26.05.2014

KarrierenKrull in Kiew

Mit gefälschter Windows-Software soll die Firma PC Fritz Millionen gemacht haben. Ein Hintermann gab sich in der Ukraine als Medienmagnat aus.
Es ist noch nicht lange her, da residierte der Mann, den viele in der Ukraine für einen zweiten Axel Springer hielten, in Kiews Reichenviertel Petschersk. Reiko Opitz, geboren 1968 in Oranienburg, empfing Gäste und Geschäftspartner in seiner 1,5-Millionen-Dollar-Nobelvilla. Er war mal Sprecher im Artemis Club, dem größten Bordell in Berlin. In der Ukraine aber stellte er sich als Medienmagnat vor. Auf seiner Visitenkarte stand: "Berliner Tageszeitung - Chefredakteur".
Inzwischen hat Opitz das Anwesen in Petschersk verlassen, er ist auf der Flucht vor deutschen und ukrainischen Ermittlern. Sie halten ihn für einen Hintermann der deutschen Skandalfirma PC Fritz. Die soll 2013 mit Windows-7-Raubkopien Millionen gemacht haben. Bei den Gesellschaftern und Geschäftsführern der Tochterfirmen von PC Fritz finden sich auffallend viele Ukrainer. Unter anderem taucht immer wieder der Name von Tetjana S. auf, Reiko Opitz' Dauerbegleiterin.
Ukrainische Ermittler haben Windows-Raubkopien in einem Wagen gefunden, den Opitz fuhr. Sie glauben, dass Opitz für den Transport der gefälschten Software nach Deutschland zuständig war. Mit dem Wagen war Opitz über Monate in der Ukraine unterwegs. Zugelassen ist der schwarze Mercedes-Benz Vito allerdings auf den Berliner Onur Y.
Onur Y. war Angestellter von PC Fritz. Er transferierte nach Erkenntnissen deutscher Ermittler Gelder in die Ukraine, eine Empfängerin war Opitz' Begleiterin Tetjana. Der Gründer von PC Fritz, Maik Mahlow, kooperiert mit den deutschen Behörden. Er sagt, er habe aus dem Raubkopie-Geschäft aussteigen wollen. Bei einem Treffen in Kiew habe Opitz gedroht, ihn zu erschießen.
In Kiew hatte sich Opitz Einlass in höchste Kreise verschafft, er umgab sich mit schönen Frauen und mächtigen Männern. Die hielten ihn für eine Größe in der deutschen Hauptstadtpresse. Der Botschafter Moldaus ernannte den Deutschen zu seinem Berater in Wirtschaftsfragen. Mykola Kateryntschuk, ein ehrgeiziger Abgeordneter, machte ihn zu seiner rechten Hand. Opitz ließ sich auch einspannen von den Strippenziehern des inzwischen gestürzten Präsidenten Wiktor Janukowytsch und inszenierte eine Schmutzkampagne gegen die damals noch inhaftierte Oppositionsführerin Julija Tymoschenko und ihren Arzt an der Berliner Charité.
So führte Opitz ein Leben nach dem Vorbild Felix Krulls, der berühmten Romanfigur von Thomas Mann: erst hinauf in höchste Gesellschaftskreise - dann hinab auf den Boden der Tatsachen, ins Visier der Strafverfolger.
Opitz hatte seinen Aufstieg nach der Wende als Verkäufer von Autotelefonen begonnen. Er setzte sich nach Peru ab, nachdem er als Geschäftspartner eines Berliner Vergnügungsparks Pleite gemacht hatte.
In der Ukraine fiel seine bewegte Vergangenheit nicht weiter auf. Das Kiewer Parlament ist voll mit Mafiosi und halbseidenen Politikern. Opitz stellte sich gern als Chef "einer ziemlich großen deutschen Zeitung" vor. In Wahrheit ist die Berliner Tageszeitung noch nie gedruckt worden. Ihre Website ist ein mit Bannerwerbung zugepflastertes Portal aus der digitalen Steinzeit, sie führt die Verlagsanschrift 100 Highland Park Village, Floor 200, Dallas, eine Briefkastenadresse in Texas.
Viele der Texte schreibt der Chefredakteur wohl selbst, darauf lassen die Schwächen bei der Zeichensetzung ebenso schließen wie kryptische Überschriften ("Timoschenko und ihre Partei als Verbrecher in schmutziger Märtyrerjacke der Opposition entlarvt").
Opitz lancierte Kampagnen, um die bis Februar inhaftierte Tymoschenko zu diskreditieren. Da hieß es plötzlich, das Kanzleramt in Berlin, das in Kiew für die Freilassung Tymoschenkows kämpfte, habe sich enttäuscht von ihr abgewendet. Die Meldung war komplett erfunden. Die Berliner Tageszeitung verbreitete auch das Gerücht, Tymoschenkos deutscher Arzt Lutz Harms habe sich kaufen lassen, in Wahrheit sei die Politikerin nie krank gewesen.
Opitz bestreitet alle Vorwürfe. Er sei Opfer einer Vergeltungsaktion wegen seiner kritischen Berichte. Bei einem Treffen vor seiner Flucht aus Kiew sagte er, er habe Angst um sein Leben. Er hatte Stacheldraht um die Villa ziehen lassen, auf dem Kaminsims lag griffbereit eine Kalaschnikow. Woher er das Geld für das Anwesen hatte? Er habe vor Jahren "einem Mitglied des Königshauses aus Oman das Leben gerettet". Das Haus hätten ihm die Scheichs aus Dankbarkeit gekauft.
Den Ermittlungen sehe er "mehr als nur sonnig gelassen entgegen", teilt Opitz mit, über die Jahre habe er sich "eine gewisse Abgeklärtheit angeeignet". Er soll sich auf die Krim abgesetzt haben. Die Berliner Tageszeitung wettert bereits in Kreml-Manier gegen die "verlogene Übergangsregierung". Es sieht aus, als suchte Opitz neue Freunde.
Von Benjamin Bidder

DER SPIEGEL 22/2014
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