28.04.2014

Picobello

EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTE: Warum eine italienische Putzfrau zeitgenössische Kunst entsorgt
Sie nimmt all ihren Mut zusammen, holt tief Luft, zählt bis drei, stürmt ins Zimmer, zum Tisch mit den leergegessenen Pizzakartons. Sie soll die Arme in die Hüften stemmen, soll rufen: "Madonna! Was habt ihr mir da wieder für einen Müll hinterlassen!"
Weil sie sich danach verhaspelt bei dem Wort "raccolta differenziata", Mülltrennung, wird auch diese Einstellung wiederholt werden müssen. Seit Stunden geht das so. Die Frau, im blauen Kittel, mit dem Wischmopp in der Hand, tut sich schwer. Sie stand noch nie vor einer Kamera.
Anna Macchi, 48 Jahre alt, ist jetzt ein Werbestar. Eine Putzfrau mit schlechten Zähnen und streng nach hinten gebundenem Pferdeschwanz, die ein Missgeschick hatte; das ist es, was man nun in der Stadt Bari und weit darüber hinaus über Anna Macchi weiß.
Es geschah an einem Mittwoch Mitte Februar. Um fünf Uhr morgens begann Anna ihren Dienst, sie ist zuständig für die Reinigung der Museen. In einer alten Markthalle sollte am Abend eine Ausstellung eröffnet werden, irgendwas Modernes. Anna interessiert sich nicht für Kunst. In ihrer Sozialwohnung hängt Jesus über der Eingangstür und die Jungfrau Maria am Bett.
Anna wunderte sich über die Bierflaschen, die herumliegenden Zeitungsschnipsel, die halbfertigen Bleistiftskizzen und besonders über die vielen Kekskrümel. Sie putzte und wischte, bis alles picobello und der Terrakotta-boden ohne Flecken war.
Als es draußen hell wurde, überlegte sie kurz, ob sie ihren Chef um Erlaubnis fragen solle, verwarf den Gedanken und pfiff auf der Straße einen Müllmann herbei. Der lud den Kram auf seinen Wagen und fuhr - bemerkenswert effizient auch dieser Süditaliener - auf direktem Wege zur Müllverbrennungsanlage.
Drei Stunden später sah Antonella Marino, Kuratorin der Ausstellung, eine südländische Schönheit mit lilafarbenem Lidschatten und markanter Nase, dass Werke fehlten, Zeichnungen und Gebrauchsgegenstände, sogenannte Ready-mades, inspiriert von Marcel Duchamp. Daraus sollte eine Ausstellung werden über das Präsentieren von Alltag, eine ambitionierte Show mit 41 jungen, internationalen Künstlern, gesponsert mit EU-Geldern. Die Kekse hatten sie bei Ikea gekauft und eigenhändig zerkrümelt, als Globalisierungskritik war das gemeint.
Die Kuratorin hakte bei der Reinigungsfirma nach und erfuhr von dem Desaster, sie wähnte Kunst im Wert von 12 000 Euro im Eimer. Am selben Abend wurde trotzdem eröffnet, denn ein lokaler Online-Reporter hatte über Anna geschrieben, ihre Geschichte wurde tausendfach geklickt. Die Menschen strömten in die Ausstellung. "Die Eröffnung war die Hölle", sagt die Kuratorin. "Immer dieses Herumgenörgel an neuer Kunst. Immer diese Putzfrauen, ich kann sie nicht leiden!"
Die Geschichte der zeitgenössischen Kunst ist tatsächlich kaum denkbar ohne die Pannen der Reinigungskräfte: In Dortmund entfernte eine Kollegin von Anna Macchi den Kalkfleck in einer Martin-Kippenberger-Arbeit. In London wurde gleich ein ganzes Werk von Damien Hirst in die Tonne geworfen. Der berühmteste Fall aber ist die Fettwanne von Joseph Beuys.
Was kaum jemand noch in Erinnerung hat: Es waren nicht Putzfrauen, die Anfang der siebziger Jahre die beuyssche Badewanne schrubbten, es waren Leverkusener SPD-Genossinnen, die während eines Festes ein Gefäß suchten, in dem sie Gläser spülen konnten. Zur Legende wurde die Geschichte durch einen Werbespot für das Scheuermittel Ata: zwei Putzfrauen, eine Wanne, ein empörter Künstler, der Spot hat sich in das Gedächtnis der Deutschen gebrannt. Putzfrauen verkörpern seit der Beuys-Geschichte eine volkstümliche Form der Kulturkritik: Ist das Kunst? Nein, das kann weg.
All das schwingt mit, wenn Anna nun diesen Werbefilm dreht. Im Auftrag der Stadt soll sie den Bewohnern von Bari erklären, wie man Müll trennt.
Die Idee zu dem Spot hatten drei junge PR-Assistenten, sie stehen am Set, mit Vollbart und schmalem Schlips, und üben sich in Geduld. Anna zittert, weil sie alles richtig machen will. Sie schämt sich, weil sie Analphabetin ist und ihr Mann sie sitzengelassen hat mit vier Kindern. Sie verdient 650 Euro im Monat, eine Schule hat sie nie besucht, und wenn sie spricht, was selten vorkommt, dann nur im hiesigen Dialekt. Aber Anna weiß: Dieser Spot ist ihre Chance, sie muss sie nutzen, sie muss ihrem Leben eine Bedeutung beimessen, das es vorher nicht hatte.
In Bari erkennen Passanten sie nun auf der Straße. Sie trat auf in einer Talkshow und machte "bella figura". Anna Macchi hat alles richtig gemacht, finden die Leute. Ob sie bereut? "Nö", sagt Anna, "wenn das moderne Kunst sein soll, wenn man die nicht mal von Müll unterscheiden kann - dann kann sie so großartig ja nicht sein."
Am Abend dreht sie die Schlussszene, sie steht vor drei Recycling-Tonnen. Die Wörter Papier, Plastik und Glas kann sie nicht lesen, aber das macht nichts. Anna scherzt mit der Filmcrew, sie ist keine einfache Putze mehr, man könnte sagen, sie ist durch ihre Unwissenheit klug geworden. Sie sagt: "Endlich können meine Kinder in der Schule mit mir angeben, wenigstens das."
Von Fiona Ehlers

DER SPIEGEL 18/2014
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