14.04.2014

ZEITGEISTEs gibt sie noch, die bösen Dinge

Thomas Hoof hat vor 26 Jahren Manufactum gegründet. Heute verlegt er Bücher wie Akif Pirinçcis Pöbelbestseller „Deutschland von Sinnen“. Passt das? Ja.
Nicht größer als ein Bleistift liegt das Messer in einer Vitrine im ersten Stock. Alles daran ist geballte Tradition. Der Griff aus Mooreiche ist 3000 Jahre alt, der Handwerker der Klinge im Katalog namentlich ausgewiesen: Peter Stienen, einer der letzten Meister echter deutscher Schmiedekunst. 359 Euro.
Wer kauft so etwas? Vor allem: Was tut er damit? Der Verkäufer der Berliner Manufactum-Filiale rollt die Schultern nach oben. Schneiden in der Küche oder im Garten würden die Kunden damit eher nicht: "So etwas legt man sich in den Schrank, zum Anschauen." Oder man schenkt es dem Sohn zur Konfirmation. Damit der zum Mann wird.
"Es gibt sie noch, die guten Dinge", so fasst die Ladenkette Manufactum ihr Sortiment zusammen. Gute Dinge, das sind Pferdelederschuhe für 769 Euro, ein schwarzes Herrenrad für 2760 Euro, ein Wäscheständer für 139 Euro, ein Lawinenspaten aus der Schweiz, Baujahr 1939. Für den Kofferraum. Wenn man stecken bleibt mit dem Auto. Im Schnee, im Matsch, auf der Flucht vor Terroristen. Wer weiß?
Der alte englische Maßschuhleitsatz, wonach sich ein vernünftiger Mensch keine billigen Schuhe leisten könne, bildet eine Art Grundlage der Manufactum-Haltung. Es ist zugleich die praktische Begründung für Preisschilder, die sonst nur an Rolex-Uhren und anderen Luxusartikeln kleben. Über Statussymbole dieser Art rümpft man die Nase bei Manufactum. Die Kette handelt nicht nur mit vermeintlich guten Dingen, die Kette verkauft eine gute Welt.
Manufactum will ein Warenhaus des wahren Lebens sein. Es ist eine Gegenwelt hier, die sich freundlich gibt, ein Sehnsuchtsort des Geschmacksbürgertums. Die Verwirklichung schwarz-grüner Nachhaltigkeit für Leute, die mit dem Porsche Cayenne vorfahren. Ein Bollwerk gegen die vermeintlichen Zumutungen des modernen Lebens.
Eine Fluchtburg, gebaut gegen das Multikulti unserer Großstädte, das Hammelkeulen grillend die Parks einnebelt. Gegen das grelle Geiz-ist-geil der Media-Märkte, Aldis und Ein-Euro-Shops der Ramschmetropole. Der Gestus von Manufactum ist antikapitalistisch, ein Ding soll ein Leben lang halten. Ein weißes Unterhemd wird hier noch im Schwarzwald am Titisee gefertigt und strahlt die Heimeligkeit eines Martin-Mosebach-Romans aus. 59 Euro.
Diesen Waren, die eine altbürgerliche Gediegenheit und ein neubürgerliches Selbstbewusstsein signalisieren sollen, haftet auch eine Aura der Angst und des Bedrohtseins an. Der Manufactum-Katalog fasst diese Angst in eine Sprache, die Walter Grasskamp einmal "Erlösungsprosa" nannte: "Wie Salbe", schrieb er, "lindert sie das Leiden an der Hässlichkeit der modernen Warenkultur."
Mistgabeln und Gummistiefel also gegen die Gülle der Gegenwart.
1988 wurde Manufactum von dem gelernten Buchhändler und frühen Grünen Thomas Hoof gegründet, der das Warenhaus als weltanschauliche Unternehmung verstand: Es war die Welt, wie er sie sah und wie die Kunden sie sahen, und das änderte sich auch nicht, als der Otto-Konzern Manufactum im Jahr 2007 für einen zweistelligen Millionenbetrag kaufte. Deshalb war wohl auch der Schock so groß in der vorvergangenen Woche, als deutlich wurde, was Hoof noch so denkt, wenn es nicht um Holzspielzeug geht, Handjäter aus Edelstahl und Hartweizennudeln für 4,80 Euro.
Zu denen, die Alarm schlugen, gehörte die Geschäftsführung von Manufactum selbst, die sich von Hoofs Ansichten distanzierte. Aber funktioniert das? Hoof hat mit seinem wertkonservativen Lifestyle-Imperium über Jahrzehnte auch eine Ideologie kreiert, die diese vermeintlich guten Dinge in ein seltsames Licht rückt, wenn Hoof sie mit Werten vom rechten Rand der Gesellschaft unterfüttern lässt: Auf einmal sehen die Beile, die lammfellgefütterten Ansitzhosen, die Sturmlampen ein wenig anders aus. Es gibt sie noch, die bösen Dinge.
Ende März erschien in Hoofs Verlag Manuscriptum Akif Pirinçcis krawalliger Bestseller "Deutschland von Sinnen", ein Beleidigtenpamphlet, ein als Macker-Prosa getarntes Dokument eines Gekränkten, das sich vor allem gegen selbstbewusste Frauen, Homosexuelle und Ausländer wendet -ein Rap des Ressentiments und ziemlich genau das, was Thomas Hoof von der Welt denkt.
"Irre", schrieb Hoof schon vor Erscheinen von Pirinçcis Buch in der sich rechts positionierenden Zeitschrift "Eigentümlich frei", irre seien die Deutschen, die "seit 40 Jahren in tranceähnlicher Verzückung" gefangen seien in ihrem "Tanz um das goldige Weib", verführt von einem "Kanon medialer Frauenanbetung", der aber "keinerlei weiblichen Landgewinn" gebracht habe - die Frau, so die Suggestion, sei zur Freiheit nicht gemacht.
Homosexuelle wiederum, schrieb er, wollten "amtlich als die besseren Menschen anerkannt und diplomiert" werden. Und wegen all der infamen Multikulti-Sprüche sei man überhaupt nur noch "Fremdling" im eigenen Land - und wo Pirinçci von einem Bürgerkrieg blutrünstiger Migrantenhorden fieberte, sprach Hoof davon, dass in Deutschland ein "ideologischer Krieg" tobe, ein "Feldzug gegen die Un-Verrücktheit".
Hoofs Sprache hat den Modus der Frontberichterstattung. Der Mann, der einer ganzen Generation die Botschaft vom Guten, Schönen, Wahren verkauft hat, ist ein zivilisationsmüder Apokalyptiker, der seinen Untergangssehnsüchten nachhängt. Dem Weckglas Sturzform für 3,20 Euro etwa, hergestellt in Baden-Württemberg von Johannes Weck, oder dem Einkochglas mit Schraubdeckel für 11,40 Euro - in Hoofs Welt sind sie "Überlebenswerkzeuge für eine krisenhafte Zukunft", wie er 2011 der Zeitschrift "Brand eins" bestätigte, Zurüstungen für die Zeit nach dem "Systembruch", der "diesmal wahrscheinlich die Form eines Bergrutsches annehmen wird".
Von "Panik" raunte Hoof schon damals, vom "Wackeln des Finanzsystems", das "nur ein Vorbote des eigentlichen Bebens" sei, "das mit physischen, genauer mit energetischen Engpässen kommen wird" - die "Stunde der Wahrheit" also, für die Hoof sich wappnen will.
Hoof trat mit Gründung von Manufactum das Erbe des Dritte-Welt-Ladens aus den siebziger Jahren an, nur in heimische Gefilde gewendet, von Internationalismus und Entwicklungshilfe abgewandt. Eine Art Filzpantoffel-Fundamentalismus, ein radikaler, zopfiger Chic, der sich gern in Klamotten ausdrückt wie jener besonders robusten Baumwoll-Handwerkerhose, deren Stoff "Deutschleder" heißt.
Hoof zog sich nach dem Verkauf von Manufactum aufs Land zurück. Man kann ihn sich gut vorstellen, wie er seine Thorogood Roofer schnürt, den Arbeitsschuh aus Pferdeleder für 349 Euro, das Gränsfors-Spaltbeil (98 Euro) über die Schulter schwingt und hinausstapft in den Wald, um ein paar Bäume zu fällen, weil er es mal wieder nicht aushält, dieses Land im "Umerziehungsdelirium".
Hoof ist ein wütender Mann, der gegen die "Verhausschweinung des Menschen" wettert. Er ist auch ein ängstlicher Mann, der seine Welt bedroht sieht und überall Feinde wittert. Und er ist ein herrischer Mann, der mit Wucht und Wonne austeilt, besonders gern gegen Journalisten, Hilal Sezgin etwa, die er als "BlockwartIn im selbstgestrickten Engelskleid" beschimpfte, weil sie in der "Süddeutschen Zeitung" darüber schrieb, wie trübe Hoofs Verlag Manuscriptum sei.
Hoof hatte den Verlag 1993 gegründet. Der Verlag und sein Programm, in dem unter anderem Pirinçcis Buch veröffentlicht werden, waren auch der Grund, warum sich Manufactum vergangene Woche von Thomas Hoof distanziert hat - tatsächlich weitet Hoof hier die Ressentiments des konservativen Bürgertums aus und eröffnet die gesamte Kampfzone rechten Denkens: gegen Amerika, gegen das Reden über den Holocaust, gegen die Demokratie, den "Gott, der keiner ist".
Das ist der Untertitel eines Buchs von Hans-Hermann Hoppe, der bis 2008 an der University of Nevada in Las Vegas Volkswirtschaft unterrichtete: Sein Programm ist die Abschaffung der Demokratie, die ein "zivilisatorischer Abstieg" gegenüber der Monarchie sei und die "natürliche Elite" unterdrücke - sein Plan ist die Revolution mit allen Konsequenzen.
"In einer libertären Sozialordnung kann es keine Toleranz gegenüber Demokraten und Kommunisten geben. Sie müssen aus der Gesellschaft physisch entfernt und ausgewiesen werden", schreibt Hoppe. "Sie - die Befürworter alternativer, nichtfamilien- und nichtverwandtschaftszentrierter Lebensstile wie z. B. individueller Hedonismus, Parasitentum, Natur- und Umweltanbetung, Homosexualität oder Kommunismus - müssen ebenfalls von der Gesellschaft physisch getrennt werden."
Hoofs publizistischer Partner bei Manuscriptum ist André Lichtschlag, der auch die Zeitschrift "Eigentümlich frei" herausgibt und davon schreibt, dass wir "entlang ethnischer Linien verlaufende Vorkriegsspiele junger Männer fremder Herkunft" erleben. "Fremdenfurcht", so stellt Lichtschlag in seinem Buch über das "Feindbild Muslim" zustimmend klar, nutze deshalb unserem Immunsystem, und "Feindaufklärung" sei "ein Teil unserer intuitiven Gefahrenabwehr".
Dieser dünne Band, der sich unter anderem dem Minarettverbot in der Schweiz widmet, ist, so viel Humor muss sein, in grünes Leinen geschlagen, er handelt ja vom Islam; das Buch von Konrad Löw, einem umstrittenen Politologen aus München, ist braun gehalten, was auch stimmig ist.
"Hitler in uns?" heißt es und widmet sich dem "richtigen Umgang mit unserer Vergangenheit" - für Löw bedeutet das, dass die Deutschen sich endlich vom verhexten Schuldhammer befreien müssen, mit dem seit dem Krieg auf sie eingedonnert wird.
Im Fall Akif Pirinçci freut sich der Verleger Hoof sehr, dass sein Autor keine Gefangenen macht: dass er, in Hoofs Worten, nicht den "Fäustel" rausgeholt habe, also den Hammer, wie ihn Bildhauer oder Steinmetze verwenden, sondern den "Mottek", so nennen sie im Ruhrgebiet den Vorschlaghammer der Bergleute.
Der Spalthammer der Firma Gränsfors wiegt 3,3 Kilogramm, hat einen Stiel aus Hickory-Holz, handgemacht und handsigniert. 125 Euro. "Leicht und ausgewogen" liege er in der Hand, "auf eine nicht recht erklärliche Art" schöner als alle "Artgenossen".
Was Pirinçcis Buch angeht, ist Thomas Hoof vollkommen zufrieden. Das laufe doch, schreibt er per Mail im typischen Hoof-Gestus, "nach einigen schluckschwierigkeitsbedingten Fehlzündungen am Anfang rund wie ein V8-Motor".
Von Georg Diez und Thomas Hüetlin

DER SPIEGEL 16/2014
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