17.03.2014

KERNKRAFTAtombombe im AKW

Der Ex-Betriebsleiter des Kernmeilers Biblis stößt auf eine Sicherheitslücke, die zum Super-GAU führen kann. Nun prüft das Umweltministerium das Szenario.
Als vor drei Jahren in Fukushima ein Reaktorblock nach dem anderen in die Luft flog, saß Helmut Mayer gebannt vor dem Fernseher. "Diese Bilder waren wie ein Schock für mich", sagt der 64-Jährige.
Nicht, weil er ein Gegner der Atomkraft wäre. Im Gegenteil. Mayer war Sachverständiger für die Internationale Atomenergiebehörde, Dozent an der Schule für Kerntechnik in Karlsruhe und fast zehn Jahre lang der Betriebsleiter des inzwischen stillgelegten AKW Biblis.
Vor allem eine Explosion ließ seinen Adrenalinspiegel hochschnellen, denn sie war anders als die vorangegangenen: Es war jene im dritten Block am 14. März 2011. "Das sah aus, als ob eine Atombombe explodiert", sagt der Diplomingenieur.
Seitdem treibt ihn eine Angst um: Kann es sein, dass auch in Druckwasserreaktoren, von denen noch sieben in Deutschland in Betrieb sind, der gleiche Effekt auftritt wie bei einer Kernwaffe nach der Zündung? Mayer hat einen konkreten Grund zur Sorge. Der Energiefachmann ist auf ein kompliziertes Störfallszenario gestoßen, das im schlimmsten Fall in einem solchen Super-GAU endet.
Niemand hat das bislang durchgespielt, in keinem Handbuch wird es erwähnt. "Man tut einfach so, als dürfte das Undenkbare nicht eintreten", sagt der AKW-Kenner, der heute in der Nähe von Heidelberg lebt. Das Heikle daran: Ein wie von Mayer beschriebener Störfall wird wahrscheinlicher, je älter die Meiler werden - und je weniger sie technisch modernisiert werden, weil ihr Ende im Jahr 2022 von der Bundesregierung bereits besiegelt worden ist.
Seit mehr als einem Jahr versucht Mayer, das Bundesumweltministerium als die oberste Aufsichtsbehörde für deutsche Kernkraftwerke dazu zu drängen, seine Sicherheitsbedenken zu überprüfen. Doch das Ministerium hat bislang abgewiegelt.
Das mag auch an der ungewöhnlichen Geschichte liegen, die davon handelt, wie Mayer das Unfallszenario entwickelt hat. Bereits vor einigen Jahren hatte er es in einem Roman niedergeschrieben. In dem Werk geht es um den Betriebsleiter eines AKW, der eines Tages früh am Morgen von seinen aufgeregten Mitarbeitern auf die Kontrollwarte gerufen wird.
Der Meiler scheint außer Kontrolle zu geraten. Die Computer haben eine Notabschaltung eingeleitet. Rätselnd steht die Belegschaft vor den hektisch blinkenden Schalttafeln und kann sich auf die Messergebnisse keinen Reim machen. Sie folgen ihren Handbüchern und begehen damit einen Fehler, der den Reaktor an den Rand der Kernschmelze treibt.
Vor anderthalb Jahren ist der Roman "Der Störfall" erschienen. Heute vermutet Mayer, dass der fiktive Ursprung seines Störfallszenarios die Atombeamten an seiner Seriosität hat zweifeln lassen.
Doch seit Anfang dieses Jahres hat Helmut Mayer einen gewichtigen Mitstreiter für seine beunruhigenden Hypothesen. Es ist Wolfgang Renneberg, ehemaliger Leiter der für Atomaufsicht zuständigen Abteilung im Umweltministerium und einer der renommiertesten Experten in Deutschland auf dem Gebiet der Reaktorsicherheit.
Der ehemalige Beamte hat mit seinen Kernphysikern das Szenario an Computern nachrechnen lassen. Sein Ergebnis: Mayer ist auf einen Unfallverlauf gestoßen, der in seiner Eintrittswahrscheinlichkeit um ein Vielfaches höher liegt als andere Störfallursachen.
Am Anfang des Super-GAU platzt in dem Dampferzeuger des AKW eines oder mehrere der vielen tausend Heizrohre. Zur Kernexplosion kommt es, weil ein Pfropfen Wasser sich um die Brennstäbe legt, der kein Bor enthält - ein Stoff, der die Kettenreaktion eigentlich unter Kontrolle halten soll. Auch Renneberg hält in einem solchen Fall ein Szenario für denkbar, das "sich nicht mehr beherrschen lässt" und im Extremfall einer Atombombenexplosion gleicht, ähnlich, wie es Experten für die Detonation des dritten Fukushima-Reaktors vermuten.
Renneberg und sein Expertenteam fordern von den Betreibern und den Aufsichtsbehörden nun: "Im Sicherheitsnachweis der Anlage muss gezeigt werden, dass dieser Unfall beherrscht werden kann." Das Bundesumweltministerium hatte bislang darauf bestanden, die von Mayer unterstellten "Fehlhandlungen des Betriebspersonals" seien in "entsprechenden Betriebshandbüchern für Kernkraftwerke berücksichtigt".
Diese Stellungnahme entstand noch unter dem damaligen Umweltminister Peter Altmaier (CDU), in dessen Amtszeit die Atomabteilung von Gerald Hennenhöfer, einem bekennenden Kernkraftbefürworter, geleitet wurde. Altmaiers Nachfolgerin Barbara Hendricks hat Hennenhöfer allerdings in den Ruhestand entlassen. Mit Wolfgang Cloosters hat die SPD-Frau einen Nachfolger installiert, der sich zuvor unter der schleswig-holsteinischen Landesregierung den Ruf als gewissenhafter AKW-Aufseher erworben hatte.
Und plötzlich klingt es anders aus dem Umweltministerium. Man dürfe Mayers Störfallszenario nicht lächerlich machen. Stattdessen solle man es sorgfältig prüfen und dabei nicht, so wie in der Vergangenheit, nur die positivsten Grundannahmen unterstellen, bei denen es den Rechenmodellen zufolge, wenig überraschend, zu keinerlei Gefahrenpotential kommen könne.
Für Mayer, der sich mittlerweile mit einer Energieberatungsfirma selbständig gemacht hat, ist das eine späte Genugtuung. Die Hände in den Schoß legen wird er aber auch jetzt nicht: "Ich werde erst Ruhe geben, wenn die Anlagen technisch verändert und die Handbücher aktualisiert sind."
* Explosion am 14. März 2011.
Von Gerald Traufetter

DER SPIEGEL 12/2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 12/2014
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

KERNKRAFT:
Atombombe im AKW

  • Zugriff am Stadtrand: Mutmaßlicher Schütze von Straßburg getötet
  • Blinde Surferin: Nur mit Gefühl auf den Wellen
  • Drohnenvideo: Überraschung beim Schwimmtraining
  • TV-Interview mit Melania Trump: "Am schlimmsten sind die Opportunisten"