31.03.2014

Überdruss am Überfluss

Verzicht ist zur Modetugend geworden. Weniger Konsum verspricht mehr Lebensqualität. Aber taugt der Wunsch nach dem einfacheren Leben auch als Programm für die gesamte Gesellschaft? Kann ein Land ohne Wachstum leben?
Als Sebastian Küpers seinen Kram endlich los war, Hunderte, ja Tausende Sachen, die sein Leben, wie er fand, nicht leichter, sondern schwerer machten, da tauchte plötzlich diese Sorge in ihm auf, die jeder kennt, der je etwas Radikales gemacht hat: Und was denken die anderen?
Es hatte Wochen gedauert, bis er all seine Möbel weggegeben, die meiste Kleidung gespendet, kistenweise Krempel verschenkt, verscherbelt oder einfach verschrottet hatte, so lange, bis nur noch hundert Dinge übrig waren, tatsächlich sogar noch weniger. "93 oder 95, so genau weiß ich das nicht mehr."
Hundert Dinge sind ganz schön wenig. Es sind gerade einmal ein Prozent dessen, was der Durchschnittsdeutsche sonst an Gegenständen hat.
Es war nicht so, dass Küpers den Entschluss bereute, seinen Besitz bis an die Schmerzgrenze zu verkleinern. Den 34-Jährigen störten auch später die Fragen der Freunde wenig, die wissen wollten, ob ihre Geschenke zu dem Ballast gehörten, von dem er sich frei gemacht hatte. Er hatte bloß dieses nagende Gefühl, die anderen könnten denken, er könne sich sein altes Leben nicht mehr leisten.
"Die einzige wirkliche Angst, die ich hatte, war die vor dem Statusverlust", sagt er. Also schrieb Küpers einen Blog-Eintrag, in dem er seinen Freunden die Tat erklärte - und wunderte sich über die Resonanz.
Fremde Menschen beglückwünschten ihn, Journalisten wollten Interviews, RTL und ZDF fragten an. Plötzlich war er eine Ikone wider Willen, eine Symbolfigur für den Zeitgeist und ein lebender Beweis, dass es sie noch gibt, die guten Menschen.
Küpers sitzt im Betahaus in Berlin, einem Zentrum der Internetgründerszene der Hauptstadt. Er betreibt hier ein Internet-Start-up, arbeitet an einer App, die Informationen zum Nutzer bringt, ohne dass der sie erst suchen muss. Um ihn herum sind Dutzende junge Leute schweigend in Digitalarbeit vertieft. Sie starren auf ihre Laptops.
Ein Aussteiger ist er sicher nicht, er ist auch kein Asket, kein Öko, eher der Programmierertyp, Dauerkunde beim Pizza-Bringdienst. "Ich habe mir zu meinem Hundert-Dinge-Entschluss keine Ideologie ausgedacht. Ich habe es einfach gemacht. Was manche stört, mit denen ich darüber rede", sagt er. "Ich mag immer noch Geld. Ich finde den Kapitalismus immer noch gut. Mir ist bloß Konsum nicht so wichtig. Autos, Anzüge, Schuhe, der ganze Status-Mist."
Es ist übrigens so, dass in dem Gespräch mit ihm "der Planet" kein einziges Mal auftaucht, wie sonst fast immer, wenn es um Verzicht geht. Unser Planet, der ja gerettet werden muss. Der uns nicht braucht, den wir aber brauchen. Nicht, weil Küpers das uninteressant fände. Weltenrettung ist nur nicht seine Motivation. Er macht es für sich, sein Leben, sein Glück.
Tatsächlich ist der Verzicht zur Modetugend geworden, Mäßigung gilt als Ausweis eines irgendwie klügeren Lebensstils. Wie schon einmal, in den studentenbewegten sechziger und siebziger Jahren, gilt die pure Jagd nach dem Immer-mehr und Immer-weiter als gestrig. Leute wie Sebastian Küpers erleben zurzeit eine Welle der Sympathie und des Interesses, passend zu den grassierenden Zweifeln an einer Weltwirtschaft, die vielen aus dem Ruder zu laufen scheint.
Die neue alte Mode macht sogar den neuen alten Mann einer längst abgeschriebenen Institution plötzlich zum Trendsetter. Papst Franziskus entzückt die Weltöffentlichkeit durch Bescheidenheitsgesten und liefert auch noch den entsprechenden radikal-zeitkritischen Überbau. "Diese Wirtschaft tötet", schrieb er in seinem ersten apostolischen Lehrschreiben. Der Markt werde "vergöttert", der Mensch sei nur noch als Konsument gefragt. Die Ausgeschlossenen seien "Müll". Pünktlich zur Fastenzeit forderte er von Katholiken einen Verzicht, der schmerzt. Alles andere wäre "bedeutungslos".
Küpers ist mit seinen hundert elementaren Teilchen noch nicht einmal besonders radikal. Es gibt wahre Verzichtsapostel, die ganz ohne Geld auskommen. Öko-Pedanten, die ihre persönliche CO2-Bilanz studieren wie Magersüchtige die Kalorientabelle. Überzeugungstäter, die Lebensmittel aus dem Abfall der Supermärkte retten.
Und dann sind da die zutiefst bürgerlichen Formen des Verzichts. Mittel- und Oberschichtsübungen wie Car-Sharing, Sabbatical und andere Weniger-ist-mehr-Moden. Spitzenpolitiker wie Sigmar Gabriel entdecken plötzlich, dass Zeit für die Familie wichtig ist. Spitzenmanager wie der ehemalige Telekom-Chef René Obermann geraten ins Grübeln, ob es sich wirklich lohnt, sich für den Konzern aufzureiben.
Genug ist genug, scheint die Parole der Stunde. Die Symptome der Erschöpfung durch Stress im Job nehmen zu. Die Verheißungen des Wohlstands erscheinen manchem im Vergleich zum Aufwand, den er darum treiben muss, plötzlich fad. Von "Konsumverstopfung" spricht der Ökonom Niko Paech.
Wachstumskritiker wie er haben Zulauf. In den Bestsellerlisten reißt die Reihe von Büchern zum Thema nicht ab: "Wie viel ist genug?" wird da gefragt, "Wege aus der Wachstumsgesellschaft" und "Befreiung vom Überfluss" werden da verheißen, oder es wird gleich verkündet, man sei "Glücklich ohne Geld!". Eines der erfolgreichsten, "Selbst denken" von Harald Welzer, gibt sich im Untertitel gar als "Anleitung zum Widerstand" aus.
Dabei vermischen sich zwei Erlösungsphantasien. Die eine verheißt das bessere Leben für den Einzelnen, der sich unabhängig macht von den Dingen, von Geld, Konsum, Karriere. Die andere verspricht die Rettung des erschöpften Planeten.
Doch anders als vor Jahren ist Verzicht nicht mehr nur eine ethische Übung für Weltuntergangs-Kassandren, Zurück-zur-Natur-Propheten und andere Sauertöpfe. Mäßigung ist zum Statussymbol eines postmateriellen Lebensstils geworden, der nicht mehr automatisch Pessimismus bedeutet. Der Entschluss, sich mit weniger zufriedenzugeben, hängt vielmehr oft mit dem Wunsch zusammen, ein besseres Leben zu führen. Das heißt nicht, dass Materielles keine Rolle mehr spielt, sondern dass dort, wo die materiellen Bedürfnisse weitgehend gedeckt sind, neue Wünsche auftauchen.
Zeitwohlstand ist der neue Luxus. Unabhängigkeit vom Autoverkehr. Auszeiten vom Job. Abstand zum Konsumstress. Freiheit von den Dingen.
Auch Sebastian Küpers wollte keine globalen Probleme lösen, als er anfing, seinen Besitz wegzugeben. Sein Minimalismus ist sehr persönlich. Er hatte sich nach dem Tod seines Großvaters, der ein großer Anhäufer von Dingen, ein Sammler von Kunst, Bildern, Uhren war, gefragt, was einmal von ihm bleiben solle, wenn er selbst stirbt.
"Und dann war da die Erkenntnis: Ich brauche diese ganzen Dinge nicht." Ein Jahr später zog Küpers um, bei der Gelegenheit reduzierte er seinen Besitz. Es war ein wenig Zufall, dass er sich für eine möblierte Wohnung entschied und sich dann auch von seinen Möbeln trennte.
Dann erzählt er die Geschichte vom Porsche, von dem er schon als Kind geträumt habe. Vor ein paar Jahren lieh er sich ein solches Auto aus, bretterte ein Wochenende lang durch die Republik. "Das war toll", sagt er. "Aber jetzt weiß ich ja, wie das ist, und es übt keinerlei Reiz mehr auf mich aus."
Wie viel ist genug?
Natürlich ist auch Sebastian Küpers kein Robinson Crusoe des Verzichts, der selig auf einer Insel vor sich hin lebt. Sein Minimalismus spielt vor einem Horizont, vor dem der Einzelne kaum noch zu sehen ist. Weil es nicht mehr um ihn allein geht, sondern ums Ganze. Um die Menschheit, die globale Wirtschaft, den Planeten.
Dieser Horizont hat sich in den letzten Jahrzehnten verdunkelt. Die Erde ist kein unbegrenztes Rohstofflager, kein unfassbar riesiger und daher de facto unzerstörbarer Lebensraum. 7,2 Milliarden Menschen leben derzeit auf ihr, und im Jahr 2050 werden es nach Uno-Schätzungen knapp zehn Milliarden sein. Zugleich wächst die globale Mittelschicht in Hundert-Millionen-Menschen-Schritten. Ganze Völker erarbeiten sich gerade den Zugang zu Kühlschränken, Autos, Spielkonsolen und Interkontinentalflügen.
Für jeden einzelnen dieser Menschen geht es um den Aufstieg aus Armut, um die Flucht aus einem Zustand, in dem es galt, das Überleben zu sichern, ins moderne Leben. Um Bildung, Gesundheit, Mobilität, Kommunikation. "Nur ein Snob", sagt der Sozialwissenschaftler Ralf Fücks, "kann diese Entwicklung bedauern."
Andererseits führt diese Entwicklung zu enormen Verwerfungen, die nicht dadurch weniger bedrohlich sind, dass jeder halbwegs informierte Bürger sie kennt: Trinkwasser und fruchtbare Böden werden rar. Die Meere sind überfischt. Die Liste bedrohter Arten wird länger und länger. Der Meeresspiegel steigt. Rohstoffe werden knapp. Die Atmosphäre heizt sich auf. Die Verteilungskämpfe um alle möglichen Ressourcen werden härter.
Jeder kann sich da im Halbschlaf ausrechnen, wohin "das alles" führen muss, wenn "das alles" so weitergeht: Wenn alle ständig immer mehr wollen, ist am Ende wohl nicht mehr genug für alle da. Kein Wunder, dass Konsumwünsche deshalb ein wenig von ihrer Unschuld eingebüßt haben.
Und es ist ja keineswegs so, dass die wohlhabenden westlichen Gesellschaften schon längst in einer Art Endzustand des satten Wohlgefallens gelandet sind. Auch hier steigt der Energieverbrauch von Jahr zu Jahr. Auch hier geht das Spiel nur weiter, läuft die Maschine nur einigermaßen rund, wenn immer neue Wünsche geweckt, immer neue Bedürfnisse befriedigt, immer neue Produkte auf den Markt geworfen werden.
Wie sehr die Jagd nach dem Neuen, Besseren oder Größeren den Konsum bestimmt, lässt sich sehr schön an der Entwicklung zeigen, die Autos allein gewichtsmäßig genommen haben.
Ein VW Golf hat seit 1974 von 750 Kilogramm auf 1,2 Tonnen zugelegt. Der Mini wog vor 40 Jahren gerade einmal 617 Kilogramm. Heute sind es bis zu 1,5 Tonnen. Dafür hat er auch nicht mehr 34, sondern 211 PS. Von den in den letzten Jahren in Mode gekommenen SUVs ganz zu schweigen, die ja schon optisch daherkommen wie aufgeblähte Rieseninsekten. Und so geht das weiter, von der Zahl der Fernseher pro Haushalt, der Mobiltelefone pro Person, der Quadratmeter pro Wohnung.
Liegt es da nicht nahe zu fragen: Wer braucht das alles? Und: Wie lange kann das noch gutgehen?
Schon heute lebt mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung in übervollen Metropolen. In den kommenden Jahrzehnten werden es sogar 70 bis 80 Prozent sein. Es werden dann sieben Milliarden Menschen in Städten leben - doppelt so viele wie heute. Es ist schwer vorstellbar, wie das funktionieren soll. Global.
Und wo es schon ums Ganze geht, klingt es da nicht sehr sinnvoll, auch einmal das Ganze zu hinterfragen? Den "Wachstumswahn", der ja längst zur gängigen Vokabel geworden ist. Ist es nicht Zeit für eine Verzichtsökonomie, eine Postwachstumsgesellschaft, eine schrumpfende Wirtschaft und wie die Begriffe alle lauten mögen?
Haben die Ökonomen Robert und Edward Skidelsky ("Wie viel ist genug?") nicht recht, wenn sie die These aufstellen, dass "die endlose Jagd nach immer mehr Wohlstand Wahnsinn ist", dass endloses Wachstum "unsinnig" sei?
"Geld zu verdienen kann kein Selbstzweck sein - zumindest nicht für jemanden, der bei vollem Verstand ist", schreiben sie. "Zu sagen, mein Ziel im Leben sei es, immer mehr Geld zu scheffeln, ist so, als würde ich sagen, mein Ziel beim Essen sei es, immer dicker zu werden." Was für einzelne Menschen gelte, behaupten sie weiter, gelte ebenso für ganze Gesellschaften. "Viel Geld zu verdienen kann nicht die beständige Beschäftigung der Menschheit sein, allein aus dem einfachen Grund, dass man mit Geld nichts anderes anfangen kann, als es auszugeben, und wir können nicht einfach immer mehr ausgeben. Es wird ein Punkt kommen, an dem wir saturiert und überdrüssig sind oder beides."
Es ist jedoch die Frage, ob das, was für den Einzelnen gelten mag, sich so einfach auf die Gesellschaft, die Wirtschaft, gar die Menschheit übertragen lässt.
Der Überflusstherapeut
Harald Welzer ist ein Mann der gepflegten Polemik. Der Soziologe kann mit ein paar Vokabeln jede Konsumfreude in den Dreck ziehen. Er kann sich wunderbar lustig machen über "Freizeitidioten", "Wellness-Gulags" und "Demütigungsrituale am Flughafen, an der Sicherheitskontrolle, in Socken und ohne Gürtel". Er kann die Scham des modernen Smartphone-Käufers analysieren: "Mein Handy kann mehr als ich." Und er kann die Grenzen angeblich ethisch korrekten Konsums mit ein paar Sätzen karikieren: "Der Käufer, der sein Biolachsfilet so lange im energieeffizienten A++-Kühlschrank vergisst, bis das Haltbarkeitsdatum überschritten ist, fungiert ja lediglich noch als Depot, um das Produkt zwischen Produktion und Entsorgung zu lagern."
Welzer, 55 Jahre alt, ziemlich lange Haare, Brille und stets einen leicht spöttischen Ausdruck im Gesicht, ist Direktor von Futurzwei, einer Stiftung für Zukunftsfähigkeit in Berlin. Der nach Schulbuchgrammatik klingende Name illustriert die für sein Denken entscheidende Fragefigur: Wie werden wir einmal gelebt haben wollen? Es ist die gleiche Überlegung, die Sebastian Küpers bei der Beerdigung seines Großvaters hatte: Was wird einmal von mir übrig geblieben sein?
Welzers Anti-Konsum-Zynismen werden gern gehört bei Vorträgen, in Talkshows, auf den Podien der Republik. Er selbst sieht seine Rolle einigermaßen illusionslos als "Überflusstherapeut": "Ich bin der, der die Leute fertigmacht dafür, dass sie sich immer neue Autos kaufen, von denen sie dann nicht wissen, wo sie sie parken sollen."
Man ahnt, wohin die rhetorische Reise bei Welzer geht: Wer sich der Konsumwelt ausliefert, ist nicht nur blöde, sondern auch selbst schuld. Der Witz ist: Er beschimpft die Leute, und sie lieben ihn dafür. Das liegt daran, dass er ihnen sein Verzichtsprogramm nicht als Ethik verkauft, sondern als Anleitung zum guten Leben. Er behandelt sein Publikum wie eine Selbsthilfegruppe Süchtiger, denen er den begehrten Stoff mit einem "Das hast du doch gar nicht nötig" ausredet.
Welzer selbst spricht lieber von "Kultivierung", "Entlastung" und "Weglassen" als von Verzicht. Und zwar weil es positiver klingt. Außerdem insinuiere schon die Vokabel "Verzicht", dass es eigentlich besser wäre, wenn alles so bliebe, wie es ist.
Dabei sei ja auch die schöne Welt des Konsums in Wahrheit eine des Verzichts, sagt Welzer. Worauf der moderne Mensch allein verzichten müsse, weil es überall diese Massen von Autos gebe: Die Städte seien laut, die Plätze zugeparkt, fast nirgends könnten Kinder gefahrlos spielen. "Ganz simpel: Wir verzichten darauf, den größten Teil unserer Innenstädte überhaupt betreten zu dürfen, damit die Autos freie Fahrt haben."
Ständig versucht er, die Perspektive zu drehen: die Zukunft, in der Konsum eine kleinere Rolle spielen soll, nicht als Verlusterfahrung zu beschreiben, sondern als Gewinn. "Der Irrsinn ist doch, dass die Menschen glauben, sie hätten über die Menge an Gütern bessere soziale Beziehungen - und genau das Gegenteil ist richtig."
Bei allem Zynismus bringt Welzer einen anderen Ton in die Verzichtsdebatte. Er droht den Menschen nicht mehr bloß mit dem Weltuntergang. Er macht sich über ihre aus seiner Sicht falschen Prioritäten lustig - und öffnet den Blick für ein anderes, besseres Leben.
"Der moralische Druck, den die Öko-Bewegung erzeugt hat, hat ihr bloß geschadet", sagt er. "Diese absurde Belastung auf den Einzelnen, dass die Zukunft des Planeten davon abhängt, ob ich etwas esse oder nicht." Welzer hat eine Liste von "12 Regeln für erfolgreichen Widerstand" formuliert. Auf seinen Vorträgen erhalte er am meisten Applaus für Regel Nummer zehn: "Sie haben keine Verantwortung für die Welt."
Das ist zwar eine überspitzte Formulierung, aber für Entspannung sorgt sie doch. Eigentlich zielt Welzer damit aber auf etwas ganz anderes. Er möchte, ganz der gute Therapeut, seine Zuhörer und Leser vom Gefühl befreien, dass sie allein ja doch die Welt nicht ändern könnten. Er will sie dazu bringen, dort etwas zu ändern, wo sie selbst die Effekte auch merken. Selbstwirksamkeit nennen das Psychologen.
Und was ist mit Leuten wie Sebastian Küpers, der einerseits mit viel weniger Besitz auskommt als die meisten, der andererseits das Geld, das er dabei spart, auch nicht im Garten vergräbt? Was er auf der einen Seite spart, gibt er auf der anderen wieder aus. Statt Möbel zu kaufen, fliegt er dann eben mal für ein paar Wochen ins Silicon Valley. Und wer wollte es ihm verübeln?
Sein Herz nicht zu sehr ans Materielle zu hängen und trotzdem ein ausgemachter Hedonist zu sein, das widerspricht sich ja keineswegs. Bei den unter 30-Jährigen gehört es zum Selbstverständnis dazu. "Da hat sich etwas geändert. Die Bewerber fragen nicht mehr zuerst nach dem Dienstwagen, sondern nach Sabbaticals, Elternzeit und Kinderbetreuung", sagt etwa Daimler-Personalvorstand Wilfried Porth.
In einer Ernst & Young-Studie, für die Uni-Absolventen in Deutschland befragt wurden, gaben 74 Prozent "Familie und Freunde" als wichtigsten Wert in ihrem Leben an. "Erfolg und Karriere" lagen nur bei 52 Prozent. "Genuss und Konsum" kamen gerade einmal auf fünf, "Reichtum" brachte es auf ein Prozent.
Die Antworten mögen herrschenden Klischees folgen, doch das allein erklärt das klare Ergebnis nicht. Die jungen Menschen "sind nicht bloß eine Generation, die etwas anders macht, sie treiben den Wandel der gesamten Gesellschaft voran", ist Ana-Cristina Grohnert überzeugt, die Personalchefin der Wirtschaftsprüfer Ernst & Young. "Materielle Werte haben einen geringeren Stellenwert. Es geht ihnen darum, das eigene Leben frei zu gestalten."
Schön und gut. Aber wo ist der Punkt, an dem individuell wünschenswerter Verzicht auch gesellschaftlich relevant wird? Und mehr ist als persönliches Wellness-Programm oder Weltflucht?
Weniger ist weniger
"Kaffeehaus" heißt der Laden in der Mitte von Flensburg. Ein Kerl mit grünem T-Shirt und grauer Wollmütze sitzt am Tresen und kippt eine Flasche Bier. An der Wand blättert Farbe. Das Ganze sieht aus wie eine Dauerausstellung: "Linkes Milieu - gestern, heute, morgen".
Die Tür schwingt auf, Jonas Lage federt herein. Ein sympathischer Schlaks von 23 Jahren mit Wuschelhaar und markanten Gesichtszügen, ein Typ, exakt in der Mitte zwischen Softie und Macher, legt Rucksack und Fahrradhelm auf einem Stuhl ab und bestellt eine Cola.
Die Cola wird genossenschaftlich und nachhaltig produziert. Aber das erzählt er erst auf Nachfrage. Er macht überhaupt nicht den üblichen missionarischen und weltverbesserischen Eindruck, der an diesem Milieu so nervt. "Ich versuche, mich selbst zu ändern, das bewirkt mehr, als wenn ich die Deutsche Bank besetze", sagt er.
Lage ist ein nachdenklicher junger Mann, einer, der sich selbst links nennt, ohne daran zu glauben, dass diese Kategorie noch etwas bedeutet. Einer Partei gehört er nicht an. Er studiert Energie- und Umweltmanagement, glaubt aber eher nicht mehr an den ökologischen Nutzen der Energiewende oder an rein technische Lösungen für Umweltprobleme.
Ein-, zweimal die Woche zieht er mit ein paar Freunden zum Container-Diving über die Hinterhöfe der Supermärkte, um aus den Abfallbehältern "Lebensmittel zu retten", wie er formuliert. Er bringt sich gerade selbst das Nähen von Kleidung bei, weil er den Modekonzernen nicht mehr traut. Er verzichtet auf Autofahrten, Urlaubsflüge, Fleisch, Einkäufe beim Discounter - und findet das nicht besonders radikal.
"Ich habe eine persönliche Mischkalkulation", sagt er. "Ich spare beim Containern so viel, dass ich es mir leisten kann, den Rest im Bioladen einzukaufen."
Anders als Küpers hat er durchaus eine Motivation, die über sein persönliches Leben hinausgeht. "Was das Auto mit der Stadt macht, verdirbt mir den Spaß am Autofahren", sagt er. Das ist nicht einmal Pose. Statt in die Karibik zu fliegen, macht er in den Semesterferien lieber eine Radtour an der Ostsee. Oder fährt zum Zelten nach Schweden. Im Hotel bedient zu werden ist ihm peinlich.
Der Radikale
Lage meint es ernst. Er mag nicht weiter Party feiern, wenn der Planet den Bach runtergeht. Er gehört damit zu einer Avantgarde, wie sie dem Wachstumskritiker Niko Paech vorschwebt, einem der großen Spielverderber der Szene.
Paech, 53, ist einer, der die Sache bis zum bitteren Ende durchdacht hat. Alle Parolen vom Weniger ist mehr, alles Theoretisieren von der Postwachstumsgesellschaft verliert bei ihm das Kuschelige. Nachhaltigkeit ist bei ihm keine Fortsetzung des Spiels mit anderen Mitteln. Paech predigt den Bruch mit dem Jetzt, eine neue Wirtschaft, die zunächst einmal nichts Verführerisches hat.
In seiner Analyse ist er gnadenlos. "Statt weniger verschwenderisch zu leben, wollen wir ruinösen Konsum mit vermeintlich grünem Konsum wiedergutmachen", sagt Paech. "Wie Vielflieger, die ihr Gewissen mit Bionade-Konsum zu beruhigen versuchen."
Von seinem kleinen Büro an der Uni Oldenburg aus mischt der Bestsellerautor ("Befreiung vom Überfluss") mit solchen Sprüchen die Debatte auf. Für mehr als drei Leute ist kaum Platz. Er doziert hinter seinem Schreibtisch, als hielte er eine Vorlesung. Wo Welzer am liebsten Geschichten erzählt, überrollt Paech seine Zuhörer mit ökonomischer Theorie.
Von Verzicht mag auch er nicht reden. Er spricht lieber von der "Befreiung vom Überfluss", aber wer ihm ein, zwei Stunden zuhört, dem ist der Begriff, mit dem er seine Umkrempelung der Welt versieht, schließlich auch egal. In Paechs Zukunftsvision schrumpft die alte Wirtschaft auf glatt die Hälfte ihrer jetzigen Wertschöpfung zusammen, und daneben entsteht eine neue Parallelwelt der Tauschwirtschaft.
Die Menschen arbeiten im Durchschnitt nur noch 20 Stunden die Woche in ihren alten Berufen. Die andere Hälfte verbringen sie damit, ihr eigenes Gemüse anzubauen, Dinge zu reparieren, sich gegenseitig zu helfen. Man kann seine Ideen auf einen Punkt bringen: Statt neue Autos zu kaufen, reparieren die Menschen alte Fahrräder. "Ich glaube nicht an technischen Fortschritt", sagt er. Man kann auch Rückschritt sagen, ohne ihm allzu weh zu tun. "An genügsameren und sesshafteren Lebensstilen führt kein Weg vorbei - erst dann kommt die Technik."
Er ist in seiner Radikalität ein Star der Szene und ein Liebling der Journalisten. Paech macht keine Kompromisse, er trägt seit 20 Jahren dieselben Jacketts, schraubt in seiner Freizeit an Fahrrädern, hat in Oldenburg ein "Reparaturcafé" gegründet und seiner Freundin zu Weihnachten ein gebrauchtes Handy geschenkt. Mittlerweile nervt es ihn, wenn Journalisten in Interviews bloß seine Kauzigkeit abrufen und die tiefergehende Diskussion seiner Vorschläge mal wieder ausfällt.
Paech ist Ökonom, und er begründet mit Beispielen und Fachbegriffen, warum sich Nachhaltigkeit und Wirtschaftswachstum seiner Meinung nach grundsätzlich ausschließen. "Wirtschaftswachstum, ganz gleich in welcher Farbe, ist niemals ohne weiteren Ressourcenverbrauch zu haben", sagt er. Wer Kohlekraftwerke durch Windräder und Solarmodule ersetze, der müsse die alten Energieerzeuger abreißen und neue produzieren. Das erhöhe erst einmal den CO2-Ausstoß.
Für Paech gibt es kein richtiges Wachstum im falschen. Dafür sorge beispielsweise der "finanzielle Rebound-Effekt". "Selbst wenn ich nur Krankenschwestern, Lehrer, Altenpfleger einstelle, klingt das erst einmal nach rein qualitativem Wachstum. Aber was machen die Krankenschwestern, Lehrer, Altenpfleger dann mit ihrem Geld? Sie kaufen Autos, reisen in die Karibik, wollen das neue iPhone."
Paechs Vorschläge klingen nach Öko-Diktatur. Er will jede zweite Autobahn dichtmachen, drei von vier Flughäfen schließen, die Menschen sollen nur noch die Hälfte arbeiten, die Hälfte verdienen und die übrige Zeit mit dem Flicken von alten Klamotten zubringen. Es ist das Bild einer Gesellschaft, in der die grundlegenden Freiheiten der Menschen eingeschränkt sind: die Freiheit, sich zu entscheiden, wie lange sie arbeiten, wie viel sie konsumieren - und damit letztlich, wie sie leben wollen.
Ganz zu schweigen davon, dass der Staat dann so wenig Steuern einnehmen würde, dass er seinen Verpflichtungen kaum nachkommen könnte, der Finanzierung von Kindergärten, Schulen und Altenheimen beispielsweise.
Es ist keine besonders schöne neue Welt, die da entstünde, und es darf bezweifelt werden, dass der Weg dorthin ohne gewaltige soziale Unruhen gegangen werden könnte. Für Paech aber hat die Welt keine Wahl, sich zu entscheiden, ob ihr diese Zukunftsvision gefällt oder nicht. Für ihn ist es einfach das Szenario, auf das alles hinausläuft. Er sieht es so: Die jetzige Form der Wirtschaft mit ihrer Abhängigkeit von billiger Energie wird in die Krise kommen. Die Finanzwirtschaft wird kollabieren, der ungebremste CO2-Verbrauch die Umwelt zerstören. Und all diese Krisen werden gemeinsam dafür sorgen, dass sich die Menschen nach neuen Möglichkeiten umsehen. Und die "Lebensstil-Pioniere", wie Niko Paech die vom Überfluss Befreiten nennt, haben dann längst erprobt, wie es anders geht.
Eine, die das tatsächlich getestet hat, ist die Autorin Greta Taubert ("Apokalypse jetzt!"). Sie hat ein Jahr lang versuchsweise so gelebt, als wäre die Wirtschaft schon zusammengebrochen. So richtig anziehend ist das nicht, was sie berichtet. Die 30-Jährige aß Blätter, sammelte Pilze, baute Gemüse an, tauschte Kleidung.
Ihr Konsumstreik hatte vor allem den Sinn, sich einmal aus den Abhängigkeiten des Alltags zu lösen. Auszuprobieren, ob es auch ohne die Bequemlichkeit von Supermarkt und H&M geht. Ihre Erfahrung: "Ich musste anfangen, andere Leute um Hilfe zu fragen. Der Mangel brachte ein neues Gemeinschaftsgefühl."
Jetzt, da sie wieder zurückgekehrt ist aus dem Experiment, hat ihr Konsum die Unbefangenheit verloren. Im Supermarkt sieht sie die Verschwendung. Mehrmals hat sie versucht, noch mal bei H&M shoppen zu gehen. "Da geht die Zahnpasta nicht in die Tube zurück."
"Meine Wertvorstellungen haben sich verschoben", sagt Taubert. Sie habe nun das Gefühl, nicht auf Konsum angewiesen zu sein. "Ich habe mich noch nie so reich gefühlt."
Der Optimist
Schön für sie. Aber ein Vorbild für die Welt? "Verzicht ist doch bloß der Seufzer einer alternden Gesellschaft, einer wohlhabenden akademischen Mittelschicht", sagt der Sozialwissenschaftler Ralf Fücks. "Was in Südeuropa fehlt, ist nachhaltiges Wachstum. Asien, Afrika und Südamerika sind in einem epochalen wirtschaftlichen Aufbruch. Erzählen Sie denen mal, weniger sei mehr!"
Fücks war früher selbst mal ein linker Radikaler, einer, der den Kapitalismus abschaffen wollte. Er war Mitglied des Kommunistischen Bundes Westdeutschland und weiß daher ganz gut, was einen antreibt, wenn man eine ganze Wirtschaftsordnung umdrehen möchte.
Vielleicht findet Fücks auch deshalb so harte Worte für Leute wie Paech. "Grüne Pol Pots" seien das, die "den Rückzug aus der Moderne" predigten. "Wenn man das ernst nimmt, mündet es in eine Diktatur über die Bedürfnisse."
Fücks ging 1982 zu den Grünen, war später Umweltsenator in Bremen und sitzt heute, mit 62 Jahren, im Vorstand der Heinrich-Böll-Stiftung. Eine nicht untypische Entwicklung ehemaliger Apo-Bewegter.
Fücks redet fast das genaue Gegenteil von dem, was Paech sagt - abgesehen davon, dass beide für sich in Anspruch nehmen, die Lebensgrundlagen der Menschheit retten zu wollen. "Jeder kann sich für einen bescheidenen Lebensstil entscheiden, aber das lässt sich nicht verordnen", sagt Fücks. Sein Zauberwort heißt: "nachhaltiges Wachstum", seine Wundermechanik: "Entkoppelung von Verbrauch und Wachstum". Genau das, was Paech schon theoretisch für unmöglich hält.
"Die Vorstellung, dass es starre Grenzen für Wachstum gibt, ist doch Ideologie", sagt Fücks. "Die Geschichte der Menschheit ist immer eine Geschichte des Hinaufschiebens der Grenzen der Natur." Die chemische Industrie, sagt er, habe seit 1990 ihren Umsatz um ein Drittel gesteigert, aber ihren CO2-Verbrauch um 40 Prozent reduziert.
Auch so eklatante Fehlschläge wie der einst gefeierte Biokraftstoff aus nachwachsenden Rohstoffen, der das nicht kleine Problem mit sich brachte, dass Äcker für Nahrungsmittel zu Äckern für Energie umgepflügt wurden, können Fücks nicht umstimmen. Das sei eben "trial and error", sagt er.
"Wir brauchen eine Aufbruchstimmung", sagt Fücks. Er selbst ist zuversichtlich, dass wir kreative Antworten auf Krisen finden. "Es geht um eine grüne industrielle Revolution. Wenn wir bloß verkünden, dass jetzt alle in Sack und Asche gehen müssen, haben wir verloren."
Natürlich ist Fücks' Standpunkt so angenehm wie sympathisch. Ein dritter Weg zwischen der totalen Ausplünderung des Planeten und der Rückkehr zur Selbstversorgung. Grüne Revolution statt ökologischer Katastrophe.
Denn selbstverständlich kann man den Menschen in aufstrebenden Ländern, in China, Indien und Brasilien beispielsweise, nicht verbieten, Automobile zu kaufen. Doch wenn sie herkömmliche Modelle mit Verbrennungsmotor fahren, dann bewahren auch Atemmasken die Menschen in den Millionenstädten nicht vor schweren Gesundheitsschäden. Also müssen es neue Automodelle sein, die weniger oder gar keine Abgase mehr ausstoßen. Grüner Fortschritt eben.
Die Hoffnung wird genährt durch einige Unternehmen, denen Wachstum bei sinkendem Ressourcenverbrauch gelingt. Und durch Länder wie Deutschland, wo der Mineralölverbrauch beispielsweise von 2002 bis 2013 um gut elf Prozent zurückging, obwohl die Wirtschaft weiter wuchs.
Doch auf dem Weg zu grünem Wachstum gibt es Rückschläge. Denn der Mensch ist, wie er ist. Sein Verhalten mündet oft in dem, was Wissenschaftler einen Rebound-Effekt nennen. Gibt es Automobile, Fernsehgeräte oder Computer, die der Umwelt geringere Schäden zumuten, dann kauft man zwei oder drei von ihnen, und schon ist die Umweltbilanz mindestens so schlecht wie zuvor.
Das Gegenkonzept wiederum, der Verzicht auf Wachstum, löst vielleicht einige Umweltprobleme, schafft jedoch auch neue. Wie soll der Sozialstaat, zumal einer, der aus immer mehr Rentnern besteht, in Zukunft überleben, wenn es kein Wachstum mehr gibt? Wie sollen die Innovationen finanziert werden, die gerade für Umwelt- und Ressourcenschutz nötig sind? Was geschieht mit den Arbeitslosen, die es massenhaft geben wird, weil Unternehmen die Effizienz ihrer Produktion weiter verbessern, schon um im Wettbewerb mit anderen zu bestehen, aber bei einem stagnierenden Absatz weniger Beschäftigte benötigen?
Für moderne Volkswirtschaften ist Wachstum kein Luxus, sondern der Treibstoff, der sie am Laufen hält. Und was für den Einzelnen gelten mag, trifft für eine Volkswirtschaft nicht zu: Es gibt kein Niveau, auf dem sie verharren könnte nach dem Motto: Genug ist genug. Es gibt nur ein Entweder-oder: wachsen oder schrumpfen.
Das ökonomische Dilemma bleibt: Ohne Wachstum geht es nicht. Mit der bisherigen Form des Wachstums auch nicht. Und eine ökologische Art des Wachstums ist oft Wunsch, aber bislang viel zu selten Wirklichkeit. Es gibt ihn nicht, den einen, den einfachen Ausweg. Versuch und Irrtum sind angesagt, das gilt für jeden Einzelnen und für ganze Volkswirtschaften.
Mehr Nachsicht
Am Ende des Films "Fegefeuer der Eitelkeiten" torkelt Bruce Willis champagnerbesoffen durchs Bild, und es ertönt die mahnende, gleichsam kapitalismuskritische Stimme: "Was nützte es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne, aber Schaden nähme an seiner Seele?" Dann folgt die rotzige Entgegnung: "Aber es gibt Entschädigungen!"
Es ist ein Satz, den der Wiener Philosoph Robert Pfaller eigentlich lieben muss. Allein schon wegen der Ironie, die darin steckt. Und weil es eine coole und für Pfaller darum erst erwachsene Antwort auf die Frage ist: "Wofür lohnt es sich zu leben?"
Die Vulgärfassung seiner Philosophie kann man leicht mit dem Witz karikieren über den Mann, der zum Arzt geht, 100 Jahre alt werden möchte und alle Fragen, ob er trinke, rauche und Sex habe, verneint. Worauf der Arzt sagt: "Und warum wollen ausgerechnet Sie 100 Jahre alt werden?"
Pfaller ist ein Philosoph des Genusses, und er diagnostiziert den Genuss als Unterbrechung der Routine, als Pause vom Vernünftigseinmüssen. Die Zigarette in der Mittagspause. Das Glas Sekt zum Geburtstag des Kollegen. Für den 52-Jährigen sind das Zeichen des "Erwachsenseins". Weil ohne sie das Erwachsensein gar nicht auszuhalten wäre.
Den heutigen Zeitgeist hält er für wenig genuss- oder lustvoll. Pfaller spricht vielmehr vom "Verzichtswahn", von "Verzichtsideologien" und "Verzichtssucht".
"Die Menschen werden gegeneinander aufgehetzt", sagt Pfaller. "Der nur Pflanzen isst, verachtet den, der noch Fleisch konsumiert. Der nur mit dem Fahrrad fährt, verachtet den, der noch sein Auto nutzt. Der nicht fliegt, den, der seinen Urlaub in Übersee bucht." Zugleich habe auch jeder ein schlechtes Gewissen, weil ja jeder auch seine Verfehlungen habe und es somit auch an ihm liegt, wenn der Planet mal wieder nicht gerettet werden kann.
Man verstünde Robert Pfaller gründlich falsch, wenn man in ihm einen Verteidiger des Status quo sehen würde. Was er sich wünscht, sind selbstbewusste Bürger, die ihr Recht auf ein gutes Leben einfordern und die Politik vor sich her treiben.
"Die Verzichtsideologien wälzen Probleme, mit denen der Staat nicht fertig wird, auf den Einzelnen ab", sagt er. "Der Schutz des Planeten ist aber eine politische Aufgabe und keine individuelle." Doch statt gemeinsam politisch aktiv zu werden, kämpfe sich der Einzelne an Verzichtsidealen ab.
Statt sich mit dem Versagen der Politik zu beschäftigen, mit dem Versagen beim Klimaschutz und in der Finanzkrise, kümmerten sich die Menschen bloß noch um ihre individuellen CO2-Bilanzen, darum, wie viel Auto sie fahren, wie oft sie fliegen, was sie essen und trinken.
"Wir müssen lernen, im individuellen Maßstab sehr nachsichtig zu sein. Jeder hat seine Fehler, isst mal das Falsche, trinkt mal zu viel", sagt Pfaller. "Aber auf der gesellschaftlichen und politischen Ebene müssen wir dafür kämpfen, dass sich etwas ändert. Leider machen wir gerade kollektiv das Gegenteil."
Von Markus Brauck und Dietmar Hawranek

DER SPIEGEL 14/2014
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