10.03.2014

GEWALTFORSCHUNGSchubsen und stoßen

Sind dänische Männer aggressiver als italienische? Schlagen Deutsche eher zu als Spanier? Statistiker halten eine EU-Studie zur Gewalt an Frauen für fragwürdig.
Unter den Männern Dänemarks herrscht Bestürzung. Auch die Schweden und Finnen sehen sich an den Pranger gestellt. Seit der vergangenen Woche gelten die nordischen Männer als die brutalsten Rüpel Europas - zumindest im Umgang mit Frauen.
Überraschende Ergebnisse präsentierten Gewaltforscher in einer Studie, die sie im Auftrag der Agentur der Europäischen Union für Grundrechte FRA erstellt haben. Demnach herrscht ein auffälliges Gewaltgefälle zwischen Nord- und Südeuropa. So gibt in Dänemark jede zweite Frau an, seit ihrem 15. Lebensjahr Opfer von körperlicher oder sexueller Gewalt geworden zu sein. In Deutschland sei jede dritte Frau betroffen. In Italien, Kroatien oder Bulgarien hingegen berichteten deutlich weniger als 30 Prozent der Frauen über persönliche Gewalterlebnisse.
Die Statistiken sind kaum zu glauben. Warum sollen mit den Skandinavierinnen ausgerechnet jene Frauen am häufigsten zu Gewaltopfern werden, die als besonders emanzipiert und selbstbestimmt gelten? Ist es wirklich vorstellbar, dass Frauen in Dänemark doppelt so oft gestoßen, geschlagen, verletzt oder sexuell missbraucht werden wie in Kroatien oder Spanien?
Sozialwissenschaftler halten ein so krasses Nord-Süd-Gefälle für nicht sehr wahrscheinlich. Ihnen gelten die Ergebnisse eher als weiteres Beispiel dafür, dass solche Ländervergleiche häufig unseriös sind. "Statistisch gesehen sind die meisten dieser Vergleiche wertlos", urteilt etwa der Dortmunder Statistikprofessor Walter Krämer. Denn Faktoren, die das Ergebnis verfälschen könnten, gebe es zuhauf, die Art und der Ort der Befragung beispielsweise.
"Das wissen die meisten Sozialwissenschaftler auch", sagt Krämer. "Trotzdem erliegen viele immer wieder der Versuchung, fragwürdige Ergebnisse zu veröffentlichen, nur weil diese überraschend und damit schlagzeilenträchtig sind."
So ist auch die Gegenüberstellung der Länder in der FRA-Studie methodisch fragwürdig. Einer der wichtigsten Kritikpunkte: Die Frauen wurden nicht überall nach dem gleichen System ausgewählt. In den meisten Ländern klingelten die Interviewerinnen direkt an der Haustür und führten die Gespräche im Anschluss daran. Nur in Schweden, Finnland und Dänemark, wo die Menschen teils sehr verstreut leben, riefen die Sozialforscher erst einmal an. Dass ausgerechnet diese drei Länder das Gewalt-Ranking anführen, ist nach Expertenmeinung wohl kein Zufall.
Krämer hält die Herangehensweise in der europäischen Studie an dieser Stelle für äußerst angreifbar. Auf diese Weise könne man geradezu "groteske Fehlhochrechnungen" erhalten, sagt er. Ähnlich sieht das auch der Bielefelder Sozialpsychologe Gerd Bohner. Am Telefon falle es Menschen erfahrungsgemäß leichter, einen Interviewer abzuwimmeln, als an der Haustür, erläutert er. "Wer sich am Telefon doch entschließt, einer Befragung zuzustimmen, tut dies vielleicht, weil er tatsächlich eine selbst erlebte Geschichte über Gewalt zu erzählen hat."
Bohner sieht zudem ein weiteres Problem: Wenn eine Frau am Telefon einen Termin vereinbart, wählt sie eine Zeit, zu der sie ungestört sprechen kann. Wenn sie sich jedoch spontan zu Hause auf ein Interview einlässt, muss sie möglicherweise damit rechnen, dass der gewalttätige Ehemann jeden Moment nach Hause kommt. Wer redet da noch offen über seine schlimmen Erfahrungen?
Die Autoren der europäischen Gewaltstudie haben ebenfalls nach den Ursachen für den erstaunlichen Gewaltatlas gesucht. Ihre Erklärung: Je gleichberechtigter die Frau in einer Gesellschaft sei, desto größer dürfte auch die Wahrscheinlichkeit sein, dass sie Gewalttaten hinterfragt. Auch sei es "kulturell bedingt", wie offen ein Mensch über unangenehme Erlebnisse spreche.
Hinzu kommt, dass Frauen in unterschiedlichen Kulturkreisen auch unterschiedlich definieren, was sie unter Gewalt verstehen. Die FRA-Studie fasst unter "körperlicher und/oder sexueller Gewalt" einen Katalog von Taten zusammen - angefangen mit "Schubsen und Stoßen" über versuchtes "Ersticken oder Strangulieren" bis hin zum Geschlechtsverkehr, der "durch Festhalten oder durch Zufügen von Schmerzen" erzwungen wurde.
Das lässt viel Raum für Interpretationen. Fühlt sich eine Schwedin eher geschubst als eine Rumänin? Hält eine Italienerin noch für normal, was die Finnin bereits als Gewalt in der Ehe ansieht? Aufklärung spielt eine große Rolle, aber auch die Gesetzeslage eines Landes und die Gefühlswelt der Betroffenen.
An der Grundaussage der Studie, dass europaweit erschreckend viele Frauen Gewalt erfahren, zweifeln Experten jedoch nicht. Unter den 42 000 Befragten in allen 28 EU-Staaten haben insgesamt 33 Prozent angegeben, schon einmal Opfer von körperlicher oder sexueller Gewalt geworden zu sein. Ähnliches besagt auch eine Erhebung der Weltgesundheitsorganisation WHO: Sie geht von rund 25 Prozent aus.
Rechnet man aus der FRA-Statistik diejenigen Frauen heraus, die nur "geschubst oder gestoßen" wurden, hat ebenfalls jede vierte körperliche Gewalt erfahren.
Beim Ländervergleich jedoch fehlt es an genau solchen Differenzierungen. "Die Stichproben würden damit zu klein und wären nicht mehr aussagekräftig", rechtfertigt dies ein FRA-Sprecher.
Von Katrin Elger

DER SPIEGEL 11/2014
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