14.04.2014

Mein Vater, ein Werwolf

Was passiert, wenn man entdeckt, dass der eigene Vater ein Verbrecher ist? Was ist, wenn man ihn nach seinem Tod als einen Menschen kennenlernt, der so fremd ist, wie ein Vater nie sein kann? Von Cordt Schnibben
Das zerknitterte Schild, so groß wie zwei Blatt Papier, liegt gleich obenauf im ersten Karton. "Wer sein Volk verrät stirbt", hat jemand mit schwarzer Tusche draufgemalt und den schwarzen Abdruck seiner linken Hand dahintergesetzt, wie ein Ausrufezeichen. Fünf Kartons aus weicher, grauer Pappe. In jedem Karton ein bisschen mehr Wahrheit, gebündelt in fleckigen Aktenmappen, verschnürt durch ein helles Baumwollband.
Ich habe mehr als zehn Jahre gebraucht, um diese Kartons zu finden. Weil ich mir lange nicht sicher war, ob ich sie finden wollte.
Solche Sätze habe ich gefürchtet, ohne sie zu kennen: "... ersuchte jemand von der Gauleitung Schnibben telefonisch, in zwei weiteren Fällen Volksschädlinge verschwinden zu lassen".
"Schnibben hat vorgeschlagen, Rogges Hof abzubrennen."
"Schnibben hat alles geleugnet und es unternommen, die Schuld auf andere abzuschieben."
"Sein Verhalten hat in diesem Verfahren ein so ungünstiges Licht auf seine Wahrheitsliebe geworfen, dass er als völlig unglaubwürdig anzusehen ist."
Schließlich: "Jede unzulässige Verständigung zwischen dem Untersuchungsgefangenen und seiner Ehefrau, die ebenfalls zu dem weiteren Kreis der Personen, die an der den Gegenstand dieses Verfahrens bildenden Mordtat beteiligt sind, unterbleibt."
Es sind Sätze aus Vernehmungsprotokollen und Gerichtsurteilen, durch die ich zwei Menschen kennenlerne, die meine Eltern sein sollen. Georg Schnibben, der zusammen mit anderen am 14. April 1945 im niedersächsischen Dötlingen einen Bauern getötet hat; und Elfriede Schnibben, auch sie eine fanatische Anhängerin des Führers und Teil jener "Kampfgruppe Wichmann" aus Freiwilligen, die kurz vor Kriegsende Jagd auf kriegsmüde Deutsche machen.
Die fünf Kartons lassen mich tief ins Hirn meiner Eltern schauen: wie sie geredet, wie sie gedacht, was sie gemacht haben, als ich noch nicht auf der Welt war. Zwei Menschen, die mir unheimlich sind, in ihrer Unmenschlichkeit, in ihrem Fanatismus, in ihrer Verlogenheit. Zwei Menschen, die mir vertraut sind, weil sie mich zu dem gemacht haben, der ich bin.
Dass mein Vater ein überzeugter Nationalsozialist war, überrascht mich nicht. Er blieb es bis zu seinem Tod mit 83 Jahren. Dass er zusammen mit anderen - heimtückisch, kaltherzig - einen Bauern umgebracht hatte, der das Ende des Krieges herbeisehnte, schockiert mich. Dass meine Mutter - sie starb, als ich zwölf Jahre alt war - eine Nazi-Mutter war, verändert den Blick auf meine Kindheit radikal.
Meine Eltern waren - das erzählen mir die Akten - wie jene Millionen Deutsche, die in Filmen, Fernsehsendungen und Romanen über Hitlers Volk nur am Rande vorkommen, die Unterstützer und Vollstrecker eines Regimes, dessen Macht darauf beruhte, Georg und Elfriede Musternazi mit Arbeit, Privilegien und Lebenssinn zu versorgen.
Eigentlich war schon alles vorbei, Mitte April 1945: Im Osten zerlegte die Rote Armee das "Tausendjährige Reich", in Hessen und im Ruhrgebiet standen die Einheiten der U. S. Army, und im Norden rückten britische Truppen jeden Tag weiter Richtung Bremen und Hamburg vor. Der Soldat Georg Schnibben, 30 Jahre alt, war mit einem Bauchsteckschuss vom Russland-Feldzug heimgekehrt und wehruntauglich, seine Mutter und seine Schwester, in Bremen ausgebombt, kamen bei Bauern in Dötlingen in der Nähe von Wildeshausen unter.
Adolf Hitler saß im Führerbunker in Berlin, noch zwei Wochen vom Selbstmord entfernt. Joseph Goebbels schrieb am 1. April in sein Tagebuch, "dass die Moral sowohl bei der Bevölkerung als auch bei der Truppe außerordentlich abgesunken ist".
Georg Schnibben war den Aufrufen der NS-Führer gefolgt, sich "in der Heimaterde festzukrallen", gegen den "Bolschewismus" und die "Truppen des Judentums" Widerstand zu leisten, die "Ausrottung des deutschen Menschen" zu verhindern. Er trat, wie er im Juli 1945 bei seiner ersten Vernehmung zu Protokoll gibt, dem Freikorps Adolf Hitler bei. Als Mitglied der "Kampfgruppe Wichmann" sollte er sich von britischen Truppen im Gau Weser-Ems "überrollen lassen und in Zivil dem Feind Schaden zufügen". Sein Kommandant Heinz Wichmann bekam vom Gauleiter den Auftrag, dass "Volksverräter und Defaitisten und ähnliche Elemente mit aller Schärfe und Schnelligkeit ausgemerzt" werden müssten.
"Werwölfe" wurden diese fanatischen Endkämpfer von den Nazi-Führern genannt. Im Befehl Hitlers zur Aufstellung von Freikorps heißt es im März 1945: "Nur entschlossene, tapfere Männer und Frauen jeden Alters sind für diese besonderen Kampfaufgaben geeignet." Die Namen "der für die Sonderaufgaben geeigneten Personen" sollen "unter dem Stichwort ,Werwolf' bei den SS-Führern gemeldet werden". Die Nazi-Führer sahen in ihnen eine Wunderwaffe, um bei den Alliierten die Angst vor einem Guerillakrieg zu schüren, vor allem aber durch Terror gegen Deutsche und mit Morden "die Welle des Verrats" zu stoppen.
Wenn ich versuchte, mit meinem Vater über seine Jahre unter Hitler zu reden, dann flüchtete er sich immer in die gleiche Verteidigungsspirale: Sein Idealismus, sein Einsatz für die richtige Idee des Nationalsozialismus, seine Vaterlandsliebe seien missbraucht worden von Hitler und seinesgleichen. Es sei ihm darum gegangen, die Schmach der Niederlage im Ersten Weltkrieg auszumerzen und die "demütigenden Fesseln des Versailler Vertrages" abzustreifen, er wollte wieder stolz auf Deutschland sein können.
Was mich heute verstört: Ich habe nie hart genug nachgefragt, was er denn gemacht habe von 1933 bis 1945, erst aus seinen Angaben gegenüber den britischen Ermittlern und den deutschen Richtern wurde mir nun sein Lebenslauf klar. In einem sozialdemokratischen Elternhaus als Sohn eines Schlossers aufgewachsen, Lehre als Holzhändler, arbeitslos, seit Mai '33 Mitglied der NSDAP, Angestellter beim Deutschnationalen Handlungsgehilfen-Verband, ab April '35 Redaktionssekretär der nationalsozialistischen "Bremer Zeitung", ab November '38 Geschäftsführer bei der Hitlerjugend, ab August '39 Soldat, im Russland-Feldzug zweimal verwundet, als Oberleutnant im Juli 1944 aus der Wehrmacht entlassen, danach in der Gebietsführung Nordsee der Hitlerjugend. Also der Lebenslauf eines jungen Arbeiters, der mit 20 Jahren Nationalsozialist wird und so Karriere macht. Und der sich eigentlich nach zehn Jahren eingestehen müsste, dass sein Leben auf dem Dienst für ein Verbrecherregime beruht.
Sein Leben, seine Ideale, seine Enttäuschung, seine Irrtümer, seine Kriegserlebnisse, seine Verbrechen hätten das Material sein können für viele Gespräche zwischen Vater und Sohn. Er wollte nicht, und mir reichte es - 15, 16 Jahre alt -, die Faschisten als Mörderbande anzuprangern und mich gegen Judenwitze am Mittagstisch zu wehren.
Bei meinen Freunden lief es zu Hause ähnlich, wir rechneten mit der Generation unserer Väter ab, ohne mit unseren Vätern zu reden. Wir fragten nicht, wir urteilten, wir gaben ihnen nicht die Chance, uns ihre Welt zu erklären. Wir haben in uns einen eisernen Vorhang hochgezogen, um uns vor der Geschichte unserer Eltern zu schützen, wir haben uns eingebildet, unberührt und elternlos die Welt verändern zu können. Um den Holocaust könne man sich nicht auch noch kümmern, hat so mancher Studentenführer der 68er geantwortet, wenn er gefragt wurde, warum sich seine Generation so wenig mit den konkreten Nazi-Erfahrungen der Elterngeneration beschäftigte. Wir beschäftigten uns mehr mit dem Vietnam-Krieg als mit dem Zweiten Weltkrieg, der Faschismus in Chile war uns wichtiger als der Faschismus in Deutschland.
Als ich unser Elternhaus räumen musste, weil mein Vater nur noch im Heim ausreichend betreut werden konnte, und ich Zeitungsausschnitte fand über den Kriegsverbrecherprozess gegen ihn, war es zu spät. Er war allein und zu schwach, um sich noch rechtfertigen zu können.
Ich vermute, meine Mutter hatte die Artikel aus der "Nordsee-Zeitung" ausgeschnitten und aufgeklebt, das Akribische sprach dafür, auch Artikel über die Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse waren dabei. Was die kleinen Verbrecher in Oldenburg zu Protokoll gaben, hörte sich aus dem Mund der großen Verbrecher in Nürnberg ähnlich an.
Teil dieser Sammlung waren auch handgeschriebene Briefe zwischen meiner Mutter und ihrem inhaftierten Mann, teilweise rührende Liebesbekenntnisse, teilweise abstoßende Handlungsanweisungen für die Prozesse. Schon durch diese Briefe bekam ich eine Ahnung davon, dass meine Mutter auch die ideologische Gefährtin meines Vaters gewesen war. Gewissheit brachten die Aktennotizen der Staatsanwälte, die sie als Mitwisserin des Mordes einstuften und ihr deshalb - wegen Verdunklungsgefahr - jahrelang Besuchszeiten verweigerten.
Über meinem Bett im Kinderzimmer hing lange Zeit ein Foto von ihr, es zeigte eine mutige junge Pilotin mit Siegerlächeln, das ich gern meinen Freunden als Erinnerungsbild an eine sportliche, wagemutige Mutter präsentierte. Nun erfuhr ich, dass es auf dem Flugplatz Joel bei Dötlingen gemacht worden war, dem Stützpunkt der Kampfgruppe.
Ich habe Jahre gebraucht, um den Weg von den Zeitungsartikeln bis zu den Akten zu Ende zu gehen. Anfragen bei den Gerichten blieben erfolglos, aber da war auch die Scheu vor der Wahrheit. Mal nahm ich mir vor, die Hinterbliebenen des Bauern in Dötlingen zu besuchen, mal wollte ich sie nicht belästigen mit meiner Sehnsucht nach Vergebung, Sühne oder wonach auch immer. Bücher von Nachkommen der Nazi-Täter waren mir lange suspekt, ich wollte keine Geschichte lesen von Leuten, die sich ihr Leben als Kinder von Tätern erträglicher machen, indem sie sich zu Opfern machen. Und da war die Befürchtung, zu ungerecht zu sein, zu selbstgerecht oder zu verständnisvoll.
Schließlich half mir, dass ich im Internet den Namen eines Dötlingers fand, dem der Mord an dem Bauern seit Jahrzehnten keine Ruhe lässt, weil Karsten Grashorn der Enkel des besten Freundes des Toten ist und sich für ein Mahnmal in dem Ort einsetzt.
Über ihn kam ich an Fotos aus der Nazi-Zeit und an den Hinweis, dass die Akten im Staatsarchiv in Oldenburg liegen, in fünf grauen Pappkartons.
Bis heute ist der Mord unter Dötlingern ein Tabuthema, weil viele Familien glauben, irgendwie verstrickt zu sein. Als "Gaumusterdorf" war der Ort eine Hochburg der NSDAP und der Bauer Willi Rogge ein bekannter "Querulant, Demokrat, Quertreiber", wie er von den örtlichen Parteileuten bezeichnet wurde. Vor 1933 war der Bauer im Gemeinderat und fiel danach immer wieder durch eine Gesinnung auf, die in einer "rein national eingestellten Gemeinde" nicht hingenommen wurde. 1939 heißt es in amtlichen Akten über ihn: "Rogge zeigt auch nach sechsjähriger nationalsozialistischer Regierung keine Besserung."
Nach Kriegsende wandte sich ein Einwohner Dötlingens an die "Militärregierung" in Oldenburg mit der Bitte, den Mord an Rogge aufzuklären, und fügte eine Liste von Anstiftern bei, unter ihnen ein Geschäftsmann, ein Bahnbeamter, ein Viehhändler und ein Bäcker.
Die Kampfgruppe Wichmann war durch den stellvertretenden Ortsgruppenleiter der NSDAP, Heinrich Brockshus, auf Rogge aufmerksam geworden. Der Bauer, so der Vorwurf, sollte Farbe, Schuhe und Kleidung aus dem Vorratslager des Reichsarbeitsdienstes entwendet haben, ein mutmaßlicher Plünderer also.
Am Abend des 13. April 1945 kommt es in Huntlosen, nordwestlich von Dötlingen gelegen, in der örtlichen Gewerbeschule zu einer Besprechung, die acht Jahre lang Gerichte beschäftigen wird. Der Kampfgruppenkommandant Heinz Wichmann, so wird aus den Akten deutlich, hat seinen Adjutanten Schnibben, den Landrat und die Freiwilligen Wilhelm Piening und Heinrich Cordes zusammengerufen, um sich über den beschuldigten Bauern ein Urteil zu bilden. Schnibben muss später für die Staatsanwaltschaft eine Skizze anfertigen, weil er behauptet, bei der Besprechung nur anwesend gewesen zu sein, aber wegen vieler Telefonate nichts mitbekommen zu haben.
Heinrich Cordes, 35 Jahre alt, seit 1929 in der NSDAP und in der SA, trägt in der Runde vor, was der NSDAP-Mann ihm gesagt hat. Schnibben verweist auf einen Befehl des Generalobersten Blaskowitz, dass Plünderer und Verräter rücksichtslos bestraft werden müssten, alle sind sich einig darin, dass der Bauer - angesichts "der ernsten Lage des Vaterlandes, wo täglich Tausende unserer Soldaten fallen" - sein "Recht zu leben verwirkt" habe. Cordes tritt dem Vorschlag Schnibbens entgegen, auch den Hof anzuzünden, weil man die dort untergebrachten Flüchtlinge mitbestrafe.
Wilhelm Piening, 49 Jahre alt, seit Mai 1932 in der NSDAP, bei der SA angestellt, bekommt zusammen mit Cordes den Auftrag, in der Nacht noch mal mit Brockshus zu sprechen. Bei Kerzenlicht erweitert der die Klagen über Rogge noch um den Hinweis, dieser habe Dorfbewohnern gedroht, sie wegen ihrer Hitler-Treue an die heranrückenden Briten zu verraten, und dann würden sie alle gehenkt. "Der Mann muss weg", gibt Brockshus den Männern der Kampfgruppe mit auf den Weg. Auf den Gedanken, den Bauern zu vernehmen, kommen sie nicht. Alle Vorwürfe gegen ihn werden später in den Prozessen verworfen.
Der Kampfgruppen-Kommandant Heinz Wichmann, 30 Jahre alt, 1931 Eintritt in den NS-Schülerbund, Funktionär in der HJ, im Krieg von 1939 bis Juli 1944, seit einer Woche Kommandant der Kampfgruppe, gibt morgens den Befehl: "Umlegen, Piening, umlegen!"
Doch wegen eines befürchteten Panzerangriffs verschiebt sich die Abfahrt. Kommandant Wichmann kehrt um 15.30 Uhr von einem medizinischen Eingriff zurück, legt sich schlafen, sagt seinem Adjutanten, er wolle nicht gestört werden, wird aber von Schnibben nach 30 Minuten geweckt. Was denn nun in Dötlingen unternommen werden solle, fragt mein Vater, die Bevölkerung müsse geschützt werden. Wichmann lässt Piening kommen, gibt ihm den Befehl, Rogge zu erschießen. Schnibben soll Piening Leute mitgeben.
Piening sagt zu Schnibben, der im Stützpunkt bleibt, vor der Abfahrt, das sei ein "verdammter Auftrag". Mein Vater antwortet: "Hilft nichts, Piening, es muss sein!"
Piening trifft an der Tür Adeline Rogge, die Ehefrau, und den Sohn, sagt ihnen, Willi Rogge müsse dringend zum Gefechtsstand der Kampfgruppe kommen. Der schon schlafende Bauer - es ist 21 Uhr - wird geweckt, steigt ins Auto.
Der Fahrer bringt das Auto nach kurzer Fahrt zum Halten. Piening fordert Rogge auf, in ein anderes Auto umzusteigen. Als der aussteigt, sich aufrichtet, entsichert Piening die Pistole, tritt schräg von hinten an Rogge heran und schießt ihm aus kurzer Entfernung in die linke Schläfe.
Ein Mitfahrer feuert einen zweiten Schuss auf den fallenden Bauern, trifft dessen rechtes Schulterblatt. Piening drückt noch mal ab, seine Kugel zertrümmert die linke Schädelseite über dem Jochbein. Sie heben die Leiche an den Graben neben der Straße und legen ihm das Schild auf die Brust: "Wer sein Volk verrät stirbt."
Piening meldet Wichmann am nächsten Morgen: "Volksverräter Rogge ist hingerichtet." Schnibben fährt nachmittags zur Gauleitung, erstattet Bericht und verfasst zusammen mit dem Schriftleiter des Gaupressedienstes die Meldung, die am nächsten Tag in der "Oldenburgischen Staatszeitung" erscheint.
"Verräter gerichtet. Am Ortseingang von Dötlingen wurde am Sonntagmorgen die Leiche eines Mannes gefunden. Es handelt sich um einen sattsam bekannten bolschewistenfreundlich eingestellten Dötlinger Einwohner, der in den letzten Tagen wiederholt geäußert hatte, er wolle deutschbewusste Männer und Frauen dem Feind ausliefern. Rächer deutscher Ehre haben diesem Vaterlandsverräter den verdienten Lohn ausgezahlt."
Die britischen und kanadischen Truppen rücken weiter voran, die Kampfgruppe weicht zurück. Zwei Wochen später ist der Krieg vorbei.
Als erster Täter wird Cordes festgenommen, am 11. Juni 1945, weil ein britischer Besatzungsoffizier einen vertraulichen Hinweis eines Dötlingers bekommen hat. Cordes gibt sofort die Namen seiner vier Mittäter preis, am 15. Juni wird Piening, der Hauptschütze, in Bremen festgenommen. Georg Schnibben nehmen die Polizisten am 12. Juli fest, in Wehdel im Kreis Wesermünde, wie es im Arrest-Report an die britische Besatzungsmacht heißt.
In den ersten Vernehmungen äußern sich die Täter unterschiedlich zur Tat. Ihr Traum von einem selbstbewussten, mächtigen Deutschland ist zerbombt, ihr Vaterland von Besatzungsmächten zerlegt, ihr geliebter Führer hat sich umgebracht, ihre Familien sind zerstreut, sie selbst stehen vor einer ungewissen Zukunft. Und nun müssen sie sich verantworten für eine Tat, die sie noch drei Monate vorher als Dienst am Volk gesehen haben, für die sie von der Gauleitung gelobt und in der Zeitung gefeiert wurden.
Wilhelm Piening, der Todesschütze, ist derjenige unter den Tätern, der den größten Wendekreis hat. Er braucht lange, um zu begreifen, dass seine Schüsse unter britischer Besatzungsmacht anders zu bewerten sind als unter Hitler. In einem mehrseitigen handschriftlichen Brief an seinen Rechtsanwalt bringt er seine auch im November 1945 noch ungebrochene nationalsozialistische Weltsicht in Stellung, um zu begründen, warum die im Aktenverkehr benutzte Bezeichnung "Mordsache Piening" eine "irrige Beeinflussung der Richter und der Öffentlichkeit" darstelle. Er schlägt als neutrale Formulierung vor: "Erschießung des Plünderers und Volksverräters Rogge", da die Erschießung von Überläufern "eine militärische Notwendigkeit" sei.
Schnibben dagegen ist derjenige unter den Tätern, der schon in der ersten Vernehmung durch seine Antworten erkennen lässt, dass er die Umkehrung der Maßstäbe begriffen hat, und deshalb konsequent seinen Anteil an der Tat zu verwischen versucht.
Er beschuldigt Cordes, mit Rogge eine offene Rechnung gehabt zu haben und deshalb zu ihm gefahren zu sein, um ihm "eine Tracht Prügel" zu verpassen.
Cordes und Piening setzen sich in den folgenden Vernehmungen gegen die Äußerungen Schnibbens zur Wehr, beschuldigen ihn, der eigentliche Inspirator des Mordes gewesen zu sein, auch die beiden anderen Mittäter bestätigen später diese Aussage.
Während der gemeinsamen Überführung der Verhafteten von Delmenhorst in die Untersuchungshaft nach Oldenburg versuchen sie, sich auf eine gemeinsame Version zu verständigen. Schnibben schlägt vor, alles auf den - zu diesem Zeitpunkt noch nicht verhafteten - Kommandanten Wichmann und dessen Befehle zu schieben. Schon zuvor haben die Täter sich darauf verständigt, sich nicht freiwillig zur Kampfgruppe gemeldet zu haben, sondern einen Stellungsbefehl bekommen zu haben. Den Tätern dämmert, dass ihre Strafen härter ausfallen werden, wenn sie als Werwölfe auftreten.
Die NS-Propaganda hatte die Werwölfe größer und gefährlicher gemacht, als sie tatsächlich waren. Über den Sender Radio Werwolf waren jeden Abend um 19 Uhr Heldengeschichten verbreitet worden, über Attentate auf US-Soldaten, Sprengstoffanschläge, Überfälle auf Nachschubtransporte und Strafaktionen gegen "Deserteure und Überläufer".
Die britische Presse warnte vor den Werwölfen und "ihrem tollkühnen Kampfeswesen", die US-Truppen stellten sich auf einen "langen und bitteren Guerillakrieg" ein.
Die Inhaftierten der Kampfgruppe versuchen in den Vernehmungen den Eindruck zu vermitteln, sie seien eigentlich reguläre Soldaten und als solche nach militärischen Regeln zu beurteilen. Fanatische Freiwillige der letzten Stunde mit Mordauftrag wollen sie nicht mehr sein, sondern ganz normale Befehlsempfänger, die zum Töten gezwungen wurden. In der Vernehmung geben sie zu Protokoll, sie seien in Werwolf-Methoden geschult, dann jedoch als Freikorps militärisch eingesetzt worden.
Besonders Schnibben gibt sich große Mühe, den angeblich unpolitischen Charakter der Kampfgruppe herauszustellen. Tatsächlich aber war die Kampfgruppe militärisch nicht zu gebrauchen, die Ausrüstung war lächerlich: hundert Männer, die Hälfte Jugendliche, zwei Autos, ein Krad, ein paar Fahrräder, Handfeuerwaffen. Ihre Hauptaufgabe bestand darin, Jagd auf deutsche Soldaten zu machen, die desertieren wollten.
Da das Wachpersonal immer wieder Kassiber der Gefangenen abfängt und Schnibben Druck auf den Haupttäter Piening ausübt, verfügt der Staatsanwalt, dass Schnibben in ein anderes Gefängnis verlegt wird, sein Anwalt kein Besuchsrecht mehr hat und auch meiner Mutter jeder Kontakt untersagt wird.
Meine Eltern hatten am 14. März 1946 im Gefängnis geheiratet, am 1. Januar 1945 war die erste Frau meines Vaters gestorben. Da die Staatsanwaltschaft meine Mutter Elfriede, geborene Kuhlebert, zu den Personen zählte, die an der Mordtat beteiligt waren, sahen die Staatsanwälte eine "besondere Verdunklungsgefahr" und verlängerten die Besuchssperre immer wieder.
Hitler hatte in seinem Werwolf-Befehl ausdrücklich "tapfere Männer und Frauen jeden Alters" zum Kampf gerufen. Frauen wurden an Handfeuerwaffen ausgebildet, in der Kampfgruppe Wichmann waren sie mit Organisationsaufgaben beschäftigt, selbst Küchenfrauen waren in den Plan, Rogge umzubringen, eingeweiht.
Als nach dem Mord der Gauleiter die Gruppe besuchte und sich mit Wichmann und Schnibben zu einer Besprechung zusammensetzte, war auch eine Frau anwesend. Meine Mutter? Denn als Schnibben vernommen und nach dieser Frau gefragt wird, sagt er: "Den Namen dieser Frau kenne ich nicht. Erwähnen will ich nur, dass diese Frau von ihren Erlebnissen erzählte, dabei einige Schnäpse getrunken wurden."
In den Briefen, die meine Mutter ins Gefängnis schickt, beschwört sie ihre nationalsozialistische Haltung, versichert meinem Vater, "dass Du jetzt und später alles von mir verlangen kannst, was dieser Einstellung entspricht". Über einen geheimnisvollen "Frontspaziergang" am 1. Mai 1945 tauschen sie sich aus, über die Vernehmungen durch den Staatsanwalt, über Zeugen, die sie ansprechen soll und die ihn entlasten sollen, über den Ermordeten, der in seinen Augen immer noch ein Plünderer ist.
"Treue" ist in ihren Briefen das Synonym für: Wir denken so, wie wir vorher gedacht haben. Meine Mutter macht sich lustig über ein befreundetes Ehepaar: "Ich muss ja immer lachen, wenn sie ihre antifaschistische Einstellung zum Ausdruck bringt und er dann dabei sitzt wie ein begossener Pudel und sich vergebens zu Wort meldet." Sie verstehe nicht, "dass eine Frau ihren eigenen Mann so lächerlich machen kann". Wie könne man sich lieben, "wenn man sich gegenseitig nicht achtet".
Meine Eltern verstanden sich als zähe Kampfgruppe: Sie versorgt ihn mit sauberer Wäsche und ideologischem Beistand, mit Goethe-Zitaten und Ratschlägen für Vernehmungen; er kämpft hinter Gittern mit Lügen, Kassibern und Drohungen dafür, möglichst schnell rauszukommen. Und er antwortet auf Goethe mit Seneca: "Unsere geistige Haltung verleiht uns Adel, wenn wir die Kraft finden, uns aus jeder Lage über das Schicksal zu erheben." Im Gefängnis "stärken sich Kampfbereitschaft, Mut und Ausdauer derart, dass uns diese Kraftquelle ermöglicht, das Schicksal in die Schranken zu fordern".
Sie sehen sich in einem "Schicksalskampf", das Wort fällt immer wieder, zwei Unbelehrbare im Kampf um den Endsieg, die beklagen, dass in diesem "Trümmerdeutschland" nichts mehr so ist wie in der Vergangenheit, wo alles "mit wenig Mühe in den Schoß gefallen" ist. "Partei ist wie ein Spuk verweht, ohne Saft und Kraft!" So schreiben sie sich zwei, drei Jahre nach einem Krieg, der alles widerlegt hat, an das sie geglaubt haben. "Krassester Materialismus, wohin man schaut!", klagt mein Vater. "Lass uns wenigstens, uns beide, den Idealismus, den Glauben an das Gute im Menschen, an die Kraft unseres Volkes hinüberretten aus diesem Chaos." Die Idee, "Nationalismus und Sozialismus zu verbinden, lässt sich nicht mehr aus der Welt schaffen".
In den Briefen treten mir zwei fremde Menschen entgegen, fremd in doppeltem Sinne: So zärtlich und einfühlsam habe ich sie nie erlebt, so kaltblütig und berechnend auch nicht. Es sei zunächst angebracht gewesen, "mit Samtpfötchen aufzutreten, da man immer noch glaubte, mir eine größere Rolle in unserem Fall zusprechen zu können", schreibt mein Vater. "Nur nicht einschüchtern lassen durch diese Schreiberlinge!" Sie entwickelt in ihren Briefen das Konzept einer "demokratischen Diktatur": Wahl der Parteiführer von unten nach oben, Blockleiter wählen Gauleiter, die wählen die Führer. Er antwortet: "Schade nur, dass allerhand Zeit vergeht, bis sich der heutige Quatsch totgelaufen hat."
Wenn ich mit ihm über Politik diskutierte, dann brachte er oft den Standardsatz: "In meiner Jugend war ich engagiert und politisch aktiv, aber unsere Ideale wurden missbraucht." Er ging regelmäßig zu seltsamen Zirkeln, die "Fahrenden Gesellen" waren einer, "Erster Freitag im Monat" (Efim) ein anderer. Es waren Kameradentreffen mit Gesinnungsfreunden, die in Parteien, Behörden, Gewerkschaften saßen und ihm auch beruflich dienten. Als Holzagent vermittelte er zwischen Tischlern und Wohnungsbaugesellschaften, das Netzwerk seiner alten Kameraden besorgte ihm Aufträge.
Mein Vater bewegte sich immer noch als Werwolf durch die Nachkriegsjahre, tagsüber war er der biedere Reisende, nach Einbruch der Dunkelheit tauchte er ab in sein braunes Rudel.
Er nahm mich gelegentlich mit auf Baustellen oder in die Büros der Gewoba, ein plaudernder Charmeur, der überall für gute Laune sorgte mit seinen Judenwitzen. Oft stand ich in seinem Büro und nutzte die knisternden Lautsprecher seiner Telefonanlage, um Goebbels-Reden an vermeintliche Massen zu halten. Geschlagen hat er mich nie, aber mitgeschleppt zu den Burgenwochenenden der Wiking-Jugend, die spannend waren und romantisch, mit Fackelzügen, Lagerfeuern und Eroberungsspielen. Werwölfe waren für die Jugendlichen die Helden des Untergangs.
Als meine Mutter starb, konnte ich damit offenbar nur fertigwerden, indem mein Hirn alle Erinnerungen an sie auslöschte, und nicht nur an sie, viele Erinnerungen an meine ersten zwölf Jahre verschwanden irgendwohin, ein paar von ihnen werden in tiefen Hirnwindungen eingefroren sein. Jetzt, da ich durch die Briefe ins Hirn meiner Eltern schauen kann, tauchen Bilder aus meiner Kindheit wieder auf, Szenen, die mich so berühren, dass ich sie mir nicht einbilden kann. Bisher hatte ich mir meine Kindheit so vorgestellt, dass da zwar ein netter Nazi-Vater war, aber eine kluge, mutige, beschützende Mutter. Aus den Briefen und Akten steigt nun das Bild eines braunen Nestes hervor, in dem ein kleiner Nazi gezüchtet wird.
Wenn es stimmt, dass Eltern äußere Regeln in innere Maßstäbe ihrer Kinder verwandeln, wie erfolgreich waren sie bei mir? Wenn ich bisher ihren Einfluss auf mich unterschätzt habe, wie vermeide ich es, nun all das, was ich an mir nicht mag, ihrem Nazi-Gen zuzuschreiben? Wie fremdbestimmt, wie selbstbestimmt bin ich?
Ich kann nicht genau sagen, ob es die sexuellen Übergriffe im Wikinglager waren oder die Enttäuschung darüber, dass mein Vater schnell nach dem Tod meiner Mutter eine trinkende Stiefmutter ins Haus holte. Ich jedenfalls bin kein Nazi geworden. Aber da ist diese Angst, die aus den Knochen kommt und die mich seit Jahrzehnten um fünf Uhr morgens nicht mehr schlafen lässt.
Jetzt, mit den neuen Erkenntnissen versehen, taste ich den Lauf meines Lebens genauer als vorher darauf ab, wie sehr diese ersten zwölf Jahre mein Leben geprägt haben. Da sind diese gelegentlichen antisemitischen Reflexe, die ich mit großem geistigem Aufwand unter Kontrolle bringen muss. Warum suche ich, wenn mir Juden begegnen, nach jüdischen Gesichtszügen? Warum tendiere ich dazu, sie sofort für arrogant, gerissen und unehrlich zu halten? Da ist diese mich verstörende Kälte behinderten Menschen gegenüber, warum schießt mir sofort das Wort "Krüppel" in den Kopf? Warum reagiere ich auf "Krüppel" und Juden intoleranter als auf Schwarze und Schwule, die in meiner Kindheit keine Rolle spielten? Da ist diese Begeisterung für Massen, da ist diese scheinbar emanzipatorische Entscheidung, nach dem Abitur für ein Jahr in die nächstbeste Diktatur auszureisen und in der DDR Marxismus zu studieren. Ich suchte die moralische Alternative zu meinen Eltern und fand den dogmatischen Widerpart: Kommunisten, dem KZ entkommen, die uns Schülern den Weg wiesen zu Karl Marx und nach Ost-Berlin.
Da ist diese - aus heutiger Sicht - komische Sehnsucht der Generation der Täterkinder, vor der Vergangenheit ihrer Eltern zu fliehen in den Dogmatismus von Maoisten, Trotzkisten und Stalinisten, oder gar in die Mordlust terroristischer Werwölfe. Gleichgültig zu sein gegenüber Menschenrechtsverletzungen ist nicht vererbbar. Vielleicht hätte uns die konkrete Auseinandersetzung mit der Radikalisierung unserer Eltern in den dreißiger Jahren bewahren können vor der naiven Bewunderung von Mao, Fidel Castro, Pol Pot und Co.
Da war diese Unfähigkeit zu fragen, dieser Widerspruch zwischen der theoretischen Faschismuskritik und der Angst davor, meinem Vater ganz naheliegende Fragen zu stellen: Warum hieltest du dich für einen Sozialisten? Warum bist du in die Partei eingetreten? Warum war Opa Sozialdemokrat, und warum warst du Nationalsozialist? Warum hasst du Juden? Wie hast du meine Mutter kennengelernt? Wie viele Leute hast du erschossen? Was hat der Krieg mit dir gemacht?
Das wichtigste Medium für die Vermittlung von Geschichte ist die Familie, und wir - die antifaschistische Generation der Nazi-Kinder - haben uns diese Geschichte geraubt und rauben lassen. Darum haben wir ein entvölkertes Wissen über die Nazi-Zeit, das sich aus Büchern, TV-Serien und Hollywood-Filmen speist.
Ich weiß nicht, ob ich den Mut gehabt hätte, meinen Vater mit seinem Mord zu konfrontieren, wenn ich die Akten eher gefunden hätte. Ich hätte ihn quälen müssen, wie ein Vater seinem Sohn zusetzt, der Schlimmes verbrochen hat. Warum konntet ihr diesen mutigen Bauern nicht einfach leben lassen? Habt ihr ihn umgebracht aus Rache dafür, dass er nicht so irrte wie ihr? Warum hast du so jämmerlich gelogen in den Vernehmungen? Hast du befürchtet, von den Engländern aufgehängt zu werden?
Seine Winkelzüge sind aus den Vernehmungsprotokollen und Gerichtsakten so deutlich herauszulesen, als könnte man ihn nachträglich an einen Lügendetektor anschließen. Solange sein Kommandant noch nicht in Haft ist, sind dessen Befehle, so mein Vater, der Anlass für den Mord. Später schieben beide zusammen die Tat auf die Anweisungen des Gauleiters, der sich zur selben Zeit in Bielefeld vor Gericht verantworten muss und deshalb nicht in Oldenburg im Gefängnis sitzt.
Die Besprechung des Gauleiters Wegener mit Wichmann eine Woche vor dem Mord, also der Befehl, kriegsmüde Deutsche umzubringen, wird in den Zeugenaussagen von Wichmann und Schnibben nun zum Mordbefehl gegen jeden Defaitisten und Überläufer. Noch am Tag der Tat, so Schnibben, habe Wichmann gegen Mittag mit der Gauleitung telefoniert und den Vorschlag gemacht, den aufsässigen Bauern Rogge in Oldenburg einzusperren und zu vernehmen, die Gauleitung habe ihm jedoch gesagt, das "solle das Freikorps vorne erledigen". Im Juni 1947, also zwei Jahre nach seiner ersten Vernehmung, erwähnt mein Vater diese Anweisung der Gauleitung zum ersten Mal. Begründung: "Weil ich es mir vorbehalten hatte, sie bei einer Gegenüberstellung mit Wegener diesem selbst ins Gesicht zu schleudern." Er habe es als "eine ganz große Gemeinheit" empfunden, dass die Gauleitung über "die Hoffnungslosigkeit der Situation" genau unterrichtet war, den Freiwilligen aber verschwieg, "dass alles längst verloren war".
Im Prozess vor einem britischen Militärgericht drohte den Angeklagten die Todesstrafe. Weil die Alliierten jedoch verfügten, dass Deutsche, die Deutsche getötet haben, vor ein deutsches Gericht gehören, kommt es im Dezember 1947 zum ersten von insgesamt vier Prozessen in Oldenburg. Sie werden nötig, weil entweder die Angeklagten oder die Staatsanwaltschaft Revision beantragen.
Das Gericht muss nach Maßgabe zweier Gesetze urteilen. Da ist einmal das deutsche Strafgesetzbuch und der Paragraf 211: Mord, ja oder nein. Wenn nicht, dann § 212, Totschlag. Und zum anderen das Kontrollratsgesetz Nr. 10, eines der Gesetze, die die Alliierten erlassen haben, um die Verantwortlichen des Hitler-Regimes verurteilen zu können. Das Gesetz Nr. 10 vom 20. Dezember 1945 bildete die Rechtsgrundlage für Prozesse wegen Kriegsverbrechen oder Verbrechen gegen die Menschlichkeit.
"Juristisches Neuland" betrete man mit diesem Prozess, hat der Oberstaatsanwalt einem der Anwälte vor dem Prozess mitgeteilt, und das führt zu seltsamen Bewertungen durch die Richter: Von Mord könne man nicht sprechen, da alle Angeklagten - außer dem NSDAP-Ortsgruppenleiter - der Meinung waren, der Bauer sei ein Plünderer, erster Irrtum der Täter; und da es den Befehl gab, Plünderer umzubringen, fühlten sie sich im Recht, zweiter Irrtum der Täter. Darum sei der Mord an dem Bauern kein Mord, die Täter hätten "nicht vorsätzlich einen Menschen getötet".
Ihren Irrtum hätten sie nicht fahrlässig verschuldet, da man von ihnen nicht verlangen könne, den Vorwurf der Plünderei zu überprüfen. Wirklich nicht? Zudem konnten sie aufgrund der in "Presse und Rundfunk verbreiteten Fälle, in denen genau so gehandelt worden war, ... des Glaubens sein, dass auch gegen Rogge eingeschritten werden müsse".
Die Tat, so das Gericht, ist jedem dieser Angeklagten "persönlichkeitsfremd", jeder hat im "Krieg seine Pflicht gegeben", einige sind "mehrfach verwundet", "Massenpsychose" habe "zur Überwindung innerer Hemmungen beigetragen". Und zu Brockshus, dem stellvertretenden NSDAP-Ortsgruppenleiter, heißt es: "Seine Tat ist auf ein geringes Maß von Geistesgaben zurückzuführen." Die Täter konnten "die Aussichtslosigkeit des Krieges" nicht erkennen, darum wandten sie sich gegen "aktive Kräfte, die ihrem Streben nach der ihrer Ansicht nach noch Erfolg versprechenden Verteidigung entgegenwirkten".
Aber, so die widersprüchliche Argumentation der Richter: Die Angeklagten hätten dennoch ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen, da entscheidend sei, "welchen Eindruck die Tat auf einen außerhalb stehenden Beschauer macht". Die "Geringschätzung des Menschenlebens, seine Vernichtung in einem übereilten formlosen Verfahren stellt eine schwere Verletzung der Menschenwürde dar".
Sich bei solch einer Tat auf militärische Befehle zu berufen, sei selbst nach den Maßstäben des Hitler-Regimes nicht möglich. Als Kronzeugen für diese Auslegung zitiert das Gericht Propagandaminister Goebbels: "Es ist in keinem Kriegsgericht vorgesehen, dass ein Soldat bei einem schimpflichen Verbrechen dadurch straffrei wird, dass er sich auf seinen Vorgesetzten beruft, zumal wenn dessen Anordnungen in eklatantem Widerspruch zu jeder menschlichen Moral stehen."
Im Brief an meine Mutter empört sich mein Vater über dieses Argument und das Goebbels-Zitat: "Einmal wird sogar Goebbels, der ,größte Lügner aller Zeiten' zu unseren Ungunsten herangezogen. Ein Treppenwitz der Weltgeschichte!"
Durch Aussagen seines Kommandanten sieht Schnibben sich in die Rolle des Haupttäters gedrängt, Wichmann "schiebt ... durch seine Darstellung alles auf den wildgewordenen Adjutanten". Jetzt sei alles anders zwischen den Tätern, weil "die Rübe nicht mehr wackelt", die Angeklagten also nicht mehr mit Todesstrafe rechnen und deshalb jeder mit möglichst geringer Freiheitsstrafe davonkommen will.
Schnibbens Rolle in der Planung, Ausführung und Auswertung des Mordes schätzt das Gericht als maßgeblich ein: Er war über Rogge empört, er soll auch das Anzünden seines Hofes vorgeschlagen haben, er hat seinen Kommandeur zur Entscheidung gedrängt, Pienings Einwände beiseitegeschoben, danach den Gauleiter informiert.
Meine Mutter äußert in ihren Briefen große Sorgen darüber, wie sich mein Vater vor Gericht aufführt. Ob die Reithosen, die mein Vater trägt, vielleicht vor Gericht "zu provozierend" wirken, andererseits seien seine Schaftstiefel schlecht, "weil die Hosenränder unten dann schneller verschleißen". In der Wäsche, die sie ihm ins Gefängnis bringt, sind Kassiber eingenäht, wenn sie fehlen, schreibt sie: "Das Hemd neulich war ohne Einlage."
Sie gibt ihm klare Anweisungen für die Verhandlungen: "Trompete bitte nicht wieder mit überlauter Stimme ins Lokal, dass wir während der Haft geheiratet haben." Er solle Baldrian nehmen, "damit dir nicht wieder der Faden wegläuft". Und er solle "nicht wieder den Unwillen" des Staatsanwalts erregen, "indem Du zu viel lächelst". Sonst müsse er damit rechnen, "dass dieser Geier dann wieder über Dich herfällt".
Von Reue ist in diesen Briefen nichts zu spüren, auch über drei Jahre nach dem Mord ist Rogge für meinen Vater ein Plünderer: Er hat meiner Mutter aufgetragen, Belastungszeugen in Dötlingen aufzutreiben, die den Ruf Rogges beschädigen sollen; dann bliebe als Vorwurf "nur noch die Art der Erschießung, denn Rogge wäre dann von jedem Standgericht zum Tode verurteilt worden".
Mein Vater und die anderen Täter treten auf, als seien sie Soldaten im Gefecht gewesen, aber der Oberste Gerichtshof für die britische Zone macht ihnen klar, dass sie Werwölfe waren, Freiwillige, die einen Zivilisten umbrachten. Tatsächlich hatten "weder Anlass noch Umstände und Ausführungsart der Tötung ... irgendetwas mit Dienst und Aufgaben der Wehrmacht zu tun". Ihre Bewaffnung und ihr Zustand reichte nicht mehr dazu, britische Panzer aufzuhalten, sondern nur noch dazu, unbewaffnete Deutsche zu killen.
Am 18. Juni 1953, kurz vor meinem ersten Geburtstag, kommt das Schwurgericht in Oldenburg zusammen, um in nur einem Tag den Schlussstrich zu ziehen unter den achtjährigen Streit darüber, ob sechs unbelehrbare Nazis in den letzten Kriegstagen einen Bauern umbringen durften, der sich auf die baldige Befreiung durch die Alliierten freute. Der Strafsenat des Bundesgerichtshofes hatte diese Verhandlung angeordnet, da inzwischen die Ermächtigung deutscher Gerichte zur Aburteilung von Verbrechen gegen die Menschlichkeit (gemäß Kontrollratsgesetz Nr. 10) zurückgenommen worden war.
In dem Vorverfahren der Briten waren die Täter noch von der Todesstrafe bedroht, nun lauten die milden Urteile: Kommandeur Wichmann bekommt eine Strafe von drei Jahren wegen vorsätzlicher Tötung, mein Vater als Adjutant zwei Jahre und neun Monate wegen Beihilfe zur vorsätzlichen Tötung, alle anderen - auch der Schütze Piening - zwei Jahre und sechs Monate. Gauleiter Paul Wegener wird freigesprochen.
Der Richter ist August von Döllen, während des Krieges Oberstabsrichter bei der 180. Division, die in den Niederlanden gegen gelandete Einheiten der Alliierten eingesetzt war. Die Wehrrichter sollten unter anderem desertierende Soldaten zum Tode verurteilen, insgesamt über 20 000 Wehrmachtsangehörige wurden auf diesem Wege hingerichtet.
Direkt nach dem Krieg hatten alle belasteten Juristen den Staatsdienst verlassen müssen - und das waren fast alle. Leitende Juristen kamen in Internierungslager. In den Jahren seit 1933 waren die Tatbestände, bei denen die Todesstrafe drohte, von 3 auf schließlich 46 erhöht worden. 28 000 Männer und Frauen waren besonders in den letzten Jahren wegen Diebstahls, Munitionsbesitzes oder nur einer Ohrfeige für einen Polizisten hingerichtet worden.
Viele dieser belasteten Richter kehrten schon von 1946 an wieder in den Staatsdienst zurück, schließlich saßen 80 Prozent des ehemaligen Justizpersonals wieder an den Schreibtischen und in den Gerichtssälen. "Das Recht ist ... hunderttausendfach gebeugt worden," stellte Rudolf Augstein 1965 fest, "doch noch nicht ein Richter, noch nicht ein Staatsanwalt aus der NS-Zeit" habe vor dem Strafrichter gestanden. Die wenigen, die danach auf die Anklagebank kamen, wurden freigesprochen, immer nach dem Motto des ehemaligen Marinestabsrichters und späteren Ministerpräsidenten Hans Filbinger: "Was damals rechtens war, kann heute nicht Unrecht sein."
So haben sich auch mein Vater und seine Komplizen verteidigt; ihre vier Prozesse waren so etwas wie ein Muster dafür, wie die deutsche Nachkriegsjustiz daran scheiterte, das millionenfache Unrecht der kleinen Nazis zu ahnden.
Aus den Briefen meiner Eltern sprechen keine Verrückten zu mir, keine braunen Monster, es sind ganz gewöhnliche Nazi-Eltern, meine Eltern, vielleicht ein wenig schlauer als andere. Sie hatten Goethe und Seneca als "Hausphilosophen" erwählt, im Gefängnis hatte mein Vater Thomas Carlyle entdeckt, einen britischen Essayisten, der dem sozialen Idealismus anhing, Goethe, Schiller und Deutschland verehrte ("Die Zukunft Deutschlands ist die Zukunft der Welt") und sich in seinen Schriften mit dem Heldentum und der Verlogenheit der modernen Gesellschaft beschäftigte. Friedrich Engels gehörte zu Carlyles Bewunderern, vielen deutschen Soldaten diente dessen Buch "Arbeiten und nicht verzweifeln" im Ersten Weltkrieg als Durchhalteliteratur.
Lustig macht sich mein Vater über das neue Deutschland: "Die größte Selbsterniedrigung eines Volkes ist es wohl, wenn die Kriegsverweigerung in der Verfassung verankert wird."
Und der "Materialismus" allerorten macht ihm Sorgen, er vermisst den "Idealismus", womit er das völkische Gleichheitsversprechen der Nazis meint und die Hoffnung seiner Generation, die jungen Deutschen könnten den Mief der Altvorderen ersetzen durch ein selbstbewusstes, kühnes, starkes Deutschland.
Zwischen den Bekennerzeilen schimmert der Mann durch, der um eine Frau kämpfen muss, die von seinem Familiensinn als Keimzelle eines glücklichen Deutschlands allerdings wenig hält, die Angst davor hat, sie dürfe "nur pendeln zwischen Kochtopf und Bett". Sie hätte "sich nicht zur Frau haben wollen, so wenig ehebegeistert, wie ich bin", hat sie geschrieben, die Ehe "sei mehr zum Vergnügen der Männer da als zur Freude der Frauen".
In den Briefen gibt es manche Zeile, die auch 20 Jahre später geschrieben worden sein könnte, Zeilen, so rebellisch und aufsässig, als hätten sie mir Freunde geschrieben. Da sind mir meine Eltern plötzlich näher, als mir lieb ist. Aber wenn mein Vater dann Mitte der fünfziger Jahre bei Gericht um Erlass der 5000 Mark Gerichtskosten bittet, ist er wieder ein halbes Jahrhundert entfernt. Die Gerichtskosten wurden ihm übrigens zu großen Teilen erlassen, von einem Mann, der ihn gut kannte aus dem letzten Prozess und der inzwischen ins niedersächsische Justizministerium befördert worden war - Kriegskamerad und Richter August von Döllen.
Meinen Aufstand gegen die Bonner Republik, die wir 68er wieder auf dem Weg in den Faschismus sahen, nahm mein Vater mit Spott und Kopfschütteln. Als ich ihm zum 60. Geburtstag das "Schwarzbuch Chile" mit den Worten schenkte, "Schau mal, was deine Faschisten da in Chile anrichten", erhob sich in der Geburtstagsrunde im Wohnzimmer wütender Protest. Bis dahin war mir nicht klar gewesen, wie viele meiner netten Onkel und Tanten so dachten wie er.
Als ich später Journalist war, schwoll der zustimmende Chor seiner Kriegskameraden immer dann an, wenn ich in deren Augen so schrieb, wie es sich für Schnibbens Sohn gehört. Als ich zum Beispiel das Massaker der U. S. Army in My Lai und seine Folgen ("Seht her, auch die Amerikaner sind Kriegsverbrecher") oder die Verstrickung von Richard von Weizsäcker in die Produktion krebserregender Stoffe beschrieb, hatte ich unangenehmen Beifall. Weizsäcker gilt in diesen Kreisen als Deserteur und seit seiner Rede zum 8. Mai 1985 als "Kapitulationsredner".
Bei der Beerdigung meines Vaters standen einige ältere Herren in langem dunklem Mantel deutlich abseits der trauernden Familie, den Kopf zwischen den hochgeschlagenen Kragen gezogen. Sie kondolierten nicht, sie wirkten wie Abgesandte aus braunen Gruften. Kurz danach schickte mir Walter A. Bauer "mit kollegialem Gruß" den Nachruf, den er für den Freundeskreis meines Vaters ("Schorse") geschrieben hatte.
Bauer war jahrelang Kulturredakteur bei der Deutschen Presse-Agentur, auch Mitglied im PEN. "Wie wir alle", schrieb er, "litt auch Schorse unendlich unter der Bitterkeit des geschlagenen Soldaten und verunglimpften Jugendführers, vor allem unter der verleumderischen Nachrede derer, die unseren Idealismus missdeuteten." Dies "verschloss ihm wohl auch die Lippen gegenüber seinen Kindern, wenn von Deutschlands schwerem Schicksal die Rede war".
Auch Hennecke Kardel schrieb mir damals, Oberleutnant in der 170. Infanterie-Division meines Vaters, Ritterkreuzträger, und lud mich in sein Haus ein: "Ich sage Ihnen, wer Ihr Vater wirklich war!"
Er empfing mich in seinem kleinen Einfamilienhaus in Hamburg-Eidelstedt. Er lag im Bett, seit vier Jahren mit gelähmten Beinen, "Granatsplitter, die wandern", gepflegt von einer Ukrainerin, "seit unserem Ukraine-Feldzug weiß ich diese Frauen zu schätzen".
Er war ein Curd-Jürgens-Typ, breiter Schädel, sonore Stimme, und an seinem Haarschnitt sah man, dass die Ostfront noch in seinem Kopf war.
Dänemark, Paris, Südfrankreich, Ukraine, Rumänien, Kiel, Leningrad, Ostpreußen. So sind er und mein Vater durch Europa gezogen, fünf Jahre lang, 7000 blutige Kilometer. Zuletzt lagen sie vor Leningrad, waren beteiligt an der Blockade, deren Auswirkungen über 1,1 Millionen Einwohner der Stadt verhungern ließen. Meinen Vater erwischte es im Januar 1944, bei der Sprengung des Belagerungsringes durch die Rote Armee, Bauchschuss, so blieb ihm das jämmerliche Ende erspart: der Schnee, kein Brennstoff, keine Munition, keine Flugzeuge, die Flucht, die Kapitulation, die Gefangenschaft.
Als wir sein Haus räumten, sah ich zum ersten Mal seine Orden und Urkunden, fünf Jahre Jubel, Angst, Feuer, Feinde, Ehre, Ruhm, Gewalt und Tod in Papier und Metall. Das Eiserne Kreuz. Infanterie-Sturmabzeichen. Krimschild. Ostmedaille (Winterschlacht). Verwundetenabzeichen.
Sein Kriegskamerad Kardel erzählte nun die Geschichten dazu, die jungen Däninnen, der Champagner in Paris, die Häuserkämpfe in der Ukraine, die 54 000 Gefangenen am Beginn des Russland- Feldzuges, die vor Erschöpfung krepierenden Pferde, die 600 Toten vor Leningrad, die Schneeanzüge der Russen, minus 35 Grad, drei Wochen Gewaltmarsch, auf dem es nur Waldbeeren zu fressen gab, die Stalinorgeln.
Je länger Kardel redete, von der Kameradschaft, von den Toten, von der Macht über das Leben, desto deutlicher wurde seine Botschaft: Wer nicht im Krieg war, kann nicht verstehen, wie sich der Mensch im Krieg verändert.
Mitten in Vietnam war mir diese Sicht auf den schießenden Mann schon einmal begegnet, vorgetragen von William Broyles, Ex-Chefredakteur von "Newsweek", Ex-GI, eher ein Pastor als ein Rambo, der zehn Jahre nach seinem Vietnam-Krieg durchs Land reiste, um seine Soldatenzeit zu verstehen. Am liebsten hätte er wohl gesagt, diese Jahre seien die schönsten seines Lebens gewesen, aber er wollte diesen pazifistischen Sohn deutscher Nazi-Eltern nicht überfordern; nach ein paar Bier kam allerdings der verstörende Satz: "So existentiell wie für die Frau eine Geburt ist für den Mann der Krieg." Der Krieg sei "die Einweihung in die Macht vom Leben und Sterben".
Kardel schilderte meinen Vater natürlich als guten Soldaten, von seinen Kameraden wegen der roten Haare "Germane" genannt und wegen seiner fast immer guten Laune als Stimmungskanone geschätzt. Besonders als es mit der Division runter in den Süden Europas ging, sei er gut drauf gewesen, habe sich sogar mal über den humpelnden, keifenden Goebbels lustig gemacht.
Während Kardel erzählte, zog er sich gelegentlich mit seinen muskulösen Armen an dem großen Griff hoch, der über seinem Bett baumelte. Neben ihm im Doppelbett lagen Akten, Bücher, Broschüren, die er nach Bedarf herauszog, aufschlug und mit ihnen wedelte. Er hat über ein Dutzend Kampfschriften verfasst: "Deutschland - Heimatland", "Die Geschichte der 170. Infanterie-Division", "Adolf Hitler - Begründer Israels".
Und je mehr Trollinger der 82-Jährige trank, desto herrlicher wurde das Deutschland der dreißiger Jahre. Die Olympischen Spiele, die Aufmärsche, die Arbeit, der Stolz, das Land der unbegrenzten Möglichkeiten - die Generation der Zwanzig- und Dreißigjährigen übernahm die Macht in Staat und Partei.
Und darum zogen die jungen Männer berauscht wie Auserwählte in den Krieg: die Trinkgelage, die Frauen, wilde Attacken und erbeutete Hühner. Als ich ihn nach dem Prozess gegen meinen Vater fragte, spielte er den Mord herunter, "der Krieg hat uns alle verroht". Was ich denn glaube, wie viele tote Kameraden mein Vater in den fünf Jahren gesehen habe?
Ein Volk von Tätern zu schaffen, das war das Ziel von Hitler, Goebbels & Co., also das Verbrechen zu vergesellschaften, und so konnte jeder leicht zum Mörder werden. Wirklich? Die Millionen Täter haben Millionen Kinder und Enkel hinterlassen, die sich mit dieser Frage herumschlagen. Und wie konnte aus dem Mörder nach dem Krieg der Mensch werden, der mir beibrachte, was Recht und Ordnung ist? Was steckt von ihm in mir?
Viele der Täterkinder sind zu Erben des Schweigens geworden. Weil über den Krieg nicht geredet wurde, wurde über nichts von Belang mehr geredet zwischen Eltern und Kindern, jedes Treffen war ein ritualisierter Austausch von nichts, bei uns war es so, bei vielen meiner Freunde ist es auch so.
Das hat Folgen für das Bild, das die Deutschen vom Nationalsozialismus haben. Wurde die Generation gefragt, die 1945 mindestens 15 Jahre alt war, dann antwortete jeder Zweite auch 40 Jahre nach dem Krieg noch, er habe im Nationalsozialismus seine Ideale verwirklicht gesehen. Werden dagegen deren Kinder und Enkel gefragt, räumen nur sechs Prozent von ihnen ein, ihre Vorfahren seien eher positiv (vier Prozent ) oder sehr positiv (zwei Prozent) eingestellt gewesen. Nur drei Prozent glauben an Antisemitismus bei ihren Eltern und Großeltern, nur ein Prozent sieht seine Vorfahren an Verbrechen in der Nazi-Zeit beteiligt. Aber: 17 Millionen Deutsche dienten in der Wehrmacht, 700 000 waren in der SS und der Waffen-SS aktiv, 4 Millionen in der SA, 8,5 Millionen gehörten der NSDAP an.
Es brauchte immer wieder äußere Anlässe, um das Schweigen aufzubrechen. Der Auschwitz-Prozess 1963, die TV-Serie "Holocaust" 1979, die Weizsäcker-Rede 1985, die Wehrmachtsausstellung 1995, im letzten Jahr die ZDF-Serie "Unsere Mütter, unsere Väter".
Es blieb aber immer die Diskrepanz zwischen verordneter, öffentlicher Reue und privater Verdrängung. Ich selbst habe ja zehn Jahre gebraucht, um den Hinweisen auf die Schuld meiner Eltern entschlossen nachzugehen. Bei mir war es die ZDF-Serie, in der ich überzeugte Durchschnitts-Nazis wie meinen Vater vermisste, die den Ausschlag gab, die Schweigespirale in unserer Familie zu beenden. Und das Bekenntnis Sigmar Gabriels in der "Zeit", unter seinem Nazi-Vater ein Leben lang gelitten zu haben.
Immer noch beschäftigt mich die Furcht, mich als Täterkind zu wichtig zu nehmen, besonders dann, wenn sich drei Tage lang auf einer Konferenz alles um Täterkinder dreht, wie kürzlich im ehemaligen KZ Neuengamme geschehen. Da treffen dann die Söhne von hohen Nazis wie Hans Frank, dem "Schlächter von Polen", dort im Zweiten Weltkrieg Generalgouverneur, oder Hanns Ludin, zuständig für die Deportation der slowakischen Juden, auf die Kinder und Enkel von Ortsgruppenleitern, Henkern, Lagerärzten. Wenn sich erwachsene Männer und Frauen, die schon lange Eltern sind, wieder darüber definieren, dass sie als Kinder ein ähnliches Schicksal hatten, macht es das Leben komplizierter, als sich mancher vorgestellt hat. Je mehr Freunde ich teilhaben ließ an meiner Geschichte, desto mehr ging ich mir auf die Nerven. Ja, ich wollte erzählen, nein, ich wollte nicht vor ihnen sitzen wie ein Mensch, den man zu bemitleiden hat wegen seiner Eltern und zu bestaunen wegen seiner Geschichte.
Es sind inzwischen jährlich Hunderte, die in Seminaren und Gesprächsgruppen logistische und psychologische Unterstützung bei der Verarbeitung von Verbrechen ihrer Eltern und Großeltern suchen. Sie eint die Erkenntnis, dass die Verbrechen ihrer Eltern nicht hinter einem wie auch immer gearteten Schlussstrich verschwinden, sie treibt der Wille, mehr als nur Mitleid mit den Opfern ihrer Eltern zu haben.
Und wenn dann eine junge Frau - die Enkelin eines hohen SS-Mannes - während des Treffens in Neuengamme aufsteht und erzählt von einem Großvater, der aus dem Krieg nach Hause kam und dort weitermachte, wo er in Polen aufgehört hatte, der seine Tochter und seine Enkelin über Jahre vergewaltigte, spätestens dann wird deutlich, wie groß das Leid von Täterkindern sein kann.
In den letzten Monaten in seinem Haus - inzwischen allein, weil seine dritte Frau gestorben war - verschwand mein Vater wieder ganz im Krieg, er schleppte sich als müder Werwolf durch die Tage. Er rief mich oft an, behauptete, in Hannover, Bielefeld oder Berlin zu sein, auf einem Kriegskameradentreffen, und bat mich, ihn nach Hause zu bringen, er finde den Weg nicht allein. Ich riet ihm jedes Mal, aus dem Fenster zu schauen und mir zu beschreiben, was er sehe. Es war immer die Garage hinter seinem Haus. Ich besorgte ihm einen Heimplatz.
Als wir unser Elternhaus räumten, fand ich in der Schublade mit den Zeitungsausschnitten über seinen Prozess auch die Schatulle mit seinen Orden. Mein Sohn wollte sie nicht den Militaria-Händlern überlassen, die bereitstanden, um das Haus zu entrümpeln. Das war die einzige Erinnerung an seinen Großvater, die er mitnahm.
Meine Eltern sind mir - da ich aus den Akten erfahren habe, wer sie wirklich waren - vertrauter geworden, als mir lieb ist. Ich verfluche die Macht, mit der meine Eltern in den letzten Monaten wieder nach mir greifen. Je mehr ich mich mit ihrem wahren Leben beschäftigt habe, desto mehr zwangen sie mich, mein Leben neu zu betrachten. Da ich sie nicht loswerde, nehme ich sie jetzt mit. Sie begleiten mich ins Theater, wenn ich Hans Falladas "Jeder stirbt für sich allein" anschaue, die Bühnenfassung eines Romans über den zähen Widerstandskampf eines Berliner Ehepaares gegen das um sie herum wuchernde Nazi-Regime. Sofort abknallen, die beiden Volksschädlinge?
Meine Eltern sind auch mit mir zusammen in die Berliner Ausstellung "Wien- Berlin" gefahren, in der die Kunst der ersten drei Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts gezeigt wurde. Ich habe ihnen - den Bewunderern von Goethe und Seneca - das unwiderstehliche Bild "Bekenntnis" des Wieners Fritz Schwarz-Waldegg gezeigt und das verstörende Panorama "Der tolle Platz" von Felix Nussbaum. Und auch das Gemälde "Das Verhör" von Friedl Dicker. Schön, oder? Dicker und Nussbaum sind in Auschwitz vergast worden, Schwarz-Waldegg wurde im Vernichtungslager Maly Trostinez ermordet.
Und neulich saßen meine Eltern neben mir, als im Fernsehen "Schindlers Liste" wiederholt wurde. Ich habe den Film anders gesehen als vor Jahren, jetzt spielten meine Eltern mit. "Sie fürchten uns, weil wir die Macht haben, aus Willkür zu töten", sagt Schindler zu Amon Göth, dem Lagerkommandanten, neben ihm lächeln meine Eltern. "Sie können als Männer zu ihren Familien zurückkehren", ruft Schindler den Wachmännern zu, die am Ende in der Fabrik die letzten Juden umzingeln, "oder als Mörder." Mein Vater steht vor ihnen, das Gewehr an der Wange.
Von Cordt Schnibben

DER SPIEGEL 16/2014
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