07.04.2014

ESTLAND„Niemand will die Abspaltung“

Der einzige russischstämmige Minister in Tallinn, Jevgeni Ossinovski, fürchtet keine Intervention Moskaus wie auf der Krim. Die russische Minderheit fühle sich Europa verbunden.
In den EU-Ländern Litauen, Lettland und Estland ist ein großer Teil der Bevölkerung russischstämmig. In vielen Städten, etwa im estnischen Narva, stellen sie sogar die Mehrheit. Jevgeni Ossinovski glaubt jedoch nicht, dass die baltischen Russen unter Moskaus Obhut streben. Der 28-jährige Bildungsminister ist seit zwölf Jahren das erste Regierungsmitglied, das der Minderheit angehört.
SPIEGEL: Herr Minister, fühlen Sie sich eigentlich eher als Russe oder als Este?
Ossinovski: Das kommt darauf an. Außerhalb des Landes bin ich Este und Europäer, zu Hause sage ich: Ich bin ein Russisch sprechender Este.
SPIEGEL: Mehr als ein Viertel der 1,3 Millionen Esten ist russischsprachig. Sind die genauso loyal?
Ossinovski: Die meisten von ihnen würden sich wohl selbst Russen nennen - das heißt aber noch lange nicht, dass sie deswegen im Dauerkonflikt mit der estnischen Bevölkerung liegen. Es gibt hier keine Partei, die die Abspaltung von Teilen Estlands fordern würde, es gibt noch nicht einmal eine starke Partei der russischen Minderheit.
SPIEGEL: Haben Sie Angst, Moskau könnte versuchen, nationalistische Gefühle zu mobilisieren, um einen Vorwand zum Eingreifen wie auf der Krim zu haben?
Ossinovski: Die Situation hier ist mit der auf der Krim in keiner Weise vergleichbar. Möglicherweise hat es in der Vergangenheit von russischer Seite Versuche gegeben, die Bevölkerung aufzuwiegeln. Aber ohne Erfolg. Ich kenne niemanden, der sagen würde: Putin ist mein Beschützer. Oder: Ich würde lieber in Russland leben als in Estland. Natürlich, viele Russen hier sehen russisches Staatsfernsehen, und das färbt ihre Sicht der Krim-Krise. Trotzdem ist mindestens die Hälfte von ihnen der Meinung, Putin habe die Krim widerrechtlich annektiert.
SPIEGEL: Vor sieben Jahren prügelten sich junge Russen mit der Polizei, weil die Behörden ein Denkmal für die Sowjetarmee versetzt hatten. Und jetzt auf einmal soll es keine Spannungen mehr geben?
Ossinovski: Natürlich sind noch viele Themen strittig: Die Arbeitslosigkeit ist unter den Russen höher als im Rest der Bevölkerung. Und es ist eine Herausforderung, das russischsprachige Ausbildungssystem an die estnischen Standards anzupassen. Außerdem birgt unsere Geschichte viele Streitpunkte: Manche Esten sehen die Russen noch als Nachkommen jener Besatzer, die das Land im Zweiten Weltkrieg der Sowjetunion einverleibt haben. Jüngste Untersuchungen aber zeigen, dass es im Privaten kaum Spannungen gibt. 95 Prozent der Befragten denken positiv über die, die sie aus der jeweils anderen Gruppe persönlich kennen.
SPIEGEL: Fühlen sich Estlands Russen als vollwertige EU-Bürger?
Ossinovski: Vor allem die jungen Leute, ob sie nun ethnische Esten oder Russen sind, identifizieren sich sehr stark mit der EU. Sie gehen zum Studium oder zum Arbeiten in westliche Länder. Sie wissen sehr wohl, was Europa ihnen bietet: Demokratie, Freiheit und höhere Einkommen. Auf der anderen Seite sind sie stolz, Wahrer der russischen Kultur in Europa zu sein. Es stört sie, dass Putin ein Monopol darauf beansprucht.
Interview: Jan Puhl
Von Jan Puhl

DER SPIEGEL 15/2014
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