05.05.2014

ReisefreiheitLebendtransport

Zwei Bulgaren, ein ehemaliger Viehhändler und ein Kleinbusfahrer, siedeln ihren Heimatort Stück für Stück nach Deutschland um. In Hamburg-Wilhelmsburg führen sie inzwischen ihr eigenes Unternehmen - mit eigenen Gesetzen.
An einem kühlen Sonntagabend fährt Erhan Kurt über eine verlassene Landstraße, er sieht nicht viel durch den Nebel, aber er will noch ankommen, im Dorf, das mal sein Zuhause war. Er will trinken, Whisky, zwei Flaschen, vielleicht drei, will rauchen und reden, wie jeden Abend, wenn er zu Besuch ist in Bulgarien, dem ärmsten Land der Europäischen Union, seinem Land.
Erhan Kurt fährt vorbei an einem verlassenen Bahnhof, an verfallenen Viehhöfen. Am Ortseingang von Slivo Pole steht das Haus, in dem er vor 32 Jahren geboren wurde, es ist verlassen, daneben seine Stammbar, pleite. Vorbei an dem Lebensmittelladen, in dem die Einkäufe in einem Schuldenbuch stehen. Vorbei an dem Friseurladen, der nur noch existiert, weil das Geldtransferunternehmen Western Union im Abstellraum einen Schalter hat. Sein Auto, ein himmelblauer BMW, zieht an den Häusern vorbei, Kurt sagt: "Ohne das Geld aus Wilhelmsburg würde hier nichts mehr funktionieren. Die würden alle hungern."
Die, das sind die wenigen, die noch geblieben sind. Die Eltern der Fortgegangenen. Söhne und Töchter, die inzwischen in Berlin leben, in Erfurt oder Hamburg. Kurt ist auch ein Fortgegangener.
Aber er kommt immer wieder. Erhan Kurt ist heute ein Umzugsunternehmer. Seine Fracht sind Menschen, die nichts mehr haben, nur die Hoffnung auf ein Leben in einer deutschen Stadt. Wenn sie Glück haben, reisen sie mit Erhan Kurt nach Hamburg-Wilhelmsburg, ein Arbeiterviertel am Hafen. Wilhelmsburg ist Kurts Revier. Er hat hier eine Logistikfirma und beliefert deutsche Firmen mit Tagelöhnern.
Neben ihm, auf der Beifahrerseite, sitzt Meco Gül. Er ist ein Freund von Erhan Kurt und verbringt die meiste Zeit noch immer in Bulgarien. Kurt braucht ihn hier. Gül besitzt einen Kleinbus, mit dem er jede Woche über 4000 Kilometer fährt, von Bulgarien nach Deutschland und zurück. Gül bringt Kurt neue Arbeiter.
Die beiden kennen sich seit ihrer Kindheit. Aufgewachsen in der gleichen Gasse, hineingeboren in den Kommunismus, verarmt in der Demokratie. Beide Männer handelten in Bulgarien mit Vieh, pflückten später Erdbeeren in Griechenland, teilten sich nachts eine Plane aus Plastik. "Wir waren arme Tagelöhner", sagt Erhan Kurt. Das war damals. Heute nennt man die beiden Männer in Slivo Pole "die Ausputzer". Kurt und Gül sind jetzt Männer, die Dörfer leer räumen.
Erhan Kurt stellt den BMW ab und geht zu Fuß weiter durch die leeren Gassen von Slivo Pole. Er geht eigentlich nicht gern zu Fuß, aber er will vorführen, was er erreicht hat. Er zeigt auf das Haus links und sagt: "Die sind in Wilhelmsburg", zeigt auf das Haus rechts: "Wilhelmsburg", gegenüber: "Wilhelmsburg". Nur wenige aus dem Ort arbeiten noch in Spanien und sortieren Trauben, ein paar pflücken Erdbeeren in Griechenland, einige rollen in Dänemark Pizzateig aus. "Sklaven der Globalisierung" nennt Kurt solche Leute. Sie waren mal seine Nachbarn, heute sind sie seine Ware.
Kurt weiß, dass niemand in Deutschland seine Leute haben will. Sie waren an keiner Universität, sie sind keine Ingenieure, keine Ärzte. Sie sprechen kein Deutsch, kein Englisch, sie sind keine Eliten, nicht mal Fachkräfte. Sie kommen trotzdem.
Es gibt viele Dörfer in den neuen osteuropäischen Ländern der EU, die so sind wie Slivo Pole. Dörfer, die den EU-Sternenkreis am Ortsschild tragen wie eine Verheißung. Reisefreiheit ist für die Armen der EU zu einer Freiheit zur Flucht geworden. Seit Jahrzehnten geparkt in den Vororten von Bukarest, Sofia oder Russe, machen sie sich jetzt auf die Reise, um das Versprechen auf Wohlstand einzulösen, das mit dem EU-Beitritt in ihr Land kam. Seitdem ziehen sie in ganzen Dorfverbänden in deutsche Städte, es sind Dörfer wie das rumänische Fântânele, das heute fast geschlossen in Berlin-Neukölln lebt, Bărbuleşti, das nach Duisburg gezogen ist, Slivo Pole, das jetzt in Hamburg-Wilhelmsburg lebt.
Erhan Kurt ist zur Ferienzeit in seine Heimat gekommen, das ist die Zeit, in der seine Arbeiter aus Deutschland nach Slivo Pole zurückkehren, sie stehen vor der Dorfwerkstatt, trinken Instantkaffee aus Plastikbechern und streiten mit Erhan Kurt und seinem Fahrer Meco Gül darüber, ob der Spritpreis in Rumänien günstiger ist oder in Ungarn.
Über Meco Gül ist im SPIEGEL schon vor drei Jahren eine Reportage erschienen (SPIEGEL 16/2011), die seine damals noch improvisierten Transporte von Leiharbeitern beschrieb. Aus diesen Anfängen ist ein professionell gemanagtes Geschäft geworden, von dem Erhan Kurt sagt: "Wir sind nicht reich geworden, aber wir haben ein System geschaffen, in dem wir nicht mehr hungern."
Früher, das waren die Jahre vor 2007, vor dem EU-Beitritt Bulgariens. Früher war, als sie alle noch in Slivo Pole lebten und als die Milch von Erhan Kurts Kühen plötzlich nichts mehr wert war.
Heute parken vor der Dorfwerkstatt schwere Autos deutscher Marken, sie tragen deutsche Kennzeichen. Ein schwarzer BMW X5, ein Kombi von Audi. Der BMW ist 700 000 Kilometer gelaufen, aber es geht hier nicht nach dem Tachostand. BMW bedeutet in Slivo Pole Aufstieg. Wenn die Autos aus Deutschland vor der Dorfwerkstatt vorfahren, beginnt für Kurt die Arbeit. "Es ist die beste Zeit, um Frischfleisch anzuwerben", hatte Kurt auf der Fahrt ins Dorf gesagt.
Glück ist in Slivo Pole visuell. Wer deutsche Autos fährt, wer sein Haus in Rosa oder Grün gestrichen hat, ist glücklich. Glück hat, wer drei Tage lang Hochzeit feiert und dem Sänger anschließend 5000 Euro zahlen kann. Wer Glück will, braucht Geld in Slivo Pole. Wer Geld will, muss raus.
Kurt und Gül erzählen den Männern von Deutschland. Sie erzählen, dass der Döner in Wilhelmsburg besser schmeckt. Dass man mit 50 Euro zwei große Tüten bei Aldi füllt. Sie erzählen, dass der Scheibenkäse 55 Cent kostet, nicht 2,50 Euro. Erhan Kurt hält Betrunkene am Straßenrand an und sagt: "Du musst hier weg, du schaffst das nicht mit sechs Kindern."
Erhan Kurt greift ständig nach neuen Händen, unter seiner Lederjacke guckt eine goldene Armbanduhr hervor. Er verbreitet den Duft von schwerem Parfum, "1 Million" von Paco Rabanne, gekauft bei Kaufland.
Kurt wirbt für Deutschland wie ein Promoter für kostenlose Kreditkarten. Arbeitslose fragen ihn nach Arbeit und Gül nach einem Platz im Bus. Zwischendurch klingelt Kurts Handy, Logistikfirmen aus Wilhelmsburg rufen an und bestellen Packer.
Wie jedes Dorf, das seine Bewohner an den Westen verliert, hat auch Slivo Pole seine Pioniere, die vorgegangen sind, zurückkehrten und ihr Dorf infizierten, mit Geschichten von deutschen Ärzten, die einen mit dieser Plastikkarte behandeln, ohne Geld. Von Bussen, die fahren, wie es auf dem Fahrplan steht. Sie brachten Medikamente mit und den ersten Weihnachtsbaum, in das muslimische Dorf.
Es sind Männer wie Erhan Kurt, der sich mit seinen Brüdern und Cousins nach Deutschland wagte, lange vor dem EU-Beitritt. Erst illegal, dann als Asylbewerber, heute als EU-Bürger.
Erhan Kurt zeigt auf das Haus eines Cousins und sagt: "Das war eine Baracke, guckt euch das an." Heute steht dort ein Gebäude mit frischem Anstrich, drei Stockwerke, mit Balkon vor jedem Zimmer. Mit Leopardenteppich im Eingang, deutschem Badesalz im Spiegelschrank und WLAN, das auch im Keller funktioniert. Mit deutschem Laminat und deutscher Einbauküche. Die Tochter studiert Finanzcontrolling, der Sohn baut Minze an und hat Geld aus einem EU-Fonds beantragt, um amerikanische Würmer zu züchten. Der Vater, Kurts Cousin, ist Lagerarbeiter in Wilhelmsburg, seine Frau putzt die Häuser reicher Deutscher an der Hamburger Alster. "Das kann jeder schaffen", sagt Kurt.
Seine Stimme donnert, er hebt die Hand und lacht, den Kopf im Nacken, den Mund weit offen, ihm fehlt jeder zweite Zahn. Wenn Erhan Kurt redet, schweigt der Rest. Er redet gern. Er erzählt seine eigene Geschichte. Er wirbt für ein neues Familienmodell. Man lässt die Kinder da, macht Geld, irgendwann kehrt man nach Hause zurück, reich, glücklich.
"Illusion", sagt Meco Gül. Er kennt keinen, der zurückgekehrt ist aus dem Westen. Er ist inzwischen zwei Straßen weiter gelaufen, steht am Wunschbaum, reißt einen Faden von seinem Halstuch und bindet ihn mit zwei Knoten um einen Ast. Er wünscht sich was.
Den Baum gibt es schon, seit es das Dorf gibt, seit Anfang des letzten Jahrhunderts. Er wird geschützt von einer Mauer und einem grünen Metalltor, an seinen Ästen sind gelbe und rote Bänder mit Knoten befestigt. Kopftücher, BHs und Unterhosen wehen im Wind. Manchmal wollen die Menschen in Güls Bus noch schnell zum Baum, einen Wunsch binden, bevor sie sich in ihr neues Leben bringen lassen. Gül wartet dann vor diesem Baum. Er ist geduldig, hat eine ruhige Stimme und raue Hände. Es sind Hände, die Autoheizungen reparieren, Batterien auswechseln.
Die Menschen aus Slivo Pole fahren nicht ins Ungewisse. Sie wissen, was sie in Deutschland erwartet. Sie sind keine Träumer, das haben sie vielen anderen Armen aus Südosteuropa voraus. Wer Slivo Pole verlässt, hat meistens schon einen Bruder, eine Schwester, einen Cousin in Wilhelmsburg. Hat Nachbarn, die ihre Frauen dort auf dem Straßenstrich verkaufen. Hat Geschwister, die in Wilhelmsburger Kellern leben, 250 Euro im Monat für eine Matratze zahlen. Hat Bekannte, die unter Brücken schlafen. Sie kennen die Geschichten von Chefs, die drei Euro zahlen und zuschlagen, wenn Paletten nicht schnell genug bepackt werden. Von Baustellenleitern, die arbeiten lassen und verschwinden, ohne zu zahlen.
Sie steigen trotzdem in Güls Bus.
Gül war 22, als er keine Erdbeeren mehr pflücken wollte in Griechenland. Sein Vater hatte ihm den Führerschein mit einer Kuh bezahlt. Gül transportierte die Feldarbeiter aus seinem Dorf. Damals waren fast alle auf der gleichen Plantage im Norden Griechenlands. Gül fuhr durch die Felder, nahm neue Bestellungen von Bauern an, fuhr zurück ins Dorf, sammelte Arme ein. Schnell lernte er zu organisieren. Er beschaffte ihnen Plastikplanen, Gasherd und ein Zelt. Damals war Bulgarien noch nicht in der EU. Meco Gül fuhr illegal über die Grenze, lernte, wie man Beamte schmiert, wurde einer der beliebtesten Fahrer. "Meco schreit nicht. Er macht deine Frau nicht an. Meco hat die beste Musik", solche Sätze sagen seine Fahrgäste noch heute über ihn.
Irgendwann kam die Krise nach Griechenland, die Bulgaren mussten zurück nach Slivo Pole. Und Meco Gül musste umdenken. Bulgarien war jetzt in der EU, sein Freund Erhan inzwischen in Hamburg-Wilhelmsburg. Es war klar, was er als Nächstes machen würde.
Slivo Pole ist in der Region bekannt für seine Fahrer. Meco Gül und die Jungs aus seiner Straße haben die Dörfer an der bulgarischen Grenze unter sich aufgeteilt. Sie planen gemeinsam Routen, geben einander Fahrgäste ab. Männer wie Meco Gül sind für Glückssucher und Verzweifelte Reisebüro, Makler und Jobcenter in einem. Gül ist 36 und wirkt müde, wenn er von seinem Alltag erzählt.
Der Umzug nach Wilhelmsburg sei anstrengend gewesen, aber Gül will nicht klagen. Er hat heute ein Rennpferd, es heißt Britannica und steht trocken im Stall. Er hat sich drei Häuser gekauft, alle in Slivo Pole. Er hat inzwischen einen zweiten Bus und einen Fahrer eingestellt. Seine Frau hat ihn verlassen, die zwei Söhne leben mit seinen Eltern in einem 200 Quadratmeter großen Haus, wo auch Gül sein Zimmer hat. Es ist rosafarben gestrichen, überall liegen bestickte Decken, auf dem Schrank, dem Bett, dazwischen rosa Glitzer. Meco Gül mag Rosa.
Er kauft seinen Söhnen die neuesten Schuhe von Adidas, seiner Mutter Tellersets vom türkischen Exportladen in Wilhelmsburg. Die Jungs telefonieren mit Smartphones, laden Bilder von Güls Audi auf ihre Facebook-Seiten. Zu Hause läuft Satellitenfernsehen auf Flatscreens. Gül bringt ihnen die Welt da draußen nach Slivo Pole, aber raus dürfen sie nicht, nicht seine Söhne. Gül sagt, die Welt da draußen, die ist schlecht. Der Ältere ist 16, er heißt Ali und will nach Wilhelmsburg, seine Freunde sind schon da. "Ich lass meine Jungs nicht ausbeuten", sagt Gül. "Reich wird da keiner."
Gül will seinen Söhnen irgendwann einen Laden eröffnen. Oder sie auf Universitäten schicken. Irgendwann. Irgendwas. Hauptsache, in Bulgarien. So lange spart er sein Geld. Sein Vermögen wächst. Der Ausverkauf der Dörfer läuft gut.
Meco Gül beliefert nicht nur Erhan Kurt, er beliefert Autowerkstätten in Erfurt, Pizzabäcker in Dänemark. "Wilhelmsburg haben wir vollgestopft", sagt er. Gül hat expandiert. Dänemark gefällt ihm. Flaches Land. Gute Autobahn. Noch viel Platz für Bulgaren. Die Chefs zahlen die bestellte Ware, pro Kopf 200 Euro cash, manchmal 350. Die Bulgaren arbeiten zwölf Stunden am Tag, sieben Tage, für 700 Euro im Monat und einen Schlafplatz in der Küche.
Es ist Dienstagmorgen in Slivo Pole. Gül will los, Kurt wird mit ihm fahren. Er überredet schnell noch seinen Nachbarn einzusteigen. Vielleicht kann Kurt ihn gebrauchen, im Lager, außerdem will Kurt Spritgeld sparen.
Ein Sitzplatz nach Deutschland kostet 120 Euro, zurück kommt man für 80 Euro. Die Preise sind gesunken, Gül muss das akzeptieren, es sind die Gesetze des freien Marktes. Gül gleicht die Verluste aus, indem er jetzt auch Walnüsse nach Frankfurt transportiert, Döner-Gewürze nach Düsseldorf, Autoteile aus München.
Er startet den Motor, auf der Rückbank sitzt eine Mutter, die ihre Kinder zurücklässt. Daneben ein junger Mann, der später mit einem alten Autohändler in Erfurt schlafen wird, drei Monate lang, für einen Gebrauchtwagen, er hat keinen Führerschein, er ist 17. Wenn man die Menschen auf der Rückbank fragt, wo sie hinwollen, sagen sie: "Keine Adresse, Meco weiß". 32 Stunden lang bläst Bulgarenpop durch die Autoboxen, auf der Rückbank, hinter verdunkelten Scheiben trinken die jungen Männer Wodka aus Plastikbechern und rauchen Gras aus Tüten. Eine Dorfgemeinde auf drei Quadratmetern, die sich aufgegeben hat. Für einen Versuch, der Wohlstand heißt.
Angekommen in Wilhelmsburg, sitzt Erhan Kurt in der "Kleinen Pause", einem Türken-Imbiss am Marktplatz, inzwischen ein Treffpunkt für arbeitssuchende Bulgaren. Kurt trinkt Tee, ihm gegenüber der Nachbar. Kurt erzählt jetzt von seinem Start in Deutschland. Kurt erzählt, wie er auf Baustellen arbeitete, Döner-Buden putzte und ganze Wohnungen leer räumte für zehn Euro. Sein Schlafplatz war die Rückbank. Zahnbürste im Kofferraum, Plastikflasche statt Wasserhahn, das Kopfsteinpflaster war sein Spuckbecken.
Für Erhan Kurt begann der Aufstieg im Kellerverschlag eines kurdischen Vermieters. Roter Backstein, acht Kellerräume, zehn Quadratmeter, vier Personen pro Raum, 150 Euro für eine Matratze. Thunfisch aus Konserven, Kakerlaken am Eingang. Essensvorrat in Discounter-Tüten. Ausschlag am Hinterkopf. Seine nächste deutsche Station wurde die Wohnung eines Hartz-IV-Empfängers. Der Mann zog zu seiner Mutter, bekam für seine Wohnung weiter Geld vom Amt und von Kurt jeden Monat 600 Euro Miete. "Überall wurde ich verarscht", sagt er, "wie alle Bulgaren", aber er habe gekämpft. "Ich bin ein Löwe", sagt er.
Erhan Kurt krempelt sein Poloshirt hoch und zeigt seinen rechten Oberarm. Er hat sich einen Löwen tätowieren lassen, darunter das Wort "Nike". Nike ist seine Lieblingsmarke. "Auch mit nackter Haut bin ich etwas wert, verstehst du?", sagt er. Die Tinte in seiner Haut ist zehn Jahre alt. Er hat sich das Tattoo stechen lassen, als er sich noch keine Shirts von Nike kaufen konnte.
Bei seiner Ankunft in Deutschland war Kurt 24 Jahre alt, er wog 60 Kilogramm, ein schmächtiger Mann. Seine Söhne hatte er im Dorf zurückgelassen, bei seiner Frau, sie sortierte Socken, 150 Euro im Monat. Kurt sagt, der Löwe habe noch geschlafen damals, tief geschlafen.
Zehn Stunden am Tag packte Erhan Kurt deutsches Müsli auf Paletten, sortierte Flaschen in Kisten. Er sei der Schnellste gewesen, immer, er wurde der Vorarbeiter der Bulgaren im Lager. Wenn die Chefs Probleme mit den Männern hatten, klärte Kurt die Lage, er führte sie gut, manchmal drohte er ihnen mit Schlägen, sie hatten Respekt.
Die Chefs hätten schnell sein Potenzial entdeckt, erzählt er, sie hätten ihm gesagt, du packst nicht mehr, du wirst Chef. Sie begleiteten ihn zum Amt. Erhan Kurt gründete eine Firma. "Erhan Logistik". Er wurde Subunternehmer. Die Chefs konnten die Verantwortung jetzt an Kurt abgeben. Ob die Männer im Lager ein Gewerbe angemeldet hatten, versichert waren, das war jetzt Kurts Problem. Seitdem hat er Stress. Aber er ist gern Chef.
Wer für ihn arbeiten will, wer einen Platz bekommt im Bus von Meco Gül, muss stark sein und willig. Gül nimmt auch Leute mit, die keinen Cent haben. Sie arbeiten dann bei Kurt, er zieht ihnen die Fahrtkosten vom Lohn ab. Wenn Kurt keine Aufträge hat, vermittelt er seine Leute an andere im Kiez, er kassiert dann die Pässe. Er gibt sie später nur gegen Geld wieder raus.
Erhan Kurt hat einen guten Namen in Hamburg-Wilhelmsburg. Er ist der Einzige, der Bulgaren auch kurzfristig liefern kann. Einmal steht er abends um halb neun in einem Imbiss, sein Handy klingelt, ein neuer Auftrag geht ein: "Drei Männer, Kakao, heute Nacht, acht Stunden." Kurt wählt eine gespeicherte Nummer, 15 Minuten später holt er drei Männer mit seinem Kleinbus ab, sie fahren zum Hafen. Er dreht die Musik auf, weil er jetzt nicht mit ihnen reden will, sie nerven ihn, sagt er, er muss sich um alles kümmern.
"Sie sind zu dumm, allein kriegen sie nicht einmal den Weg zur Arbeit hin."
Sein Kleinbus spuckt die Männer aus, sie sollen Kakao auf Paletten packen, Kurt fährt zurück zum Imbiss, er wird sie später wieder abholen. Er kassiert zehn Euro die Stunde von den Auftraggebern und zahlt seinen Männern sechs. Wenn man ihn fragt, ob das faire Preise seien, sagt er: "Wir holen die Leute aus dem Dreck, wir geben ihnen Brot, lassen sie auf den Füßen stehen."
Kurt zahlt nicht viel, aber pünktlich. Er ist 24 Stunden am Tag erreichbar. Er braucht kein Büro, er findet das zu deutsch, diese Ordnung, ihm reicht das Wohnzimmer seiner Wohnung, Erdgeschoss, direkt am Marktplatz. Dort lebt er mit seiner Frau und seinen zwei Söhnen, zwölf und acht Jahre alt. Er hat sie 2011 nach Deutschland geholt, sie gehen in die Schule, sie sprechen Deutsch, spielen Fußball.
Auf dem Kacheltisch im Wohnzimmer liegen Umschläge, Kurt hat darauf in Druckbuchstaben die Namen der Arbeiter notiert, daneben die Zahl ihrer Stunden. Die Arbeiter müssen eine Quittung unterschreiben, sie sind, laut Papier, "selbstständige Unternehmer". Selbstständige, die kein Konto in Deutschland führen. Die nicht wissen, wie man Schichtzettel ausfüllt. Die darauf warten, dass Erhan Kurt ihre Arbeitsstunden in sein altes Nokia-Handy tippt und ihnen sagt, was sie bekommen.
Ein Vormittag im Frühjahr, ununterbrochen klingelt es an seiner Wohnungstür. Es ist Zahltag, und ständig kommen neue Fragen. Kurt erklärt einer Bulgarin, dass sie eine Versicherung brauche. "Ich bringe dich zur AOK, dann bekommst du eine Karte mit deinem Bild, ja? Wir haben einen Fuß in Deutschland, aber so geht das nicht weiter", sagt er. "Ihr müsst das deutsche System endlich kapieren, sonst gibt es keine Hilfe vom Staat."
Erhan Kurt fällt auf sein Sofa, er sagt, die Bulgaren, mit denen er sich rumschlägt, werden es nie schaffen. "Die können Europa nicht." Es gibt Tage, wie diesen, da wird ihm das alles zu viel. Da sind ja auch noch die Briefe vom deutschen Finanzamt, das Amt will Geld, zu viel Geld, glaubt Kurt. Er hat jetzt einen Steuerberater engagiert, einen Türken.
Kurt gehört zu einer Türkisch sprechenden Minderheit in Bulgarien, Slivo Pole heißt in der Region auch "Türkendorf". Der Zuzug nach Wilhelmsburg funktioniert, weil die Türken den Bulgaren Arbeit und Wohnraum geben und von ihrer Arbeitslosigkeit profitieren. Seit die Bulgaren kommen, gibt es eine neue Rangordnung, oben die Türken, unten die Bulgaren. Das funktioniert, bundesweit.
Wenn man Erhan Kurt fragt, ob er nicht Deutsch lernen möchte, dann sagt er, er spreche Deutsch: "Danke schön. Bitte schön. Lager. Ja. Nein. Schlafen. Essen. Schicht." Später sagt er, keine Zeit für Deutsch, die Kinder sprechen doch.
Erhan brauchte auch gar kein Deutsch in Wilhelmsburg. Sein Arzt ist Türke. Seine Chefs sind Türken. Der Typ im Lebensmittelladen, der Zigarettenverkäufer, der Mann am Western-Union-Schalter, alles Türken. "Wozu soll ich Deutsch lernen?", fragt er. "Um mich mit den Pennern zu unterhalten?"
Er sagt, manchmal teste er die Deutschen, schmeiße eine leere Plastikflasche aus dem Fenster, und sofort hebe sie einer dieser Penner auf. Er versteht nicht, warum der deutsche Staat Menschen Geld schenkt, die nichts dafür tun. Eigentlich ist es ihm auch egal. Kurt hat sein Verhältnis zu Deutschland noch nicht richtig geklärt.
Kurt rechnet weiter, seine Frau bügelt, die Jungs daddeln auf der Playstation, entführen Polizeiautos und schießen sich den Weg frei. Auf dem Tisch steht Whisky. Zwölf Uhr auf der goldenen Koran-Uhr, die an einer lila gestrichenen Wand hängt.
Kurt schenkt ein. Wenn er an die Umsatzsteuer denkt, trinkt er. Wenn er an die nächste Schicht denkt, trinkt er. Auf seinem Smartphone läuft das Hochzeitsvideo seines Bruders. Seine Arbeiter sollen es sehen, es soll sie motivieren. In Slivo Pole stellt man Hochzeitsvideos gern ins Netz. Das Video von Kurts Bruder hat 29 Teile auf YouTube.
Das iPad klingelt. Über Skype fragt eine Frauenstimme: "Hast du das Geld geschickt?" "Ja, 150 Euro, per Western Union, wie immer." Kurt kaut auf seinen Nägeln, dreht das iPad ins Zimmer, die Frau und die Kinder winken der Tante, dann machen sie weiter, bügeln und daddeln. Ein bulgarisches Familientreffen.
Wenn Erhan Kurt eines Tages richtig viel Geld hat, will er wieder zu Hause leben, eine Farm gründen, diesmal eine richtige. Er will dann einfach nur dasitzen und Kaffee und Whisky trinken, grillen und Shisha rauchen, wieder Hasen jagen. Er mag es, wenn andere für ihn arbeiten. Er will dann wieder Pitbulls züchten und sie gegeneinander kämpfen lassen; die Dorfbewohner sollen wetten, auf seine Hunde, wie früher. "Aber erst mal bleiben wir, die Geschäfte laufen", sagt Kurt.
Er setzt sich in seinen Kleinbus, er raucht und hört Bulgarenpop. Er biegt ab, in den Vogelhüttendeich, an der Straßenecke hält er einen Umschlag aus dem Fenster. Eine Frau in Jogginghose steht am Straßenrand, greift den Umschlag. Es ist die letzte Lohnzahlung für heute.
Ein paar Stunden später sitzt Erhan Kurt an einem runden Tisch und trinkt. Neben ihm sitzt sein Freund Mucettin, der am Vormittag angereist ist. Mucettin ist ein bekannter Sänger in Bulgarien. Heute gibt er sein erstes Konzert in Wilhelmsburg.
Sie haben einen türkischen Hochzeitssaal gemietet, tausend Menschen passen rein. Weiße Tischdecken, weiße Stühle, lila und grün leuchtet es von der Bühne. Vier Tschetschenen bewachen die Tür. Mucettin sagt, er habe sein Dorf sehr vermisst, seine Freunde, seine Nachbarn. Er sagt: "In Bulgarien gebe ich keine Konzerte mehr, sie sind ja alle hier."
Er nimmt das Mikrofon in die Hand und begrüßt seine Dorfgemeinde, sie klatschen, sie pfeifen, Erhan Kurt wirft Geldscheine auf seinen Freund. Kurt tanzt. Neben ihm seine Frau, sein Bruder, sein Nachbar, die Cousins. Sie halten sich die Hände, drehen sich im Kreis. Erhan Kurt ist zufrieden, 15 Euro Eintritt, für ein wenig Heimat, es ist ein gutes Dorffest, in Hamburg-Wilhelmsburg.
Von Özlem Gezer und Milos Djuric (Fotos)

DER SPIEGEL 19/2014
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