14.04.2014

GLÜCKSSPIELBeim Roulette gemolken

In einer einzigen Nacht sollen Zocker den Spielhallen-König Gauselmann um zehn Millionen Euro erleichtert haben. Sie nutzten einen Fehler in den Automaten.
Der Trick ist kompliziert, aber ein wenig Konzentration zahlt sich aus. Zuerst wirft man Geld in den Daddelautomaten, dann wählt man das Spiel "Roulette" aus. Man drückt einen Button und setzt 2000 auf "Schwarz", man zieht den Einsatz via Touchscreen zum Feld "19-36" und hält gleichzeitig die Geldrückgabetaste gedrückt. Ein paar weitere Handgriffe - und schon passiert das Wunder. Die Maschine zeigt einen fetten Gewinn an, egal welche Zahlen fallen.
Die Tastenkombination müssen in einer Nacht Mitte Februar viele Zocker beherrscht haben. Anders ist es jedenfalls kaum zu erklären, warum binnen Stunden deutschlandweit mehrere hundert Spielhallen so viel auszahlen mussten, dass sie in Geldnot gerieten. Sie alle hatten Automaten des Glücksspiel-Unternehmers Paul Gauselmann aufgestellt. In der Zentrale seiner Firma muss die Hölle los gewesen zu sein. "Ab dem Abend erhielten wir unzählige Anrufe aus unserer Kundschaft, die über immens hohe Gewinne im Spiel Roulette berichteten", so steht es in einer internen Mitteilung.
Gauselmann geht demnach davon aus, dass eine Gruppe Krimineller einen Software-Fehler in seinen Geräten in einer konzertierten Aktion ausnutzte, um die Geräte zu "melken", wie es im Jargon heißt. Das Vorgehen sei "perfekt geplant" gewesen. Nach den Erkenntnissen von Ermittlern waren die Informationen im Internet verbreitet worden. Den Trick konnte man sogar mit Hilfe eines Videos lernen. Weniger geübte Zocker sollen sich den Film als Gedankenstütze vor Ort über ihr Smartphone angesehen haben.
Die Schäden für die Branche sind beträchtlich, allein in Düsseldorf stellten neun Spielhallen Strafanzeige wegen Computerbetrugs. Nach Ermittlungen der Polizei räumten die Gauner bei ihnen 70 000 Euro ab. Andere Spielhallenketten klagen über 100 000 Euro Verlust. Doch die Polizisten sind sich nicht sicher, ob das Vorgehen der Zocker strafbar war, schließlich benutzten sie nur legale Bedienelemente.
Besonders hart trifft die Aktion den Glücksspiel-Patriarchen Gauselmann, der die Merkur-Spielotheken betreibt und der größte Automatenhersteller Deutschlands ist. Schätzungsweise 100 000 Geräte in deutschen Spielhallen stammen aus seinen Werkstätten, fast alle waren mit Roulette ausgestattet. Weil er nun womöglich auch für Verluste jener Kunden haften muss, die die Geräte aufgestellt haben, dürfte ihn der Abend laut Brancheninsidern zehn Millionen Euro gekostet haben.
Schummeleien mit den Automaten gab es zwar auch früher, Betrüger schlossen etwa heimlich Festplatten an Geräte an, um die Rechner in den einarmigen Banditen zu manipulieren. Diesmal aber gab es die Schwachstelle in der offiziellen Software.
Gauselmann erklärt, es handle sich um die "Zufallsentdeckung" eines Kriminellen. Die "ungewöhnliche Nutzung" der Geräte sei selbst mit "ausgereiften Simulationsprogrammen nicht vorhersehbar" gewesen. Doch einiges spricht gegen puren Zufall und für ein Leck im Unternehmen oder gar Sabotage. Erst wenige Tage vor der nächtlichen Aktion hatten Gauselmanns Mitarbeiter selbst den Fehler entdeckt und die Aufsteller genau an dem Tag gewarnt, an dem die Zocker zuschlugen. Betreiber vieler Spielhallen konnten nicht mehr reagieren.
Trotzdem mühen sich die Manager der Gauselmann-Firmen, den Fall zu bagatellisieren. Sie stellten nicht einmal Strafanzeige. Auch die für die Zulassung der Software zuständige Physikalisch-Technische Bundesanstalt (PTB) informierten sie erst zehn Tage nach dem Vorfall.
Für die PTB ist der Coup peinlich, schließlich war der Fehler auch bei der dortigen Prüfung nicht aufgefallen. Doch die Behörde will die Zulassung des Programms nicht widerrufen, "da dem Spieler hier keine unangemessenen Verluste" entstanden seien, wie der zuständige Bereichsleiter versichert.
Das Minus in der Kasse verbuchen nun die Aufsteller und der Fiskus. Denn wegen der enormen Auszahlungen dürften Betriebsergebnisse vieler Spielhallen negativ ausfallen - sie zahlen deswegen weniger Steuern.
Unklar ist, ob Insider den Fehler in der Software schon vor der Aktion im Februar genutzt haben. Das Programm läuft bereits seit drei Jahren in den Spielhallen. So etwas ließe sich nachvollziehen, wenn Geräte detaillierter aufzeichnen würden, welche Gewinne sie ausgegeben haben. Experten fordern das seit langem, doch der frühere Wirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) ließ eine entsprechende Regelung zum Ende seiner Amtszeit platzen, und sein Nachfolger Sigmar Gabriel (SPD) kommt auch nicht recht voran.
Gauselmann schätzt es, wenn er sich mit möglichst wenig staatlichen Vorgaben herumschlagen muss. Er will auch dieses Problem in Eigenregie lösen. Erst riet er seinen Kunden, das Spiel auf den Geräten zu sperren. Dann sollte ein Update einer Speicherkarte endgültig Abhilfe schaffen.
Doch Gauselmanns Gegner sind offenbar besonders raffiniert. Wie ein Untoter scheint das Roulette-Spiel trotz Abschaltung wieder aktiv zu werden. In Hamburg jedenfalls ließ ein Spielhallenbetreiber Ende Februar von Gauselmann ein neues Software-Paket installieren. Roulette war darin enthalten, wurde aber abgeschaltet.
Drei Tage später stellte der Hallenbesitzer bei einem Blick auf seinen Überwachungsmonitor zufällig fest, dass eine Gruppe Männer genau das Spiel spielte. "Offenbar wird das Spiel temporär wieder aktiv", glaubt er. "Und die Zocker kannten den Zeitpunkt." Der Betreiber zog den Stecker des Automaten, doch da waren 4000 Euro bereits weg.
Von Michael Fröhlingsdorf

DER SPIEGEL 16/2014
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