19.04.2014

ZWERGSTAATENEin Land aus Wille und Wahn

Transnistrien ist Europas letzter Hammer-und-Sichel-Staat. In diesen Krisenzeiten hat die abtrünnige Provinz vor allem ein Ziel: den Anschluss an Russland. Von Alexander Smoltczyk
Sein Heimatland wird von niemandem anerkannt, außer von der "Gemeinschaft nicht-anerkannter Staaten". Als Jewgenij Uschinin sich darüber klarwurde, begann er, Sprachen zu lernen. Zuerst Japanisch. Dann Portugiesisch, Flämisch und Italienisch, daneben die zyprische Form des Griechischen, Arabisch und Türkisch. Russisch, Rumänisch, Deutsch konnte er noch aus der Schule.
Inzwischen spricht Uschinin ein Dutzend Sprachen. Er hat über "Türkische Anleihen im ostmittelmeerischen Sprachraum" promoviert und übersetzt Mangas ins Russische. Manchmal singt er in der Stadtbücherei nordjapanische und bulgarische Trinklieder zur Gitarre. Aber sein Heimatland ist immer noch nicht anerkannt: "Niemand kennt Transnistrien", sagt er. "Meine japanischen Freunde halten es für eine Insel. Sie verwechseln Moldova mit den Malediven."
Transnistrien ist an manchen Stellen nur wenige Kilometer breit. Auf einer Europakarte sieht das Etwas zwischen der Ukraine und Moldau aus wie ein Würmchen inmitten vieler großer Tiere. Es ist folglich eine Herausforderung, Transnistrier zu sein.
Die korrekte Staatsbezeichnung lautet außerdem "Pridnjestrowische Moldauische Republik". Darauf weist die weißhaarige Dame neben Jewgenij Uschinin hin, die transnistrische Volksdichterin Viktorija Piletskaja. Zusammen bilden die beiden, der Linguist und die Dichterin, einen Großteil des intellektuellen Lebens von Tiraspol, der vermutlich - und nicht zu Unrecht - unbekanntesten Hauptstadt Europas.
Transnistrien, der Phantomstaat jenseits des Flusses Dnjestr, ist ein Land kaum größer als das Saarland, mit einer halben Million Bewohner, die sich als Russen, Ukrainer oder Moldauer, vor allem aber als Sowjetbürger fühlen. Es hat eine eigene Armee, eine eigene Verfassung, eine Hymne ("Rühmt die Gärten und Fabriken") und ein über die engen Landesgrenzen hinaus bekanntes Sinfonieorchester.
Die Nationalwährung Transnistrischer Rubel ist an den Dollar gekoppelt und wird dennoch an internationalen Finanzplätzen wie Monopoly-Spielgeld behandelt. Auf den Fünf-Rubel-Scheinen ist die Weinbrennerei Kvint abgebildet. Cognac ist ein Hauptexportgut des Landes, neben Bettwäsche, Waffen, Kabeln und Arbeitskräften, die männlichen in den Osten, die weiblichen in den Westen. Putin und Obama sind die Hauptgegenstände der Diskussionen.
Jewgenij Uschinin und die Nationaldichterin sitzen im Klub 19, einem Hinterhofkeller an der Straße des 25. Oktober. Einer der wenigen Orte, wo unabhängiges Denken geübt wird. Das letzte Thema im Debattierkreis war: "Soll die Presse nur gut über die Regierung reden?" Die Dichterin sagt: "Ein Land muss sich selbst anerkennen. Das ist das Wichtigste." - "Viktorija hat recht", sagt Jewgenij und schaut sie bewundernd an. "Wir sind kein Provisorium. Es gibt uns." Man muss nur ganz fest an etwas glauben.
In der Festung Bender, oberhalb des Dnjestr, steht eine der touristischen Sehenswürdigkeiten Transnistriens. Es ist das Denkmal für den Baron von Münchhausen. Der Ritt auf der Kanonenkugel soll hier stattgefunden haben. Möglich ist vieles, in diesem Land aus Wahn und Wille.
Tiraspol, die Hauptstadt, ist keine elende Stadt. Die Oberleitungsbusse fahren pünktlich, die Rinnsteine der Karl-Liebknecht- und der Gagarin-Straße sind frisch getüncht, die Parkanlagen sauber wie in einem sowjetischen Propagandafilm der sechziger Jahre. Es fühlt sich an, als sollte hier ein Musterschüler dem Herrn Direktor vorgeführt werden. Als erwartete man jetzt eine Belohnung. In den Kiosken hängt die Tageszeitung "Pridnjestrowje", mit der Schlagzeile: "Im Zeichen der Freundschaft zwischen Russland und Transnistrien".
Nicht weit vom Klub 19 hängen zwei Fahnen aus einem Fenster. Hier liegt das Diplomatenviertel Transnistriens, bestehend aus einer grüngetünchten Etage, auf der die Republiken Südossetien und Abchasien ihre Vertretung haben. Zwei weitere Restposten des Sowjetreichs, auch sie in heroischen Kämpfen unabhängig geworden und wie Transnistrien nur von einem Wunsch beseelt: zurück ins russische Reich. Auch das ist japanischen Freunden nicht leicht zu erklären.
Transnistrien gibt es, zumindest als kollektive Vorstellung, seit 1989, als die Moldauische Sowjetrepublik Russisch als Amtssprache abschaffte und durch Moldauisch ersetzte. Ein Jahr später erklärte sich Moldau, neben anderen Sowjetrepubliken, für unabhängig, woraufhin sich der überwiegend russischsprachige Ostteil des Landes, das Gebiet jenseits des Dnjestr, seinerseits von Moldau lossagte und zur Sowjetunion zurückwollte. Als die russische 14. Armee eingriff, waren bereits tausend Menschen tot.
Seit die Krim wieder nach Russland heimgekehrt ist, blüht in Transnistrien die Hoffnung, der heimischen Regierung könne Ähnliches gelingen. "Vielleicht erkennt Russland uns bald an", sagt Oleg Chorschan. "Wir könnten eine russische Exklave werden, so wie Kaliningrad."
Chorschan, ein etwas teigiger, beflissener 37-Jähriger im Blazer, ist Vorsitzender des Zentralkomitees der Pridnjestrowischen Kommunistischen Partei und sitzt mit ernstem Gesicht vor einer Intarsienarbeit zum Thema Lenin.
Auch Österreich führt Werkzeug im Staatswappen. Aber Transnistrien ist das einzige Land Europas, das Hammer und Sichel auf der Nationalflagge trägt, links oben im Eck. Hier heißt der Geheimdienst nach wie vor KGB und das Parlament Oberster Sowjet, mit einem mächtigen Lenin davor, dessen Granitmantel weht wie bei einem Superhelden.
Daher wird Transnistrien von Reisenden in der Regel als letzter Rest Sowjetunion beschrieben. "Leider völliger Unsinn", sagt Chorschan. "Dieses Land hält nur seine Geschichte in Ehren. Aber es hat kapitalistische Elemente zugelassen. Wir sind eine Mischform." Wie es sie auch in China gebe und in Weißrussland, seinen persönlichen Idealstaaten: "Ich war da."
Hinter Glas liegt der Bildband über Leonid Breschnew. Ein Stalin-Bild hängt im Vorzimmer, zum Andenken an den Großen Vaterländischen Krieg und die Befreiung von den Deutschen.
"Wir haben mit Angst verfolgt, welchen Unsinn die Faschisten in der Ukraine treiben. Wir begrüßen, dass Präsident Putin die russischen Böden vereinigen will. Entschuldigen Sie bitte ..." Für sein Telefon hat er die Sowjethymne als Klingelton gewählt, "Die unzerbrechliche Union ...". "Der Präsident hat mit Kanzlerin Merkel über Transnistrien gesprochen", sagt Chorschan und vertieft seine Stirnfalte. Mit "Präsident" meint er Putin, und es klingt, als wäre der gerade persönlich am Telefon gewesen.
Die Kommunistische Partei ist klein, aber sie steht mit ihrem einen Sitz im Parlament hinter der Regierung, wie auch die beiden anderen Parteien des Landes, die "Erneuerung" heißen beziehungsweise "Durchbruch". Alle drei wetteifern in Putin-Treue. Eine politische Kraft, die gegen die Abspaltung und für eine Wiedervereinigung mit der Republik Moldau wäre, gibt es nicht. "Das wäre Verrat an den Gefallenen", hört man sogar von Leuten, die den Bürgerkrieg nur als Kind erlebt haben.
Im Februar schrieb Transnistriens Parlamentssprecher einen Brief an die Duma in Moskau. Man wolle nur noch einmal daran erinnern, auch in die Föderation aufgenommen zu werden. Und sei es als Exklave.
Russland liefert zwar seit Jahren Gas auf Pump und bezuschusst die Renten, aber anerkannt hat es Transnistrien noch nicht, trotz aller 97-Prozent-Referenden. Vermutlich ist es besser, die Situation in der Schwebe zu lassen. Russland hat seine 2000 Soldaten entgegen allen Zusagen nie abgezogen. Die Truppen sind ein gewisses Hindernis für einen etwaigen Nato-Beitritt der Republik Moldau.
Die Politologin Nina Schtanski hat in Moskau über Lösungsansätze für den Transnistrien-Konflikt promoviert und kam zu dem Ergebnis, dass es diese nicht gibt. Solange nur eine Konfliktpartei für die Scheidung ist, gilt die Ehe weiter. Seit zwei Jahren ist Schtanski Außenministerin des Landes. Auf Bildern sieht die 37-Jährige aus wie eine Mischung aus Sarah Palin und Monica Bellucci, außerdem soll sie einen Kopf größer sein als Putin. Es wäre gut, mit ihr zu reden.
Schwer vorstellbar, dass die Außenministerin eines Landes ohne Außenkontakte etwas anderes zu tun hat, als Weisungen aus Moskau abzuwarten. Doch der Terminkalender von Nina Schtanski scheint bis zum Platzen gefüllt: "Bitte stellen Sie Ihre Fragen schriftlich ... Die Ministerin befindet sich außerhalb der pridnjestrowischen Republik ... Ihre Akkreditierung musste leider negativ beschieden werden ... Bitte nochmals schriftlich  ... Die Ministerin ist müde ... Der stellvertretende pridnjestrowische Außenminister könnte eventuell nächste Woche ... Aber haben Sie überhaupt eine Akkreditierung?"
So klingt es Tag für Tag. Dafür steht eines Abends ein durchtrainierter, junger Mann mit seiner Limousine am Gefallenendenkmal, einem russischen T-40-Panzer mit Blumenrabatte. Er sagt, er heiße Alexander und wolle reden. "Nein, nicht im Café, besser im Auto." Er sei beim Zoll und wisse viel. "Fragen Sie nur. Manche Informationen sind gratis, manche nicht. Wir können auch vor die Stadt fahren."
Zwei Stunden lang dreht "Alexander" seine Runden in der menschenleeren Innenstadt Tiraspols, hin und her zwischen Nationaltheater, Universität und Kvint-Fabrik, lobt die Errungenschaften des transnistrischen Staates, und bis zuletzt bleibt unklar, was er eigentlich will. Aber was war das eigentlich für ein kaum sichtbarer Knopf am Revers der Lederjacke?
Das KGB gilt als eine der am besten funktionierenden Institutionen in Transnistrien. Deswegen hat auch niemand einen Anlass gesehen, den Namen zu ändern. Sämtliche Zeitungen sind kontrolliert. Es wird bespitzelt, gelauscht, eingeschüchtert und gedroht. Das populäre Internet-"Forum PMR" wurde geblockt, das einzige unabhängige Korrespondentenbüro geschlossen.
Die zweite höchst erfolgreiche Einrichtung ist Sheriff, ein Mischkonzern, der von zwei ehemaligen Polizisten gegründet wurde. Sheriff heißen inzwischen ein Tankstellennetz, die Kaviarfabrik, die Großbäckerei und eine Reihe von Supermärkten, das Hotel Rossija gehört dazu, ebenso die Kvint-Brennerei, die Mercedes-Vertretung wie auch das "Inter FM"-Radio, der einzige Internetprovider und der Fußballclub Sheriff Tiraspol, Gewinner des GUS-Pokals 2009.
Niemand scheint in diesem Land einen Widerspruch darin zu sehen, dass ein großer Teil der Produktionsmittel aus Staats- in Oligarchenbesitz gewandert ist. Die Partei "Erneuerung" ist der politische Arm der Firma und stellte bis 2011 mit Igor Smirnow auch das Staatsoberhaupt.
Gegenüber vom Standesamt von Tiraspol blockiert ein chromglänzender 500-S-Mercedes den Gehweg der Swerdlow-Straße. Er gehört Oleg Pankow, einem ehemaligen Afghanistan-Obersten, der nach dem Zusammenbruch der Sowjetwelt mit Sexspielzeug zu Geld gekommen ist. Sein Laden "Intim" ist ein vollgerauchter Hofladen, nur dass statt Karotten maiskolbenförmige Vibratoren in den Vitrinen liegen, künstliche Vulven und Phalli im Kaliber einer Mittelstreckenrakete, das meiste aus deutscher Produktion.
"Transnistrien ist kein reiches Land, aber gevögelt wird immer", sagt Oleg Pankow, fragt, was man von den faschistischen Horden auf dem Maidan in Kiew halte, und offeriert als Zeichen guten Willens eine Pille "Seks president"; die Pappschachtel bildet Bill Clinton ab. Dann öffnet Pankow eine niedrige Tür hinterm Ladentisch: "Kommt rein, ich zeige euch was Besonderes."
Der Hinterraum des Intim ist bis zur Decke mit Sowjetbannern ausgekleidet, rotsamtige Parteifahnen mit Lenin-Kopf und heroischen Stickereien, "Proletarier aller Länder, vereinigt euch!", da stehen Lenin-Büsten, Ehrenurnen, es ist ein Devotionalienschrein des Sowjetreichs, eine Reliquienkammer des Bolschewismus und nur durch eine dünne Wand von den "Hot Lady"-Tropfen getrennt. "Drüben ist mein Business", sagt Pankow und lässt sich in einen ausgesessenen Bürostuhl fallen, "aber das hier ist meine Seele", und schlägt sich auf die Brust.
Er sagt: "Ich war Kommunist bis zum Ende. Jetzt ist es gut, Business machen zu können. Mir gefällt diese Realität. Aber zugleich liebe ich die Sowjetunion. Man verrät seine Geschichte nicht. Transnistrien ist nicht Rumänien, es ist Russland, die Krim ist Russland. Was würdet ihr machen, wenn in Deutschland plötzlich nur noch Belgisch gesprochen werden dürfte? Na also."
Auf seine Weise steht Oleg Pankow für sein Land. Mögen all die vaterländischen Helden, die nachlackierten Panzer und Ährenkränze zu inhaltsleeren Souvenirs geworden sein. Aber sie verweisen auf etwas, was jedem in die Jugend scheint, aber längst entschwunden ist. Die Transnistrier sind Heimatvertriebene, die in ihrem Haus wohnen bleiben durften.
Hinter Tiraspol fährt man durch Apfelbaumplantagen, frischgeschnittene Weingärten und Werbetafeln für Regenrinnen nach Norden. Die Grenze zu Moldau ist mit bloßem Auge nicht auszumachen. Kein Zaun und keine Mauer, nur der Dnjestr-Fluss und an den Landstraßen bisweilen ein rostiger Kontrollposten.
In diesen Gegenden wird auf beiden Seiten des Flusses Moldauisch, das heißt Rumänisch, gesprochen. Aber in Transnistrien schreibt man es in kyrillischen Buchstaben.
Der Dnjestr schlägt hier enge Bögen, und es gibt moldauische Exklaven auf transnistrischer Seite, Dörfer, die nur mit einer Fähre erreichbar sind. Am Anlegesteg bei Molovata Noua stehen zwei russische Soldaten unter einer Schwarzbirke, ein wenig weiter ist ein halbeingegrabener Schützenpanzer zu sehen. Bald baden die Kinder wieder. Das ist "Posten Nr. 6", gewiss einer der absurderen Grenzposten auf diesem Kontinent.
Zwei Moldauer, zwei Transnistrier und drei Russen leben hier in einer Baracke zusammen, Soldaten dreier Armeen. Der Russe führt das Kommando, die Transnistrier holen das Essen. Das Ganze ist Teil der OSZE-Mission für Moldau, der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa, die gewissermaßen auch noch aus Zeiten des Kalten Krieges stammt.
Die OSZE hat eine, von einer US-Amerikanerin geführte, Vertretung in der Region. Seit 1992 leben beide Seiten mit dem Status quo, zanken sich regelmäßig über Zollformalitäten und Exklaven, aber kommen zurecht. Weil ein moldauisches Gefängnis jenseits des Flusses liegt, müssen die Wärter jeden Morgen Tarnmäntel überziehen, um ihre Uniformen zu verbergen. Das ist der Status quo.
In 20 Jahren der Koexistenz hat es nur einen tödlichen Zwischenfall an der Grenze gegeben. In der Neujahrsnacht 2012 durchbrach ein junger Moldauer eine Sperre beim Versuch, Nachschub an Schnaps zu holen. Der Zwischenfall führte zu monatelangen Sticheleien in der gemeinsamen Kontrollkommission, in der auch die OSZE, Russland, die Ukraine, die EU und die USA vertreten sind.
Den Dörflern hier ist die Grenze vor allem lästig. Sie haben keine Lust, für jeden Einkauf in der nächsten Kreisstadt eine Migrationskarte beantragen zu müssen. Manche melden sich gleich in Transnistrien an, um die paar Rubel Zusatzrente zu bekommen, die Russland zahlt. Der Pass ist Nebensache. Fast jeder hier hat mehrere.
Transnistrien, das Land, dieses Ding, das Würmchen zwischen den großen Tieren, kann einem wie eine kollektive Wahnvorstellung vorkommen. Das Land jenseits des Dnjestr ist aber nicht nur eine skurrile und letztlich harmlose Operette von Leuten, die beschlossen haben, in einer anderen Zeit zu leben. Durch seine Lage zwischen der Ukraine und der Republik Moldau hat der Staat geostrategische Bedeutung.
Im Juni soll ein Assoziierungsabkommen zwischen der EU und Moldau unterzeichnet werden, vergleichbar dem, das die Ukraine in die Tumulte gestürzt hat. Transnistrien wäre völkerrechtlich dann ebenfalls assoziiert, sofern sich die Regierung an die ausgehandelten Regeln hält. Das wäre zwar gegen die erklärte Außenpolitik, aber gut fürs Geschäft. Knapp die Hälfte der Exporte geht in die EU.
Für den Fall der Unterzeichnung hat ein russischer Vizepremier schon mit "ernsthaften Folgen" gedroht. Der Präsident Moldaus rief seine Armee Anfang April zu "erhöhter Wachsamkeit" auf, weil es "Provokationen" geben könne.
Es gibt detaillierte Einsatzpläne zur Einnahme Transnistriens, wie es sie auch für die Krim und Südossetien gegeben hat. Davon gehen jedenfalls die westlichen Vertretungen in Chişinau, der moldauischen Hauptstadt, aus. Regelmäßig werden am Rand von Tiraspol gemeinsame Manöver russischer und transnistrischer Einheiten abgehalten, das letzte am 25. März. Und in Cobasna, nahe der ukrainischen Grenze, lagern noch etwa 20 000 Tonnen Sowjetmunition. Es ist eines der größten derartigen Depots in Europa - und nicht das bestbewachte.
Die Grenz-Assistenz-Mission Eubam der Europäischen Union kann an der ukrainischen Grenze derzeit "keine relevante Störung der Menschen- und Warenbewegungen" feststellen. Nichtsdestotrotz hat Wladimir Putin im Telefonat mit der Bundeskanzlerin und dem US-Präsidenten von der Blockade Transnistriens durch die Ukraine gesprochen.
So genügt, wie bei einem Kaleidoskop, ein kleiner Anstoß, um aus dem skurrilen Idyll Transnistriens eines jener Schreckensbilder zu machen, wie sie konservative Denkfabriken derzeit an die Wand malen. Die Jamestown Foundation etwa: Da könnte dann Tiraspol Moskau um Hilfe anrufen, um die angebliche Blockade zu durchbrechen. Und russische Truppen könnten über Odessa einmarschieren. Ein unwahrscheinliches, kein undenkbares Szenario. Sicher ist nur, dass die Transnistrier dann fähnchenschwenkend am Straßenrand stehen würden.
An der Grenze zu Moldau, beim Übergang Bender, warten bereits einige Herren mit breitrandigen Schirmmützen, wie man sie von Berliner Flohmärkten kennt, die ihr Geschäft noch immer mit der Mauer machen. "Kommen Sie bitte, die Leute laden Sie ein für eine Formalität." Das sagt Anatolij, ein seiner Deutschkenntnisse wegen zwangsverpflichteter Lastwagenfahrer. Formalität?
Im Verhörzimmer hängt eine Ikone, und Anatolij gibt sein Bestes: "Leute fragen. Warum hier? Ohne Akkreditasje? Die Leute sagen, dass Sie gegen pridnjestrowisches Gesetz gemacht haben ..." Es sei den Leuten unangenehm, aber entweder müsse man selbst dableiben oder aber Laptop, iPhone, Festplatten und Kameras. Es ist wie eine Szene aus alten Filmen, nur in Farbe und 3-D, ein Moment, in dem die Kulisse plötzlich sehr realistisch wird und hart wie Stein.
Von Alexander Smoltczyk

DER SPIEGEL 17/2014
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