24.03.2014

UNTERNEHMERDer Boss der Bettler

Am Hamburger Hauptbahnhof lebt eine Familie aus Rumänien von Almosen. Sie organisiert sich wie eine Firma, mit Fahrern, Aufpassern, Angestellten. Weil sie am Arbeitsmarkt scheitert, hat sie ihre Armut zum Beruf gemacht.
An seinem ersten Tag in Deutschland, auf einem Stück Brachland hinter den Gleisen am Hauptbahnhof, lernte der Neue, ein guter Bettler zu sein. Seine Lektion begann damit, dass er sich zwei alte Pullover überstreifte, eine Krücke mit einem blauen Schaft in die Hand nahm und übte, mit ihr zu gehen. Das linke Bein warf er weiter nach vorn als das rechte, er knickte in der Hüfte ab und stolperte über die Gräser.
Nach zehn Metern blieb er stehen, neigte seinen Oberkörper vor und sprach drei deutsche Wörter, deren jeweils ersten Vokal er dehnte: Bitte. Danke. Entschuldigung. Anschließend stammelte er eine Geschichte, in der er Vater eines Sohnes ist, der in einem rumänischen Heim auf eine Operation wartet. Das Kind aus dieser Geschichte hat die Glasknochenkrankheit, seine Glieder sind verbogen und zerbrechlich. Der Mann übte eine halbe Stunde lang. Sein Boss, sagt er, stand daneben und schaute zu.
Der Mann, Vasile Rotaru(*), ist 31 Jahre alt, eine kleine Gestalt mit festem Bauch und dicken Armen. Er stammt aus einem Dorf in Siebenbürgen an den Ausläufern der Karpaten, im Zentrum Rumäniens. Als er Anfang des Jahres nach Deutschland kam, hatte er einen bescheidenen Traum. Er wollte Arbeit finden, vielleicht ein kleines Haus bauen und ein glücklicher Mann werden. Davon, dass es in Deutschland einen Arbeitsmarkt mit hohen Anforderungen gibt, hatte er nichts gehört.
Es ist Ende Januar, drei Tage sind seit seiner Ankunft in Hamburg vergangen, und Vasile steht an einem späten Nachmittag, an dem der Himmel sich dunkelblau verfärbt, in eine alte Jacke gehüllt an einer Ecke des Bahnhofs. Er hält einen Pappbecher mit ein paar Münzen vor sich und sieht aus, als schwitze er. Passanten gehen an ihm vorbei, Reisebusse fahren hinter ihm ab, gurrende Tauben landen vor seinen Füßen. Würde man von oben eine Aufnahme mit langer Belichtungszeit von Vasile beim Betteln machen, wäre er ein stiller Punkt in einem verwischten Strom voller Bewegung.
Der Boss hat Vasile zu einer Art schlechtangezogener Statue gemacht, die acht Stunden am Tag nichts anderes tut, als am Bahnhof zu stehen und zu lügen. Vasile ist der neueste Mitarbeiter eines Unternehmens, und seit er in dieses Unternehmen geraten ist, hat er nur ein Ziel: Er will es so schnell wie möglich wieder verlassen. Vasile sagt, seit seinem Arbeitsbeginn habe er immer wieder gedacht, er müsse sterben vor Scham. Aber aus Angst vor dem Boss kommt er trotzdem zum Dienst.
Der Boss, Sandu Trandafir(*), ist ein Mann, mit dem er früher, in Titeşti in den Südkarpaten, Kartoffeln aus den Feldern geholt hat. Die Firma des Bosses besteht im Kern aus einer Gruppe von zehn Männern und Frauen, die aus diesem Dorf stammen, die meisten sind miteinander verwandt. Eine wechselnde Zahl Angestellter kommt hinzu. Sandu Trandafir hat ein Geschäftsmodell entwickelt, das nun ihr Leben bestimmt: Er hat die Armut zum Beruf gemacht.
Sandu Trandafir ist ein kleiner, aufrechter Mann mit dichtem Bart, er steht an einem Wintermorgen am östlichen Ausgang des Hamburger Hauptbahnhofs und trinkt schwarzen Kaffee aus einem Pappbecher mit der Aufschrift "Dat Backhus - Ein Stück Hamburg, das schmeckt". Er wartet auf den Bus, der morgens gegen neun Uhr seine Arbeiter bringt.
Sandus Vorfahren waren Roma und von Beruf Löffelschnitzer, aber davon kann man heute auch in Rumänien nicht mehr leben. Wer Arbeit sucht als Rom, hat nicht viele Chancen, eine gute zu finden. Das Kindergeld beträgt in Rumänien umgerechnet neun Euro im Monat. Die Sozialhilfe beträgt monatlich etwa 25 Euro, man bekommt sie, wenn man beim Amt nachweist, dass man sich vergebens um einen Job bemüht hat. Oder wenn man 72 Stunden im Monat für die Gemeinde Müll einsammelt oder Schnee schippt; diese Regelung soll sicherstellen, dass der Betreffende nicht im Ausland ist und dort Geld verdient. Sandus Hände fühlen sich rau und trocken an, so, als habe er in seinem Leben schon oft Schnee geschippt.
Jeden Morgen nach dem Aufstehen, sagt Sandu, danke er Gott dafür, dass er hier in Hamburg sein dürfe, an diesem wunderbaren, aufgeräumten Ort. Wo er seinem Geschäftssinn folgen kann, wo man ihn machen lässt oder sogar unterstützt. Denn in den 30 Jahren, die er jetzt auf der Welt sei, habe ihm als Rom nie jemand etwas zugetraut, vor allem nicht die Leute in Rumänien.
Als Sandu vor vier Jahren nach Hamburg kam, habe er lange Arbeit gesucht, sagt er. Jeden Tag habe er am Bahnhof rumgestanden und in die Gegend, in die Luft geschaut, irgendwann saß er dann auf dem Boden. Als ihm jemand eines Morgens eine Münze in einen leeren Becher warf, den er vor sich stehen hatte, dachte er darüber nach, Bettler zu werden. Er schaute sich ein paar Tricks von den anderen Bettlern ab, es lief gut, und irgendwann kam ihm die Idee eines eigenen Unternehmens.
Vor drei Jahren holte er seinen Bruder nach Hamburg. Er erzählte ihm von der geplanten Firma, Sandu wusste, dass es nicht einfach werden würde. Es würde keinen Urlaub geben, keine Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, keine Kantine, keine Versicherung. Aber Konkurrenz. Die Frage war also, was er, Sandu Trandafir, tun konnte, um erfolgreicher zu sein als die anderen.
Auf den ersten Blick sieht es nicht aus, als täte seine Firma etwas Verbotenes, denn selbständiges Betteln ist in Deutschland, anders als in Sandus Heimat Rumänien, erlaubt. Organisiertes, gewerbliches Betteln aber ist nicht erlaubt und kann, sofern die Bettler zum Geldverdienen gezwungen werden, unter Menschenhandel fallen. Die Täter werden in der Regel ausgewiesen und, wenn auch selten, in ihrem Heimatland vor Gericht gestellt. Drei bis zwölf Jahre müssen sie dafür laut rumänischem Gesetz ins Gefängnis.
Vasile Rotaru, das neue Mitglied in Sandus Firma, kennt diese Gesetze nicht. Er weiß auch nicht, dass Menschen wie er, Zuwanderer aus Rumänien, ungeliebte Neubürger in Deutschland sind, dass es Politiker gibt, die dieses Land vor ihnen schützen wollen. Vasile mag Hamburg, sagt er. Ihm gefallen die Möwen und die Art, wie die Menschen hier grüßen. Er könnte sich vorstellen, morgens aus einem Klinkerhaus zu treten, seiner Frau am Fenster zu winken, wenn er eine hätte, und dann eine Fahrkarte für den Weg zur Arbeit zu lösen. Auch Deutsch hat er schon ein wenig gelernt, sein liebstes Wort ist "tschüs", er spricht es aus wie "schuus", mit langem u. Alles in Hamburg, sagt er, erscheine ihm so weit freundlich.
Nun aber, an diesem Morgen, sitzt Vasile in einem Reisebus in Richtung Hauptbahnhof und wird von Sandu erwartet. Er hat sich ans Fenster gesetzt, um ein wenig rauszuschauen, doch eigentlich ist er müde. Um halb neun steigt er an einer Haltestelle gegenüber dem Bahnhof aus. Es ist die Haltestelle, an der auch die roten Touristenbusse halten, bevor sie zur Stadtrundfahrt losfahren. Sandu nickt Vasile stumm zu, dann geht Vasile zur Ladeklappe des Busses, wo ein Busfahrer mit einem goldenen Kettchen schon das Gepäck auslädt. Vasile nimmt jetzt seine Krücke mit dem blauen Schaft in die Hand und geht zu seinem Platz neben dem Bahnhof.
Sandu, sein Chef, blickt ihm stumm nach. Auch er mag Hamburg, die frische Luft und dass niemand, außer Betrunkenen, sie hier auf der Straße beschimpfe, sagt er. Er betrachtet es als nette Geste der Stadt, dass sie für seine Firma morgens und abends Menschen und Krücken transportiert.
Es sind diesmal etwa 30 Fahrgäste im Bus, die meisten haben Krücken dabei, Plastiktüten, Rucksäcke, einer nimmt vom Busfahrer einen Rollstuhl entgegen. Sie kommen aus Quartieren des Winternotprogramms, aus Randbezirken, wo die Stadt sie untergebracht hat, und werden morgens im Auftrag der Stadt ins Zentrum gefahren. Die meisten werden den Tag in der Fußgängerzone verbringen. Geld verdienen. Am Abend fährt sie der Bus zu ihren Schlafplätzen des Winternotprogramms zurück.
Der Mann, der dafür verantwortlich ist, heißt Jan Pörksen und ist Staatsrat bei der Behörde für Arbeit, Soziales, Familie und Integration in Hamburg, die ihre Räume in einem Einkaufszentrum hat, ihr Eingang ist gegenüber einem TUI-Reisebüro. Pörksen ist ein Mann mit blassblauen Augen und roter Krawatte, er kommt gerade aus dem Urlaub, und jetzt, da er wieder da ist, kümmert er sich weiter um das Winternotprogramm, das zur Wohnungslosenhilfe gehört.
Die Sache mit dem Bus ist Herrn Pörksen ein wenig unangenehm; fragt man ihn danach, schaut er für eine Weile aus dem Fenster.
Dann sagt er: "Immer wenn unsere Unterkünfte weiter außerhalb liegen, bieten wir einen Bus-Shuttle an."
Pörksen sagt, das müsse so sein, denn die Schulen, in denen diese Leute schliefen, würden ja jeden Tag grundgereinigt. Die Leute müssten also raus, aber sie sollten nicht in den Wohngebieten bleiben, denn das gefalle den Anwohnern nicht. Eine Fahrt mit der U-Bahn will die Stadt ihnen nicht zumuten. Vielleicht will sie es auch sich selbst nicht zumuten, denn es könnte passieren, dass sonst hundert Leute mehr am Tag schwarzfahren.
Das Image von Pörksens Stadt hat in letzter Zeit etwas gelitten, wegen der Lampedusa-Flüchtlinge und der Straßenkämpfe; Pörksen weiß das. Das Winternotprogramm aber ist ein Vorzeigeprogramm, es hat rund 700 Plätze. Pörksen sagt: "Wir nehmen erst einmal alle an. Niemand muss seinen echten Namen angeben, das Angebot soll niedrigschwellig bleiben, damit keiner erfriert."
Er sagt es nicht gern, aber er hat davon gehört, dass vor ein paar Tagen ein Bus mit 13 Rumänen an einer Schule angekommen ist. Auch dass die Sozialarbeiter sie eingelassen haben, hat sich für Pörksen nicht gut angefühlt, aber er sagt: "Ob jemand ausgebeutet wird oder nicht, ist schwer erkennbar." Manchmal wissen auch die Bettler selbst nicht genau, was sie erwartet.
Die meisten Bettler haben sich einem Vermittler anvertraut, den sie aus ihrer Heimat kennen und der sich um die Fahrt, eine Matratze, einen Standplatz kümmert und dafür Provision einstreicht. Wenn es gut läuft, verdienen sie 50 Euro am Tag oder etwas mehr, bei Regen keine 10; vielleicht 10 oder 15 Prozent davon dürfen sie behalten, den Rest kassiert der Boss.
Mehr als 300 000 Personen wurden im Jahr 2012 weltweit von Menschenhändlern zum Betteln gezwungen, das ergab eine Studie der Internationalen Arbeitsorganisation. Weil das Problem größer wird, hat die EU-Richtlinie gegen Menschenhandel 2011 zum ersten Mal erzwungene Bettelei als mögliche eigene Straftat miteinbezogen.
Für Sandu und seine Firma hat das bisher keine Auswirkungen. Das Landeskriminalamt Hamburg hat zuletzt vor sechs Jahren in einer solchen Sache ermittelt. Die Beamten kennen das Problem, sie wissen, dass es nicht verschwunden ist. Aber in der Regel sagt kein Bettler freiwillig aus.
Vasile Rotaru hat sich entschieden, diskret seine Geschichte zu erzählen, er muss dafür aber warten, bis sein Chef zum Essen verschwindet. Dann will er unauffällig zur S-Bahn gehen und zehn Minuten fahren, egal in welche Richtung. In einem Asia-Bistro in St. Pauli bestellt er einen Eintopf mit Fleisch und eine Cola, auf seiner Nase schimmert ein Schweißfilm. Er will reden. Seine Ehre, um die geht es ihm jetzt.
Vor einer Woche habe Sandu ihn und zehn weitere Männer mit seinem Kastenwagen in seinem Dorf in Rumänien abgeholt, erzählt er. Er hatte ihnen in Hamburg eine Arbeit in Aussicht gestellt und ihnen Fahrt und Unterkunft für 100 Euro angeboten, die sie später zahlen oder abarbeiten könnten. Auf einer alten Matratze, die ihnen als Unterlage im Laderaum diente, legten sie 2000 Kilometer zurück. Sie sprachen wenig, Vasile hat keine Ahnung, welche Länder sie passierten. Er schaute an die Decke und dachte an sein neues Leben in Hamburg.
Bisher war er erst einmal im Ausland gewesen, in Spanien, wo er Arbeit auf einer Baustelle gefunden hatte, daher kann er fast fließend Spanisch, so dass man sich auf Spanisch gut mit ihm verständigen kann. Als die Finanzkrise kam, verlor er die Arbeit. Von da an habe er wieder in Rumänien gesessen und nichts getan, sagt er. Während der Fahrt nach Hamburg war er aufgeregt. Er überlegte sich, wie es sein würde, auf Deutsch zu träumen, wie die Frauen in Hamburg aussehen würden. Und er schlief viel.
Abends, nach der Ankunft in Hamburg, brachte Sandu ihn in eine ehemalige Schule am Rand der Stadt. Sandu, der Boss, habe gesagt, manchmal schliefen er und die anderen Mitarbeiter der Firma dort auch, wenn es ihnen im Freien zu kalt sei.
Vasile ließ also seinen Namen in eine Liste eintragen und bekam dafür einen Schlafsack. Eine freundliche Frau zeigte ihm ein Feldbett in einem Zimmer voller Bulgaren und bedeutete ihm, dass er seine Bierflaschen mit einem Namensschild bekleben und sie in einen Kasten vor die Tür stellen könne, erinnert er sich. Er überlegte, ob er ihr sagen sollte, dass er nicht schreiben kann. Aber da er auch kein Bier trinkt, schwieg er.
In der Nacht lag er mit aufgerissenen Augen auf seiner Pritsche und wartete darauf, dass ein Bulgare kommen würde, um ihn abzustechen. Stunde um Stunde, zum Glück ist dann aber doch nichts passiert.
Am nächsten Morgen nahm Sandu ihn mit zu einem Flohmarkt im Westen der Stadt, wo er Kleider kaufte und sechs Krücken für je zwei Euro. Dann gingen sie zu dem Brachland hinter den Gleisen.
Als er Sandu zum letzten Mal in seinem Dorf in Rumänien gesprochen hatte, hatte der ihm eine Arbeit als Zeitungsverkäufer in Hamburg versprochen, erzählt Vasile. Davon war nicht mehr die Rede, und inzwischen hatte er durch die Fahrt mit dem Kastenwagen Schulden bei Sandu, die jeden Tag wuchsen.
Denn so funktioniert das Geschäftsmodell: Sandu macht die Familienangehörigen zu seinen Fahrern und Aufpassern, sie bilden den Kern und dürfen behalten, was sie selbst erbetteln. Die anderen, die Nachbarn und Bekannten, so erzählt es Vasile, verschulden sich durch den Transport. Solange sie die Schuld, die sie bei der Ankunft in Hamburg hätten, und die Zinsen, die der Chef willkürlich draufschlage, nicht zurückzahlen könnten, blieben sie zur Bettelei gezwungen.
Vasile bestellt im Asia-Bistro noch eine Cola. Er sagt: "Sandu hat sich vor mich auf ein Feldbett gesetzt und langsam eine Brioche gegessen, ohne mir etwas davon zu geben." Erst habe Vasile seinem Chef nur 100 Euro für die Fahrt geschuldet, sagt er, dann habe Sandu 10 Euro Zinsen draufgeschlagen, dann noch einmal 20 Euro, und wenn er am nächsten Tag Lust darauf habe, würden es noch einmal 10 Euro mehr. Jeden Abend um 18 Uhr würde Sandu das Geld, das seine Arbeiter erbettelt haben, einsammeln und ihre Namen mit der Summe dahinter in ein grünes Buch schreiben, sagt Vasile. "Pro Tag bekommt Sandu 800 oder 900 Euro." So funktioniere die Firma.
Vasile sagt, er könne nicht abhauen, weil er nicht wisse, wohin. Und er könne nicht aufhören zu betteln, wegen der Schulden.
Nie käme er auf die Idee, sich an eine Behörde zu wenden. Er geht, nachdem er seine Geschichte erzählt hat, wieder zum Bahnhof, er hat Angst, dass die Aufpasser ihn rügen werden, und er hat Angst vor Sandu.
Um den Bahnhof herum haben sich am Morgen auch die anderen verteilt. Sandus Mutter sitzt an der Petrikirche in der Mönckebergstraße. Ihr Mann hat seinen Platz an der Alster. Sandus Brüder, die Aufpasser, bleiben am Bahnhof, in der Nähe von Vasile. Die übrigen Bettler arbeiten am Rathaus. Sie wandeln hin und her wie Landstreicher im Halbschlaf. Doch in Wirklichkeit hat jeder jeden im Blick.
Sandu, der Chef, weist die Vorwürfe zurück. Er weiß nicht, dass sie von Vasile kommen. Aber er sagt: "Ich schätze es nicht, wenn Menschen Lügen über mich verbreiten." Sicher helfe er den Bürgern aus seinem Ort, sich in Hamburg zu orientieren. "Wenn es sein muss, leihe ich ihnen auch einmal Geld. Aber ich bereichere mich an niemandem", sagt Sandu. "Ich bin ein ehrenwerter Mann."
Sandu geht nach dem Mittagessen seinen Weg durch die Fußgängerzone, er sucht seine Leute auf, er will schauen, dass seine Firma auch an diesem Tag funktioniert. Zu Hause im Dorf hat er eine Frau und zwei Kinder. Seine Mutter Lizica wird an diesem Abend mit dem Bus nach Rumänien abfahren, um die Familie zu sehen, Geld nach Hause zu bringen, neue Leute anzuwerben; in drei, vier Wochen, wird sie den Dorfbewohnern erzählen, sei Sandu mit seinem Kastenwagen wieder da. Abends fährt sie, mit vier Salamibrötchen, einer Brezel, Salat mit Gurken und einem Eurolines-Ticket, das die Stadt bezahlt. Die Idee ist, dass die Stadt Hamburg Gescheiterten und kranken Obdachlosen die Fahrt in die Heimat finanziert; das ist leichter, als ihnen vor Ort eine Perspektive zu verschaffen.
Es ist März, Sandu Trandafir ist nach Titeşti aufgebrochen, und Vasile steht in Hamburg vor dem Saturn-Kaufhaus in der Fußgängerzone. Er hat sich einen Bart wachsen lassen und trägt neue, zitronengelbe Stoffturnschuhe. Er hat auch ein wenig zugenommen. Vasile, der vor kurzem noch wie eine Statue hinter dem Bahnhof stand, will jetzt einen Spaziergang zum Hafen machen, er sagt, er könne nicht still sitzen, er sei so verliebt in Moni, seine neue Freundin, die er am Bahnhof in Buxtehude kennengelernt hat.
Vasile hat die Firma verlassen. Er ist jetzt kein Bettler mehr. Drei Wochen habe er gebraucht, um seine Schulden von 140 Euro begleichen zu können, erzählt er. "Dann habe ich dem Chef gesagt, dass ich aufhöre." Und der Chef habe ihn gelassen.
Vasile tauschte seine Krücke gegen ein paar Handschuhe ein, die braucht er für seine neue Arbeit. Jeden Morgen um acht Uhr fährt er nach Buxtehude. Vasile ist jetzt selbständig. Er sammelt Flaschen. ◆
* Name von der Redaktion geändert.
Von Katrin Kuntz

DER SPIEGEL 13/2014
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