31.03.2014

JUGEND„Wir sind Zukunft“

Über muslimische Mädchen wird in öffentlichen Debatten viel geredet - die Radioserie „Kids“ lässt ein paar von ihnen nun selbst zu Wort kommen.
Vor ein paar Jahren machte Adyan eine weite Reise. In Berlin-Kreuzberg stieg die heute 17-jährige Tochter irakischer Eltern in die U-Bahn und fuhr in den Norden der Stadt. "Als ich ankam, waren da nur noch Deutsche, ich war die Einzige, die ein Kopftuch trug. Da habe ich mich auf einmal gar nicht mehr wie in Deutschland gefühlt."
Adyan ist eines von sieben Berliner Mädchen, die in der Radioserie "Kids", einer Art Doku-Soap, von ihrem Leben erzählen. Die Hörspielautorin Katrin Moll, 40, begleitete die Mädchen, deren Familien aus dem Libanon, der Türkei, dem Irak, aus Ägypten und Ghana stammen, ein Jahr lang in der Schule, in der Moschee, beim Jobben.
Sechs der Mädchen sind Musliminnen, drei von ihnen tragen Kopftücher. Sie sind fast alle im Kreuzberger Urbankrankenhaus zur Welt gekommen. Die achtteilige Serie, die von Dienstag dieser Woche an auf SWR2 und ab dem 7. April auf Deutschlandradio Kultur läuft, zeigt die Mädchen bei dem Versuch, den MSA zu machen, den mittleren Schulabschluss.
Es ist ein Jahr, in dem sich die ersten entscheidenden Fragen stellen. Lieber in die Lehre oder weiter zur Schule gehen? Hausfrau werden? Dazu brauchte man erst mal einen Mann, wie sollte der aussehen? Würden ihn die Eltern akzeptieren? Vielleicht doch Abitur?
Über junge Musliminnen wird in öffentlichen Debatten viel geredet. Selbst zu Wort kommen sie eher selten. Hier sprechen sie nun über ihre Familien und ihren Glauben, über Ehrenmorde und ihr Verhältnis zu diesem seltsamen Deutschland, in dem sie sich manchmal aufgehoben und dann wieder fremd fühlen.
Wer sie trifft, betritt ein Energiefeld. "Ich bin Zukunft", ruft Hanan, deren Eltern aus dem Libanon stammen. Den MSA hat sie nicht geschafft, zu viele Fünfen und Sechsen auf dem Zeugnis, eine auch in Sport, weil sie nie erschienen ist. Aber sie hat einen Traum. Eines Tages möchte sie eine Konditorei besitzen, "aber nicht mit so voll harten Stühlen, sondern kuschelig, mit Sofas".
Adyan will studieren, vielleicht Architektur. Ihr Vater war Militärattaché an der irakischen Botschaft. Als er abberufen wurde, entschloss er sich, aus dem diplomatischen Dienst auszuscheiden und in Deutschland zu bleiben. "Eine große Sache", sagt Adyan. "Meine Eltern haben für uns Kinder alles aufgegeben. Das müssen wir ihnen zurückgeben."
Adyan hat zwei Schwestern und einen Bruder, die Familie wohnt nahe dem Potsdamer Platz. Sie kann sich an die Zeit im Irak noch erinnern, an den Krieg, als die Verwandten sich außerhalb von Bagdad ein Haus mieteten, um in Sicherheit zu sein. Sechs oder sieben Familien waren da, "es gab viele Kinder zum Spielen". Nachts sind sie hoch auf das Flachdach gestiegen und haben sich angeschaut, wie die Bomben in der Stadt einschlugen.
Jamila, ebenfalls 17, ist vor einem halben Jahr auf ein Oberstufenzentrum mit dem Schwerpunkt "Bekleidung und Mode" gewechselt. Sie wollte Modedesignerin werden. Doch niemand hatte ihr gesagt, dass es da Fächer wie "Näh-Mathe" gibt. "In Mathe war noch nie einer in unserer Familie gut." Sie hat hingeschmissen.
Nun will sie ein Fachabitur machen und Erzieherin werden. "Mit Menschen kann ich umgehen." Jamila ist das älteste von fünf Kindern, hat zwei Schwestern und zwei Brüder. Ihre Eltern, ein Palästinenser aus dem Libanon und eine Ägypterin, sind berufstätig. "Da lernt man, Verantwortung zu übernehmen."
Seit einiger Zeit verdient sie sich als Babysitterin etwas Geld hinzu. Sie hütet Hugo, den Sohn eines deutsch-amerikanischen Paares. Hugo, inzwischen fast zwei, ist blond und blauäugig. Bis zu viermal pro Woche holt Jamila ihn bei seinen Eltern ab und nimmt ihn mit nach Hause. "Da kommt er dann mitten in die arabische Großfamilie."
Bei ihr, sagt Jamila und lächelt stolz, mache Hugo nicht so viele Faxen wie bei seiner Mutter. Zur Freude seiner Eltern habe er inzwischen sogar schon ein bisschen Arabisch gelernt, zum Beispiel das Wort: "Challas!" Es heißt: "Hör auf!" Hugo sagt es ziemlich oft, weil Jamilas kleiner Bruder ihn so gern küsst.
Wenn sich Hanan, Adyan und Jamila treffen, dann oft im "Orient Eck" am Kottbusser Tor. Dort sitzen sie in einem Vorbau aus durchsichtigen Plastikplanen, essen ihr Lieblingsgericht, den Döner-Spezi-Teller, und betrachten das Treiben auf den Straßen.
Die Gegend um das Kottbusser Tor gilt als eine der großen Problemzonen der Stadt. Viele Menschen, die hier wohnen, sind arbeitslos, hier wird mit harten Drogen gedealt. "Ja", sagt Hanan, "es gibt hier auch viele Penners."
Und doch ist der "Kotti" für die Mädchen der Ort ihrer Träume.
Am Kotti, meint Jamila, "ist alles gemixt, Türken, Araber, Deutsche. Natürlich gehören die Ausländer zu den Deutschen", sagt sie. "Ohne die Ausländer wäre alles voll langweilig." Einmal war sie in Zehlendorf, da hat jemand "Schleiereule" gezischt. "Lieber bleibe ich dort, wo ich weiß: Da sind noch ein paar von meiner Art."
Das Berlin dieser Mädchen ist kleiner als das deutscher Jugendlicher. Sie bewegen sich vor allem durch Kreuzberg, Neukölln und den Wedding, manchmal geht's zum Ku'damm. Waren sie schon mal in Prenzlauer Berg? "Nein", sagt Hanan. "Was ist der Prenzlauer Berg?", fragt ihre Freundin Sinem.
Die Mädchen leben in Berlin wie in einer Kleinstadt, mit allen Vor- und Nachteilen. Hanan will sich am Kottbusser Tor nicht für den SPIEGEL fotografieren lassen. Jeder kennt sie hier, was, wenn einer ihrer Verwandten sie sieht? Um nichts machen sich diese Mädchen so viele Gedanken wie um ihren Ruf.
Sie dürfen sich nicht sehen lassen mit einem Jungen. Jamila: "Da sagen irgendwelche Männer zu meinem Vater: ,Du, deine Tochter steht da drüben. Hast du sie nicht im Griff?'"
Viele der Mädchen wollen so schnell wie möglich den Führerschein machen. Jamila spart schon, hat sie 500 Euro zusammen, gibt ihr der Vater den Rest dazu. Allerdings: Immer wenn die Mutter mal fahren will, behauptet der Vater, der Wagen sei kaputt. Deswegen will Jamila was "Eigenes, Kleines, Schrottes".
Sie gehen alle gern raus, die Mädchen, zu Hause ist es eng. Jamila teilt ihr Zimmer mit ihren Schwestern, nachts kommen noch die zwei kleinen Brüder dazu, weil die Jungs Angst haben, nur zu zweit zu schlafen. Wenn Jamila lernen will oder lesen, geht sie aufs Klo. Ihr größter Traum ist eine "Luxustoilette".
"Wenn ich die Tür unseres Zimmers hinter mir zumache, rufen meine Eltern: ,Hier leben noch andere Menschen'", erzählt sie. Vielleicht ist sie auch deshalb aus der Rolle des Kindes gleich in die der Ersatzmutter gewechselt, weil in dieser Welt die Pubertät nicht vorgesehen ist.
Jamilas Lieblingsort in Berlin ist die riesige Freifläche des Tempelhofer Felds mitten in der Stadt, auf der sich früher der Flughafen befand. "Keine Büsche, keine Bäume, es ist so, als würden sich Himmel und Erde begegnen."
Weder Adyan noch Hanan, noch Jamila haben eine deutsche Freundin. "Es kam nicht dazu", sagt Adyan. Es gebe aber mehrere Deutsche in ihrer Klasse, mit denen sie gut klarkomme.
"Bei den Deutschen muss man immer aufpassen, was man sagt", erzählt Sinem. "Wenn man mal 'n Spaß macht und sagt: ,Ey, bist du behindert?', dann werden die voll sauer." - "Ja, man muss sich krass beherrschen", meint Hanan.
Untereinander sprechen die Mädchen meist Deutsch, auch zu Hause mit ihren Geschwistern, vor allem dann, wenn die Eltern nicht mitbekommen sollen, wovon die Rede ist. Denn die Eltern sprechen meist schlechter Deutsch. Eine Geheimsprache zu haben in einer Welt der offenen Türen, das ist nicht verkehrt.
Das Deutsch von Hanan, Adyan, Jamila und den anderen Mädchen hat eine poetische Qualität. Eine Frau, die sich rumtreibt, ist eine "Streunerin", ein Mann, der kein Kerl ist, ein "Knecht". Wenn man betrübt ist, fühlt man sich so, als würde einem "ein Stein aufs Herz fallen". Wer randaliert, "macht Faxen", wer anderen die Nerven raubt, "belästigt" sie.
Natürlich will keines der Mädchen einen Knecht heiraten, aber auch keinen, der Faxen macht. Süß muss er sein! Er darf schlimm sein, muss aber nur auf mich gucken! Nein, ein ganz normaler Junge! Er soll Style haben! Blaue Augen muss er haben!
Die beiden Schwestern von Jamila sind in Justin Bieber verliebt, wollten schon eine ganze Wand des gemeinsamen Zimmers mit seinen Fotos bekleben. Da ist Jamila eingeschritten. Nun lesen sich die Schwestern stundenlang Justins Tweets vor. Ihr Englisch ist inzwischen gut. "Mein Gott, könnt ihr nicht deutsch reden?", stöhnt Jamila immer wieder.
Ist denn die Ehe mit einem Mann, der kein Muslim ist, überhaupt denkbar? Vielleicht ... wenn er konvertiert. "Nein, auf keinen Fall", sagt Hanan. "Wir würden nicht klarkommen."
"Und wenn dein Mann dir erlauben würde, die Kinder so zu erziehen, wie du das willst?", fragt Hanans Freundin Manuela, deren Eltern aus Ghana stammen und die keine Muslimin ist. "Dann ist er kein Mann", sagt Hanan.
Sollte ihr Mann ihr verbieten, sich ein Arschgeweih über den Po tätowieren zu lassen, wäre das okay. Und wenn er ihr verböte, Auto zu fahren? "Dann würde ich sagen: ,Junge, was willst du? Bist du mein Vater?'" Männer, die glaubten, sie dürften ihre Frauen schlagen oder gar töten, seien "irgendwie hängengeblieben".
Die Mädchen werden in wenigen Jahren nicht mehr wählen müssen zwischen der Staatsangehörigkeit ihrer Eltern und der deutschen. Nach einem Gesetzentwurf der Bundesregierung werden sie zwei Pässe haben können. Fühlen sie sich als Deutsche? "In unserer Heimat schon", meint Sinem. "Aber hier?"
"Ich bin keine Deutsche", sagt Hanan. "Meine Eltern haben nichts Deutsches. Ich bin halt hier geboren, ich spreche die Sprache." Sie denkt nach. "Ich glaube, die Deutschen, die ich kenne, würden auch lieber was anderes sein. Die würden gerne zwei Sprachen sprechen."
Tatsächlich kann kaum eines der Mädchen sich vorstellen, in der Heimat der Eltern zu leben. Ihre Zukunft sehen sie hier, in Kreuzberg. Wenn sie in den Irak reise, glaubt Adyan, werde sie es kaum länger als einen Monat dort aushalten.
Gerade hat sie in der Familie eine lange Diskussion geführt. Zusammen mit ihren Geschwistern hat sie die Eltern überzeugt, in diesem Jahr erstmals richtig Weihnachten zu feiern, mit Baum und Geschenken. Adyans Augen leuchten, wenn sie davon spricht.
Von Lars-Olav Beier

DER SPIEGEL 14/2014
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