05.05.2014

RegierungLeicht kompliziert

Seit März sollten Bundesbehörden ihre Internetseiten für Menschen mit Behinderung übersetzt haben. Einige Ministerien haben das versäumt.
Gabi würde sich gern politisch informieren. Doch die 40-Jährige, die ihren Nachnamen lieber nicht nennen möchte, ist geistig behindert, hat Lernschwierigkeiten und kann nur einfache Sätze verstehen. Abkürzungen, Fremdwörter, Schachtelsätze, all dies bereitet ihr Probleme. In politischen Texten kommen die jedoch fast immer vor. "Ich will wissen, was in der Politik los ist, aber es ist wirklich schwer für mich, das herauszufinden", sagt sie. Sie versteht lediglich die sogenannte Leichte Sprache. Kurze Sätze, möglichst keine Konjunktive, höchstens eine Aussage pro Satz.
7,5 Millionen Menschen zwischen 18 und 64 Jahren können wie Gabi nicht richtig lesen und schreiben. Das ermittelte eine Studie der Universität Hamburg aus dem Jahr 2011. Als ein solch "funktionaler Analphabet" gilt, wer zwar einzelne Wörter oder kurze Sätze lesen oder schreiben kann, nicht jedoch zusammenhängende Texte. Ihnen soll die Leichte Sprache helfen - aber auch vielen Bürgern ohne Behinderung, die Probleme haben mit dem Bürokratenkauderwelsch der Ministerien.
Eine Verordnung von 2011 regelt, dass alle Bundesministerien und -behörden die Grundinformationen ihrer Internetauftritte in Leichter Sprache und in Gebärdensprache anbieten müssen. Ein Signal sollte gesetzt werden, zumal es kaum Nachrichten in Leichter Sprache gibt. Zweieinhalb Jahre hatten sie Zeit für die Umsetzung - bis Ende März dieses Jahres. Dennoch bieten einige Ministerien immer noch keine Informationen in Leichter Sprache an.
Bundesinnen-, Bundesverkehrs- und Bundesjustizministerium sowie das Bundespräsidialamt haben ihr Internetangebot nicht überarbeitet. Während Innen- und Justizressort erklären, man brauche noch etwas Zeit, will Verkehrsminister Alexander Dobrindt die Vorschrift schlicht ignorieren. Man bemühe sich generell "um eine allgemein verständliche Sprache". Viele Veröffentlichungen "richten sich jedoch an ein Fachpublikum", da sei Fachsprache Usus. Das Bundespräsidialamt ist überrascht von der Anfrage, richtet aus, die Übersetzung sei "in Arbeit". Einen Auftrag hatte es allerdings noch nicht erteilt.
Die Behindertenbeauftragte der Bundesregierung, Verena Bentele, ärgert sich: "Was die Ministerien momentan leisten, ist noch nicht genug." Sie sehe großen Nachholbedarf. Selbst auf den Seiten, die schon Leichte Sprache anbieten, sei oft nur das Minimum erfüllt. Formulare sind häufig nicht barrierefrei nutzbar, Videos in Gebärdensprache fehlen fast immer, und Angebote wie eine Vorlese-Funktion gibt es nur sehr selten. "Viel liegt im Argen", sagt Bentele. Auch gedruckte Materialien geben bislang nur das Arbeits- und das Familienministerium heraus.
Dabei ist die Übersetzung nicht teuer. Die Oberschwäbischen Werkstätten Ravensburg, die diese Dienste für den Bund übernehmen, berechnen zwölf Cent pro übersetztes Zeichen. Eine klassische Übersetzung beispielsweise ins Englische oder Französische koste Ämter nicht mehr, obwohl der Weg zur Leichten Sprache viel aufwendiger sei. Experten vereinfachen den Text, den beispielsweise ein Ministerium eingesandt hat. 135 Kriterien liegen dabei zugrunde. Eine "Prüfgruppe" von fünf bis acht Behinderten bekommt anschließend diesen Artikel. Sie lesen jeden Satz laut vor und erklären sich gegenseitig, was sie verstanden haben. Gibt es keine Fragen mehr, wird der Text ans Ministerium zurückgeschickt. Das prüft, ob der Sinn noch richtig wiedergegeben wird. Im Regelfall gebe es dann noch einmal Korrekturen, sagt Geschäftsführer Egon Streicher, auch die würden wieder in den Gruppen geprüft.
Konsequenzen für ihre Trägheit müssen die Ministerien nicht befürchten, maximale Sanktion wäre eine Klage auf Feststellung durch einen Behindertenverband. Behindertenbeauftragte Bentele vermutet, "es fehlt einfach an Bewusstsein und Sensibilität". Vielleicht erklärt das, warum das Bundesjustizministerium den Auftrag für die Übersetzung ihrer Internetseite erst vergangene Woche vergab. Rund einen Monat zu spät und just an dem Tag, als der SPIEGEL fragte, warum das Ministerium keine Informationen in Leichter Sprache anbiete.
Von Paul Middelhoff und Ann-Katrin Müller

DER SPIEGEL 19/2014
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