07.04.2014

Erregung im Schattenreich

Ist die legale Pornografie wirklich frauenverachtend? Oder jugendgefährdend? Sexualforscher plädieren für einen entspannteren Umgang mit der Flut der Nacktfilme aus dem Internet.
Maren, 32, versteht ihre Welt nicht mehr. Sie ist Ingenieurin und wohnt in Bremerhaven. Einen Freund hat sie auch, doch da liegt das Problem: Neulich hat sie - Schock! - Pornos bei ihm gefunden. "Was soll ich tun?", fragt Maren.
Es antwortet Deutschlands Überinstanz in allen Geschlechter-, Gesellschafts- und Geschmacksfragen. "Liebe Maren!", hebt "Emma"-Chefin Alice Schwarzer, 71, in ihrer kürzlich erschienenen "Ask Alice"-Kolumne an. Und schon geht sie hart ins Gericht mit dem Pornosünder.
Der Konsum von Pornos verändere "zwangsweise auch seinen Blick auf die Frauen - und damit auch auf dich". Es drohten Auswirkungen "auf eure Sexualität". Maren, so mahnt Alice Schwarzer, solle sich mal die Freunde ihres Freundes genauer ansehen. "Auf jeden Fall", schreibt sie, "müsstest du ihn bitten, mit dem Konsum von Pornos aufzuhören." Tue er das nicht, "solltest du ihm klarmachen, dass es Konsequenzen für eure Beziehung hat. Und das solltest du ernst meinen. Deine Alice".
Hat Maren ihren Freund mit dem Heilmittel der Erpressung entpornofizieren können? Hat sich hernach sein Frauenbild gesäubert, hat er gar mit seinen Tunichtgut-Freunden gebrochen?
Die Welt wird es wohl nie erfahren. Sicher ist nur: Sollten Deutschlands Frauen Alice Schwarzer folgen und sich wegen der P-Frage von ihren Männern trennen, wäre die Nation beziehungstechnisch am Ende.
Männer mögen Pornos, das ist eben so. Der kanadische Sexualforscher Simon Lajeunesse suchte für eine Studie 20 junge Männer, die noch unbefleckt waren vom allgegenwärtigen Porno-Sudel. Er scheiterte. "Wir konnten nicht einen finden", sagt Lajeunesse.
Gratis-Pornos, selbst für den ausgefallenen Geschmack, sind eine Hauptattraktion des Internets, und zwar weltweit. Jeder Schulhof, jedes Büro ist voll davon, denn jedes Smartphone, jedes Tablet und jeder Computer, selbst Spielkonsolen sind potentielle Abspielgeräte für Porno-Clips und -Streams.
Mehr noch, wer ein Smartphone besitzt, ist bereits ein potentieller Pornoproduzent und Pornodarsteller. Frauen sind dabei keineswegs unbeteiligt. Viele sind inzwischen gleichermaßen pornohungrig wie Männer. Die Digitalisierung und das Netz haben mehr zur Demokratisierung der Pornografie beigetragen als je eine technische Errungenschaft zuvor.
Schon in der Antike dienten Malerei und Bildhauerkunst auch dem erotischen Genuss. In den Bordellen, Bädern und Privathäusern von Pompeji prangten Phalli und Penetrationsbildnisse in hoher Zahl: oral, vaginal, anal, Mann-Mann, Frau-Frau, Mann-Mann-Frau, sogar Gott-Ziege. Als die Ausgräber des 18. Jahrhunderts diese Kunstwerke bargen, müssen Tränenströme der Enttäuschung geflossen sein. Das hehre Rom - und dann solcher Dreck!
Die Funde waren den Findern peinlich. Flugs verschwanden sie für Jahrzehnte in Geheimmuseen. Frauen durften diese prinzipiell nicht betreten. Männer erlangten nur dann Zugang, wenn sie Sittlichkeit und ein begründetes Anliegen nachweisen konnten. Es galt, das gemeine Volk vor der gefährlichen Kunst zu schützen - und überdies die Reputation des klassischen Altertums zu wahren.
Wie sich die Zeiten wandeln: Allein die Link-Sammelstelle Tubegalore.com bietet jedem jederzeit Zugang zu allem für lau - Zehntausende Stunden hochexpliziten Materials in derzeit 1080 bunten Kategorien, darunter Doppelpenetration, Gangbang, Fisting, japanischer SM und iranischer Untergrund-Porno. Aufwendige Studioproduktionen sind dabei, aber auch haufenweise Selbstgedrehtes mit der Wackelkamera. Alle Grenzen zwischen der Pornoindustrie und den Rotten der Hobby-Pornografen sind gefallen.
Nie zuvor schauten so viele Menschen so viel Porno. Ist das gut so? Oder droht dem Abendland Gefahr? Muss die Pornogesellschaft auf die Couch, braucht sie die Umerziehung durch Alice Schwarzer? Oder haben all jene Forscher recht, die zu einem entspannteren Umgang mit der Tatsache raten, dass die Söhne der Nation jetzt ab dem Alter von 12, 13 Jahren Pornogucker sind und dennoch zu anständigen Männern heranreifen dürften?
Die Ergebnisse der Wissenschaftler sind eindeutig: Ja, Jugendliche beziehen heute ihre sexuelle Bildung zu einem großen Teil aus dem Porno-Internet. Damit sind Risiken verbunden - aber auch Chancen, etwa die, dass diese Generation besser Bescheid weiß als die ihrer Eltern.
Die fragen sich derweil angstvoll, ob das Online-Gevögel die gesunde Entwicklung ihrer Kinder gefährden könne. Forscher haben sich dieser Frage intensiv angenommen und dabei erkannt, dass von einer generellen Gefährdung durch Pornos nicht auszugehen ist. Weder haben Teenies heute früher Sex, noch treiben sie wildere Spiele als Jugendliche vor 15 Jahren.
Der englische "Children's Commissioner" hat letztes Jahr einen Report über die bestehende Forschung vorgelegt. Das zentrale Ergebnis: Eine "kausale Beziehung" zwischen Pornografie und riskantem Verhalten von Jugendlichen "kann nicht nachgewiesen werden".
Der Amerikaner Eric Owens hatte sich schon 2012 in einer "Meta-Studie" die einschlägigen Untersuchungen der vergangenen Jahre vorgenommen. Im Detail ist das Bild durchaus durchwachsen. Manche Studien legen nahe, dass Gewaltpornografie bestimmte Kinder aus Problemfamilien dahin treiben könnte, selbst zum Täter zu werden. Andere befanden, dass Pornokonsum für manche die Selbstwahrnehmung des eigenen Körpers negativ beeinflussen könnte.
Doch das Gesamtbild, so sagte Owens jetzt der "New York Times", sei eben nicht so klar: "Studie A sagt dies, Studie B das." Die Resultate des einen Forschers lassen sich nicht reproduzieren vom nächsten. "Wir haben die Hände in die Luft geworfen", berichtet Owens, "und gesagt: Eigentlich können wir keine definitiven Schlüsse ziehen."
Es gibt also weder Grund zum Alarm noch zur Entwarnung. Online-Hardcore bleibt ein bizarres Reizthema voller Widersprüche. Hier tut sich ein Kosmos an Möglichkeiten auf - und andererseits, je nach Geschmack, Moral und Weltsicht, mehr als nur ein Abgrund an Verderbtheit.
Dies ist ein Genre, das schon allein wegen seiner Einschaltquote kulturell offenbar immens bedeutsam ist, über das aber dennoch selten gesprochen wird - eigentlich gar nicht. Über Pornos wird nasegerümpft, gestritten, gezetert und belehrt, und dies zumeist heuchlerisch und hysterisch.
Millionen schauen hin, ob klammheimlich oder zu zweit. Doch nur wenige bekennen sich dazu, denn im seriösen öffentlichen Raum gilt unangefochten das Gebot der Porno-Ablehnung ("niveaulos!"). Aber Porno ist längst auch Pop, und deswegen steigt hin und wieder eine Kopulationsakrobatin auf zu geschlechterübergreifendem Ruhm - Cicciolina einst, später Gina Wild, Jenna Jameson oder Sasha Grey.
In der schlichteren Spaßgesellschaft fallen die Berührungsängste geringer aus. Eine ehemalige Theologiestudentin aus Berlin hat sich mit munterer Offenheit in die Herzen der jungen Fan-Gemeinde von RTL2 geschlichen. Sie verkehrt unter dem programmatischen Pseudonym "Aische Pervers", ist 27 und versteht sich als sexorientiertes, exhibitionistisches Multimedia-Gesamtkunstwerk: Porno ("Anale Berlinale"), Popmusik ("Disco Porno"), Casting-Show ("Supertalent"), Doku-Soap ("Frauentausch") - Hauptsache, Trash.
All solchen Publikumserfolgen zum Trotz beharrt ein Teil der männlichen wie weiblichen Gesellschaft darauf, dass prinzipiell jedes Nacktprodukt frauenfeindlich sei. Auch die alte Feministinnen-Garde bleibt bei ihrem Schlachtruf aus den siebziger Jahren: Pornografie ist die Theorie, Vergewaltigung die Praxis. Jüngere Feministinnen aber scheren sich keinen Deut um das Gerede.
Manche drehen gar mit wachsendem Erfolg "Fem Porn", der im Internet, wie viele Qualitätsproduktionen, meist nur kostenpflichtig zu sehen ist. Diese Werke zeichnen sich durch etwas mehr Rahmenhandlung aus, etwas mehr Blickkontakt und deutlich appetitlichere Männer - ansonsten aber zoomen die Regisseurinnen gleichfalls in medias res, so genitalversessen, direkt und lustvoll wie der am Mannesgeschmack ausgerichtete Mainstream.
Das Skandalpornosternchen du jour nennt sich "Belle Knox", heißt aber in Wahrheit Miriam Weeks. Sie ist 18 Jahre alt, brünett, bisexuell und überaus experimentierfreudig. Mit Sexfilmen will die Arzttochter ihre Ausbildung in "Women's Studies" an der elitären amerikanischen Duke University finanzieren, wo ein Studienjahr samt Lebenshaltung rund 60 000 Dollar kostet.
Der Nebenjob bringe ihr zu den 1200 Dollar pro Nachmittag "unvorstellbare Freude", gesteht sie. "In einer Welt, in der Frauen oft keine Wahl gelassen wird, habe ich die totale Kontrolle über meine Sexualität." Das sei "befreiend" und "wunderbar", also gelebter Feminismus pur, und dies gelte insbesondere dann, wenn sie sich, wie sie es besonders schätzt, von Männern dominieren lässt.
Das war zu viel der Provokation. Seit ihre wahre Identität bekannt ist, steht Miriam Weeks im Zentrum eines Shitstorms. Feministinnen, Konservative und sittenstrenge Kommilitonen fallen über sie her, Frauen mehr noch als Männer. Sie wird beschimpft als "dumm", als "Hure", die vergewaltigt und abgestochen werden müsse.
So ist sie trotz eines überschaubaren Œuvre innerhalb weniger Wochen zur derzeit berühmtesten Studentin auf Erden aufgestiegen. Bei einer Google-Suche vergangene Woche kam "Belle Knox" auf über sechs Millionen Fundstellen, Alice Schwarzer hingegen auf weniger als eine Million.
Natürlich verurteilen auch die Kirchen das Treiben in den Pornowelten, weil diese angeblich falsche Vorstellungen von der richtigen Sexualität in das Hirn des Betrachters pflanzten. Doch wer soll festlegen, was die richtige Sexualität zu sein hat? Und wenn sie nicht predigen, sündigen natürlich auch Kirchenmänner nächtens am Rechner. Internetfilme wie "Züchtigung einer BDSM-Sklavin im dunklen Hobbykeller" finden nachweislich selbst im Vatikan ihr Publikum.
Sexualität und Pornografie werden in Deutschlands Öffentlichkeit vor allem diskutiert als etwas Pathologisches, als Problem. Oft genug stimmt das auch, wie zuletzt im Fall Edathy. Kinderpornografie ist sexueller Missbrauch der Schwächsten und Verletzlichsten, und der Markt giert unaufhörlich nach mehr, immer mehr Kindern, immer neuem Missbrauch.
An seinen Rändern generiert der Pornohunger Verbrechenstatbestände wie Vergewaltigung, Zwangsprostitution, Menschenhandel. Und doch reicht es nicht hin, das Thema nur darauf zu reduzieren. Pornografie ist mehr. Sie ist daheim in der Mitte der Gesellschaft und Teil des Lebens. Sie hat Schattenseiten. Manchen ist sie ein ästhetisches Ärgernis. Andere haben in ihr eine inspirierende Freudenspenderin gefunden.
Dies zu sagen gilt in der vorgeblich aufgeklärten Gesellschaft immer noch als Tabu. Es ist sicherer, über Pornografie in der Tonlage der Empörung zu schreiben. Wenn sich eine Schauspielerin entblößt, steht oft das Wort "Sexskandal" in der Überschrift. Wenn ein Regisseur die Bühne für seine Oper in ein SM-Studio verwandelt, fragen die Medien bang: "Wie weit darf man gehen?"
Das Thema nimmt richtig Fahrt auf, wenn die Betrachter keine mündigen Bürger sind, sondern Minderjährige. Kulturkritiker fürchten, dass jetzt in den Schulen eine komplett verdorbene "Generation Porno" heranwachse, der nichts mehr heilig sei. "Sie sehen Pornos mit 12, haben Sex mit 13, sind schwanger mit 14", sorgte sich zum Beispiel das Magazin der "Süddeutschen Zeitung". Und der "Stern" befand: "Ein Teil der Gesellschaft", speziell die pornosüchtige Unterschicht, "driftet ab in die sexuelle Verwahrlosung".
Laut tönen die Rufe nach Zensur. Niedersachsens Landesmedienchef Andreas Fischer und Politiker wie der frühere Bundestagsabgeordnete Norbert Geis (CSU) träumen vom Beispiel des britischen Tory-Premiers David Cameron. Der hat seinem Volk die Pornosperre aufgebrummt, zum Schutz der jugendlichen Unschuld. Wer auf der Insel Pornos sehen will, muss sich bei seinem Internetanbieter dafür neuerdings freischalten lassen. Island plant Ähnliches.
Es gelte, die kriminelle Kinderpornografie zu bekämpfen, behauptet Cameron - obwohl diese über legale Pornoseiten wie youporn.com nicht zu erreichen ist und von den Pornosperren auch nicht erfasst werden kann. Und die Filter haben ungeahnte Tücken. Einerseits lassen sie immer noch sehr viele Sexfilmchen durch - und andererseits versperren sie mit ihren Algorithmen vielfach den Zugang zu harmlosem Informationsmaterial für Menschen in Not, etwa für verzweifelte junge Homosexuelle oder missbrauchte Frauen.
Patrick Rock de Besombes, hochwohlgeborener Cameron-Berater und Mitautor der Filter-Richtlinien, ist kürzlich gestrauchelt. Der vorderste Kämpfer gegen Kinderpornografie wurde des Hortens von Kinderpornografie überführt, verhaftet und aller Ämter enthoben.
Claire Perry, Camerons Chefberaterin in Fragen zur "Prävention der Sexualisierung der Kindheit", hält trotz aller anfänglichen Widrigkeiten große Stücke auf die Zensuraktion. Und sie will mehr davon. Eltern empfiehlt sie, den Kindern die Smartphones wegzunehmen sowie nächtens alle Internetverbindungen im Haus zu kappen; man weiß ja nie.
Inmitten all dieser aufgeregten und offenbar niemals versiegenden Debatten keimt nun aber etwas, das auf eine Entdramatisierung von Pornografie hindeuten könnte. Feona Attwood, 50, Professorin der Medienwissenschaften an der Londoner Middlesex University, hat soeben ein seriöses Fachblatt begründet, für das es bisher in der akademischen Welt kein Beispiel gab: "Porn Studies".
Ende März ist die erste Ausgabe im respektablen Wissenschaftsverlag Routledge erschienen, der einst Heimat war für Autoren wie Einstein, Adorno, Popper, Marcuse und Sartre. Was der "Lancet" für die Welt der Medizin ist, soll "Porn Studies" für das junge Feld nüchterner, aber engagierter Pornografie-Forschung werden, vier Ausgaben pro Jahr, kein Hochglanzpapier, kaum Fotos.
"Wir möchten weg von der uralten Debatte, ob Porno schädlich ist oder nicht. Es gibt so viel mehr zu tun", sagt Co-Herausgeberin Attwood, eine kleine Frau mit brünettem Pagenschnitt, die gut als Internatslehrerin durchgehen könnte. Tatsächlich aber ist sie an ihrer Uni als "Dr. Porn" bekannt, Expertin für den englischen Proleten-Porno aus dem Sozialbau. Sie hat schon serienweise Doktorarbeiten zu einschlägigen Themen betreut, zum Beispiel zu der Frage, wie sich der aktuelle sadomasochistische Hardcore zu den Schriften des Marquis de Sade verhält.
Die Themen der ersten Ausgabe des Pornologie-Journals: wie sich der marktbeherrschende US-Pornofilm inhaltlich verändert. Ein Essay über die Internationalisierung der Pornoforschung, die neben den angelsächsischen Ländern nun auch in Japan und China verstärkt betrieben wird. Ein Aufsatz über Pornografie und sexuelle Phantasien, ein weiterer über Pornos als Mittel der sexuellen Aufklärung und schließlich eine Analyse der Möglichkeiten und Grenzen kritischer Pornowissenschaft.
Ein Höhepunkt: der Rückblick von Linda Williams, Filmwissenschaftlerin an der University of California in Berkeley, auf die moderne Pornoforschung, die sie mit einem damals heroischen Opus im Jahr 1989 eigenhändig begründet hatte. Ihre Hoffnung, das Fach möge dereinst als so legitim erscheinen wie Theaterwissenschaften, hat sich nicht erfüllt. Aber immerhin: Pornoseminare zählen heute zum Alltag in den kultur- oder filmwissenschaftlichen Fakultäten vieler ehrwürdiger US-Institutionen.
Anders als in anderen Wissenschaftspublikationen sollen in "Porn Studies" auch Praktiker zu Wort kommen, Pornodarstellerinnen etwa und -produzenten, Männer wie Frauen, Schwule, Lesben, Transsexuelle. Im wissenschaftlichen Beirat sitzen nicht nur Gelehrte, sondern auch Kreative aus der Nacktbranche.
Von ihren Kritikern schallt Feona Attwood daher der Vorwurf entgegen, sie sei "pro-porno", doch der lässt sie kalt. "Wir fragen nicht mehr: Was macht der Porno mit den Leuten?" Diese Frage sei hinreichend untersucht und wissenschaftlich eher uninteressant. "Wir wollen lieber wissen: Was machen die Leute mit dem Porno?"
Revolutionäre Technologie in der Hand des Volkes führt zwangsläufig auch zu revolutionären Pornografien. Beim "Sexting" etwa schicken Leute explizite Bilder und Filme von sich über das Handy-Netz an tatsächliche oder herbeigesehnte Sexualpartner. Eine neuartige Form sexueller Interaktion ist entstanden, bei der speziell Mädchen und Frauen die Aktiven sind. Doch wird das Thema intensiv beforscht? Fehlanzeige.
Ist die Beziehung zerbrochen, stellt einer der Partner mitunter die "Sexting"-Filme des Ex online, sichtbar für alle Welt. Das nennt sich dann "revenge porn", Racheporno, eine neue Form des Missbrauchs, die Leben zerstören kann.
Mindestens zwei Drittel der Pornonutzer, sagt Medienwissenschaftlerin Attwood, seien Männer. Erst mit den Jahren verlören sie das Interesse. Unter den heutigen Frauen zwischen 20 und 25 aber glaubt die Forscherin eine Trendwende erkennen zu können. Diese Generation interessiere sich sehr viel stärker für Pornografie als ihre Vorgängerinnen. Vielleicht, sagt sie, sei diese Veränderung sogar dauerhaft. Womöglich sind die neuen Pornoguckerinnen jene Frauen, die auch der SM-Romanreihe "Fifty Shades of Grey" zum Weltbestsellertum verholfen haben.
Wie viele Pornos sie denn selbst anschaut im Dienste der Forschung? "Viel zu wenige", sagt sie. Es sei kaum möglich, Schritt zu halten mit der Produktion und den neuen Trends.
Jugendliche, berichtet Attwood, nutzten Pornografie unter anderem, um in Vorbereitung eigener Sexerfahrung Aufklärung über sich selbst zu gewinnen. "Bin ich schwul? Bin ich jemand, der Bondage mag?" Später gehe es oft darum, Würze ins eigene Sexleben zu bringen. Männer schauten Pornos, wenn sie scharf seien, Frauen, wenn sie scharf werden wollten.
Statt Pornografie pauschal zu verdammen, empfiehlt Feona Attwood dem Publikum, bei diesem Thema nicht anders vorzugehen als bei jedem Verbraucherthema auch. Fair-Trade-Produkte aus nachhaltiger Produktion seien der Ware von Ausbeutern vorzuziehen. "Wir müssen wissen: Wie wird das hergestellt? Nehmen die Produzenten Rücksicht auf die Gesundheit der Darsteller? Wie sind die Arbeitsbedingungen in der Branche?" Doch darüber sei bisher zu wenig bekannt, denn seriöse Forschung dazu fehlt.
Wenn sie Fremden erzählt, was sie tut, muss sich die Pornokundlerin regelmäßig der Vorwürfe erwehren, ihr Wissensgebiet sei jugendgefährdend, trivial und geschmacklos. Als noch verdächtiger würden allerdings die Männer in ihrem Fach beäugt, Frauen hätten es da leichter, sagt Attwood. Doch die neue Disziplin "Pornologie" sei innerhalb der Wissenschaft leider ebenso umstritten wie die Pornografie in der Gesellschaft. Entsprechend gebe es kaum Forschungsgeld für Wissenschaftler, die Pornografie als Kulturleistung betrachten, eher für jene, die sich um die Auswirkungen kümmern.
So eine ist Silja Matthiesen vom Institut für Sexualforschung und Forensische Psychiatrie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf. Sie hat mit Geld der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung und einem Forscherteam 160 Großstadtjugendliche zwischen 16 und 19 Jahren intensiv nach deren Erlebnissen im Schattenreich befragt. Ihre dreijährige Studie bietet erstmals authentische Einblicke in das wahre Teenie-Pornoland, vor dem sich Alice Schwarzer, "SZ", "Stern", Premier Cameron und Island so grausen.
Pornos, das war Matthiesen schnell klar, gehören für Jungen aller Schichten zum Alltag wie Computerspiele, Cola und Fußball. Bereits jeder zweite 13-Jährige konsumiert sie regelmäßig und mit altersgerecht hohem Interesse - dagegen sind Eltern und erst recht die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien komplett machtlos. Im Alter von 19 sind nahezu alle Jungs pornoerfahren, viele sogar ganz extrem.
Mädchen tummeln sich weniger selbstverständlich im Nacktangebot. Mit 15 Jahren, sagt Silja Matthiesen, hätten mehr als 40 Prozent von ihnen solche Filme gesehen, doch auch dann springt der Funke nicht richtig über. Nur sporadisch schauen sie hin, gern in albernen Kicherrunden mit den Freundinnen. Überwiegend empfinden sie Pornos in diesem Alter als abstoßend und nicht erregend (und falls doch, so irritiert sie das).
Ganz anders die Jungen - und Porno, da sind sich beide Geschlechter einig, ist Jungensache. Wenn sie allein und ungestört Pornos gucken, dann masturbieren sie dabei. Netzpornos ersetzen heute komplett die Wichsvorlage, die Männern ehedem dienlich war, die Aufklärungsseite in "Bravo", den abgegrabschten Klassen-"Playboy", den Unterwäsche-Katalog vom Versandhaus.
Aus den Interviews von Silja Matthiesen geht eindeutig hervor, dass Jungen extrem wählerisch sind bei der Auswahl ihrer Sorte Pornografie. Zwar wartet im Netz das Panoptikum der Perversionen und verwunderlichsten Fetische auf sie. Die Heranwachsenden registrieren das auch. Aber es gefällt ihnen nicht.
Jungen möchten im Internet den Sex sehen, den sie sich selbst auch erträumen, und das ist bei den Einsteigern durchweg das konventionelle Programm: Oralsex, Koitus. Vielleicht noch ein Dreier mit zwei Mädels. Dann ist Schluss. "Schon Analsex markiert die absolute Grenze", sagt Matthiesen. Die Jungs berichteten dem Team eindringlich, wie sehr sie "Sadomaso", "Fetischsex" und "Ekelporno" als "null erregend", "abartig", "abstoßend" und "zum Kotzen" empfinden. Ganz offenbar sind Jugendliche gut in der Lage, ihren Pornokonsum zu dosieren und zu steuern. Sie sortieren das Verstörende aus und konzentrieren sich stattdessen auf das Erregende. Es stimmt nicht, dass die Pornogeister mit ihnen Schlitten fahren und sie in Abgründe lenken, in denen sie sich verlieren.
Die richtig üblen Filme machen auf den Schulhöfen ebenfalls die Runde - aber eben nicht als antörnende Onanierhilfe, sondern als eine Art Mutprobe und Objekt allgemeiner Belustigung: Alter, guck dir das an! Voll krass, ey!
Ist die "Generation Porno" also tatsächlich untergangsgeweiht? Mutieren Jungs zu Cyberporno-Zombies, die es immer härter brauchen, die in Frauen nur Löcher sehen und die sie sich pornomäßig nehmen, wann es sie gelüstet? Die öffentliche Debatte hat diese Fragen zutiefst bejaht. Wissenschaftler wie Silja Matthiesen kommen jedoch zu völlig anderen Ergebnissen.
"Jugendliche", so sagt die 45-jährige Mutter eines 14-Jährigen, "sind an traditionellen Werten interessiert, an Liebe, Beziehung, Treue. Es ist selbstverständlich für sie, dass Sexualität nur geht, wenn beide etwas wollen."
Teenager wüssten ganz genau, dass Pornografie Phantasie (oder Utopie) sei, keine realistische Anleitung, keine Dokumentation des Normalen. So wie sie Online-Spiele vom echten Leben unterscheiden können, trennen sie auch Online-Sex vom echten Sex. Die meisten Heranwachsenden, berichtet Matthiesen, hätten sich überwiegend problemlos jene reflektierte "Pornografie-Kompetenz" erarbeitet, der sie auch dringend bedürften, um in dieser neuen Pornowelt on- und offline zu bestehen.
Nur wenige Jugendliche brauchten dabei Hilfe. Diese allerdings treffen bislang auf ein totales Kompetenz-Vakuum: Wer hat das Zeug, sie im Umgang mit Pornografie zu betreuen? Lehrer? Fußballtrainer? Pfarrer und Pastoren?
Die systematische Vermittlung von Pornografie-Kompetenz bleibt auch 2014 noch heikel. Wer Minderjährigen Zugang zu Pornografie gewährt, kann dafür mit einem Jahr Gefängnis bestraft werden. Dies ist ein Grund, weshalb sich viele Lehrer dem Thema nicht ansatzweise nähern wollen. Für Eltern gilt dies nicht. Sie genießen das "Erzieherprivileg". Ihnen ist gestattet, mit ihren Kindern anschaulich über Pornos zu reden, um auf diese Weise deren Pornografie-Kompetenz zu stärken. Allerdings dürften viele damit überfordert sein, zumindest die, die nicht einmal als Paar über Pornos sprechen. Und viele Pubertierende empfinden in diesen Fragen ihre Eltern nicht gerade als ideale Anlaufstation.
Unsinnig sei es jedenfalls, sagt Silja Matthiesen, den Teenies einfach die Pornos zu verbieten. Zum einen sei der Versuch zum Scheitern verurteilt. Und zum anderen: "Wer das tut", sagt die Forscherin, "verhindert systematisch, dass zu diesem Thema noch Kommunikation stattfinden kann." Dann erst werde es bedenklich.
Auf die intensive Vorbereitung folgt selbstverständlich auch die Tat. Den ersten richtigen Sex erleben die meisten Jugendlichen heute im Alter zwischen 16 und 17 Jahren. Damit sind sie beim ersten Mal "nicht jünger als in der Zeit vor dem Internet", sagt Matthiesen. "Und weder sind sie experimentierfreudiger, noch haben sie mehr Sexpartner als ihre Eltern vor 30, 40 Jahren."
Objektive Daten bestätigen den Befund. Die Zahl der Teenager-Schwangerschaften in Deutschland ist trotz Pornoschwemme auf einem historisch tiefen Stand - ebenso wie die Zahl der Schwangerschaftsabbrüche bei Mädchen unter 18. Weder Geschlechtskrankheiten noch Sexualdelikte haben bei Jugendlichen einen Sprung nach oben gemacht. Das Verhütungsverhalten der Sex-Anfänger gilt als nahezu vorbildlich.
Weltweit sind Forscher zu ähnlichen Ergebnissen gekommen. Als Simon Lajeunesse aus Montreal keine jungen Männer ohne Pornoerfahrung finden konnte, hat er eben untersucht, wie junge Männer mit Pornos umgehen. Ergebnis: Als Singles klicken sie dreimal die Woche in das Online-Sexprogramm, in einer Beziehung immerhin noch 1,7-mal. Zum Pornokonsum als Paar kommt es selten.
Die jungen Männer schauten sich das an, was ihren eigenen sexuellen Interessen entspreche, alles andere ignorierten sie. "Pornografie", urteilt Lajeunesse, "hat ihre Wahrnehmung von Frauen oder von der Beziehung nicht verändert." Wenn sich Phantasien aus der Pornowelt real nicht umsetzen ließen, dann legten sie diese eben ad acta. Und dass ihre Freundinnen nicht aussähen wie Pornostars, nähmen sie auch gelassen hin.
Eine niederländische Studie untersuchte mittels Online-Fragebögen anhand von 4600 jungen Leuten zwischen 15 und 25 Jahren, ob hoher Pornokonsum direkt zu vermehrten sexuellen Abenteuern führe. Ergebnis: nein.
Das sexuelle Verhalten wird geprägt von der Persönlichkeitsstruktur, von der Kindheit und der Erziehung, nicht aber davon, ob jemand viel oder wenig Pornografie betrachtet. Studienleiter Gert Martin Hald sagt: "Die Pornografie ist nicht der böse große Wolf, für den wir sie immer gehalten haben."
Diese Botschaft dringt allerdings nicht wirklich durch. Bis zu 500 000 Pornosüchtige gebe es in Deutschland, schreibt die "Welt". Pornosucht mache sogar impotent, wissen die Leser der "Stuttgarter Nachrichten". Tatsächlich aber gibt es keine Krankheit namens "Pornosucht".
Etwa alle 15 Jahre setzen sich international renommierte Experten in den USA zusammen und produzieren das "DSM", ein Kompendium aller psychischen Erkrankungen. Nach ihm richten sich Ärzte und Psychologen weltweit. Die jüngste Ausgabe stammt aus dem vergangenen Jahr. Die Autoren des DSM fanden genügend Belege, etwa die "Fressattacken-Störung" als neues Krankheitsbild in die Liste zu schreiben. Die "Pornosucht" scheiterte.
Pornosucht ist eine Mär. Wohl aber gibt es Männer, die ihren Pornografie-Konsum für problematisch halten und aus diesem Grund einen Therapeuten aufsuchen. Manche entwickeln einen regelrechten Selbsthass. Als besonders gefährdet gelten den Psychologen dabei Männer mit homosexueller Neigung, hoher Libido und ausgeprägter Religiosität.
Immer wieder behaupten Kritiker, dass Pornografie zu Vergewaltigungen führe, weil sie Männer verrohe und den Frauen die Würde aberkenne. Doch auch dafür fehlt jeder Beleg. In den westlichen Ländern ist Pornografie seit den siebziger Jahren weithin verfügbar und legal. Die Rate von Vergewaltigungen ist seither nicht gestiegen, sondern gesunken.
"Die Zahlen sind eindeutig", schreibt der australische Medienwissenschaftler Brian McNair im neuen Journal "Porn Studies". Nahezu jede Gesellschaft, die von der oft beklagten Pornofizierung betroffen sei, "verzeichnet gleichzeitig ein langsames, aber anhaltendes Absinken von Vergewaltigungen und anderen Formen sexueller Gewalt". Gefährlicher sei es für Frauen in traditionellen patriarchalischen Gesellschaften, in denen alles Sexuelle totgeschwiegen wird.
Insgesamt lebt also der übergroße Teil der Jugendlichen und Erwachsenen leidlich gut mit dem schmutzigen Angebot im Netz. Wissenschaftler diskutieren gar, ob nicht die positiven Auswirkungen der Pornografie überwiegen. Viele Jugendliche sind beim Thema Sex nicht so naiv und verklemmt wie ihre Eltern; viele tun sich leichter, ihre eigenen Bedürfnisse zu formulieren und die Intimität ohne Schuld- und Schamgefühle zu genießen. Wie also kommt es, dass immer wieder Tugendwächter über die grundverdorbene "Generation Porno" klagen?
Drei Gründe drängen sich auf. Die christliche Sexualmoral wirkt im Bett als derbe Spaßbremse. Ganz besonders die Jugendsexualität ist ihr erklärter Feind. Masturbation, so hieß es einst, führe zu Schwachsinn, Rückenmarksschwund und Impotenz ("Nach tausend Schuss ist Schluss"). Viele Eltern hielten es daher bis ins 20. Jahrhundert hinein für geboten, die Hände ihrer Söhne nachts ans Bett zu binden, um die "Selbstbefleckung" zu verhindern. Dieses Denken wirkt nach.
Zweitens: So gut sich die Jugendlichen mit Online-Sex auskennen, so gering ist die Pornografie-Kompetenz mancher Eltern. Viele haben keine Ahnung von dem, was ihre Kinder auf dem Pornospielplatz im Netz alles erwartet. Allzu leicht steigern sie sich in Vorstellungen hinein, die "keinerlei Bezug zur Realität haben", sagt Feona Attwood, "Dr. Porn" aus London.
Wenn es wirklich so wäre, dass Pornografie das Verhalten oder gar die sexuelle Orientierung prägen könnte, dann müsste es doch möglich sein, Homosexuelle mit Heteropornos in hohen Dosen umzuprogrammieren. Dies ist tatsächlich versucht worden. Niemand hat damit je einen Erfolg errungen.
Aber der wohl wichtigste Grund für die Porno-Panik ist dieser: Menschen glauben, dass Massenmedien andere Leute viel stärker beeinflussen als sie selbst.
Sozialpsychologen nennen dies den "Third-Party-Effect". Der Einzelne ist der festen Meinung, dass er mit der Sturmflut der Sexszenen im Netz gut umgehen kann. Aber der Sohn? Des Nachbarn Sohn? Und die Unterklasse? Nie und nimmer! Denen traut er keinerlei Widerstandskraft zu - und schreit daher laut nach Zensur.
Von Evers, Marco

DER SPIEGEL 15/2014
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