26.05.2014

GlücksspielDie unheilige Allianz

Das staatliche Westlotto hat offenbar wiederholt Gewinner in die Arme der Privatbank Merck Finck & Co. getrieben. Diese lotste Anlage-Amateure in Investments mit hohen Verlusten.
Es war einmal an einem Samstag vor sechs Jahren, als das Glück auf eine Zechensiedlung am Rande des Ruhrgebiets herabfiel, gerade so, als hätte sich das Glück nirgendwo lieber niedergelassen als hier. Sechs Richtige hatten die Richtige getroffen. Eine einfache Frau in den Vierzigern, die beim Bäcker hinter der Theke stand, für tausend Euro im Monat, die keinen Mann hatte, keine Kinder, zu Hause nur eine kränkelnde Mutter, die jeden Tag etwas weniger wurde. Mehr als 800 000 Euro gewann die Glückliche, die in dieser Geschichte Helga Kaminski heißen soll, an jenem 8. Dezember 2007: Sie war damit eine vermögende Frau, aber auch eine arme Seele, ziemlich reich, aber auch reichlich unerfahren. Und so war sie mit ihrem Sterntaler-Glück nun auch das: eine leichte Beute. Für die Bank.
Es dauerte drei Tage, bis Helga Kaminski Bescheid bekam, aus der Lottozentrale, und noch mal zwei, dann waren sie da - die "Herren vom Lotto". Oder wen Helga Kaminski für die "Herren vom Lotto" hielt: Sie standen vor ihrer Tür, zwei "ganz freundliche Männer", die herzlich gratulierten. Und nicht nur das. Sie hatten ihr sogar Geschenke mitgebracht, schöne Geschenke, wie Helga Kaminski gleich fand. Einen silberglänzenden Kugelschreiber, eine praktische Stofftasche, einen stabilen Aktenordner, alle mit demselben Schriftzug, Merck Finck & Co. Privatbankiers.
Einer der Herren war, wie sich Helga Kaminski erinnert, Bernd Willers, der Berater von Westlotto für Großgewinner. Der andere empfahl sich später mit besten Wünschen für eine gemeinsame Zukunft und hinterließ seine Karte, die Helga Kaminski seitdem in einer Klarsichthülle aufbewahrt: Heinz-Walter Tebrügge, Direktor Merck Finck.
Noch heute versteht Helga Kaminski nicht, was merkwürdig daran gewesen sein soll, dass schon fünf Tage nach ihrem Sechser im Lotto ein Merck-Finck-Direktor bei ihr auftauchte, um sie als neue Kundin einzufangen. Der Direktor einer Bank, von der sie vorher nie gehört hatte. Die so nobel war, dass sie von Helga Kaminski vor dem Lottogewinn auch gar nichts hätte wissen wollen. "Aber das war ja die Bank, die das mit dem Lotto immer macht", glaubt Kaminski unverändert, "die Bank, die da für Lotto zuständig ist." Und dass die eben untrennbar zusammengehörten, "die Merck Finck und das Lotto".
Nein, gehören sie nicht, und damit haben nun beide Seiten ein Problem: Helga Kaminski, die sich von Merck Finck in den folgenden Jahren riskante Immobilien- und noch riskantere Schiffsfonds verkaufen ließ, mit dem Ergebnis, dass ein guter Teil des Lottogewinns weg ist. Aber genauso Westlotto und die Münchner Bank mit ihrer Filiale in Münster. Warum schaffte es Merck Finck nur so schnell bis ins Wohnzimmer von Helga Kaminski?
Als der SPIEGEL kürzlich über einen NRW-Lottomillionär berichtete, der auch bei Merck Finck gelandet war, in Katastrophen-Fonds gelotst worden war und die Bank deshalb auf Schadensersatz verklagt hatte ( SPIEGEL 16/2014), behaupteten das Institut und Westlotto noch hartnäckig dasselbe: Die staatliche Lottogesellschaft habe nie Kunden zu Merck Finck gedrängt. Damit habe Westlotto nichts zu tun.
Nun aber sprechen neben der Causa Kaminski zwei weitere neue Fälle dafür, dass es doch anders war: Willers, der Glücksbote von Westlotto, und Merck-Finck-Direktor Tebrügge arbeiteten offenbar Hand in Hand, um die Lottomillionen auf Konten der Bank zu schleusen. Zum Nutzen von Merck Finck. Aber wie sich zeigt: oft zum Schaden gerade jener Kunden, die vom schnellen Reichtum überwältigt, überfordert waren.
Vom SPIEGEL konfrontiert mit den neuen Fällen, teilte Westlotto am vergangenen Donnerstag mit, dass man jetzt doch Konsequenzen gezogen habe. Das volle Programm: Gewinnerberater Willers arbeite nicht mehr für das Unternehmen, "wir haben uns von ihm getrennt". Außerdem schaltete Westlotto die Staatsanwaltschaft Münster ein. Auch eine Anwaltskanzlei untersucht im Auftrag der Firma die Sache. Solange der Schlussbericht nicht vorliege, könne man zu Vorwürfen noch nichts Konkretes sagen, so Westlotto. Es seien "Fragen aufgetaucht, die nicht sofort und vollends beantwortet werden konnten".
Dazu muss dann aber wohl auch die Frage gehören, was der Spitze von Westlotto über die unheilige Allianz zwischen Lottokonzern und Bank bekannt war - und ob Willers, der für den SPIEGEL nicht erreichbar war, jetzt nur ein Bauernopfer ist. Schließlich sind die Vorwürfe gerupfter Gewinner intern schon seit Monaten bekannt. Und auch die Landesregierung NRW, zuständig für die Kontrolle von Westlotto, hat nun allerhand zu erklären: warum auch sie alle Hinweise abgebügelt und kleingeredet hat.
Wer wissen will, warum Helga Kaminski heute, sechs Jahre nach ihrem Lottogewinn, den Banken nicht gewachsen war, beginnt am besten mit einem kleinen Test. Portfolio. Steht da, in ihren Papieren. Was heißt das, Frau Kaminski? Kaminski sitzt an ihrem Esszimmertisch, in der Vitrine Porzellaneulen, auf dem Couchtisch ein Puzzle, vor sich die Ordner mit den Banksachen. Portfolio? "Ja, da fragen Sie mich aber was." Und "kumulativ" auftretende Risiken? "Kann ich Ihnen jetzt auch nicht so genau sagen."
Ihr Blick bekommt etwas Hilfloses, sie weiß ja, dass sie das wissen sollte, doch sie kann die Begriffe nicht erklären. Merck Finck aber behauptet, dass Kaminski immer gewusst habe, worauf sie sich einließ, und dass die Bank sie über alles bestens aufgeklärt habe.
"Sie sind mit Ihren Erfahrungen und Kenntnissen aus Sicht der Bank in der Lage, die damit verbundenen Anlagerisiken einzuschätzen sowie diese Risiken finanziell zu tragen", heißt es etwa in einem Protokoll, das ihr Bankberater nach einem Gespräch aufsetzte. Darin hatte er mit ihr angeblich "die aktuelle Situation beim Mo.St.P2" besprochen. Schon da stellt sich die Frage, wie er Helga Kaminski wohl die Liquiditäts- und Portfolioentwicklung beim Morgan Stanley Fonds P2 Value ausreichend erklärt haben mag. Am Telefon. In weniger als 15 Minuten.
Am 13. Dezember, am Tag der Übergabe eines schönen Kugelschreibers, einer praktischen Stofftasche und eines stabilen Aktenordners, hatte sich Helga Kaminski von der Bank ein Anlegerprofil ausfüllen lassen und unterschrieben. Darin steht, dass Kaminski keine Ahnung von Aktien und Zertifikaten habe. Wie die Bank aber auf die Idee kam, ihr zumindest "wenige" Kenntnisse in Geldmarktfonds, Rentenpapieren und offenen Immobilienfonds zu bescheinigen, bleibt ein Rätsel. Kaminski erinnert sich nur, dass sie früher mal ein Sparbuch hatte, "mit fünf Euro oder so", eine kleine Lebensversicherung und ansonsten nicht mal genug Geld, um Urlaub im Sauerland zu machen. Finanzzeitschriften las sie nicht, sie hat bis heute keinen Internetanschluss, auch kein Handy.
Trotzdem sortierte die Bank sie in das Anlageprofil "ausgewogen" ein. Eine Klasse mit einem "nicht unerheblichen Risiko durch mögliche Aktienkurs-, Zins- und Fremdwährungskursänderungen", wie die Bank im Profil von Kaminski schrieb. Angeblich wollte die Kundin das so, schon am ersten Tag, als Tebrügge bei ihr vor der Tür stand.
Wollte sie wirklich? So wie sie es darstellt, wollte sie zu Hause anbauen und - als sie später die Mutter pflegen musste - mit der Arbeit in der Bäckerei aufhören. Dafür wollte sie jeden Monat 2000 Euro vom Konto nehmen, später waren es noch 1000, und vermutlich hatte ihr einer sagen müssen, dass dafür die Zinsen bei konservativer Anlage vielleicht doch nicht reichen werden. Die Risiken seien ihr aber nie erklärt worden, sagt sie - während die Bank darauf pocht, dass Kaminski doch alle Risikohinweise unterzeichnet habe. "Ich hab da ja keine Ahnung von", erklärt Kaminski, "ich hab das unterschrieben, wo ich das unterschreiben sollte."
Im Februar 2008 kaufte die Bank für sie Anteile an offenen Immobilienfonds. Als sichere Anlage konnten die schon nicht mehr gelten, seit drei solcher Fonds 2005 und 2006 über Monate hinweg keine Anlegergelder mehr zurückgezahlt hatten. Fast 700 000 Euro von Kaminski steckte Merck Finck nun in vier Fonds.
Wenige Monate später, im September 2008, ließ die Lehman-Pleite die Finanzmärkte beben. Einige Fonds sollten sich danach nie mehr erholen. Doch selbst nach dem Lehman-Fiasko dealte Merck Finck weiter mit Immobilienfonds für Kaminski, kaufte den Axa Immoselect im August 2009. Auf dem blieb Kaminski schließlich sitzen. Er wird mit hohem Minus abgewickelt; Kaminski dürfte rund 60 Prozent verlieren.
Noch gefährlicher aber waren zwei Schiffsfonds, vor allem, weil Kaminski sie auch erst 2009 kaufte. Schon Mitte 2008 hatte die Schifffahrtskrise begonnen, mit einbrechenden Frachtraten, im Dezember waren die ersten drei Fonds kollabiert. "Spätestens da hätte jedem Bankberater klar sein müssen, was er mit einem Schiffsfonds verkauft: eine hochriskante Anlage, nur für Profi-Anleger, die notfalls auch einen Totalverlust verkraften können", sagt Andreas Lang von der Frankfurter Anlegerschutz-Kanzlei Nieding + Barth. 200 000 Euro von Kaminski landeten in zwei Fonds der Firma Briese, die 2012 und 2013 nichts mehr ausschütteten. Was sie noch wert sind, ist unklar - möglich, dass Kaminski ihre Einlage komplett verliert.
Für Helmut Brockhoff, ihren Anwalt, steht fest, dass "die Bank die Hilflosigkeit meiner Mandantin schamlos ausgenutzt hat; solche Anlagen hat sie gar nicht verstanden, die Risiken erst recht nicht. So etwas hätte ihr Merck Finck deshalb nie verkaufen dürfen". Er hat Beschwerde beim Bankenverband eingereicht, will die Schiffs-Geschäfte zurückabwickeln, doch Merck Finck lässt ihn auflaufen. Die Kundin sei "des Lesens durchaus mächtig" gewesen, heißt es in einer Antwort der Bank, Kaminski habe also gewusst, wie die Bank ihre Risikobereitschaft einsortiere - das zeige doch ihre Unterschrift unter dem Anlegerprofil. Außerdem habe sie "regelmäßig kritische Nachfragen" gestellt.
Und was die Briese-Schiffsfonds angehe: Da habe ihr der Berater klar gesagt, dass "zur Generierung der gewünschten höheren Erträge die Bereitschaft zur Eingehung erhöhter Risiken erforderlich sei". "Totalverlustrisiko" inklusive. Wenn das tatsächlich die klaren Worte des Beraters waren, dürfte Kaminski nicht viel verstanden haben.
Die Bank will außerdem darüber aufgeklärt haben, dass sie von Briese Prämien bekam, für jeden Schiffsfonds, den sie verkaufte, auch an Kaminski. "Eine Rückfrage ob der exakten Höhe stellte die Beschwerdeführerin nicht." Mit anderen Worten: Was für Merck Finck dabei abfiel, behielt die Bank für sich. Kaminski hätte ja gefälligst fragen können.
Helga Kaminski aber behauptet, das mit den Provisionen für die Bank überhaupt erst 2013 begriffen zu haben, als sie zufällig "Stern TV" guckte. "Wenn ich das doch vorher gewusst hätte", sagt sie und lässt offen, was sie vorher besser gewusst hätte. Vielleicht, dass die Bank bei manchen Briese-Fonds neun Prozent einsackte, wie Anlegerschützer Lang sagt? "Nein, dass da die Sendung lief, dann hätte ich die doch auf DVD aufnehmen können." Das also ist die Anlegerin, über die es in Merck-Finck-Schriftsätzen jetzt heißt, sie sei keineswegs "unbedarft", sondern habe den Eindruck vermittelt, "Erläuterungen hinsichtlich einzelner Finanzinstrumente stets verstanden zu haben". Stets.
Voll aufgeklärt, für scharfe Geschäfte immer zu haben, so hatten die Merck-Finck-Anwälte aber auch schon Rolf und Bettina F. vor dem Landgericht Münster beschrieben, wo das Ehepaar die Bank wegen Falschberatung verklagt hatte. Mehr als sechs Millionen Euro hatten die Lottogewinner ihr überlassen. In den Händen von Tebrügge und seiner Mannschaft schmolz das Geld bis auf einen bescheidenen Rest weg. Um den Prozess abzukürzen, bot die Bank einen Vergleich an, angeblich einen besonders großzügigen: Eine Million Euro sollte Familie F. bekommen, zum Ausgleich dafür, dass sonst wohl das meiste verspekuliert war. Außerdem wollte die Bank dabei helfen, die Ramschanlagen auf dem Zweitmarkt zu verscherbeln. Damit wenigstens noch ein paar Hunderttausend Euro heraussprangen.
Das Paar ließ sich nicht darauf ein - und das Gericht gab den beiden im April vollständig recht. Obwohl auch Rolf und Bettina F. alles unterschrieben hatten, was der Berater ihnen vorlegte, verurteilte die Richterin Merck Finck in erster Instanz dazu, mehr als 500 000 Euro zu ersetzen. Das war bis auf den letzten Cent der Verlust, den sie allein mit einer Pleite-Immobilie in New Jersey gemacht hatten. In der Urteilsbegründung heißt es, die Bank habe "die Eheleute" angesichts ihrer "eingeschränkten Fähigkeiten, komplexe Sachverhalte zu verstehen", weder "anlegergerecht noch anlagegerecht beraten". Familie F. will sich jetzt auch noch die übrigen Millionen vom Bankhaus zurückprozessieren.
Schon in diesem Fall war aber auch Westlotto in Erklärungsnot geraten. Denn Rolf und Bettina F. hatten behauptet, dass sie ausgerechnet durch einen Mann an Merck Finck geraten waren, dem sie besonders vertraut hatten: Bernd Willers. Durch den Gewinnerberater von Westlotto also, der Lottokönige in Nordrhein-Westfalen an ihr neues Leben gewöhnen soll. Und der mal in einem Interview von sich sagte: "Ich bin oft der Einzige, der außer ihnen davon weiß, dadurch werde ich irgendwie zur Vertrauensperson."
Während der Prozess lief, hatte ein Banksprecher kategorisch bestritten, dass Willers die Jackpotgewinner gezielt zu Merck Finck geführt habe. "Die Auswahl einer Bank beziehungsweise die Entscheidung für ein Institut ist immer ausschließlich Sache des Gewinners", hieß es auf eine SPIEGEL-Anfrage Anfang April.
Ähnlich hatten die Westlotto-Justiziare die Anwälte des Ehepaars F., Thomas Durchlaub und Johannes Wilkmann, abblitzen lassen. Die hatten im Januar gefragt, warum Westlotto-Willers ihren Mandanten die Privatbankiers so "nachdrücklich" wie "alternativlos" ans Herz gelegt habe. "Zunächst ist richtigzustellen, dass der Gewinnbetreuer von Westlotto Herrn und Frau F. nicht dazu 'bewegt' hat, ihre Geldangelegenheiten fortan ausschließlich von dem Bankhaus Merck Finck betreuen zu lassen", ließen die Lottojuristen wissen. Schon gar nicht habe "der Gewinnbetreuer von Westlotto die Aussage getätigt, dass nur das Bankhaus Merck Finck mit derart hohen Summen umzugehen wisse". Da mussten sich Rolf und Bettina F. also wohl verhört haben.
Weil sie bei den Lottomanagern nicht weiterkamen, versuchten es die Klägeranwälte an höherer Stelle. Zuerst beim Aufsichtsrat. Doch so arrogant die Juristen von Westlotto, so ignorant die Aufseher. Fast zwei Wochen ließ sich Aufsichtsratschef Michael Stölting Zeit, dann schickte er einen Dreizeiler: "In der Sache habe ich Rücksprache mit der Westdeutschen Lotterie GmbH genommen und diese gebeten, Ihr Schreiben auch in meinem Namen zu beantworten." Von dort kam, was zu erwarten war: Westlotto konnte "nach wie vor" keine "Mitverantwortung für die Vermögensverluste erkennen".
Nun schalteten die Anwälte das NRW-Innenministerium ein, die zuständige Aufsichtsbehörde für Westlotto. Auch dort empfand man die Beschwerde offenbar nur als lästig, den Absturz der Sechs-Zahlen-Millionäre als eigene Dummheit. Ein Ministerialer speiste sie Mitte März mit dem Hinweis ab, er sehe "keine Anhaltspunkte, die das Einschreiten der Glücksspielaufsicht erfordern".
Keine Anhaltspunkte? Hätten die Verantwortlichen bei Westlotto und im Innenministerium die Vorwürfe ernsthaft geprüft, wären sie wohl auf noch mehr Fälle gestoßen. Nicht nur auf Helga Kaminski, sondern auch auf Dieter Reiter. Der Rheinländer, der in Wahrheit auch anders heißt, hatte den Jackpot im Juli 2004 geknackt und knapp fünf Millionen Euro gewonnen.
Kurz danach bekam er Besuch von Willers, der sich aber damit begnügte, Reiters Personalien und den Lottoschein zu überprüfen. "Dann sagte mir Willers, die genaue Höhe meines Gewinns und die weiteren technischen Abläufe werde er mir erst am 27. Juli mitteilen. Er habe für diesen Tag einen Termin in der Düsseldorfer Niederlassung der Privatbank Merck Finck arrangiert", erinnert sich der Lottokönig.
Merck Finck? Das sagte Reiter erst mal nichts. Als kleiner Angestellter beim Bund hatte er sich über eine Vermögensverwaltung nie Gedanken gemacht, weil es vor dem Lotto-Sechser kein Vermögen zu verwalten gab. Umso präziser sollte Reiter nun aber der erste Termin in der Welt der Privatbankiers von Merck Finck im Gedächtnis bleiben, auch wegen seines Gewinnberaters. "Willers und Tebrügge nahmen mich gemeinsam in Empfang. Man konnte spüren, dass die sich schon lange Zeit kannten." Willers, so schildert es Reiter, nannte ihm die Höhe seines Gewinns, dann übergab er an Tebrügge - angeblich mit der Bemerkung: "Auch wenn Ihnen das jetzt Folgende anders erscheinen mag, lieber Herr Reiter, ich profitiere von alldem in keiner Weise." Glaubt man Reiter, folgte ein Vortrag von Tebrügge, an dessen Ende der in Geldfragen unerfahrene Gewinner sich in besten Händen wähnte. Er vertraute all seine Millionen der Bank an.
So gut fühlte sich Reiter anfangs betreut, dass er Tebrügge sogar an die Nordsee einlud. Dort hatte sich der Lottomillionär vom Gewinn eine Ferienwohnung gekauft, die er Tebrügge für erholsame Tage überließ. Der Merck-Finck-Mann nahm dankend an, ohne etwas dafür zu zahlen. Er war aber nicht der Einzige, der sich in Reiters Domizil einquartierte. Tebrügge urlaubte mit Gewinnberater Willers, den er aus gemeinsamen Studentenzeiten kennt; die beiden sind offenbar befreundet.
Das gute Verhältnis zwischen Lottogewinner Reiter und Banker Tebrügge litt dagegen nach einiger Zeit darunter, dass beim Geld die Freundschaft aufhört. Vor allem, weil das Geld durch Tebrügges Anlagetipps immer weniger wurde. In den folgenden Jahren soll Merck Finck Reiter ebenfalls desaströse Fonds empfohlen haben, ohne über die Risiken für ihn und die Provisionen für die Bank aufzuklären - Merck Finck bestreitet das.
Auch Reiter kaufte beispielsweise den Immobilienfonds in New Jersey, den Merck Finck ebenso dem Ehepaar F. andrehte. Als Reiter vorher fragte, ob bei dem geplanten Einkaufszentrum im fernen Amerika nicht auch eine Pleite denkbar sei, soll ihn Tebrügge beruhigt haben. Ein Totalverlust? Dafür müsse das Shoppingcenter schon abbrennen, dann zahle aber die Versicherung - de facto also kein Totalverlustrisiko.
2012 war dann zwar nicht das Shoppingcenter abgebrannt, wohl aber der Investmentfonds pleite. Damit war auch das Geld der Anleger weg. Andere Investments, die Tebrügge dem Lottogewinner vermittelt hatte, kamen ebenfalls ins Trudeln. Rund zwei Millionen Euro sind perdu. Ein Merck-Finck-Sprecher wollte sich zu diesem und den anderen Fällen gegenüber dem SPIEGEL nicht äußern. Begründung: das Bankgeheimnis.
Wenn es trotzdem noch Zweifel gab, dass Gewinnerberater Willers seinem Kumpel Tebrügge die Lottomillionen ins Haus bugsierte, dann tat er kürzlich viel dafür, sie endgültig zu zerstreuen: "Karnevals-Glückspilz aus dem Sauerland erhält 26,9 Millionen Euro", lautete die Überschrift einer "Presseinformation", die Westlotto am 4. März veröffentlichte. Am selben Tag suchte Willers den Mann heim. Der will seinen Namen an dieser Stelle nicht gedruckt sehen, hat aber dem SPIEGEL eine eidesstattliche Versicherung gegeben, dass sich alles so zugetragen habe, wie er es schildert.
Willers sei schnell zur Sache gekommen und habe auch ihm die Privatbankiers von Merck Finck ans Herz gelegt. "Er sagte, dass er dort einen Berater sehr gut kenne und in der Vergangenheit nur gute Erfahrungen mit dieser Bank gemacht habe. Die hätten dort eigene Anwälte, Steuerberater und Notare, sodass man hier einiges an Kosten sparen könne."
Allerdings, so der Karnevals-Glückspilz, habe Willers während des Gesprächs mehrmals darum gebeten, seinen Tipp ganz diskret zu behandeln. "Weil er uns diese Bank eigentlich nicht empfehlen dürfe. Die Gesetzeslage habe sich im letzten Jahr verändert. Bis Ende 2013 habe Westlotto diese Bank offen empfehlen dürfen."
Dem Jackpotgewinner kam die Sache zwielichtig vor. Warum, fragte er sich, setzte der Berater der staatlichen Lotteriegesellschaft sich so für diese Privatbank ein? Als Einflüsterer Willers angeboten haben soll, für ihn einen Termin bei Merck Finck zu machen, sagten der Multimillionär und seine Frau jedenfalls höflich Nein. Stattdessen eröffneten sie ihr Konto bei einer Genossenschaftsbank, weit genug weg von ihrem Wohnort. Risikoklasse 2, konservativ, nur sichere Sachen, nichts Spekulatives. Bei knapp 27 Millionen dürfte das auch in Niedrigzinsphasen fürs Erste reichen.
Von Jürgen Dahlkamp, Gunther Latsch und Jörg Schmitt

DER SPIEGEL 22/2014
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