24.03.2014

UMWELTUnsicheres Orakel

Führt die globale Erwärmung wirklich zu einem massenhaften Artensterben? Der Weltklimarat macht einen überraschenden Rückzieher.
Im September vor 100 Jahren starb im Zoo der amerikanischen Stadt Cincinnati Martha die letzte Wandertaube. Zum Verhängnis wurde dem Vogel, dass den Menschen sein zartes Fleisch so gut schmeckte.
Hunderten Tierarten erging es im Laufe der Neuzeit ähnlich: Der letzte Beutelwolf starb 1936 in einem australischen Zoo, zwei Jahre später der letzte Schomburgk-Hirsch als Haustier eines thailändischen Tempels, und auch der Chinesische Flussdelphin wurde seit langem nicht mehr gesichtet. Insgesamt 77 Säugetierarten verschwanden laut der Roten Liste seit dem Jahr 1500 von der Erdoberfläche, 130 Vogel-, 22 Reptilien- und 34 Amphibien-Arten.
Der Mensch treibt viele Lebewesen in die Enge - mit rücksichtsloser Landwirtschaft, Fischerei oder Jagd. Aber es soll noch viel schlimmer kommen: Als Folge der Klimaerwärmung droht angeblich Tausenden Tier- und Pflanzenarten der Exitus. So zumindest lauten seit Jahren die Vorhersagen des Weltklimarats IPCC.
Doch nun scheint sich das Klimaorakel nicht mehr ganz so sicher zu sein. Kommenden Montag will der IPCC im japanischen Yokohama den zweiten Teil seines neuen Sachstandsberichts präsentieren. Einerseits rechnen die Autoren auch weiterhin mit einem erhöhten "Aussterberisiko für einen substantiellen Teil der Spezies im 21. Jahrhundert und darüber hinaus", wie es in dem geheimen Berichtsentwurf heißt. Andererseits räumt der IPCC ein: Es gebe bislang keinen Beweis, dass der Klimawandel auch nur zum Aussterben einer einzigen Art geführt habe.
Allenfalls beim Verschwinden einiger Lurche, Süßwasserfische und Weichtiere könnte der Klimawandel vielleicht eine Rolle gespielt haben, heißt es in dem Berichtsentwurf. Sogar den Ikonen der Klimakatastrophe, den Eisbären, geht es erstaunlich gut. Der Bestand ist stabil - trotz schwindenden Meereises in der Arktis.
Bei den meisten anderen Lebewesen aber mangele es an grundlegenden Daten, sagt Ragnar Kinzelbach, Zoologe von der Universität Rostock. Prognosen, wie sich der Klimawandel auswirken werde, seien deshalb kaum möglich. Angesichts der vielen anderen Eingriffe des Menschen in die Natur, so Kinzelbach, seien "Krokodilstränen über die vom Klimawandel bedrohte Tierwelt nicht überzeugend".
Der Weltklimarat zweifelt mittlerweile selbst an den eigenen Computersimulationen zum Artensterben - ein erstaunliches Eingeständnis. "Es besteht sehr geringes Vertrauen darin, dass die Modelle das Aussterberisiko derzeit akkurat vorhersagen", heißt es in dem geheimen Entwurf des neuen Sachstandsberichts. "Sehr geringe Aussterberaten trotz erheblicher Klimaschwankungen über die vergangenen Jahrhunderttausende haben zu Bedenken geführt, die Prognosen hoher klimabedingter Aussterberaten könnten überschätzt sein."
In seinem letzten Sachstandsreport im Jahr 2007 hatte der IPCC noch 20 bis 30 Prozent aller Tier- und Pflanzenarten ein hohes Aussterberisiko attestiert, sofern sich das Klima um zwei bis drei Grad erwärmen würde. Seit 2007 seien die wissenschaftlichen Unsicherheiten aber "offenkundiger geworden", heißt es nun im aktuellen Reportentwurf.
Wichtige Umweltprozesse und Eigenschaften der Lebewesen würden von den Modellen kaum berücksichtigt, geben die Autoren des Weltklimarats zu, beispielsweise die Anpassungsfähigkeit von Lebewesen an neue Klimaverhältnisse. Als Konsequenz wird der Weltklimarat in seinem neuen Sachstandsbericht keine konkreten Zahlen mehr nennen, wie viel Prozent der Arten als Folge der Erwärmung aussterben könnten.
Entwarnung also? Nicht ganz. Bedrohliche Indizien blieben, sagt Josef Settele vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung, ein führender Autor des neuen IPCC-Berichts. Klimazonen könnten sich so schnell verschieben, dass Tiere und Pflanzen ihrem angestammten Klima nicht folgen und aussterben könnten. Einige Schmetterlinge und Vögel in Europa lägen bereits deutlich hinter ihren ursprünglichen Lebensräumen zurück.
Doch sind solche Beobachtungen wirklich schon Vorzeichen eines globalen Massensterbens? Die Erwärmung könnte die Lebensräume nachhaltig verändern, konstatiert auch Biologe Kinzelbach, dennoch warnt er vor einer Dramatisierung: "Veränderungen in der Natur sind etwas ganz Normales, der Wunsch nach Stabilität entspringt menschlicher Lebensangst."
Das Artensterben kritiklos dem Klimawandel anzulasten sei gefährlich, mahnt der Biologe. So werde das Klima zu einer billigen Ausrede, um bei drängenderen Problemen untätig bleiben zu können. Kinzelbach: "Monokulturen, Überdüngung oder Bodenzerstörung vernichten mehr Arten als ein Temperaturanstieg um ein paar Grad Celsius."
Von Axel Bojanowski

DER SPIEGEL 13/2014
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