17.03.2014

RAUMFAHRT„Es geht nur ums Geld“

Der deutsche Raumfahrtchef Johann-Dietrich Wörner sagt, wie er das fliegende Teleskop „Sofia“ retten will - und berichtet über die schwierige Partnerschaft mit der Nasa.
Wörner, 59, ist Vorstandsvorsitzender des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) in Köln-Porz.
SPIEGEL: Herr Wörner, "Sofia" ist die ungewöhnlichste Sternwarte der Welt. An Bord einer Boeing 747 wird das Spiegelteleskop regelmäßig in die Stratosphäre geflogen, es blickt also vom Himmel aus ins All. Doch nun will die Nasa aus diesem größten deutsch-amerikanischen Forschungsprojekt aussteigen. Hat Sie diese Ankündigung überrascht?
Wörner: Ja, das hat auch mich kalt erwischt, es gab keine Vorwarnung. Ich bin bestürzt und verärgert. Ein einzigartiges Observatorium steht am Abgrund.
SPIEGEL: Wie hat die Nasa begründet, das fliegende Observatorium einzumotten?
Wörner: Es geht nur ums Geld. Überrascht hat mich dabei die harte Haltung. Bei aller Notwendigkeit zu sparen: Sofia hat am Nasa-Budget einen Anteil von unter einem Prozent. Wenn der Haushalt der Nasa so sehr auf Kante genäht wäre, hätten die Amerikaner wirklich ein Problem. Aber das glaube ich nicht.
SPIEGEL: Ist Sofia noch zu retten?
Wörner: Ich gebe die Hoffnung nicht auf. Inzwischen habe ich mit dem Nasa-Chef Charlie Bolden telefoniert. Wir haben vereinbart, dass eine Expertenrunde nach einer Lösung suchen soll, um Sofia weiter betreiben zu können. Das ist noch kein Sieg, aber ein erster Schritt. Nur haben wir nicht mehr viel Zeit.
SPIEGEL: Warum die Eile?
Wörner: Im Mai soll die Sofia-Boeing in der Hamburger Lufthansa-Werft gewartet werden. Doch eine aufwendige, teure Wartung bei einer Maschine, die gar nicht mehr fliegen wird, macht wenig Sinn; bezahlt werden muss dies vermutlich trotzdem. All das hatten die Nasa-Kollegen wohl nicht auf der Rechnung.
SPIEGEL: Die Entwicklung von Sofia dauerte knapp 20 Jahre und kostete rund eine Milliarde Euro. Wäre es nicht eine Verschwendung von Steuergeldern, das Observatorium bereits drei Jahre nach dem ersten Forschungsflug auszumustern?
Wörner: Das sehe ich genauso. Wir haben gerade erst angefangen mit den Forschungsflügen. Eigentlich bestand Einigkeit, Sofia mindestens 20 Jahre lang zu betreiben. Ich finde es sehr bedenklich, ausgerechnet eine solche hochklassige Kooperation in Frage zu stellen. Wir jedenfalls halten internationale Vereinbarungen ein, selbst wenn uns das in finanzielle Schwierigkeiten bringt. So bleiben wir trotz aller Widerstände bei der Internationalen Raumstation ISS an Bord, die eine rein amerikanische Erfindung war.
SPIEGEL: Weshalb ist für Astrophysiker das fliegende Teleskop so wichtig?
Wörner: Das Observatorium ist einzigartig, weil es infrarote Strahlung aus dem All auffangen kann - wichtig etwa, um die Entstehung von Sternen zu erforschen. Teleskope am Boden können dies nicht, weil die Infrarotstrahlung fast vollständig vom Wasserdampf in der Atmosphäre verschluckt wird. Und nach dem Ausfall des erdumkreisenden Herschel-Teleskops, dem vor einem Jahr das Kühlmittel ausging, gibt es auch im Weltraum kein Infrarotteleskop mehr. Hinzu kommt: Sofia ist vergleichsweise preisgünstig, das Teleskop lässt sich leicht mit immer neuen Messgeräten ausstatten - was bei Satellitenteleskopen unmöglich ist.
SPIEGEL: Sollten die Amerikaner hart bleiben: Warum betreibt Deutschland das fliegende Observatorium nicht allein?
Wörner: Diese Möglichkeit schließe ich aus. Ohne Partner können wir das finanziell nicht schultern. Mir leuchtet aber auch gar nicht ein, inwiefern ein Einmotten von Sofia viel Geld sparen würde. Denn ein beträchtlicher Teil der Kosten entsteht dadurch, dass das Sofia-Flugzeug in den USA an zwei Standorten untergebracht und versorgt wird. Und die beiden Nasa-Hangars sollen ja nicht geschlossen werden. Insofern wird ein Großteil der Kosten ohnehin weiter anfallen. Durch Verzicht auf einen der beiden Standorte könnten wir tatsächlich viel Geld sparen.
SPIEGEL: Ist die Nasa noch ein zuverlässiger Partner?
Wörner: Natürlich beunruhigen uns solche Kehrtwenden. Die Nasa ist ein sehr starker Partner, mit dem es leider immer mal wieder Schwierigkeiten gibt. Beim gemeinsamen Raumgleiter X-38 beispielsweise hatten wir die Bauteile für die Nasenkappe bereits produziert, als die Nasa plötzlich aus dem Projekt ausstieg - und es später in neuem Gewand allein betrieb. Und vor kurzem stiegen die Amerikaner aus einer gemeinsamen Marsmission aus - um kurz darauf eine eigene anzukündigen.
SPIEGEL: War es ein Fehler, Ende 2012 auf der Esa-Ministerratssitzung zu beschließen, sich am neuen, bemannten Nasa-Raumschiff "Orion" zu beteiligen?
Wörner: Ich fand es ein reizvolles Angebot. In der Vergangenheit hat die Nasa ihre astronautischen Raumschiffe stets ohne Hilfe gebaut - von den Mondraketen bis zu den Shuttles. In der amerikanischen Industrie gab es deshalb auch Widerstand gegen eine solche Zusammenarbeit. Aber Sie haben recht: Es kommt jetzt darauf an, den Glauben an die Zuverlässigkeit der Amerikaner wiederzugewinnen. Bis zu den ersten Testflügen 2018 haben wir ja auch noch genug Zeit.
SPIEGEL: Zeigt die Wankelmütigkeit der Amerikaner, dass die Europäer einen eigenen Transporter ins All brauchen?
Wörner: Das wäre derzeit nicht zu bezahlen. Und auf der anderen Seite bieten sich uns künftig neue Transportmöglichkeiten. Kürzlich haben wir einen Vertrag mit der Sierra Nevada Corporation unterschrieben. Dieser US-Konzern baut den ersten privaten Raumgleiter namens "Dream Chaser", der ab 2017 zur ISS fliegen soll. Der Mini-Shuttle könnte, mit kleinen technischen Anpassungen, von unserer Ariane-5-Rakete in den Orbit geschossen werden. Europäische Astronauten werden also auch in Zukunft ins All starten.
Interview: Olaf Stampf
Von Olaf Stampf

DER SPIEGEL 12/2014
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