28.04.2014

KOLUMBIENTanja, 36, Guerillera

Mehr als zehn Jahre kämpfte die Holländerin Tanja Nijmeijer im Dschungel für die Rebellengruppe Farc. Nun nimmt sie an Friedensverhandlungen teil, im längsten Bürgerkrieg der Welt. Ein Treffen mit der Gesuchten.
Für das Ende Tanja Nijmeijers gab es bisher zwei Möglichkeiten: ein Grab im kolumbianischen Dschungel oder die Zelle eines amerikanischen Hochsicherheitstrakts. Sie hatte nie Zweifel, welche Möglichkeit sie bevorzugen würde: "Ich werde im Dschungel sterben."
Nijmeijer wird von Interpol gesucht wegen dreifachen Kidnappings, des Benutzens einer Feuerwaffe während eines Gewaltverbrechens und der Unterstützung einer terroristischen Vereinigung.
An diesem Nachmittag kommt sie ein paar Minuten zu spät zum vereinbarten Treffpunkt, einem Kongresshotel im Westen Havannas. Hinter den getönten Scheiben der Lobby sieht man sie die Auffahrt hinaufgehen, ihr Rücken ist gebeugt, ihr Gang langsam, begleitet wird sie von einem Soldaten aus der Leibwache der Guerillagruppe Farc, deren Mitglied sie ist. Vielleicht soll er sie beschützen. Vielleicht soll er auch aufpassen, dass sie nicht flieht.
Auf Desertieren steht bei der Farc, einer der ältesten Rebellengruppen der Welt, die Todesstrafe. Die Schiebetür öffnet sich, ihr schmaler Mund verzieht sich zum Lächeln. "Wie soll das hier laufen?", fragt Tanja Nijmeijer.
Sie will wissen, in welcher Sprache das Gespräch geführt wird. Sie spricht fünf. Dann bestellt sie einen Cappuccino. Die Männer in der Lobby drehen sich um, wenn sie ihr hartes Lachen hören, und sehen eine Frau von 36 Jahren, mit weichen Augen und gezupften Brauen, mit Ohrringen und Blümchenkleid. Ihre Hand zittert in den ersten Stunden des Gesprächs. Sie raucht Zigaretten der Marke Hollywood. Im Fernsehen läuft ein Tennisspiel. Nijmeijer redet von der Technik, im Dschungel rauchlos Feuer zu machen.
Es war lange nicht möglich, mit Tanja Nijmeijer zu sprechen. Sie lebte und kämpfte im Regenwald, auf einer Fläche, so groß wie Schweden, und war meist auf der Flucht vor der Armee. Sie galt als verschollen, manchmal als tot, und selbst wenn man sie gefunden hätte: Ihr Gehirn sei manipuliert, sagten ihre Gegner, sie könne nur in marxistischen Phrasen reden. Bis vor wenigen Monaten.
Da treffen nach mehr als zehn Jahren im Dschungel plötzlich Funksprüche in Tanjas Lager ein, Koordinaten werden durchgegeben: Sie soll ihr Versteck verlassen. Sechs Tage hat sie Zeit, um zu einem geheimen Treffpunkt der Rebellen zu gelangen. Mit einem Trupp von Begleitern wandert sie nachts auf Schlammpfaden durch die Berge und schlägt tagsüber auf Palmblättern ihr Lager auf. Das kolumbianische Militär demilitarisiert ein Gebiet von 50 Quadratkilometern, um der Rebellin sicheres Geleit zu gewähren. Am Ende wartet ein Helikopter des Roten Kreuzes auf sie. Sie fliegt nach Bogotá, von dort weiter nach Kuba.
Nijmeijer folgt den Anweisungen ihres Kommandeurs, so wie sie es gelernt hat. Nach gut zehn Jahren ohne Auto, Internet, Handy oder Geldautomat kommt sie in Havanna an. Sie erfährt, dass sie Teil einer hochrangigen Delegation der Farc ist, die mit der kolumbianischen Regierung über einen Friedensvertrag verhandeln soll.
Ihre Aufgabe ist es, die Delegation mit ihren Englischkenntnissen zu unterstützen. Sie übersetzt in den nächsten Monaten die Statements der Delegation, aktualisiert die Website, twittert und schreibt auf der Facebook-Seite der Rebellen. Wahrscheinlich soll sie auch noch etwas anderes sein: ein Aushängeschild der Farc.
Neben Tod und Gefängnis ist eine dritte Möglichkeit im Leben Nijmeijers hinzugekommen: Frieden in Kolumbien, ein Ende des längsten Bürgerkriegs der Welt, der vor 50 Jahren begann.
Seither sind über 200 000 Menschen gestorben, viele von ihnen wurden von der Farc getötet, den "Revolutionären Streitkräften Kolumbiens", die einst antraten, die Rechte der Armen zu verteidigen.
Doch seit November 2012 verhandeln Farc und Regierung wieder miteinander, auf Kuba, auf neutralem Grund. Um sechs Punkte geht es dabei: um eine Landreform, die Entwaffnung der Rebellen, die Entschädigung der Opfer auf beiden Seiten, die Beendigung des Drogenhandels, die künftige politische Rolle der Farc sowie die Umsetzung der Vereinbarung. Einen Waffenstillstand gibt es jedoch nicht; in Kolumbien bekämpfen sich Militär und Farc weiterhin.
Nur für Kuba, nur für die Zeit der Verhandlungen, ist die Interpol-Fahndung nach Nijmeijer ausgesetzt. Ein kleines Zeitfenster hat sich geöffnet, die gesuchte Terroristin zu sprechen. Und es gibt viele Fragen.
Kein Ausländer ist je so hoch aufgestiegen in die Führungsriege der Farc wie Nijmeijer, Guerillera Nummer 608372. Was hat sie dazu gebracht, bei der Farc mitzukämpfen, bei einer Organisation, der Kokainschmuggel, das Verlegen von Landminen und Anschläge vorgeworfen werden? Und Entführungen, die jeden treffen können, einen Bauern oder eine Politikerin wie Ingrid Betancourt.
Manchmal, sagt Nijmeijer, denke sie an das Leben, das sie hätte führen können. Ein Haus in den Niederlanden. Drei Kinder. Ein bürgerlicher Beruf. Sie schweigt, sie schaut sich um in dem Hotel, das symbolisiert, was sie so verachtet: eine Espressomaschine, Erdnüsse für vier Dollar, Red Bull und ein gelangweilter Angestellter vor einem Aquarium. Sie sagt: "Ich wäre heute sehr frustriert."
Ihren Pass hat sie damals auf dem Kochfeuer ihrer Kompanie verbrannt, drei oder vier Monate nachdem sie sich den Rebellen angeschlossen hatte. Sie sah keine Notwendigkeit mehr, einen Pass zu besitzen. "Und das war es", sagt sie. Das Ende ihres alten Lebens. Drei Schritte waren es für Tanja Nijmeijer zur Farc, und der erste Schritt war ein Zufall.
Es ist Mitte Dezember 1997, Nijmeijer ist 19 Jahre alt. Sie kommt aus einer Vorlesung, betritt die Cafeteria im ersten Stock des Romanistikinstituts in Groningen. Sie holt sich einen Kaffee und schlägt die Studentenzeitung auf. "Englischlehrerin gesucht", steht dort. Es geht um einen Job in Kolumbien. Sie war noch nie in Südamerika. Es klingt aufregend, sie bewirbt sich. "Sie wissen, dass in Kolumbien Krieg herrscht?", fragt sie der Beamte in der Botschaft. "Nein", sagt sie.
Den zweiten Schritt tut sie aus schlechtem Gewissen heraus.
In Kolumbien unterrichtet sie Englisch an einer Schule für die Kinder der Reichen in Pereira, am Fuße der Anden. Nach dem Frühstück verlässt sie ihre aufgeräumte Apartmentsiedlung und sieht Obdachlose im Müll wühlen. In Bogotá geht sie durch die Shopping-Malls, nicht weit davon sieht sie die Hungernden. Sie weint jetzt oft. Eines Tages sitzt sie im Schulbus und sieht eine Indianerfamilie, die barfuß durch den Dreck läuft. Eines der Kinder im Bus zeigt mit dem Finger auf die Indigenen und ruft: "Ihr seid arm, und wir sind reich!" Sie schämt sich. Und sie hat Fragen.
Sie wendet sich an eine Professorin für Mathematik, die sie kennengelernt hat. Nijmeijer fragt: "Macht es euch Kolumbianer nicht traurig, in so einer Stadt zu leben, wo der Norden alles hat und der Süden nichts?" Die Professorin fragt zurück: "Macht es euch Europäer nicht traurig, alles zu besitzen, während andere Länder nichts haben?" Nijmeijer weiß nicht, was sie antworten soll.
Der dritte Schritt folgt einer Mission.
Als das Jahr in Kolumbien zu Ende geht und Tanja in die Niederlande zurückkehrt, habe sie ein Fieber gepackt, sagt sie, ein merkwürdiges Fieber. Sie glaubt, dass sich etwas ändern muss. Muss Gerechtigkeit nicht erzwungen werden? Notfalls mit allen Mitteln? Sie nimmt Kontakt auf mit den Internationalen Sozialisten. Sie verkauft linke Zeitungen auf der Straße, sie demonstriert vor dem Parlament in Den Haag. Mit einer Gruppe Aktivisten simuliert sie dort ein Massaker, um gegen den Bau einer US-Militärbasis auf der Karibikinsel Curaçao zu protestieren. Die Polizei steckt sie 26 Stunden lang ins Gefängnis. Viel weiter kommt man als Revolutionärin in Europa nicht. Es ist schwierig, in einem sauberen Land Geschichte zu schreiben. Zu Hause bittet Hanni Nijmeijer, Krankenschwester, ihre Tochter zum Gespräch. "Du bist auf einem schlechten Weg", sagt sie. "Was willst du von deinem Leben?"
Tanja Nijmeijer sagt, sie wolle nicht mehr diesen Kapitalismus, der Tausende in den Tod stürze. "Tanja, schau dir die Sowjetunion an, der Kommunismus ist gescheitert", entgegnet ihr Vater.
"Ja", sagt Nijmeijer, "aber vielleicht wird er in einem anderen Teil der Welt funktionieren."
Sie beendet ihr Studium, so wie sie immer alles zu Ende gebracht hat. Ihre Eltern wollen, dass sie als Managerin einer Fleischfabrik arbeitet. Die Tochter aber träumt weiter von der Revolution. Nijmeijer reist wieder nach Kolumbien und trifft sich mit der Professorin. Sie sagt: Ich will nicht mehr Zuschauerin sein. Die Professorin erwidert, sie selbst sei bei der Farc - und sie könne Nijmeijer zu den Rebellen bringen. Und so geschieht es.
Alltag im Dschungel: "Der Rucksack muss immer, immer, immer fertig gepackt sein. Hinein gehören ein Moskitonetz, Zelt, Uniform, Unterwäsche, Socken, Decke, zwei Flaschen Benzin. Reis, Bohnen, Linsen, Spaghetti, Zucker, Salz, Mehl. Normal sind 20 Kilo Essen im Rucksack. Insgesamt 30 bis 35 Kilo."
Es ist, als hätte Nijmeijer an einer Weiche ein anderes Gleis genommen, als rauschte sie auf unbekannten Schienen einem fremden Ort entgegen. Eine Aktivistin, die in Kolumbien seit Jahrzehnten Ex-Farc-Mitglieder in Gefängnissen betreut, sagt: "Tanja ist eine Rebellin ohne Grund." Ein einflussreicher Minister der kolumbianischen Regierung sagt: "Ein zerbrochener Mensch. Eine Geisel ihrer Ideologie." Der neue Mann in ihrem Leben, ein Soldat der Farc, sagt: "Sie ist eine von uns, eine Camarada." Ihre Mutter sagt: "Sie bleibt immer meine Tochter."
Es ist Freitagabend, ein paar Tage nach dem ersten Treffen. Tanja Nijmeijer läuft durch die Calle Obispo in der Altstadt Havannas. Die Bars haben geöffnet, Musik dringt heraus, die Menschen tragen T-Shirts und kurze Hosen. Tanja mag die Wärme nicht, sie liebt es kalt und windig. Auch ihr Bett ist ihr zu weich, sie legt sich jeden Abend mit einer Wolldecke auf den Boden. Jeden Morgen steht sie um fünf Uhr auf, um drei Runden zu laufen, immer 40 Minuten. Sie sagt, sie sei noch immer eine Soldatin.
Auf der Straße tanzen die Touristen Salsa, Tanja Nijmeijer redet vom Krieg. "Ich musste darum betteln, mitkämpfen zu können", erzählt sie. Immer sei sie wie ein rohes Ei behandelt worden. Das habe sie gestört. Wer anerkannt werden wolle bei der Farc, der müsse auch Scheiße fressen können.
Drei Monate dauert ihr Grundkurs. Sie lernt, ihren Körper fallen zu lassen und den Mund zu öffnen, sobald die Bomber kommen. Druckausgleich, damit Trommelfell oder Lunge nicht platzen. Sie lernt Bomben zu bauen. Sie lernt, in Deckung zu gehen. Das Leben im Dschungel ist ein Leben mit dem Gehör. So dicht ist die Baumdecke, dass die Ohren Hubschrauber und Flugzeuge als Erste entdecken müssen. Einmal verirrt sie sich nachts. Sie kauert sich hin und wartet auf die Dämmerung, sechs Stunden lang. Experimente mit der eigenen Angst. Jede Überwindung gibt ihr Bestätigung.
Als Tanja Nijmeijer in Havanna zum Arzt geht, wird ihr ein Tinnitus diagnostiziert. Sie solle, sagt die Ärztin, Bomben und Schusswechsel meiden. "Das kann ich nicht versprechen", antwortet sie.
Der nächste Schritt: eine Begegnung mit dem Tod. 27. März 2010, ein Offizierskurs in den Bergen. Tagsüber Unterricht, Stunden in revolutionärer Philosophie und politischer Ökonomie. Am Nachmittag nehmen sie ein Bad im Fluss. Am Abend hat Nijmeijer Essensdienst, in einem riesigen Topf kocht sie Reis und Kartoffeln für ihre Kompanie, 54 Männer und Frauen. Da nähert sich der Lärm von Militärhubschraubern und -flugzeugen vom Typ Super Tucano, gebaut für den Anti-Guerilla-Einsatz. Der Kommandeur gibt den Befehl zum Rückzug.
Nijmeijer kauert in einem Graben, den sie am Vortag geschaufelt haben. Sie sieht den Topf, in dem sie gekocht haben. Nie etwas zurücklassen, das hat sie gelernt. Sie springt auf, nimmt den Topf und hastet den Hang hinauf. Ein junger Mann vor ihr fällt hin. Er dreht sich um. "Lass mich nicht sterben", flüstert er. Die Salve eines Maschinengewehrs hat ihn getroffen. Sie holt die Infusionslösung heraus, die jeder Rebell dabei hat, sticht die Nadel ein, aber der Kamerad rührt sich nicht mehr. Wenige Stunden später beginnt das nächste Bombardement.
Eine Videobotschaft von Tanja: "Und wenn die kolumbianische Armee und die kolumbianische Regierung immer noch glauben, dass ich hierher entführt wurde, nun, dann sollen sie kommen, mich zu retten. Und wir empfangen sie hier. Mit Kalaschnikows. Mit Minen. Mit Mörsern. Mit allem."
Nachts, beim Abhören der Funksprüche amerikanischer Kampfpiloten, bei den Explosionen der Bomben, die sie immer besser zu unterscheiden weiß, denkt sie irgendwann: Hier werde ich sterben. So erzählt sie es heute. Das Grab wäre sarglos, überlegt sie, es müsste unter großen Urwaldbäumen angelegt werden, die Blätter so dicht, dass man den Boden nicht sieht, damit ihre Kameraden kein leichtes Ziel abgäben. In der ersten Nacht würde ja eine Ehrengarde am Grab wachen.
"Frohe Weihnachten", wünscht sie ihrer Familie per Videobotschaft. "Ich glaube, wir kämpfen für eine gute Sache. Ich habe viel geweint, weil ich euch so vermisse. Aber ich weiß auch, dass ich hier das Richtige tue. Und dass ich hierbleibe. Ich werde nicht gehen."
Sie hat zu tun. Schutzgeld eintreiben, Anschläge auf Busse, Verhör von drei Mitarbeitern einer US-Firma, die im Dschungel notlanden mussten, ausgerechnet neben einem Farc-Lager. "Wenn unsere Regierung das wollte, wäret ihr in sechs Monaten platt", sagt einer der Männer.
"Ihr wisst schon, dass bei einer Invasion als Erste die Kriegsgefangenen sterben", entgegnet sie. Sätze wie diese sind Auslöser der Interpol-Fahndung.
Und dann Warten. Freunde gehen und kommen. Unsinnige Befehle. Märsche durch den Wald. Korrupte Kommandeure. Ein Ideal, das bröckelt. Heimweh nach Käse, Fußball, Brot. Einmal findet Nijmeijer in einem eroberten Farmhaus ein Telefon. Sie ruft ihre Mutter an. Die Eltern weinen, Tanja erzählt, dass es ihr gutgeht, sie ist glücklich, wieder ihre Stimme zu hören. Zur Strafe bekommt sie zehnmal Küchen- und Latrinendienst, sie muss den Müllgraben buddeln und zehn Seiten schriftlich reflektieren, was sie getan hat. Die Regeln der Farc sind streng, jeder Fehltritt wird bestraft. Ein Anruf ins Ausland ist ein Fehltritt. Zu gefährlich.
Im Jahr 2007 greifen Soldaten ihr Camp an, sie finden Nijmeijers Tagebuch. An einem Tag im November 2006 hat sie in das alte Schulheft geschrieben, Herzchen auf der Vorderseite, Schreibschrift innen: "Ich bin müde. Müde von der Farc. Müde von Menschen. Müde vom Zusammenleben. Müde davon, keine Dinge für mich selbst zu haben. Ich bin in diesem Boot seit vier Jahren. Wache halten, Gymnastik, Gespräche, Streiten, Arschloch-Kommandeure. Ich vermisse meinen Freund. Und ich fühle mich nutzlos hier. Mache einen langweiligen Kurs mit Karel, der uns angeblich für eine Stadtmission vorbereiten soll. Während ich weiß, dass ich den Dschungel nie verlassen werde. Ich hänge hier fest. Und dann will ich doch nicht weg. Ich will nur wandern, lachen, kämpfen, Mahlzeiten kochen, ohne irgendwelche Probleme."
Für was kämpft sie, was ist das Ideal?
Der alte Präsidentenpalast in Havanna, hier hat einst der Diktator Fulgencio Batista regiert, heute ist der Palast ein Museum der Revolution. Vor dem Gebäude steht ein ausgedientes Sturmgeschütz. Fidel Castro soll der Legende nach damit von Land aus das US-amerikanische Kriegsschiff "Houston" versenkt haben, das 1961 Teil der Angriffsflotte in der Schweinebucht war. Drinnen gruseln sich Touristen, sie stolpern so lustvoll durch die Ausstellung wie durch eine Geisterbahn. Nijmeijer geht die Treppe hoch, vorbei an den Einschusslöchern, vorbei an Castro als Bronzeminiatur.
Guerillas sind unsichtbare Armeen. Sie kämpfen Kriege einer vergessenen Zeit, die selten zu gewinnen sind. Die meisten Guerillakriege dauern etwa zehn Jahre, die kubanische Revolution war nach zwei Jahren militärisch erfolgreich. Der Krieg in Kolumbien währt schon 50 Jahre.
"Unser Moment ist eben noch nicht gekommen", sagt Tanja Nijmeijer. Dann betritt sie den Raum, der Che Guevara gewidmet ist, ihrem Vorbild. Er steigt dort als Wachsfigur aus einem künstlichen Urwald. Sein Todestag ist ein Gedenktag auf Kuba, sein Gesicht auf Millionen T-Shirts geprägt. Die Führer der Farc kennt kaum einer. Che Guevaras Karabiner ist unter Glas ausgestellt. "Haben wir auch", sagt Nijmeijer. Sie redet von Schusswaffen, AK-47, M16, AR-15. "Ich bin ein guter Scharfschütze", sagt sie. Für die anderen Besucher sind die Museumsstücke so aktuell wie die Französische Revolution. Für Nijmeijer sind sie Alltag. Ihr Kampf ist kein Museum.
Die Frage ist, was einmal aus ihrer Bewegung wird. Werden die Rebellen als Helden verehrt wie Guevara, oder gehen sie als Drogenhändler in die Geschichte ein? In Kuba ist jede Rakete, jeder Panzer der Revolutionäre ausgestellt. Was bleibt von der Farc? Sie denkt nach. Sie haben keine Panzer oder Schiffe. Das Handtuch des Farc-Gründers Manuel Marulanda fällt ihr ein, das heben sie immer noch auf.
Ein Lied von Nijmeijer, für die Gitarre komponiert: "Hier verzagt keiner, wir sind voll von Moral, von Kampfesmoral, von Kampfesmoral, voller Moral." Sie möchte bei der Farc bleiben, auch wenn es viele Möglichkeiten gäbe zu fliehen. Denn der Soldat der Farc, der sie zum ersten Treffen begleitete, ist nicht ihr Wächter, sondern ihr Liebhaber. Sie kann allein durch die Stadt spazieren, sie könnte sich jederzeit in der niederländischen Botschaft melden. Aber sie will nicht.
Ein paar Tage später in Havanna, ein Gespräch auf der Plaza Vieja in der Altstadt. Nijmeijer betrachtet die Tauben auf dem Kopfsteinpflaster und trinkt Kaffee. Während sie spricht, explodiert eine Bombe in Pradera im Westen Kolumbiens. Ein Mann stirbt, 61 werden verletzt. Eine Woche später übernimmt die Farc die Verantwortung und entschuldigt sich. Dutzende Splittergruppen stellen den Führungsanspruch der Bewegung in Frage. Die Farc hat nicht mehr alles unter Kontrolle. Es ist nicht einmal klar, ob sie den Frieden halten kann, den sie hier auf Kuba vielleicht aushandeln wird.
Warum müssen Frauen bei der Farc ihre Kinder abtreiben?
"Weil sie Soldaten sind. Kinder halten uns vom Kämpfen ab. Jede Frau weiß, bevor sie der Farc beitritt, dass sie nicht schwanger werden darf. Wenn sie es doch tut, wird es kompliziert."
Warum verlegt die Farc Landminen? "Es tut mir leid um die Kinder, die dabei sterben, aber wir sind im Krieg. Wir müssen Wege finden, uns zu verteidigen."
Unterstützt ihr den Drogenschmuggel? "Wir bauen kein Kokain an, wir besteuern lediglich die Kokainhändler."
Warum entführt ihr Menschen? "Das machen wir seit 2013 nicht mehr. Es gab in der Vergangenheit Gefangennahmen aus finanziellen Gründen. Jetzt nehmen wir höchstens noch Kriegsgefangene."
Was ist mit Erpressung? "Es gibt keine Erpressung, es gibt eine Revolutionssteuer. Wir nehmen sie von den Reichen, die mehr als eine Million Dollar besitzen."
Auf jede Kritik hat sie eine Antwort. Ihr Raster der Ideologie funktioniert.
Sätze im Tagebuch: "Ich bewege mich wie ein Fisch im Wasser. Der Dschungel ist mein Zuhause. Die Farc ist mein Leben, meine Familie."
An einem Abend vor der Kirche des Heiligen Franz von Assisi, es singt Silvio Rodríguez. Scheinwerfer leuchten über die Menge, Tausende sind gekommen, um den Liedermacher der kubanischen Revolution zu hören. Ein weißer Mercedes-Bus hat die Gäste aus Kolumbien zum Konzert gebracht. Junge Mädchen bieten Tanja Nijmeijer ihren Lippenstift an, schenken Rum ein. Rodríguez singt jetzt ihr Lieblingslied, "Ojalá" heißt es: "Ich wünschte, die Morgendämmerung stieße keine Schreie aus, die auf meinen Rücken prallen. Ich wünschte, wenigstens der Tod nähme mich mit, damit ich dich nicht immerzu sehe." Sie kann jede Strophe mitsingen. Für einen Moment ist es, als wäre sie eine normale Konzertbesucherin, eine Touristin aus den Niederlanden, mit Haus und drei Kindern.
Dinge, die sie sich wünscht: Einmal "Avatar" in 3-D sehen. Einmal eine Lichtung nicht als Gefahr wahrnehmen. Einmal in die Niederlande fahren und ihre Familie wiedersehen.
* 1996 in Oldenzaal.
Von Jonathan Stock

DER SPIEGEL 18/2014
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