19.05.2014

UkraineDer große Unbekannte

Das Land treibt in den Bürgerkrieg, trotzdem wird am Sonntag ein neuer Präsident gewählt. Die größten Chancen auf den Sieg hat ein Milliardär. Von Christian Neef
Wer Petro Poroschenko verstehen will, sollte nach Winnyzja fahren. Winnyzja liegt 200 Kilometer von Kiew entfernt am Fluss Südlicher Bug, hat 370 000 Einwohner, besitzt eine Medizinische Universität und ist Hauptstadt der gleichnamigen Provinz. Bekannt war es bislang wegen zwei Sehenswürdigkeiten.
Die eine ist das frühere Anwesen von Nikolai Pirogow, dem Begründer der Feldchirurgie in Russland. Der Mediziner starb 1881, liegt aber einbalsamiert wie Lenin in seiner Familiengruft am Rande der Stadt. Die andere befindet sich in einem Wald acht Kilometer nördlich von Winnyzja. Es sind die Reste des Führerhauptquartiers "Werwolf", das Adolf Hitler 1942 hier errichten ließ.
Seit knapp drei Jahren erfreut sich Winnyzja einer dritten Sehenswürdigkeit: Es hat nun auch die größten schwimmenden Wasserspiele Europas. Die Fontänen sind im Fluss installiert, sie schleudern das Wasser 70 Meter hoch, dazu gibt es eine Musik-und-Laser-Show. Touristen aus der ganzen Ukraine kommen hierher, die Wasserspiele zählen zu den zehn beeindruckendsten der Welt.
Das jedenfalls behaupten sie in den beiden Süßwarenfabriken von Winnyzja, die zum Konzern Roshen gehören. Roshen ist der größte ukrainische Pralinenhersteller und sein Besitzer einer der reichsten Männer im Land. Er hat der Stadt die Fontänen geschenkt und wird nächsten Sonntag möglicherweise zum Präsidenten der Ukraine gewählt: Petro Poroschenko.
Winnyzja ist sein Wahlkreis, für den er auch in der Werchowna Rada sitzt, dem Parlament. Und deshalb macht Poroschenko nun noch mal einen Abstecher hierher. Er will den Menschen erklären, warum er der geeignetste Mann an der Spitze eines Landes ist, das gerade im Bürgerkrieg versinkt.
In Winnyzja ist von den Kämpfen nichts zu merken, es ist eine moderne, unaufgeregte Stadt. Hier fahren die Busse rund um die Uhr, in der Straßenbahn gibt es Internet, und man darf sich via Hotline beim Bürgermeister beschweren, wenn irgendwas nicht funktioniert. Winnyzja ist das Gegenstück zum proletarischen Luhansk an der russischen Grenze.
Mehrere Tausend Menschen warten an diesem Tag auf Poroschenko, den Mann, den sie in der Ukraine den "Schokoladenkönig" nennen. Es wird ein Heimspiel für ihn werden. Nicht nur, dass 5000 Einwohner in seinen Fabriken Arbeit gefunden haben, Poroschenko zahlt auch höhere Löhne, als sie hier üblich sind. Eben erst hat er in Winnyzja noch eine weitere Fabrik eröffnet, eine für Dosenmilch.
Die Leute auf dem Platz halten Luftballons mit den Farben der Ukraine in der Hand und Fahnen mit der Losung: "Auf neue Weise leben - Poroschenko!" Neben der Bühne steht sein Sohn Olexij, 28, er ist Abgeordneter im Gebietsparlament.
Sein Vater kommt 20 Minuten zu spät. Petro Poroschenko ist 48 Jahre alt, nicht groß, das Auffallendste ist sein kantiges Gesicht, in dessen Fettpolstern die kleinen Augen fast verschwinden. Er trägt einen blauen Anzug mit gestreifter Krawatte, seine Verspätung macht er durch eine leidenschaftliche Rede wett.
"Wir werden nie wieder zulassen, dass irgendjemand die Ukraine in die Vergangenheit zurückzerrt", ruft er den Leuten zu. "Wir werden eine neue Armee gründen, die die Souveränität unseres Staates schützt. Und wir dürfen nie wieder eine solche Schande erleben wie die Annexion der Krim!"
"Poroschenko, Poroschenko", skandieren die Zuhörer.
Alles, was die Menschen hier hören wollen, verspricht der Kandidat. Eine Polizei, "die die Rechte jedes Bürgers verteidigt". Ruhe, damit wieder Unternehmer ins Land kommen. Unterstützung für die Mittelschicht, die, wie er sagt, den größten Teil der ukrainischen Bevölkerung ausmache. Und Aufstiegschancen für die Jungen. "Was wir in Winnyzja geschafft haben, machen wir im ganzen Land. Sie werden stolz darauf sein, in der Ukraine zu leben!"
Im Moment ist keiner stolz auf die Ukraine. Und auch Poroschenko erklärt nicht, wie er all die Wunder vollbringen will, die er verspricht - in einem Land, das pleite ist. Aber er ist mitreißender als die neuen Machthaber in Kiew, man spürt das Rastlose in ihm, das Impulsive. Sein Charakter sei "nicht aus Zucker", sagt einer, der ihn gut kennt. Explosiv, hysterisch, rachsüchtig, manchmal auch komisch und meschugge - das alles sei dieser Mann, der die Ukraine retten will, wissen andere.
Seit Wochen wird darüber gestritten, ob es sinnvoll ist, mitten in der ukrainischen Staatskrise eine Präsidentenwahl abzuhalten. Donezk und Luhansk, die beiden abtrünnigen Gebiete im Osten, werden sie boykottieren. Und noch ist völlig offen, ob Russland die Ergebnisse anerkennen wird. Der Westen wiederum warnt Moskau davor, die Wahl am 25. Mai zu unterlaufen, er hat für diesen Fall neue Sanktionen angedroht. Aber sie sollte schon allein deswegen stattfinden, weil die Ukraine endlich ein legitimes Staatsoberhaupt braucht.
Doch kann das ausgerechnet Petro Poroschenko sein? Ein Mann, den vor einem halben Jahr nicht mal die verrücktesten Buchmacher als Präsidentschaftskandidaten gehandelt hätten? Wie soll ein Milliardär, der nicht nur einen Schokoladenkonzern, sondern auch Autowerke, eine Werft auf der Krim und einen Fernsehkanal besitzt, unabhängige Politik betreiben? Ein Mann, der keinen großen Rückhalt im Parlament besitzt und von dem man nicht weiß, was seine politischen Ziele sind?
Trotzdem sind seine Umfragewerte in den vergangenen Wochen in die Höhe geschossen. 84 Prozent der Ukrainer wollen sich demnach an der Wahl beteiligen - und 40,5 Prozent von ihnen ihre Stimme angeblich Petro Poroschenko geben. Ist er, der große Unbekannte, Nutznießer der Krise in seinem Land?
Poroschenko stammt aus einer Kleinstadt südwestlich von Odessa, nahe der Grenze zu Moldau. Vater Olexij arbeitet zu Sowjetzeiten als Ingenieur in der Landwirtschaft, später wird er Generaldirektor des Unternehmerverbandes Ukrprominvest. In den Archiven finden sich Hinweise, der Vater habe damals zwei Jahre im Gefängnis gesessen, wegen Diebstahls von Staatseigentum.
Petro ist schon in der Schule ein Schwerenöter, trotz guter Noten bekommt er nicht die übliche Goldmedaille zum Abschluss, auf dem Zeugnis steht in "Betragen" eine Drei. Er treibt Sport, Judo vor allem, und als er sich später auf dem Militärkommissariat mit vier Fähnrichen prügelt, wird er zur Strafe zum Armeedienst ins ferne Kasachstan geschickt.
Nach dem Wehrdienst studiert Poroschenko in Kiew internationale Beziehungen und internationales Recht. Im Studentenheim lernt er seine spätere Frau Marina kennen. Es sei "eine Liebe wie ein Feuerwerk" gewesen, sagt Marina, die heute Ärztin ist. Nach dem ersten, 1985 geborenen Sohn Olexij bringt sie im Jahr 2000 das Zwillingspärchen Jewhenija und Olexandra zur Welt und ein Jahr später noch einen Sohn: Mychailo.
Während Petro Poroschenko sein Diplom macht, zerfällt gerade die Sowjetunion. Wie Tausende andere Akademiker wird er Kleinunternehmer. Poroschenko hat Talent - er macht Karriere im Handel mit Kakaobohnen.
In den Neunzigerjahren schafft er es an die Spitze zweier Wirtschaftsverbände. Und er beginnt, Schokoladenfabriken aufzukaufen - in Winnyzja, im russischen Lipezk, im litauischen Klaipeda und in Budapest.
Poroschenko fasst die Betriebe in der Roshen-Gruppe zusammen, benannt nach dem Mittelteil seines eigenen Namens. Er betreibt die Werke effektiv, produziert hochwertige Schokolade. In der Liste der 100 weltweit umsatzstärksten Hersteller der Süßwarenindustrie steht Roshen auf Platz 18 - nicht weit hinter Haribo, Lindt und Arcor. Selbst Rivalin Julija Tymoschenko, Präsidentschaftskandidat wie er, gestand im Fernsehen ein, sie kaufe für ihre Familie ausschließlich Roshen-Pralinen. Poroschenkos Erfolg ist nun allerdings zu seinem Pech geworden, denn 40 Prozent seines Umsatzes hat er in Russland erzielt. Aber dieser Anteil ist jetzt weggebrochen.
Wer in der Ukraine Geschäfte macht, der sucht irgendwann die Nähe zur Politik oder wird gleich selbst Politiker. So auch Poroschenko, der allerdings lange keine Heimat findet: Zuerst, 1998, landet er bei den Sozialdemokraten, die treu zum damaligen Präsidenten Leonid Kutschma stehen. Zwei Jahre später gründet er seine eigene Partei, die er "Solidarnost" nennt. Aus ihr entsteht die "Partei der Regionen", die zur Basis des jetzt gestürzten Staatschefs Wiktor Janukowytsch wird.
2001 schließt er sich dann der Partei des Oppositionellen Wiktor Juschtschenko an, zieht für sie ins Parlament und finanziert 2004 die Orange Revolution. Juschtschenko, der aus ihr als Präsident hervorgeht, wird Pate seiner Töchter. Und er ernennt Poroschenko zum Chef des Sicherheitsrats, später zum Außenminister.
Seine eigentlichen Ziele erreicht Poroschenko nicht: Er bekommt weder den Posten des Premierministers, noch wird er Chef des Parlaments. Früh macht er seine Haltung zum Westen deutlich. Den Beitritt zur Nato könne man "in einem oder zwei Jahren erreichen, wenn der politische Wille da ist", sagt er 2009.
Im Februar 2010 kommt Janukowytsch an die Macht. Poroschenko ist seinen Posten los. Umso erstaunlicher ist, was sich zwei Jahre später tut: Im Februar 2012 bietet Janukowytsch ausgerechnet Poroschenko den Posten des Wirtschaftsministers in seiner Regierung an - ihm, dem Finanzier der Orangen Revolution. Jener Revolution, die verhinderte, dass Janukowytsch bereits 2004 Präsident der Ukraine wurde.
Poroschenkos Übertritt ins Lager des Gegners überrascht die Anhänger der Orangenen. Er habe "wohl seine Besitzstände retten wollen", sagt ein Kiewer Parlamentsabgeordneter. Poroschenko dagegen behauptet, er habe den Posten übernommen, um die Annäherung an die EU voranzutreiben und die Freilassung Julija Tymoschenkos aus dem Gefängnis zu erreichen. Letzteres darf man bezweifeln.
Janukowytsch stimmt seinen Bedingungen angeblich zu - schickt aber am Tag von Poroschenkos Amtsantritt die Steuerpolizei in die Werke des Milliardärs: eine Warnung an ihn, sich als Minister an die Spielregeln der inzwischen ebenfalls reich gewordenen Präsidentenfamilie zu halten.
Poroschenko rettet aus heutiger Sicht, dass er nur wenige Monate Janukowytsch-Minister ist. Denn nach der Parlamentswahl im selben Jahr wird er erneut Abgeordneter, dafür muss er den Regierungsposten aufgeben. Fortan betätigt er sich im Ausschuss für Europäische Integration. Kein Jahr wird mehr vergehen, bis die Entscheidung Janukowytschs, das unterschriftsreife Assoziierungsabkommen mit der EU zu kippen, die Maidan-Revolution auslöst.
Der Maidan und Poroschenko - das ist eine besondere Geschichte. Der Milliardär zeigt sich erstmals am 1. Dezember 2013 bei den Protesten, da gibt es noch keine Barrikaden auf dem Maidan. Vor dem Präsidentensitz haben sich an diesem Tag junge Leute versammelt, die ihre Wut über Janukowytsch herausbrüllen - denn der Präsident hat gerade versucht, die Proteste gewaltsam aufzulösen.
Poroschenko will vermitteln. Er steht vor der Präsidialadministration in der Bankowstraße, zusammen mit seinem Sohn Olexij, vor ihm Vermummte, es ist nicht klar, ob es Rechtsradikale oder von Moskau gesteuerte Provokateure sind. "Verpiss dich, du jüdischer Müll", rufen sie dem Unternehmer zu. Bei den Rechten gilt als ausgemacht, dass Poroschenko jüdischer Abstammung ist und eigentlich Walzman heißt, die Namensänderung lässt sich allerdings nicht endgültig belegen. Vater und Sohn schaffen es mit Mühe ins Auto.
Auf dem Maidan sieht man Poroschenko danach nur selten. Er spendet Geld für den Aufstand - "für Brennholz und Feuerkessel, damit sich die Leute in den Zelten wärmen können", wie er sagt. Und er lässt den Fünften Kanal, seinen Fernsehsender, live vom Platz berichten. Aber er steht kaum mit auf der Bühne der Revolution und entgeht so dem Schicksal der drei Oppositionsführer Vitali Klitschko, Arsenij Jazenjuk und Oleg Tjahnibok, die am 21. Februar noch eine Art Friedensabkommen mit Janukowytsch unterzeichnen. Was ihnen die Aufständischen bis heute nicht verzeihen.
"Einerseits gehört Poroschenko zum Maidan, andererseits ist er nie mit dessen Führern in Verbindung gebracht worden. Verhandlungen mit den diskreditierten Machthabern hat er nicht geführt", sagt der Politologe Wadim Karassew. Später sei ihm zugutegekommen, dass das Volk neue Gesichter sehen wollte und Poroschenko als erfolgreicher Unternehmer gilt. Als Oligarch, der sich nicht Gaspipelines oder Bergwerke aneignete, sondern einen gut gehenden Pralinenkonzern auf die Beine gestellt hat - etwas Volksnahes, sozusagen.
Poroschenko spürt die Stimmungswende, er sieht, wie Klitschko, der sich um das Präsidentenamt bewerben will, die Gunst des Maidan verliert. Und er nutzt seine Chance. Ende März kann er Klitschko zur Aufgabe der Kandidatur bewegen und ihn auf seine Seite ziehen. Der Boxweltmeister bittet seine Wähler, nun Poroschenko zu unterstützen.
"Wir haben bis zum letzten Moment nichts von diesem Deal gewusst", sagt ein Mitglied der Klitschko-Partei Udar.
Den Deal, so stellt sich bald heraus, haben Dmytro Firtasch und Serhij Ljowotschkin eingefädelt: der eine ein mit Russland verbandelter Gas-Oligarch, der von den USA wegen Bestechung gesucht wird und sich in Wien aufhält. Der andere zuletzt Stabschef von Präsident Janukowytsch.
Es ist ein typisch ukrainisches Bündnis, das da zustande gekommen ist. Poroschenko soll offenbar mit seiner Kandidatur ein Comeback von Julija Tymoschenko verhindern. Denn die hatte für den Fall ihrer Wahl einen "Krieg gegen alle ukrainischen Oligarchen" angekündigt.
Poroschenkos größtes Handicap ist, dass die Leute auch ihn für einen Oligarchen halten. "Ich bin aber keiner", hat er in der beliebtesten Talkshow im Kiewer Fernsehen erklärt. "Ein Oligarch ist ein Mensch, der an die Macht strebt, um sich persönlich zu bereichern. Ich aber bekämpfe seit Langem jene Banditen, die das Land ausgeraubt und die Freiheit des Unternehmertums vernichtet haben." Er werde all seine Unternehmen verkaufen, wenn man ihn zum Staatsoberhaupt wähle, behauptet Poroschenko.
Der Schokoladenkönig, den das Magazin Forbes den "schlauesten aller ukrainischen Milliardäre" nennt, der in einem Palast bei Kiew lebt, der den Impressionisten Claude Monet verehrt und einen Bentley fährt, hat in den vergangenen Wochen viel getan, um dem ukrainischen Volk näherzukommen. Er ist durchs Land gereist, war in Simferopol auf der Krim, noch vor der Annexion der Halbinsel. Nicht mal Premier Jazenuk hat sich dorthin gewagt.
"Wir müssen einen Kompromiss finden", rief er der Menge vorm Krim-Parlament zu - vergeblich, seine Appelle gingen in "Russland, Russland"-Rufen unter.
Odessa besuchte er gleich nach dem verheerenden Brand im Gewerkschaftshaus, bei dem 38 Menschen starben. Er legte rote Nelken nieder, ging ins Krankenhaus zu den Verletzten, bekreuzigte sich und sprach von einer "Tragödie" und einer "Provokation", bei der Moskaus Geheimdienst seine Hand im Spiel gehabt habe.
Mit politischen Ankündigungen aber ist er vorsichtig geworden. Kiew könne vielleicht bis 2025 EU-Mitglied werden, sagt er nun. Den Nato-Beitritt hat er ganz aufgeschoben. Eine Föderalisierung der Ukraine lehnt er ab, die Krim will er in die Ukraine zurückholen, durch die Stärkung der Wirtschaft. Und er glaubt, dass sich ein Kompromiss mit Moskau finden lässt.
Müsste der Schoko-Milliardär nicht ein Mann sein, mit dem Putin reden kann? Poroschenko kennt Moskaus Spitzenpolitiker, er ist mit dem russischen Botschafter in Kiew befreundet, als gläubiger orthodoxer Christ pilgert er oft zu russischen Klöstern.
Doch ausgerechnet mit dem Boykott der Roshen-Pralinen begann im Sommer vorigen Jahres Russlands Wirtschaftskrieg gegen die Ukraine - Ziel war wohl, den EU-freundlichen Poroschenko zu einem Sinneswandel zu bewegen. Inzwischen steht auch seine Fabrik in Lipezk still, zwei seiner Moskauer Konten mit umgerechnet 53 Millionen Euro wurden beschlagnahmt.
Der 30-minütige Film, den der staatsnahe russische Fernsehsender NTW kürzlich über Poroschenko zeigte, hatte ebenfalls eine klare Botschaft. Sein Titel: "Der Schokoladenhase".
In dem Porträt wird dem russischen Publikum selbst das böseste Gerücht als Wahrheit präsentiert: zum Beispiel, dass Poroschenko die Scharfschützen auf dem Maidan finanziert habe, denen fast 100 Menschen zum Opfer fielen; dass er sein Schoko-Imperium nur durch kriminelle Übernahme früherer sowjetischer Betriebe aufbauen konnte und in seinen Pralinen das krebserregende Mittel Benzopyren stecke; dass sein jüdischer Vater wohl ermordet worden sei und er Klitschko als Konkurrenten einfach weggekauft habe.
Das Fazit des russischen Propagandafilms: Poroschenko sei es gewesen, der den Maidan radikalisiert habe, um dann mithilfe der Rechtsnationalisten den Sprung ins höchste Staatsamt zu schaffen.
Währenddessen beschuldigt ihn Julija Tymoschenko in den letzten Tagen vor der Wahl, er gehöre zur fünften Kolonne Russlands und habe kurz vor der Annexion der Krim von Putin für seine Schiffswerft in Sewastopol Aufträge über 130 Millionen Dollar erhalten.
Poroschenko nennt das "eine Lüge", hat aber Tymoschenko für den Fall seines Wahlsiegs trotzdem den Posten der Premierministerin in Aussicht gestellt. Doch die will von einer Zusammenarbeit nichts wissen. Wähle das Volk Poroschenko, so sagt sie, werde das Land eine "dritte Welle der Revolution" erleben. Eine Revolution gegen die Oligarchen.
So hätte sie's wohl gern. Was einmal mehr zeigt, dass die größte Gefahr für die Ukraine nicht in Donezk lauert, sondern in Kiew. ■
Von Neef, Christian

DER SPIEGEL 21/2014
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