19.04.2014

KONGODer Schatz von Virunga

Die Firma Soco sucht in Afrikas ältestem Schutzgebiet nach Öl. Der Direktor des Nationalparks stellt sich ihr entgegen, mit einem verrückten Plan. Beide versprechen ein Ende der Armut. Wer wird sich durchsetzen?
Sie sind sich nie begegnet, aber sie treten gegeneinander an, der eine kämpft für die Schätze über der Erde, der andere für die darunter. Der eine in Rumangabo, der andere in London. Und beide versprechen das Gleiche: dass es den Menschen im Ostkongo am Ende bessergehen soll.
Am Ende dieser Geschichte wird einer von beiden um sein Leben ringen.
Für Emmanuel de Mérode liegt der Schatz zu seinen Füßen. Genauer gesagt: Dieser klammert sich an seine Füße. Ein Berggorilla namens Ndakasi, sieben Jahre alt, ein Kind mit der Überzeugungskraft von 60 Kilo. Wann immer er Zeit hat, geht der Direktor des Virunga-Nationalparks zu den Gorillas, die seine Ranger in einem Gehege aufziehen, hier in Rumangabo, eine Autostunde von Goma. Waisenkinder des Bürgerkriegs allesamt, der nicht mal die Tiere verschont.
Er bleibt ein paar Minuten, beobachtet still die Gorillas. Dann schiebt er, nicht ohne Kraft, die Hände von Ndakasi von seinem Fußknöchel und tritt hinaus ins Freie. Draußen wartet ein neuer Tag im Ostkongo, mit Wilderern, Milizen und illegalen Holzfällern, inmitten eines Bürgerkriegs, der diesen Ort seit zwei Jahrzehnten zu einem der furchtbarsten Orte der Welt macht. Eingefasst von einer der schönsten Landschaften der Welt, in der 200 der letzten 880 Berggorillas leben.
Für Roger Cagle hingegen ist Afrikas ältester Nationalpark anscheinend nur eine Verirrung der Biologen. Eine Schicht Erde, unter der sein Schatz liegt. Cagle empfängt in einem Bürogebäude in Mayfair, London. Marmor, Edelholz, Blumen, eine Stätte, an der Geld verdient wird, ohne Spuren zu hinterlassen. Seit 17 Jahren ist der Amerikaner Cagle, 66, Vizechef der Ölfirma Soco International. Vor ihm auf dem Tisch liegt ein Satellitenbild von Virunga, über das er seinen Zeigefinger schiebt, bis zum Südufer des Eduardsees. Das ist der Mittelpunkt des Parks und zugleich der von Block V, für den seine Firma eine Konzession besitzt. Wenn Cagle richtig gewettet hat, dann liegen hier mehrere Milliarden Liter Öl. Und er hat sich vorgenommen, diesen Schatz zu suchen.
Das ist das Geschäftsmodell von Soco International, Börsenwert 1,6 Milliarden Euro, gehandelt im Londoner Aktienindex FTSE 250, und mit einem besonderen Interesse an schwierigen Fördergebieten weltweit: Angola. Vietnam. Und nun eben die Demokratische Republik Kongo.
Wenig bewegt Tierliebhaber mehr als das Schicksal der Gorillas. Aber dies ist keine Geschichte über Gorillas, sondern über die Rücksichtslosigkeit, mit der ein westlicher Konzern in Afrika operiert. Und dabei zerstört, was es an hoffnungsvoller Entwicklung gibt. Denn das Problem beginnt nicht erst, wenn das Öl fließt. Es beginnt bereits mit der Suche.
Langsam lässt Parkdirektor de Mérode in Rumangabo lauwarmes Wasser aus der Thermoskanne in seinen Instantkaffee rinnen. Eigentlich sollte das hier sein Wohnsitz sein, eine Kolonialvilla, von den Belgiern erbaut. Aber als er vor sechs Jahren ernannt wurde, machte er die Villa zur Schaltzentrale von Virunga und zog in ein Zelt, drei mal drei Meter, Waschschüssel vor dem Eingang. Immer Reis mit Bohnen, an guten Tagen ein Stück Fleisch. Er mag das einfache Leben, die Uniform, als einzigen Schmuck einen Ehering.
Er könnte jetzt über die Gorillas reden, aber er redet lieber von Fischfang, Wasserkraft und Tourismus, von Armutsbekämpfung und Good Governance. Von Krediten für Kleinunternehmer und einem Investmentfonds. Von 60 000 Jobs, die hier entstehen sollen, und einer Wirtschaftsleistung von einer Milliarde Dollar bis 2025. Ein Marshallplan für Nordkivu, so nennt es Emmanuel de Mérode. "Das ist nicht so verrückt, wie es klingt", sagt er. Aber natürlich klingt es genau so.
Es ist ein wahnwitziger Feldversuch: ein Nationalpark als Wirtschaftsmotor einer ganzen Region, im drittärmsten Land der Welt, in dem Dutzende bewaffnete Gruppen die Bevölkerung terrorisieren und der Staat sich so gut wie aufgelöst hat. Zu Virunga zählen Gebirge und Flüsse, ihre Kraft soll in Elektrizität für Dörfer und Städte umgelenkt werden. Denn ohne Strom keine Jobs, dann schließen sich die Männer den bewaffneten Gruppen an, zerfällt der Staat weiter. Diesen Zyklus will de Mérode durchbrechen, damit sich die Wirtschaft erholt, die Steuereinnahmen steigen, damit Geld da ist für Schulen, Kliniken und Straßen, für ein menschenwürdiges Leben.
Vielleicht ist es kein Zufall, dass der Tierschützer eigentlich Anthropologe ist.
Denn wenn es den Menschen gutgeht, dann schützen sie auch die Tiere. Dann fällen sie keine Bäume, jagen sie keine Elefanten, töten sie keine Gorillas. Es ist ein langer Weg, von der Wasserkraft bis zum Schutz der Gorillas. Emmanuel de Mérode glaubt, es sei der einzige.
"Wir müssen den Menschen hier zeigen, dass Naturschutz in ihrem Interesse ist, dass er einen wirtschaftlichen Nutzen haben kann. Das ist die einzige Chance, dass Virunga überlebt."
Aus der Luft sieht der Nationalpark aus, als hätte jemand ein zittriges Fragezeichen gemalt, 300 Kilometer lang, an der schmalsten Stelle knapp über 2 Kilometer breit. Im Süden der Kivusee, im Norden das Ruwenzori-Gebirge, dazwischen: Savanne, Regenwald, Vulkane. Etwa im Punkt des Fragezeichens liegt Rumangabo. Hier sitzt der Parkdirektor wie ein einsamer Feldherr. Jeden Tag verliert Virunga viele Hektar Land an Bauern und Dorfbewohner, Invasion als Normalzustand. Und Emmanuel de Mérode, 43, ist ja nicht mal Feldherr, sondern Beamter, angestellt bei der kongolesischen Nationalparkbehörde ICCN und Chef von 274 Rangern. Ein belgischer Prinz, der nie in Belgien gelebt hat. Geboren in Tunesien, aufgewachsen in Kenia, Studium in England. Danach kam er in den Kongo, und er ist nie wieder gegangen.
"Aber die größte Gefahr für Virunga derzeit ist Soco", sagt er.
1925 wird der Park von den Belgiern gegründet, seit 1979 ist er Unesco-Weltnaturerbe. Ab 1994 ziehen Hunderttausende Flüchtlinge durch den Park, 2008 steht Virunga vor dem Kollaps. Dann wird Emmanuel de Mérode berufen. Ein unmöglicher Job. Denn wie soll einer hier die Tiere schützen, wo schon die Menschen nicht zu schützen sind?
Zuerst feuert er alle Ranger, die an Wilderei und Holzraub beteiligt waren. Dann wirbt er weltweit um Spenden, erhöht die Gehälter der Mitarbeiter, schafft Uniformen an, Geländewagen, Computer. Er baut neun Schulen in den Dörfern, zwei Krankenstationen, hundert Kilometer Straße. Er macht aus dem Nationalpark ein Modell für einen besseren Kongo.
Noch bevor der neue Parkchef berufen wird, hat die Regierung Soco eine Konzession für die Ölsuche in Block V zugesprochen. 7500 Quadratkilometer, mehr als die Hälfte davon in Virunga. Doch der Vertrag hält auch fest, dass sich die Briten an die Umweltschutzgesetze des Kongo zu halten haben. Und die verbieten, in Nationalparks nach Öl zu suchen. Soco dürfte also eigentlich nur in dem Teil von Block V operieren, der außerhalb liegt.
Lange passierte nichts. Bis zum 18. Juni 2010. An diesem Tag bestätigt Präsident Joseph Kabila per Dekret den Vertrag mit Soco. Von Beginn an konzentrieren sie sich auf den Eduardsee, dort ist die Aussicht auf Öl am größten. Die Briten sehen die Konzession als Erlaubnis für die Ölsuche im Schutzgebiet. Der Parkdirektor besteht auf die Einhaltung der Gesetze. Damit beginnt ihr Wettstreit.
De Mérode muss jetzt beweisen, dass Naturschutz mehr Geld bringt als das Öl. Dass langfristige Projekte mehr nutzen als der kurzfristige Ressourcenboom. Er ist zuversichtlich, dass er gewinnen kann. Aber es ist ein ungleicher Wettbewerb.
Allein im vergangenen Jahr hat Soco einen Gewinn von über 100 Millionen Dollar gemacht. De Mérode hat im Jahr 4 Millionen zur Verfügung. Während er um jeden Dollar ringt, hat Soco alle Möglichkeiten, um in einem der fragilsten Schutzgebiete der Welt nach Öl zu suchen. Die Ölfirma wirbt um die Zustimmung der Bevölkerung, verspricht Schulen, Kliniken, Straßen, Jobs. Sogar einen eigenen Song lässt sie im Radio laufen: "Willkommen Soco, wir lieben dich sehr / weil du uns Entwicklung bringst."
Aber das Unternehmen verlässt sich nicht allein auf seine Überzeugungskraft. Mitarbeiter der von ihr beauftragten Sicherheitsfirma SSC beginnen offenbar, Parkbeamte, Politiker und Soldaten vor Ort zu bezahlen, meist über Mittelsmänner, damit diese Zugang und Sicherheit im Schutzgebiet garantieren. Das legen Recherchen der französischen Journalistin Mélanie Gouby und des britischen Filmemachers Orlando von Einsiedel nahe, die zwei Jahre lang undercover Belege und Aussagen gesammelt haben; Dutzende Gespräche mit Mitarbeitern und Helfern von Soco wurden heimlich aufgezeichnet. Ein Teil davon wurde am 17. April in dem Film "Virunga" auf dem Tribeca Filmfestival in New York gezeigt. Einige der hier veröffentlichten Erkenntnisse stammen aus ihren Recherchen. Die Ölfirma bestreitet in einer Stellungnahme solche Zahlungen, sowohl direkt wie über Mittelsmänner.
Soco hat drei Gegner in Virunga: den Parkdirektor, die Milizen und die Fischer. De Mérode hat seine Ranger angewiesen, die Briten nicht in den Park zu lassen. Einige der Ranger bekommen Geld angeboten, viele verweigern es. Das ist de Mérodes größter Erfolg: dass seine Ranger sich nicht bestechen lassen. Es ist ein kleiner Ausblick in eine bessere Zukunft, in der das Recht über die Rechtlosigkeit siegt. Und das gefällt nicht allen.
"Was wir uns wünschen, ist, dass de Mérode gefeuert wird. Wenn er geht, wird alles gut." Das sagt Julien Lechenault, Berater für Soco in Goma, im Juni 2012 in einer heimlich aufgezeichneten Unterhaltung. Er arbeitet seit August 2013 nicht mehr für Soco. Die Firma erklärt in einer Stellungnahme, alle Äußerungen Lechenaults gäben lediglich seine persönliche Sicht wieder.
Die Briten unterzeichnen mit der Parkbehörde in Kinshasa eine Vereinbarung, Soco spricht von "Eintrittsgeld", das man zahle, wie jeder Besucher. Dafür sorgt die Behörde offenbar dafür, dass die Ölfirma im Park arbeiten kann. Denn das Gesetz macht eine Ausnahme, Umweltstudien in Schutzgebieten sind erlaubt. Guy Mbayma, Vizechef der Parkbehörde und de Mérodes Vorgesetzter, beruft Treffen der Ranger in Virunga ein und droht: Wer gegen Soco sei, werde gefeuert. Er zwingt einige, die Ölfirma im Park zu eskortieren. So sagen es mehrere Zeugen aus.
Wenn Mbayma im Nordkivu ist, steigt er im teuersten Hotel von Goma ab. Man kann ihn dort leicht treffen, er hat nicht viel zu tun. Er vertritt jetzt eine für einen Umweltschützer ungewöhnliche Meinung. "Öl ist keine Gefahr für den Park, es wird den Menschen hier helfen", sagt er. "Ich habe wirklich positive Gefühle dafür."
Fürchtet er keine Umweltschäden, durch Bauarbeiten, durch austretendes Öl, durch Milizen, die Pipelines angreifen? "So wie ich das verstanden habe, kann man Pipelines unter der Erde verlegen, dorthin, wo das Öl ist. Wie soll das negative Effekte haben?" Schließlich sei Soco ja eine britische Firma, und: "Die Briten sorgen sich sehr um Naturschutz."
Socos zweites Problem sind die Milizen, die Virunga als Rückzugsgebiet nutzen: die Maji Maji, kriminelle Gangs, die von Erpressung und Überfällen leben. FDLR und M23, die einen Hutu, die anderen Tutsi, die hier seit dem Genozid in Ruanda mit wechselnden Namen und Anführern gegeneinander kämpfen. Allesamt sind sie verantwortlich für Morde und Massenvergewaltigungen.
Wer im Parkgebiet unterwegs sein will, kann das in der Regel nicht, ohne Schutzgeld an Rebellengruppen zu zahlen. Und die Soco-Leute kommen an Orte, die selbst für die Ranger zu gefährlich sind.
Ab 2011 kommt es zu einer Serie gezielter Angriffe der FDLR auf die Parkwächter. Elf Ranger sterben in diesem Jahr, alle in Block V. Zudem wird der Chef der für Soco arbeitenden Sicherheitsfirma von der FDLR entführt.
Dann beginnt im April 2012 die Rebellion der M23, die Miliz erobert schnell große Teile des Nordkivu. Die Arbeit von Soco im Park ist in Gefahr. Zwei hochrangige M23-Mitglieder behaupten, Soco sei in dieser Zeit über Mittelsmänner an sie herangetreten. "Soco ist ein großes Geschäft. Das ist Geld!", sagt ein Oberst. Und der damalige "Umweltminister" der M23 behauptet sogar, man habe von den Soco-Emissären zehn Millionen Dollar verlangt. "Sie sagten: kein Problem."
Soco bestreitet jede Beziehung zur M23, weder die Firma selbst noch SSC hätten ihr Geld gezahlt. Doch die Aussagen der M23 zeigen zumindest, dass die Anwesenheit einer internationalen Firma Begehrlichkeiten weckt, dass Öl ein neuer Treibstoff des Konflikts werden könnte.
Seit Tagen tobt ein Gewitter am Horizont. Es kracht und donnert, es beginnt morgens und hört auf, wenn die Dunkelheit einsetzt. Ein Gewitter?
Emmanuel de Mérode lacht.
Kein Gewitter, diesmal nicht. Hinter den Bergen bombardiert die kongolesische Armee die letzten Rebellen der M23. Und wenn es dämmert, kommt der General nach Rumangabo und schaufelt sich schweigend das Essen hinein, das de Mérodes Leute auftragen. Dann setzt er sich an den Kamin und schläft ein.
Immer schwächer wird das Gewitter, der Parkdirektor ist in diesen Tagen Anfang November 2013 so gut gelaunt wie lange nicht. "Der Krieg ist vorbei", sagt er, fast staunend. Am nächsten Morgen fängt er an, ein Wasserkraftwerk zu bauen. Seit 20 Jahren ist er im Kongo, seitdem geht ein Krieg in den nächsten über. Er weiß, dass der Frieden nur kurz ist. Und dass man ihn nutzen muss.
Auf dem Weg deutet er auf ein grünes Tal. "Hier lebten nach 1994 eine Million Flüchtlinge aus Ruanda." Wenig später fährt er auf das Grundstück bei Rutshuru, das er mit einer Spende des US-Philanthropen Howard Buffett erworben hat. Er hat in den vergangenen Monaten Pläne erstellt und Genehmigungen besorgt, jetzt planiert ein Bulldozer das Land. 12,6 Megawatt soll das Wasserkraftwerk leisten; das ist mehr, als der ganze Nordkivu derzeit zur Verfügung hat.
Er hat bereits eine kleine Anlage im Norden gebaut, sie soll bald Krankenhäuser, Schulen und eine Palmölfabrik mit Strom versorgen. Weil in de Mérodes Kopf alles mit allem zusammenhängt, will er bald auch Seife herstellen, 40 Tonnen täglich. "Erst wollten wir eigentlich nur einen Damm für unsere Station bauen", sagt er. "Aber dann dachten wir: Wir sollten es für die ganze Stadt machen." Und dann: Man könnte auch eine Fabrik versorgen und Jobs schaffen. Aber es gab keine Fabrik. Also gründete er ein Joint Venture mit einem Seifenfabrikanten.
Von Rutshuru fährt er weiter nach Norden, es ist das erste Mal seit über einem Jahr, dass er hier unterwegs ist. Er will wissen, wie es aussieht, nachdem die M23 abgezogen ist. Er fährt nach Norden, zum Eduardsee. Noch immer ist die Strecke gefährlich, daher fahren Soldaten als Eskorte mit. Seit 1996 sind mehr als 140 Virunga-Ranger im Einsatz getötet worden.
De Mérode sitzt am Steuer, den Fahrer hat er auf die Rückbank geschickt. Am Straßenrand stehen Säcke mit Holzkohle zum Verkauf; jeden Tag fällt in Virunga ein kleiner Wald. Der Geländewagen knallt in Schlaglöcher. "Früher war die Straße gut", sagt er. "In einer Stunde waren wir am Eduardsee." Dann fängt es an zu regnen, die Straße löst sich noch mehr auf. Vor den Dörfern sind die Löcher am tiefsten. Und immer stehen Helfer mit Schaufeln bereit. Im Ostkongo ist eine schlechte Straße der größte Arbeitgeber.
Irgendwann bleibt auch der Wagen des Parkdirektors stecken. Es dauert ein, zwei Stunden, bis er wieder frei ist. Als der Konvoi in Lulimbi am Eduardsee ankommt, ist es bereits Nacht. Fast einen ganzen Tag hat die Fahrt gedauert, für 65 Kilometer. Und dann hat de Mérode auch noch vergessen, Essen mitzunehmen. Die Ranger teilen ihre Rationen, Nudeln und Sardinen, dazu Kekse. Der Belgier isst schnell und konzentriert, manchmal verstummt er im Gespräch, trägt ihn ein Gedanke davon.
Wann hatte er seinen letzten freien Tag? Er überlegt einen Moment, aber da ist nichts. Seine Familie sieht er alle paar Monate in Nairobi. Seine Frau hat ihn vor zehn Jahren zuletzt hier besucht, seine Kinder waren noch nie da. Sie haben noch nie Gorillas gesehen. Er sagt, er wolle diese zwei Welten auseinanderhalten.
Lulimbi ist ein Ort der Hoffnung in Virunga. 2006 gab es hier fast keine Nilpferde mehr, doch jetzt wächst die Population wieder, plus 16 Prozent seit 2010. Auch die Zahl der Löwen und Elefanten nimmt zu. Es sieht aus wie in der Serengeti, schwer vorstellbar, dass Lulimbi vor wenigen Monaten eine Festung war, die sie mit Maschinengewehren gegen die FDLR verteidigen mussten. Vier Leichen der Angreifer haben sie am Ende geborgen.
Emmanuel de Mérode hat Luxuszelte in Europa bestellt, die er hier für die Touristen aufstellen will. Sie liegen verpackt im Lager. Die Frage ist, ob er sie je brauchen wird. Wer will schon neben Bohrtürmen auf Safari gehen?
Lulimbi ist der Ort, der unter Roger Cagles Zeigefinger liegt.
Wenn sie irgendwann nach Öl bohren, dann vermutlich hier. Aber das seien ja keine Wissenschaftler gewesen, die einst die Grenzen von Virunga festgelegt hätten, sagt Cagle in seinem Büro in London. Man könne sie auch jederzeit ändern. Und wurde nicht auch auf der ugandischen Seite des Eduardsees zur Probe gebohrt? "Da gab es keinen Ärger und keine Aufregung." Die andere Seite ist allerdings kein Unesco-Welterbe.
Aber er hat recht, es regen sich viele auf: Die EU, Großbritannien, Belgien und die Unesco protestierten gegen die Vergabe von Ölkonzessionen in Virunga. Total, im Besitz einer Konzession im Norden, verkündet angesichts des öffentlichen Drucks seinen Rückzug. Soco will weitermachen. Man wolle ja nicht im Gorilla-Gebiet nach Öl suchen, erklärt das Unternehmen gern. Das behauptet allerdings auch niemand, denn die Gorillas leben in der Vulkanzone. Und da, wo vulkanisches Gestein ist, gibt es kein Öl.
Cagles Strategie ist klar: Er will den ökologischen Wert von Virunga in Zweifel ziehen - und die Umweltschützer als fortschrittsfeindlich diskreditieren. "Würde ich dort leben, würde ich jede Form von Entwicklung wollen." Seine Pressesprecherin zählt ihre Projekte auf: eine mobile Klinik, Brunnen, einen Funkmast, Erneuerung einer Straße. Der Mast steht allerdings unweit des Soco-Camps, die Straße führt ganz in die Nähe.
Cagle beschreibt die Arbeit von Soco gern wie eine Art NGO-Projekt: Man wolle der Regierung helfen, den Wert der Ölreserven zu evaluieren. Dann müsse diese entscheiden, was damit passiere. Das Geschäftsmodell der Briten ist es, Öl dort zu suchen, wo sich kaum einer hintraut, und dann die Konzession zu verkaufen. Wenn es Öl in Virunga gibt, wird es am Ende mit hoher Wahrscheinlichkeit jemand fördern. Cagle wird dann schon anderswo suchen, vermutlich wieder im Kongo. Er sieht hier Potential.
Wann war er eigentlich das letzte Mal im Nordkivu? Cagle schaut auf. "Ich war noch nie da", sagt er.
Aus von den Rechercheuren aufgezeichneten Gesprächen mit Julien Lechenault, dem Soco-Mann in Goma: "Wir reden nicht mit diesen Leuten. Das ist, weshalb wir diese Scheiße andere für uns machen lassen." Und: "Wir sprechen mit allen. Nun ja, nicht ich. Nicht Soco. Sondern unsere Sicherheitsfirma. Wir wollen nicht mal hören, was sie sagen." Und: "Ich weiß nicht, wie viel er für Informationen zahlt. Wir fragen nicht und zahlen die Rechnung." Und: "Ich weiß, dass er in Kontakt mit den meisten Gruppen ist." Damit meint Lechenault den SSC-Mann, der für Socos Sicherheit zuständig ist. Lechenaults Äußerungen, auch wenn privat, zeigen, dass zumindest Soco-Mitarbeiter im Kongo von Zahlungen an Milizen offenbar Kenntnis haben. Einmal sagt er: "Wir können nicht so arbeiten, wie London das gern hätte."
Einer der wichtigsten Helfer ist offenbar Major Burimbi Kingi Feruzi, offiziell Verbindungsoffizier zu Soco. Aber Feruzi macht mehr: Er soll Ranger bezahlen, damit sie Soco unterstützen. Einem, so sagt Feruzi, habe er 19 000 Dollar gegeben, einem anderen stellt er in einem aufgezeichneten Gespräch bis zu 3000 Dollar in Aussicht. Soco sagt, es wisse nichts über den Vorfall. Solche Zahlungen seien auch nie autorisiert worden und widersprächen der Politik der Firma. Der Ranger Rodrigue Mugaruka Katembo wird im September 2013 verhaftet, als er tut, was seine Aufgabe ist: die Soco-Leute daran zu hindern, im Nationalpark einen Funkmast aufzustellen. Auf der Fahrt zum Gefängnis reden die Soldaten darüber, wie sie ihn umbringen könnten. Später im Verhör sagen sie: "Soco ist vom Präsidenten erlaubt worden, Öl im Park zu fördern. Wie kannst du es wagen, dagegen zu sein? Einer wie du kann jederzeit im See verschwinden." Erst nach fast drei Wochen kommt er frei.
Nachts brüllen die Löwen und Hyänen in Lulimbi, und am nächsten Morgen steigt de Mérode in ein Boot, das ihn auf die andere Seite des Eduardsees bringen soll. "Der halbe See wird von den Maji Maji kontrolliert", sagt der Parkdirektor. Rund um den See hat die Parkverwaltung Bojen ausgelegt, sie markieren die Uferzone, in der Fischen verboten ist. De Mérode will die Überfischung stoppen und damit langfristig die Erträge verdoppeln. Mehr Fisch, hofft er, könnte die 70 000 Menschen am See davon abbringen, immer tiefer in den Park einzudringen.
Die Fischer sind Socos drittes Problem.
"2010 kamen sie her, sie versprachen: Ihr werdet Jobs haben. Euer Leben wird besser werden. Die Leute haben sich gefreut", sagt ein Fischer aus Vitshumbi. Dann allerdings hätten sie erfahren, dass die Briten nur wenige 100 000 Dollar für Gemeindeprojekte zahlen. Und dass die Ölförderung ihre Lebensgrundlage gefährden könnte. Als sie im Dorf protestieren, werden Aktivisten festgenommen, sie bekommen Drohungen per SMS.
Soco behauptet in Presseerklärungen gern, man sei auf Zustimmung gestoßen. Der Fischer erzählt: "Jeder, der einen Verein oder eine Organisation hatte, bekam Geld. Sie haben dann eine Kampagne für Soco gemacht." Der damalige Soco-Berater Julien Lechenault hat das in einem heimlich mitgeschnittenen Gespräch bestätigt, er nennt das "fake politics".
Vielleicht sind auch in Kinshasa "fake politics" im Spiel. Ein Entwurf für ein neues Ölgesetz sieht vor, dass mit einfacher Kabinettsmehrheit die Ölförderung in kongolesischen Nationalparks beschlossen werden könnte. Dann hätte Emmanuel de Mérode verloren und Roger Cagle gesiegt. Aber noch ist nichts beschlossen, noch läuft die Wette.
Als der Parkdirektor nach vier Tagen wieder nach Rumangabo zurückkehrt, ist der General weg, nur ein paar leere Granathülsen liegen im Matsch. Dafür hat er Geld dagelassen, für Essen und Übernachtung seiner Leute. Ein General, der bezahlt, das gab es noch nie.
Und in de Mérodes E-Mail-Postfach sind Anfragen von Reiseveranstaltern eingetroffen. Sie fragen: Wann können wir wieder Besucher nach Virunga schicken?
Ende Januar kommen die ersten Touristen. Und Anfang April treffen sich in Goma 150 Vertreter von Staat und Zivilgesellschaft zu einer Konferenz über Virunga. Der Gouverneur des Nordkivu sagt: "Ich kann nun sehen, was der Park den Menschen hier bietet. Ich warte noch immer darauf zu sehen, was das Öl den Menschen bieten kann."
Am vorigen Dienstag fährt de Mérode allein von Goma nach Rumangabo, auf einer Straße, die eigentlich als sicher gilt. Drei Angreifer springen aus dem Gebüsch, zwei Kugeln treffen ihn im Oberkörper. Zwei Tage, bevor der Film anläuft.
Emmanuel de Mérode ist schwer verletzt. Aber er lebt. Und mit ihm sein verrückter Plan.
Von Juliane von Mittelstaedt

DER SPIEGEL 17/2014
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