für den Kranken. Man will damit Demenz pflegbar machen. Ein unerfüllbarer Anspruch: Alzheimer ist nicht betreubar.
SPIEGEL: In der Sonnweid, dem Demenzheim, das Sie leiten, werden die Menschen doch auch betreut.
Schmieder: Wir haben hier einen anderen Ansatz: für den Menschen da zu sein. Ehrlich zu ihm zu sein. Ihn auszuhalten. Ich gehe nicht gut mit jemandem um, wenn ich abends die von ihm gekaufte Ware wieder in den künstlichen Supermarkt zurücksortiere. Das ist doch gemein!
SPIEGEL: Glauben Sie denn, dass die Betroffenen das bemerken?
Schmieder: Das ist nicht die richtige Frage. Das Wesen der Lüge ist ja gerade, dass der andere es nicht merkt.
SPIEGEL: Aber wenn Notlügen Stress abbauen, könnte es doch nützen. In Deutschland haben viele Altersheime Pseudo-Bushaltestellen. Da werden die Verwirrten hingebracht, die unbedingt nach Hause wollen, die an die Tür hämmern und toben. Oft sind sie dann beruhigt und vergessen ihren Plan.
Schmieder: Ich glaube nicht, dass diese Art Umgang hilft. Wir haben dieses Bild von Dementen: hoch aggressiv, kreischend, um sich schlagend. Hier bei uns erleben wir das jeden Tag anders.
SPIEGEL: Wie denn?
Schmieder: Jeder geht friedlich seinen Geschäften nach. Manche tigern durch die Gänge, andere unterhalten sich, bei uns wird viel und gut gegessen. Natürlich gibt's auch mal Streit, aber auch sehr viel Gelächter.
SPIEGEL: Wie erreichen Sie das?
Schmieder: Erstens können unsere Bewohner immer nach draußen, in den Garten. Alle Wege führen wir in großen Kreisen, dadurch fühlen sie sich nicht eingesperrt. Vor allem aber begleiten unsere Pfleger den Menschen.
SPIEGEL: Was heißt das: "begleiten"?
Schmieder: Wir stehen ihm bei in seiner Not, ohne ihn zu belügen. Wenn einer partout nach Hause will, kann ich ihm durchaus sagen: "Sie können nicht mehr nach Hause." Ich bleibe ihm dabei nah und frage nach: "Wie ist das für Sie?" Dadurch hat er die Möglichkeit, seine Gefühle zu äußern. Ich nehme ihn ernst, erkenne an, was er fühlt. Validieren nennen wir das. Gestern kam eine Bewohnerin, eine vermögende Frau, die wollte 1000 Franken haben. Ich habe ihr gesagt: "Das geht nicht. Und ich weiß, dass ist ganz schlimm für Sie."
SPIEGEL: Wie hat sie reagiert?
Schmieder: Sie war wütend, und da habe ich gesagt: "Ja, gell, das macht Sie wütend." Irgendwann ging es ihr besser, und dann haben wir gemeinsam ein Eis gegessen. Es ist doch tatsächlich saublöd, nicht ans eigene Geld zu dürfen. Und diese Menschen erleben in ihrer Gefühlswelt alles noch viel stärker als wir. Sie sind dement, aber nicht bescheuert.
SPIEGEL: In Bern gibt es ein Heim mit einem "Zugfahrtsimulator". Da sitzen die Demenzpatienten in Erste-Klasse-Sesseln und schauen statt aus dem Fenster auf einen Film in Endlosschleife, in dem die Berglandschaft vorbeizieht. Die Betreiber wollen den dementen Menschen ein Leben in Würde ermöglichen ...
Schmieder: ... sorry, aber wie kann man da den Begriff der Würde bemühen? Wenn ich den Leuten den Film im Kino zeigen würde, das wäre legitim. Bei dieser sogenannten Zugfahrt kommt ja sogar noch einer mit dem Wägelchen vorbei und fragt: "Hätten Sie gern einen Kaffee?"
SPIEGEL: Am Demenzdorf stört Sie auch, dass die Menschen da je nach sozialer Herkunft untergebracht sind - die Bessergestellten speisen unter Kronleuchtern, frühere Arbeiterkinder essen am Küchentisch. Was ist daran so falsch?
Schmieder: Diese Krankheit konfrontiert uns mit anderen Werten; da spielt Herkunft keine Rolle mehr. Denken Sie an den Intellektuellen Walter Jens, der sich als Alzheimerkranker in der Gesellschaft einer einfachen Bäuerin am wohlsten fühlte.
SPIEGEL: Wieso macht man mit den Dementen Ihrer Meinung nach so viel sinnloses Theater?
Schmieder: Alzheimer ist eben auch ein Geschäft, da wird alles Mögliche verkauft. Gedächtnistraining für Menschen mit Demenz zum Beispiel: Das ist eine Katastrophe, das strengt die Betroffenen bloß an. Oder: Alzheimerpatienten fotografieren ihre Umwelt. Ich konnte noch nie gut fotografieren - warum sollte es mit Demenz besser sein?
SPIEGEL: Vielleicht macht es den Kranken Spaß, sich künstlerisch auszudrücken.
Schmieder: In der Tat sind Menschen mit Demenz unheimlich kreativ. Die setzen Dinge um, die unsere Norm weit sprengen. Und ich glaube, genau deshalb zwingen wir sie in Kunst- oder Theaterprojekte. Das erscheint uns dann als etwas Produktives, etwas Sinnvolles. Wir halten es nicht aus, dass sie dauernd unsere Normvorstellungen in Frage stellen, etwa von Hygiene oder von Beziehung.
SPIEGEL: Und wie halten Sie das aus?
Schmieder: Wir versuchen, die Menschen zu nehmen, wie sie sind. Weniger ist mehr: sich mit ihnen hinsetzen, die Hand halten. Und was die Hygiene angeht: Gute Putzkräfte sind sehr wichtig. Was taugt das beste Demenzkonzept, wenn es dann im Haus nach Urin stinkt? Die basalen Bedürfnisse müssen befriedigt werden, nach guter Luft, gutem Essen und vor allem nach Licht. Es ist nachgewiesen, dass viel Tageslicht sehr wichtig ist für das Wohlbefinden.
SPIEGEL: Das klingt fast nach Wellness.
Schmieder: In der Demenzpflege geht es nur um Lebensqualität. Überall werden Therapien angeboten, vermutlich, weil das Geld bringt: Gartentherapie, Ergotherapie, Musiktherapie. Therapie für Alzheimerkranke ist Quatsch, man kann sie nicht heilen. Aber natürlich kann man gemeinsam pflanzen, basteln oder singen.
SPIEGEL: In Deutschland wird derzeit ein Plüschroboter erprobt: die Robbe Paro. Deren japanischer Erfinder hat sie mit Sensoren für Licht, Wärme und Berührung ausgestattet, sie fiepst, ist kuschelweich und wird empfohlen gegen Stress. Würden Sie Paro-Robben anschaffen?
Schmieder: Nie. Das ist wieder nur ein Versuch, den Menschen betreubarer zu machen. Ein Kuschelroboter ersetzt keine menschliche Zuwendung. Und nur die zählt.
SPIEGEL: Viele Alte mögen diese Kuscheltiere aber wirklich.
Schmieder: Ich nenne das die schöne neue Demenzwelt. Alles so schön bunt, alles so schön herzig. Das ist aber nicht die Realität.
SPIEGEL: Viele Heime sind nicht bunt, sondern altmodisch eingerichtet. Sie sollen die verwirrten Bewohner an ihre Kindheit erinnern.
Schmieder: Woher wissen wir, dass deren Kindheit schön war? Außerdem: Herr Meier hat eine ganz andere Vorstellung von Leben als Frau Müller. Ich weiß weder, was ihm guttut, noch, was ihr gefällt. Bei uns sind die Möbel eher funktional; ich will den Menschen Platz für ihre eigenen Bilder lassen. 2014 ist 2014, ich möbliere so, wie man heute möbliert.
SPIEGEL: Aber es gibt hier doch auch Ecken mit alten Möbeln ...
Schmieder: ... das ist ein Angebot. Es wird übrigens nicht gut genutzt. Die alten Sessel sind einfach unbequemer.
SPIEGEL: Spielt denn die Vergangenheit der Patienten gar keine Rolle?
Schmieder: Wir sind stark jetztorientiert. Es interessiert uns nicht, ob Herr Schneider pädophil war oder Frau Schuster sechs Abtreibungen hatte. Dann könnten wir nämlich denken: Aha, deshalb ist die Frau so grundsätzlich verstimmt. Der Grund kann aber ein ganz anderer sein. Je weniger ich weiß, desto vorurteilsfreier kann ich auf das, was der Mensch mir jetzt zeigt, eingehen.
SPIEGEL: Die Pflege Demenzkranker ist sehr teuer. Manche Leute lassen deswegen ihre Familienangehörigen schon im sonnigen Thailand von angeblich ausgesucht liebevollen Pflegerinnen betreuen. Was halten Sie davon?
Schmieder: Ich nenne das Deportation. SPIEGEL: Das ist ein hartes Wort.
Schmieder: Es geht um den Versuch, etwas auszulagern, was man im eigenen Land nicht bewältigen will. Wir erschweren die Bedingungen so, dass die Angehörigen sagen: irgendwohin, wo es billig ist.
SPIEGEL: Es gibt auch internationale Demenzheime in Tschechien.
Schmieder: Das ist dasselbe. Die Gesellschaft hat immer versucht, die großen Probleme auszulagern - sei es die Pest in Pestdörfern. Oder die Behinderten. Immerhin werden in Tschechien die Familien der Pflegekräfte geschont: Normalerweise gehen ja die Osteuropäerinnen in westeuropäische Haushalte, und ihre Kinder bleiben ohne sie daheim.
SPIEGEL: Sollten Angehörige sich lieber selber um ihre Alzheimerkranken kümmern?
Schmieder: Dafür werbe ich nicht, nein. Diese Krankheit überfordert Angehörige. Wenn jemand fünfmal in der Nacht ins Bett uriniert oder der 84-jährige Ehemann um 4 Uhr morgens zur Arbeit gehen will - das hält man nicht aus.
SPIEGEL: Was sollten Angehörige denn tun?
Schmieder: Kämpfen! Dafür, dass die Institutionen besser werden. Der deutsche Staat nimmt so viel Steuern ein. Wohin geht das Geld? Wieso gibt es in Deutschland nur halb so viel Personal pro Pflegebedürftigen wie in der Schweiz?
SPIEGEL: Der Monatssatz in Ihrem Heim ist auch doppelt so teuer.
Schmieder: Wenn ein Bewohner mittellos ist, dann zahlt das bei uns in der Regel der Staat, und richtig, da kommen schon mal 10 000 Franken im Monat zusammen. In Deutschland werden die Kinder in Haftung genommen, wenn das Vermögen der Mutter für die Pflege nicht reicht. Das sollte man sich nicht bieten lassen.
Interview: Annette Bruhns
Von Annette Bruhns

DER SPIEGEL 11/2014
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