07.04.2014

KÜNSTLERPolitik? Yeah!

Die Amerikanerin Molly Crabapple zeichnet im Gerichtssaal von Guantanamo und in New Yorker Nacktbars. Sie bezaubert die Kulturwelt mit Werken, die satirisch, sexy und wütend sind.
Sie wirkt wie eine Kunstfigur, die aus einem Comic in die wirkliche Welt getreten ist. Ihre schwarzen Haare sind lang, ihre großen Augen schwarz umrandet, ihre Haut ist blass. Sie ist klein, redet ungeheuer schnell und nervös wie ein hochbegabtes Kind.
Alle Köpfe drehen sich nach ihr um, als sie eines frühen Morgens im Juni 2013 auf dem Parkplatz des Luftwaffenstützpunkts Andrews Air Force Base im US-Bundesstaat Maryland steht. Eine Gruppe Journalisten wartet auf den Transport nach Guantanamo, um vom 9/11-Prozess zu berichten. Die mysteriöse Frau im Kleid, die für das New Yorker Magazin "Vice" mitfliegt, ist als Letzte gekommen, ein Taxi hatte sie versetzt.
Als sie in Guantanamo angekommen ist, zeichnet sie im Gerichtssaal den Angeklagten Chalid Scheich Mohammed, den Drahtzieher der Terroranschläge vom 11. September. Er erscheint in ihren Skizzen als wunderlicher Kobold. Sie zeichnet auch die mit Gestrüpp überwachsenen leeren Käfige des ersten Gefangenenlagers, Camp X-Ray - sie sehen auf ihren Bildern aus wie ein Konzentrationslager.
Als Molly Crabapple noch Nacktmodell war, sich als Tänzerin und Feuerspuckerin betätigte oder in einem New Yorker Nachtclub die Stripper auf der Bühne zeichnete, ließ sich nicht absehen, dass sie einmal als politische Künstlerin bekannt und ernst genommen werden würde. Aber in den vergangenen zwei Jahren hat sie die "Occupy Wall Street"-Proteste dokumentiert, die vor ihrer Haustür stattfanden, sie hat in Athen Demonstranten gezeichnet, den Arabischen Frühling in Gemälden verarbeitet und in der "New York Times" über syrische Flüchtlinge im Libanon berichtet.
Nun sitzt sie in New York, in ihrem riesigen Loft im dritten Stock eines Hauses im Financial District, und auf die Frage, wie man das eigentlich nennen soll, was sie macht, ob es Kunst sei, antwortet sie mit einem "Yeah". Und Journalismus? "Ja, manchmal." Und ist es auch politischer Aktivismus? Irgendwie schon, aber das Wort gefalle ihr nicht. "Wenn Leute sich Aktivisten nennen, werden sie immer zu selbstgerechten Arschlöchern."
Molly Crabapple hat eine neue Rolle erfunden: die politische Journalistenkünstlerin. Sie zeichnet, schreibt journalistische Texte, und was ihr tagsüber durch den Kopf geht, twittert sie an ihre 41 000 Follower. Das Internet habe ihren Erfolg erst möglich gemacht, sagt sie. Die alten Rollenbilder lösten sich auf dieser Bühne auf, neue entstünden. Die Figur, die sie darstellt, habe sie aber nicht geschaffen, sie sei so. "Ich bin nur eine verdammt komische Person, die online ist. Es gibt keine Spaltung in meine öffentliche und meine private Person."
Molly Crabapples Vater ist Puerto-Ricaner, ihre Mutter jüdische Amerikanerin. Sie wurde 1983 als Jennifer Caban geboren, in Far Rockaway, einem entlegenen Stadtteil von New York, das sie selbst als "Ghetto" bezeichnet. Ihren eigentlichen Namen habe sie immer gehasst. Als sie 18 war, brauchte sie für ihre Nacktmodellkarriere ein Pseudonym. "Crabapple" hatte sie einmal ein Lover in Paris genannt, sie mochte das, es bedeutet Holzapfel und bezeichnet im Slang jemanden, der launenhaft ist. Der Name blieb.
Schon mit sieben Jahren fing sie an, andere Kinder zu zeichnen, damit sie von ihnen nicht verprügelt wurde. Mit zwölf wurde sie der Schule verwiesen, weil sie die Lehrer nicht respektierte und T-Shirts mit Anarchiesymbolen trug.
Sie besuchte eine Kunsthochschule, dann kam es zu einer Abtreibung, die traumatisch für sie war. Über diese Abtreibung hat sie vor kurzem einen Text geschrieben. Es macht ihr nichts aus, Intimes nach außen zu kehren. Sie sagt, diesen Text zu schreiben sei eine politische Sache gewesen. Sie reiste nach Paris, nach Marokko und in die Türkei, um das Zeichnen zu lernen.
Ihre ersten eigenen Wohnungen waren rattenverseuchte, kakerlakeninfizierte Löcher, meist Dachgeschoss ohne Heizung. Sie beantwortete Kleinanzeigen, in denen Männer Erotikmodels suchten. Sie traf sich mit den Männern in Hotelzimmern und bekam 100 Dollar pro Stunde dafür, dass sie sich auszog und fotografieren ließ. Nachträglich sehe sie das als "Sexarbeit", sagt sie, auch wenn es keinen Sex gab. Sie zog sich auch für die Website "Suicide Girls" aus, spezialisiert auf Punk-Mädchen, 400 Dollar pro Shooting. "Ich fand es damals schon interessant, online öffentlich zu sein", erzählt sie.
Mit 22 erfand sie in New York ein Event, das sie "Dr. Sketchy's Anti-Art School" nannte und das in 130 Städten auf der ganzen Welt kopiert wurde, auch in Berlin, in der White Trash Bar: Menschen treffen sich, trinken und zeichnen sogenannte Burlesque-Tänzerinnen, die sich auf der Bühne ausziehen. Crabapple stand bei diesen Partys in New York auch selbst auf der Bühne, sie sei eine sehr schlechte Tänzerin gewesen, sagt sie, dafür sehr gut im Feuerspucken.
Als sie neulich vor Studenten auftrat, nannte der Laudator sie scherzhaft "a hustler", ein Verkaufstalent, weil sie sich immer irgendwo hineingequatscht hat, ob es nun Guantanamo war, in den Journalismus oder in den angesagtesten Club von New York. Der hieß damals The Box, es gibt ihn immer noch, doch vor fünf Jahren waren seine Burlesque-Shows das Stadtgespräch.
An einem Nachmittag in New York führt sie durch den Club, er ist leer zu dieser Zeit: ein langgezogener Schlauch, über der Bar ein Trapezring, an den Wänden links und rechts Boxen für die Stammgäste und am Ende die Bühne, auf der die Stripperinnen und Transvestiten ihre Shows vollführen.
Es sei gewesen wie "Moulin Rouge on crack", sagt sie. Hier war ihr Entree in die bessere Gesellschaft, hier saß sie nachts und zeichnete, und sie traf hier die Leute, die sie fördern und ihre Kunst kaufen wollten. Sie sagt, sie habe ihr Skizzenbuch immer als Mittel benutzt, um an Orte zu gelangen, die ihr sonst verschlossen geblieben wären.
Den Durchbruch schaffte Molly Crabapple während der Tage von Occupy Wall Street. Eines ihrer Plakate, die sie mit einem Freund zusammen malte, einen Aufruf zum Generalstreik, hat das New Yorker Museum of Modern Art vergangenes Jahr in seine Sammlung aufgenommen. Die Proteste brachen 2011 genau vor ihrer Haustür aus. Damals sagte sie sich: "O nein, nicht schon wieder so dreckige Hippies mit Dreadlocks." Sie habe nur begrenzt Zeit für Leute, die Bongotrommel spielten und zu viele Aufnäher auf ihrer Kleidung trügen. Sie hat eher eine Schwäche für Designerkleidung und Louboutins.
Aber dann war sie überrascht, wie vielfältig die Schar der Demonstranten war, aus allen Milieus, aus jeder Altersgruppe - und dass die Polizei ihnen mit ungeheurer Brutalität entgegentrat. Sie spricht von einer "militarisierten Reaktion".
Sie sei immer politisch gewesen, ihr Vater sei Marxist, ihr Urgroßvater ein jüdischer Sozialist gewesen, aber von politischer Kunst habe sie bis dahin nichts gehalten, sie sah sie als "Predigerkram". Das habe sich bei Occupy geändert. In ihrer Wohnung richtete sie eine Art Pressezentrum ein. Beim Ein-Jahres-Jubiläum von Occupy wurde sie selbst festgenommen und für 36 Stunden in eine Zelle gesteckt.
Molly Crabapple gehört der Generation an, die mit Barack Obama große Hoffnungen verknüpfte und tief enttäuscht wurde. Sie erzählt von jener Nacht 2008, nachdem er gewählt worden war. "Ich habe getanzt, bis am Morgen die Sonne aufging. Der Himmel war so blau, es fühlte sich an, als ob dieser erniedrigende nationale Alptraum endlich vorbei wäre. Doch es ging genauso weiter, nur eben mit einem Typen, der elegant und gebildet ist."
Das war der Grund, warum sie bei Occupy mitmachte, sie ist keine Hardcore-Linke, glaubt nicht, dass man sich aus dem Kapitalismus ausklinken kann. Aber sie sagt, Amerika sei ein brutales Land ohne soziales Sicherungsnetz und es sei darum gegangen, ein Zeichen zu setzen.
Das erzählt sie, während sie nachts im Taxi unterwegs ist, von einer langweiligen Journalistenparty in Manhattan kommend, auf der sie aufkreuzte, um Kontakte zu pflegen, zu einem illegalen Club im Brooklyner Stadtteil Gowanus.
Die Geschichte Molly Crabapples handelt vom unbedingten Wunsch nach Erfolg. "Ich habe diesen Willen zum Durchbruch - entweder das oder in der Gosse sterben." Sie sei zu egoistisch, um etwas anderes als Künstlerin zu sein.
Vergangenes Jahr hatte sie, finanziert durch Crowdfunding, ihre erste große Soloausstellung in einer New Yorker Galerie: "The Shell Game", zehn großformatige Gemälde, die von den Revolutionen in der arabischen Welt, den Protesten in Spanien, Griechenland und in New York handeln. Es sind farbenprächtige Allegorien, alle mittlerweile verkauft.
Sie macht einen Jahresumsatz von über 200 000 Dollar, beschäftigt eine Assistentin und eine Teilzeitkraft. "Ich rede so viel und so ehrlich über Geld, weil ich nie welches hatte", sagt sie. Amerika sei eben nicht wie Europa, wo es staatliche Förderung für Künstler gebe. "Darum klinge ich manchmal wie eine vorlaute Kapitalistin."
Molly Crabapple hat unzählige Partys gegeben, unzählige Leute kennengelernt, auch den Schriftsteller Salman Rushdie. Er ist bereit, per E-Mail etwas über sie zu sagen: "Molly ist ein Bohemien alter Schule mit einer sehr zeitgenössischen politischen Sensibilität", schreibt er. "Die Flüssigkeit und Vielseitigkeit ihres Strichs gefällt mir sehr, wie auch die Mischung aus Sexiness, Satire und echter Wut über den Stand der Dinge in ihren Bildern."
Ihre nächste Bilderserie möchte sie über die NSA-Überwachung machen. Sie habe neulich beim FBI gefragt, welche Unterlagen über sie gespeichert seien. Die Antwort: 3000 Seiten. Sie arbeitet jetzt an einer Autobiografie. Ein wenig früh, könnte man meinen, mit 30, doch die Geschichte ihres Lebens ist bunt genug. Sie soll "Drawing Blood" heißen und im Verlag HarperCollins erscheinen.
Neulich war in Molly Crabapples Loft etwas los, das nichts mit Politik zu tun hatte. Die bekannte Pornodarstellerin Stoya, ihre Muse und Freundin, stand im rosa Tutu vor einem Spiegel und verbog ihren Körper zu einer Arabesque.
Molly Crabapple zeichnete sie, sie stand vor ihrer Staffelei und trug dabei ein Google Glass im Gesicht. Alles, was die Künstlerin sah, wurde in diesem Moment ins Internet übertragen: ihre Staffelei, ihre Tinte, Stoya. In Crabapples Welt geht das alles ineinander auf.
Von Mathieu von Rohr

DER SPIEGEL 15/2014
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