10.03.2014

BOULEVARDServus

Die Münchner „Abendzeitung“, 1948 gegründet, stirbt. Warum? Von Klaus Brinkbäumer
Erinnerungen. Es flog ein Schlüsselbund durch den rund 20 Meter langen Raum, wenn dem Ressortleiter Urban ein Einstieg nicht passte. Stellvertreter Lehrberger schimpfte die Volontärin aus: "Madl, du lernst es nie." Mittags Leberkässemmeln. Von draußen, vom Marienplatz her, das Glockenspiel. Boris Becker und Uli Hoeneß riefen an, zufälligerweise gleichzeitig, und am einen Telefon beruhigte der Tennis-Reporter Lübenoff seinen Becker: "Du bist viel besser als der Agassi." Einen Schreibtisch weiter zog der Fußball-Kolumnist Hildebrandt, Vorname Bernd, der kleine, aber nicht weniger lustige Bruder des großen Dieter, an der Zigarre und erklärte seinem Lieblingsfeind Hoeneß: "Wenn du ein Weltverein werden willst, dann sei nicht so empfindlich. Servus, Uli."
Dann ist es 17.15 Uhr: Redaktionsschluss. 17.30 Uhr: Andruck. 17.35 Uhr: "Brinkbäumer, wie wär's mit zwei Flaschen Frankenwein, hier hast du 20 Mark." 19 Uhr: Was haben die "SZ" und die "tz" in ihren Andruckausgaben, was müssen wir abschreiben? 20 Uhr: zurück an die Arbeit, Aktualisierung für die Morgenausgabe. Und erst dann in die Kneipe, ins "Stadtcafé" oder ins alte "Schumann's", wo nach uns die Kuriere auftauchen und die ",AZ' von morgen" anpreisen und wir den schönen Münchnerinnen beiläufig zeigen können, was wir soeben verfasst haben. Lange her und doch, wie immer, auch gar nicht so lange.
Jene Jahre im Sport-Ressort, 1988 bis 1991, das waren schon nicht mehr die glorreichen Zeiten der "Abendzeitung", denn das waren die Siebziger gewesen, Schwabings leuchtende Jahre. Sigi Sommer war an der Isar entlanggewandert, "Blasius, der Spaziergänger" hieß die Kolumne. Ponkie hatte schwarze Sonnenbrille getragen und über Kino und Fernsehen geschrieben. Michael Graeter hatte von den Reichen und Verschönerten erzählt, bissiger, als er sollte, denn die Herausgeberin Anneliese Friedmann (die lieber männlich "Herausgeber" heißen wollte) hatte all die Beschriebenen gekannt, sich geärgert und Graeter doch machen lassen, wie es sich in einem guten Zeitungsverlag gehört. München war schon damals ein Dorf mit zu vielen Zeitungen gewesen, und dennoch hatte die "AZ" knapp 300 000 Exemplare verkauft.
Aber auch unsere Jahre waren noch gute Zeiten, alte Zeiten eben und ganz gewiss andere Zeiten als die heutigen. Vor 25 Jahren glaubten "AZ"-Redakteure noch, dass "Bild" der Gegner und zu besiegen sei; mit Witz, mit Charme, mit Sprache und auch durch Recherche und Geschichten, die stimmten.
Am vergangenen Mittwoch starb sie noch nicht, die "AZ"; sie ist nun insolvent und laut Eingeweihten, die trotz ihrer Trauer Auskunft geben mögen, ohne Hoffnung auf einen Käufer. Es starb aber bereits eine Idee: Die "AZ" wollte linken Boulevard machen, sie wollte sozialdemokratischen Humor zu Papier bringen. Das ging nicht gut, nicht langfristig jedenfalls. Weil es eben nicht geht? Weil Boulevardblätter schamlos rechts sein müssen, wenn sie Erfolg haben wollen?
Nein. Wie so viele Zeitungen oder Zeitschriften, die es nicht schaffen, taugt auch die "AZ" nicht als Metapher für alle anderen. Jede untergehende Firma, jede sterbende Zeitschrift oder Zeitung macht ihre eigenen Fehler. Ein absurd teurer und ebenso absurd langfristiger Druckvertrag war der offensichtliche Fehler der "AZ", weil dieser Vertrag die so treue wie generöse Verlegerfamilie Friedmann auf 15 Jahre knebelte, so dass die Friedmanns seit 2001 (nach eigenen Angaben) 70 Millionen Euro Verluste auszugleichen hatten. Eigentlich war sich die ganze Mannschaft sicher gewesen, dass die "AZ" leben würde, solange Anneliese Friedmann, 86, lebt. Jahrelang konnte die Familie Friedmann, die 18,75 Prozent am Süddeutschen Verlag ("SZ") hält, ihre "AZ"-Verluste durch "SZ"-Gewinne abfangen, aber selbst der "SZ" geht es nicht besonders.
"Dass es hier jederzeit hochgehen könnte, wussten wir alle", sagt Chefredakteur Arno Makowsky, "das wusste ich schon, als ich 2008 hier anfing." Nun dreht Johannes Friedmann, Annelieses Sohn, den Hahn zu; Makowsky, nicht vorbereitet, erfuhr es in Ägypten.
Nicht so offensichtlich, aber teurer noch als der Druckvertrag waren zwei andere Fehler.
Das Blatt, das einst eine echte "Seite 3" und ein feinsinniges Feuilleton und einen München erspürenden Lokalteil und bittersüße Klatschseiten und (bis zuletzt immerhin) einen flotten Sportteil hatte, war seit Jahren schon ausgeblutet. Es war durch Sparen sinnfrei geworden. Chefredakteur Makowsky verteidigt seine Leute tapfer: "Diese ganzen Retro-Trauerreden werden uns nicht gerecht, wir gewinnen Preise und sind kreativ, eine moderne Boulevardzeitung eben." Wer die heutige "AZ" aber ernsthaft lesen will, blättert und blättert, findet kaum Texte und ist dann auch schon durch.
Und die "Abendzeitung" hat die eigenen Leser daran gewöhnt, dass Journalismus nichts zu kosten habe. In München standen schon vor 25 Jahren die stummen Verkäufer herum, Zeitungsboxen, aus denen man - Klappe hoch, Klappe zu - die "AZ" herausklauen konnte, ohne zu zahlen. Die stummen Verkäufer seien wichtig, so argumentierten Anzeigenleiter und Geschäftsführer, weil auf diese Weise die Auflage hochzuhalten und damit die Anzeigenpreise zu begründen seien.
Das ging so lange gut, bis es schiefging. Es stellte sich heraus, dass der Gegner nicht "Bild" war, sondern das ganze, gewaltige Gratis-Internet: Die Anzeigen waren fort, ehe ihr Verschwinden jemandem auffiel, die Leser ersetzten die Ausfälle nicht, da sie nur lasen und nicht zahlten, und die Zeitung hatte keine Autoren mehr. Die Nürnberger "AZ" verschwand schon 2012, die Münchner "AZ" meldet noch 106 000 Exemplare, aber hausintern glaubt diese Zahl kein Mensch. "Ein hoher Auflagenanteil waren sonstige Verkäufe, und die haben uns ein Vermögen gekostet, die Exemplare muss man ja erst einmal drucken", sagt Makowsky. Die einstige Heimat, Sendlinger Straße 10, wurde verkauft und später abgerissen, nur Ponkie schreibt wie früher, 87 Jahre alt, das elegante Foto über ihrer Kolumne altert seit 30 Jahren nicht.
Diese "Abendzeitung", die München fehlen wird, ist eine Warnung für den Kölner "Express" und die Hamburger "Morgenpost", da auch diese beiden einen Gegen-Boulevard anstreben und alle drei zu den Verlierern der Wiedervereinigung gehören. Berlin und der Osten haben München, Köln und Hamburg Bedeutung geraubt und deren Zeitungen ebenfalls.
Die "AZ" kann aber auch Mahnung sein, zunächst für das Kartellamt und dann für eine Branche. Das Kartellamt erlaubte Zusammenschlüsse und Anzeigenkooperationen mit Dirk Ippens Blättern "tz" und "Münchner Merkur" oder mit der "Süddeutschen" nicht. Mitunter scheinen die Wächter nicht zu verstehen, wie schnell sich Welten verändern. Ein Printkartell, 2014? Sehr komisch.
Zeitschriften und Zeitungen haben weltweit zu kämpfen, da es nicht nur regionale oder lokale Krisen gibt, sondern einen scharfen und rasanten Strukturwandel. Jedes einzelne Blatt kann seinen Kampf nur gewinnen, wenn es weiß, was es sein will und was es kann, wenn es eine Idee hat, an welche die Eigentümer, der Verlag und die gesamte Redaktion glauben; und wenn es sich nicht selbst verramscht und beschädigt. Dann muss es nur noch bedeutend, kraftvoll und mutig bleiben - so gut nämlich, wie es sein kann, und kein bisschen schlechter.
Der Autor, stellvertretender SPIEGEL-Chefredakteur, berichtete als Sportredakteur der "Abendzeitung" von 1988 bis 1991 über Tennis und den FC Bayern.
Von Klaus Brinkbäumer

DER SPIEGEL 11/2014
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