19.04.2014

„Akt der Emanzipation“

Die Göttinger Medizinethikerin Claudia Wiesemann, 55, hält späte Elternschaft für ein gutes Zeichen: Sie zeige die wachsende Unabhängigkeit von Frauen.
SPIEGEL: Frau Professor Wiesemann, immer mehr Frauen bekommen ihr erstes Kind vergleichsweise spät, viele erst jenseits der vierzig. Was halten Sie von dieser Entwicklung?
Wiesemann: Sie zeigt, dass Frauen ihre Ausbildung, ihre Berufstätigkeit ernst nehmen und sich damit tatsächlich ein Stück Unabhängigkeit verschafft haben. Damit reagieren sie auf den Umstand, dass sich Karriereaufbau und Mutterschaft oft nicht gleichzeitig verfolgen lassen. Also verwirklichen sie ihre Bedürfnisse nacheinander.
SPIEGEL: Ist das denn eine wünschenswerte Entwicklung? Immerhin gehen diese Frauen das Risiko ein, am Ende kinderlos zu bleiben, weil sie zu alt sind.
Wiesemann: Natürlich wäre es besser, wenn bei uns Karrieremuster verbreitet wären, die es erlauben, beruflich aufzusteigen und gleichzeitig Kinder großzuziehen. Aber solange dies nicht der Fall ist, kann ich Frauen zu später Mutterschaft nur ermuntern. Wir wissen aus einer umfassenden Untersuchung ja auch, dass sich ein höheres Alter keinesfalls schlecht auf die Verfasstheit des Kindes auswirken muss. Im Gegenteil: Eine schwangere Frau zwischen 35 und 40 hat, verglichen mit einer Anfang Zwanzigjährigen, ein geringeres Risiko für Frühgeburtlichkeit. Und das ist ein zentraler Maßstab für die Gesundheit eines Kindes.
SPIEGEL: Andere Studien weisen allerdings zahlreich nach, dass Schwangerschaftsrisiken - auch jene für das Kind - mit dem Alter der Mutter ansteigen.
Wiesemann: Vor allem medizinische Studien betonen biologische Faktoren und berücksichtigen viel zu selten die kulturellen Effekte. In Deutschland wiegt die Lebenssituation später Mütter biologische Risiken in der Regel auf. Meist sind die Frauen sozial gut abgesichert und gebildet, sie haben weniger Existenzängste und achten auf ihre Gesundheit. Eine solche Frau hat selbst mit Mitte vierzig nur ein geringfügig erhöhtes Risiko, ihr Kind zu früh zur Welt zu bringen. Ausbildung und Berufserfahrung wirken sich also positiv auf die Fähigkeit zur Mutterschaft aus. Das höhere Alter ist zwangsläufig die Begleiterscheinung dieser Qualifikation. Aber diese Sicht verschwindet leider oft hinter einer umfassenden Gehirnwäsche.
SPIEGEL: Was meinen Sie damit?
Wiesemann: Ältere Frauen mit Kinderwunsch bekommen oft zu hören, dass sie den optimalen Zeitpunkt für Fortpflanzung längst verpasst haben. Da schwingt natürlich mit, dass sie viel zu lange in ihre Ausbildung und Karriere investiert haben. Als wenn das Alternativen sein müssten - Kind oder Karriere. Es ist im Interesse des Kindes, wenn die Mutter eine beruflich etablierte Frau ist und ihre Lebensumstände ohne fremde Hilfe absichern kann. Männern gestehen wir das seit Jahrhunderten problemlos zu, deshalb spielen späte Väter in der Diskussion um späte Elternschaft auch eine untergeordnete Rolle. Die gesamte bürgerliche Heiratspolitik der letzten Jahrhunderte folgte ja dem Prinzip, dass der Mann über ein solides Alter, ein solides Einkommen und einen soliden sozialen Rang verfügen sollte. Jetzt vollziehen späte Mütter diesen biografischen Entwurf nach. Sie finden dafür nur weit weniger Akzeptanz.
SPIEGEL: Warum ist das so?
Wiesemann: Diese Frauen durchbrechen soziale Gebote und Traditionen. Zudem gelten Frauen in unserer Gesellschaft nach wie vor weniger als Männer. Ein Herr mit grauen Schläfen hat, so schlicht es klingt, nach wie vor einen höheren Attraktivitätswert und gilt auch als grundsätzlich kompetenter. Maßt sich eine ältere Frau aber etwas gesellschaftlich so Bedeutsames wie Mutterschaft an, wird sie schnell als egoistisch eingestuft. Egoistische Frauen, Mütter gar, sind in der gesellschaftlichen Zuschreibung aber das Allerletzte. Frauen, auch die erfolgreichen, sind heute noch einer Vielzahl solcher Zuschreibungen ausgesetzt: Sie sollen Kinder bekommen - aber genau zum richtigen Zeitpunkt. Sie sollen sich dafür einsetzen, dass ihr Kind gesund ist - dürfen dabei aber auf keinen Fall eigene Maßstäbe ansetzen, zum Beispiel Präimplantationsdiagnostik durchführen lassen. Der soziale Raum, in dem sie sich richtig verhalten können, ist in Fragen der Partnersuche, des Heiratens und des Kinderbekommens nach wie vor sehr viel enger abgesteckt als der von Männern.
SPIEGEL: Sie klingen, als sei späte Mutterschaft ein Akt der Emanzipation.
Wiesemann: Ich sehe es in der Tat als Akt der Emanzipation, wenn Frauen Entscheidungen über ihr eigenes Leben treffen und sich dabei über Vorgaben hinwegsetzen.
SPIEGEL: Gibt es einen Zeitpunkt, an dem ein Paar - Frau wie Mann - zu alt ist, um Eltern zu werden?
Wiesemann: Grundsätzlich stehen die Rechte des Kindes gegen das Selbstbestimmungsrecht auf Fortpflanzung. Das Kind hat ein Interesse daran, in einer Familie bis ins Erwachsenenalter begleitet zu werden. Daher müsste mindestens ein Elternteil - Frau oder Mann - bei seiner Geburt eine durchschnittliche Lebenserwartung von weiteren 20 Jahren haben.
SPIEGEL: Gibt es andere Einschränkungen?
Wiesemann: Natürlich darf das Kind nicht durch reproduktionsmedizinische Techniken gefährdet werden. Bei der Kryokonservierung, also dem "Social Freezing" ...
SPIEGEL: ... junge Frauen lassen ihre jungen, intakten Eizellen einfrieren, um sie bei Bedarf später zu verwenden ...
Wiesemann: ... muss man sich diese Frage natürlich stellen. Nach derzeitigen Erkenntnissen birgt diese Technik keine Gefahren. Langfristig müsste man untersuchen, wie die auf diesem Weg gezeugten Kinder aufwachsen. Die Kryokonservierung auf Verdacht hin zu verbieten, wie es zuweilen gefordert wird, ist aber ethisch nicht gerechtfertigt.
SPIEGEL: Auch wenn sich in 20 Jahren herausstellen sollte, dass es ein falscher Weg war?
Wiesemann: Das wird es nicht. Wir haben die In-vitro-Fertilisation ebenfalls massenhaft angewendet und uns erst sehr viel später überlegt, dass wir vielleicht den Lebenslauf dieser Kinder untersuchen sollten. Und es hat sich herausgestellt, dass sie - als absolute Wunschkinder - überdurchschnittlich gut aufwachsen. Ein ähnlicher Effekt lässt sich für das Social Freezing annehmen. Insofern können wir das Experiment mit gewisser Zuversicht wagen.
SPIEGEL: In Hamburg wurde kürzlich ein Lehrerehepaar mit Hilfe einer Eizellspende zu späten Eltern; die Frau ist 51, der Mann 68 Jahre, die Eizelle stammte aus der Tschechischen Republik. In Deutschland sind solche Spenden verboten. Wie beurteilen Sie den Fall?
Wiesemann: Er ist ein weiterer Hinweis darauf, dass wir das Verbot rasch aufheben sollten - und zwar aus mehreren Gründen: Durch die Gesetzeslage entsteht soziale Ungerechtigkeit, weil sich nur Wohlhabende die Behandlung im Ausland leisten können. Die medizinischen Standards dort sind nicht unbedingt mit unseren vergleichbar. Auch die Situation der Spenderinnen ist oft inakzeptabel; sie werden schlecht bezahlt und mit Komplikationen häufig alleingelassen. Und nicht zuletzt lässt sich das Recht des Kindes, seine genetische Abstammung zu kennen, nur im eigenen Land effektiv durchsetzen. Ich plädiere daher für eine mögliche altruistische Eizellspende von Frauen, denen im Rahmen einer künstlichen Befruchtung ohnehin Eizellen entnommen werden müssen. Das ist auch im Hinblick auf das Kindeswohl ethisch vertretbar. Schwangerschaft, und damit eine bestimmte Form von Mutterschaft, sollte aber keine Ware sein. Deshalb würde ich das Verbot von kommerziellen Leihmutterschaften auch ausdrücklich beibehalten wollen.
SPIEGEL: In einer abgeschwächten Form war der bei uns weitverbreitete Ammenberuf vergleichbar: Mütter stellten ihren Körper für die Kinder anderer zur Verfügung und bekamen Geld.
Wiesemann: Das ist richtig, liegt aber lange zurück. Heute brauchen wir statt Leihmüttern eher ein vereinfachtes Adoptionsrecht. Die späte Elternschaft durch Adoption ist ja bislang nahezu ausgeschlossen, weil der Altersunterschied zum Kind höchstens 40 Jahre betragen soll. Diese Regelung ist durchweg unzeitgemäß. Kinder brauchen Bezugspersonen, zu denen sie Nähe und eine verbindliche Beziehung entwickeln können. Aus der Entwicklungspsychologie wissen wir, dass dies eine der wichtigsten Voraussetzungen für ein gelingendes Leben ist. Irgendwelche Altersgrenzen aber spielen dabei keine Rolle.

DER SPIEGEL 17/2014
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