24.03.2014

AFGHANISTANFragil, korrupt und lebensfähig

Präsident Hamid Karzai verhindert bei den anstehenden Präsidentschaftswahlen seinen Bruder als Nachfolger und setzt auf einen alten Vertrauten, den langjährigen Außenminister Rassoul. So will er sich seinen Einfluss sichern.
Der kleine Hubschrauber geht auf dem Fußballplatz der Universität Nangarhar in Jalalabad nieder, und aus der hellen Staubwolke klettert ein Herr mit grauem Bart und einem Jackett aus Merinowolle. Zalmai Rassoul geht auf die Gruppe Wartender zu, Männer mit der braunen Wollmütze der Mudschahidin, der Pakul, und elegant um die Schulter geschlungenen Tüchern. Sie schieben Rassoul eilig in einen weißen gepanzerten SUV, dann fährt die Kolonne mit ihrem Spitzenkandidaten ab.
Es ist Präsidentschaftswahlkampf in Afghanistan, und für Zalmai Rassoul beginnt er heute in der Provinzhauptstadt nahe der Grenze zu Pakistan am Grab von Amanullah Khan. Die Afghanen verehren den alten König als Befreier von den Briten; überdies ist er ein Verwandter des Kandidaten Zalmai Rassoul, Amanullah war dessen Onkel. Hier im Osten des Landes, wo die Winter mild sind und die Orangen gut gedeihen, hat der König seine letzte Ruhe gefunden.
Amanullah war ein radikaler Reformer. Als erster afghanischer Staatschef hatte er versucht, sein Reich nach dem Vorbild westlicher Industriegesellschaften zu formen - und scheiterte: Er wollte zu viel zu schnell. Oppositionelle lehnten sich gegen die Neuerungen auf und stürzten den König 1929. Amanullah musste fliehen und starb 31 Jahre später im Schweizer Exil.
Ob Afghanistan jetzt, da des alten Königs Neffe Rassoul nach der Macht greift, reif ist für ärmellose Blusen und unverschleiertes Frauenhaar, wie es Amanullahs schöne Königin Soraya liebte? Oder zumindest reif für Rassouls Vision eines fortschrittlichen Afghanistan, über die der 70-Jährige heute im Stadion von Jalalabad sprechen will?
Zalmai Rassoul möchte Hamid Karzai beerben und Afghanistans neuer Präsident werden. Er ist einer von drei aussichtsreichen Kandidaten, neben dem Paschtunen Ashraf Ghani, einem in Amerika ausgebildeten Technokraten und ehemaligen Finanzminister, und dem führenden Kandidaten der Opposition Abdullah Abdullah. Dessen Vater ist zwar ebenfalls Paschtune, aber Abdullah Abdullah repräsentiert vor allem die mehrheitlich tadschikischen Kräfte der ehemaligen Nordallianz. Die hatte 2001 gemeinsam mit den Amerikanern die Taliban-Regierung gestürzt. Der Ausgang dieses Wettkampfs um die Macht ist noch offen, eine spätere Stichwahl zwischen Abdullah Abdullah und einem der beiden anderen Kandidaten gilt als wahrscheinlich. In diesem zweiten Wahlgang dürfte dann Ghani oder Rassoul die Wahl für sich entscheiden. In den Hinterzimmern des Kabuler Palasts wird in diesen Tagen allerdings auch an einer möglichen Koalition zwischen Rassoul und Abdullah gearbeitet, gegen den Kandidaten Ghani. Und natürlich kann niemand ausschließen, dass Lokalpolitiker am 5. April wie fast fünf Jahre zuvor die Wahlurnen mit Geisterstimmen füllen werden.
Auch die Taliban beeinflussen das Ergebnis auf ihre Weise. Im Süden bedrohen sie die Bürger mit Attentaten, falls die es wagen sollten, zur Wahl zu gehen. Es vergeht kaum ein Tag, an dem nicht eine Bombe explodiert oder sich ein Selbstmordattentäter in die Luft sprengt. Zuletzt starben, am Donnerstag voriger Woche, mindestens 18 Menschen bei einem Taliban-Angriff auf eine Polizeistation in Jalalabad. Wie kann Afghanistan je ein prosperierendes Land werden, in das sich Investoren wagen, wenn es keine Sicherheit gibt?
Amtsinhaber Hamid Karzai darf laut Verfassung nicht noch einmal antreten. Am Ende seiner Amtszeit ist der 56-Jährige frustriert und wütend. Er fühlt sich von den Amerikanern verraten. Hauptstreit ist der ungelöste Konflikt mit dem Nachbarn Pakistan, wohin sich die Taliban nach Anschlägen in Afghanistan bis heute ungehindert zurückziehen können. Und die Amerikaner, klagt Karzai, machten keinen Druck auf die Regierung in Islamabad und bekämpften die Terroristen nur in seinem Land, aber nicht jenseits der Grenze.
Deshalb weigert er sich auch, den Vertrag für eine weitere Truppenstationierung der Amerikaner zu unterschreiben, das sogenannte bilaterale Sicherheitsabkommen. Karzais Favorit ist sein ehemaliger Außenminister Zalmai Rassoul. Auch wenn sich seine beiden älteren Brüder, Qayum, 57, und Mahmoud, 58, eher als würdige Nachfolger betrachten.
Mahmoud sieht in Afghanistan eine Goldgrube: "Ein Geschäftsmann wie ich wäre eine gute Wahl", sagt er in seinem Haus im Stadtteil Sherpur, das uneinsehbar hinter hohen Mauern liegt. Vor ihm sind in Glasschalen Früchte und Süßigkeiten aufgetürmt, täglich erscheinen zahllose Gäste in seinem Haus. "Geht es am Ende nicht immer um die Wirtschaft, ums Geld?", fragt Mahmoud Karzai.
Allerdings wird der Unternehmer schon seit Jahren wegen undurchsichtiger Geschäfte kritisiert. Besonders bizarr war seine Beteiligung an der skandalumwitterten Kabul-Bank. Das private Geldinstitut wurde durch das eigene Management ausgeplündert, Hunderte Millionen Dollar sollen veruntreut und per Flugzeug, versteckt in Servierwagen, außer Landes geschmuggelt worden sein.
Das Verhältnis zwischen dem Präsidenten und Mahmoud gilt als angespannt, am Ende ließ Hamid den Bruder aber stets gewähren. Vertraute sagen, der Präsident halte die Korruptionsvorwürfe gegen seine Familie für politisch motiviert, eine Art psychologische Kriegsführung der Amerikaner. Der Staatschef nimmt an, US-Behörden fütterten die Medien gezielt mit Informationen, wenn sie eigentlich ihm schaden wollten.
Ganz abwegig ist das nicht. Zumindest wurde in Washington schon die eine oder andere Intrige gegen den eigenwilligen Paschtunen ausgedacht. So beschrieb der ehemalige Pentagon-Chef Robert Gates in seinen Memoiren, wie die US-Regierung bei der Wahl 2009 in einem "unbeholfenen und gescheiterten Putsch" versuchte, den afghanischen Präsidenten loszuwerden. Die Konsequenz: "Unser Partner, der Präsident von Afghanistan, war beschädigt, und auch unsere Hände waren schmutzig", so Gates.
Der Kandidat Rassoul sitzt inzwischen in Jalalabad beim Frühstück im Haus eines wohlhabenden Parlamentariers und nagt an einem Hühnerbein. Mehr und mehr Unterstützer kommen in den Raum, wollen den möglicherweise schon bald ersten Mann im Staat an die Brust drücken.
So viel Aufmerksamkeit ist Rassoul nicht gewohnt, und sie ist ihm auch nicht geheuer. Es ist erst acht Uhr morgens, er hat wieder nur gut drei Stunden geschlafen in dieser Nacht. Im Morgengrauen gab es eine Strategiesitzung mit seinem Wahlkampfmanager, dann einen ziemlich unruhigen Flug von der Hauptstadt hierher, genau über jene Region nahe der pakistanischen Grenze hinweg, in der früher Qaida-Gründer Osama Bin Laden seine Ausbildungslager unterhielt.
Die vergangenen zwölf Jahre hat Karzais ehemaliger Sicherheitsberater und Außenminister im Schatten seines Chefs verbracht. Fast schien es, als wäre Rassoul bereits Teil des Palastmobiliars, wenn er bei Treffen mit ausländischen Staatsgästen, Geheimdienstchefs oder den Taliban neben Karzai saß. Dabei blieb der Mann, der in Paris Medizin studiert hat, vornehm und leise. Niemand dürfte heute so viel über die komplizierten afghanischen Strukturen der Macht, über Händel und Allianzen, die Hamid Karzai über die Jahre geschlossen hat, wissen wie Rassoul.
Die höfliche Zurückhaltung, die ihn an der Seite von Karzai auszeichnete, wird im Wahlkampf allerdings zu seinem größten Handicap. Feurige Reden liegen Rassoul nicht, sachlich kündigt er an, er werde einiges anders machen als Karzai und das bilaterale Sicherheitsabkommen mit den USA sofort unterzeichnen. Rassoul will "hart gegen die Korruption vorgehen" und junge Leute in verantwortliche Positionen bringen, anstatt dass diese weiter mit Veteranen blockiert würden.
Denn trotz aller Rückschläge findet Afghanistan Anschluss an die moderne Welt: 18 Millionen von 30 Millionen Afghanen besitzen ein eigenes Handy, es gibt 24 afghanische TV-Kanäle mit politischen Debatten, Kochshows und Bollywood-Dramen, 26 staatliche Universitäten und mehr als 40 private Hochschulen. "Das ist die neue Generation der Afghanen, Menschen des 21. Jahrhunderts", sagt der Kandidat.
In Kabul gibt es Geldautomaten und Shopping-Malls, täglich gehen mindestens fünf Flüge nach Dubai. 20-jährige Männer tragen jetzt enge schwarze Anzüge und Haarschnitte wie aus westlichen Magazinen. Mehr Freiheit, mehr Selbstbewusstsein, ein besseres Leben, auch das ist Afghanistan, gut zwölf Jahre nach dem 11. September 2001.
Aber wird Rassoul, falls er diese Wahl gewinnt, nicht eine Marionette des Schattenpräsidenten Karzai sein, wie viele behaupten, die beide gut kennen? Karzai will nach seiner Amtszeit in ein frisch renoviertes Haus auf dem Palastgelände ziehen, in unmittelbarer Nähe zum neuen Präsidenten. Rassoul dementiert: "Niemand kann mich beeinflussen oder ändern, was ich für Afghanistan will."
Als Politiker könnten Rassoul und Karzai unterschiedlicher kaum sein, und vieles dürfte sich grundsätzlich ändern, falls der langjährige Vertraute tatsächlich in den Palast einzieht. Dort hält der extrovertierte Karzai bisher täglich Hof, er empfängt Delegierte aus den Provinzen, küsst ihre staubigen Bärte, hört ihre Nöte an, erfüllt ihre Bitten. Es ist Karzais größtes politisches Talent, Kontakte mit Menschen herzustellen, selbst den Feind noch herzlich zu umarmen.
Von Kritikern lange als eine Art Bürgermeister von Kabul belächelt, baute er so über die Jahre seine Macht aus, über alle Landesteile, ethnische und politische Unterschiede hinweg. Heute kann Karzai fast jeden einflussreichen Politiker in diesem schwierigen Land anrufen und um Unterstützung bitten, er ist ein Meister des politischen Deals geworden.
Nur, warum nötigte der Staatschef dann Anfang März den eigenen Bruder Qayum zur Aufgabe seiner Präsidentschaftskandidatur? Qayum hatte sich zur Wahl registrieren lassen - mit Mahmoud als seinem Wahlkampfmanager. Doch der Präsident machte vor einer Versammlung von Stammesältesten deutlich, dass er sich nicht für die Brüder verwenden werde, sondern für Rassoul. Zähneknirschend schlossen die Brüder sich nun dessen Kampagne an. Dort machen die Karzais weiter ihren Einfluss geltend, aber nur aus der zweiten Reihe.
Herausforderer Abdullah wittert hinter dem Manöver einen Plan des Präsidenten. In der Geschichte der afghanischen Monarchien hätten Brüder immer wieder Brüder getötet, Söhne Väter ermordet und Väter Söhne geblendet, sagt Abdullah. "Karzai traut Mahmoud und Qayum nicht und glaubt, Zalmai Rassoul leichter kontrollieren zu können." Wer immer künftig regieren wird, muss auch weiterhin mit dem Karzai-Einfluss rechnen.
Das Stadion von Nangarhar liegt gleich hinter dem Sitz des Gouverneurs. Das Haus ist frisch renoviert, in freundlichem Gelb, mit blauen Sonnenschirmchen, umgeben von einem Garten, selbst der türkis schimmernde Swimmingpool ist wiederhergestellt. Einst war dies die Winterresidenz der Königsfamilie.
Tausende Menschen haben sich inzwischen auf dem Rasen der Sportanlage versammelt, vor allem junge Afghanen. Viele erleben hier ihre erste Wahlveranstaltung überhaupt. Als die Kandidaten aufmarschieren, fuchteln die Besucher mit ihren Handys herum, alle wollen ein Bild machen von Rassoul, auch von Habiba Sarabi, die Rassoul als seine künftige Vizepräsidentin vorstellt. Derzeit ist sie die einzige Frau mit echten Chancen auf einen Sieg. Frenetischen Jubel erhält Zia Massud, der Bruder des Nordallianz-Kommandeurs Ahmed Schah Massud. Jahrelang hatte der gegen die Taliban gekämpft, bis Qaida-Anhänger zwei Tage vor dem 11. September 2001 einen tödlichen Anschlag auf ihn verübten.
Dann ertönt die Nationalhymne. Rassoul trägt inzwischen einen riesigen Turban, das Zeichen der Anerkennung für seine Führerschaft. Alle stehen auf, es wird richtig feierlich. Die Polizei sichert die Massenveranstaltung diesmal erstaunlich souverän, weit und breit ist kein Soldat der internationalen Schutztruppe zu sehen. Die junge Islamische Republik Afghanistan ist nun doch noch zu einem Staat geworden, labil, fragil, korrupt, aber nicht mehr ganz so leicht umzuwerfen. ◆
Von Susanne Koelbl

DER SPIEGEL 13/2014
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