02.06.2014

Bildung„Mama, ich bin dumm“

Längst nicht alle Eltern behinderter Kinder sind von der Idee der Inklusion begeistert: In NRW kämpft eine Initiative für den Erhalt der Förderschulen.
Vor einem Jahr beschloss Tina Brune, dass es so nicht weitergehe. Die Mutter aus Plettenberg in Nordrhein-Westfalen saß bei der Klassenlehrerin ihres jüngsten Sohnes, um das Deutschdiktat zu besprechen. "Die kleine Hexe" sollte die Überschrift lauten. Max, ein lernbehinderter Junge mit Seh- und Hörstörungen, hatte nur drei Buchstaben zu Papier gebracht: K, L, H.
Die Lehrerin erkannte darin Wortfragmente, die Mutter aber einen Beleg für die hoffnungslose Überforderung ihres Sohnes. Sie meldete ihn von der Schule ab. "Aus meinem fröhlichen war ein trauriges Kind geworden", sagt die Krankenschwester. Max habe häufig geweint, beim Aufstehen, auf dem Weg in die Schule, beim Abholen, bei den Hausaufgaben. Seine tägliche Klage: "Mama, ich bin dumm."
Seit der achtjährige Max die Vier-Täler-Schule in Plettenberg besucht, eine Förderschule für Lernbehinderte, gehe es ihm besser, sagt seine Mutter. Diese Erfahrung hat sie zu einer Kämpferin gemacht. "Frau Löhrmann, erhalten Sie die Förderschulen in NRW", so lautet ihr Onlineaufruf, den sie an Nordrhein-Westfalens Schulministerin Sylvia Löhrmann (Grüne) richtet. 8000 Unterstützer haben bereits unterschrieben, im Herbst will Brune die Petition dem Landtag übergeben. Ihre Initiative rückt eine Schulform in den Blick, die derzeit einen schweren Stand hat.
Angesagt ist Inklusion: Behinderte Schüler sollen als Folge einer Uno-Konvention vermehrt an Regelschulen unterrichtet werden. Förderschulen gelten als Einrichtungen von gestern. Den Ton geben Betroffene wie die Mutter des elfjährigen Henri aus Baden-Württemberg vor, die ihren Sohn aufs Gymnasium schicken will, obwohl der Junge mit Downsyndrom dort dem Unterricht nicht folgen könnte.
Als Henris Mutter vor zwei Wochen in der Talkshow von Günther Jauch zu Gast war, flankierten sie dort drei Inklusionsbefürworter und nur ein Skeptiker. Die Redaktion hatte auch bei Tina Brune angefragt, dann aber abgesagt. Andere Gäste würden bereits die Position abdecken, lautete Brune zufolge die Begründung.
Vielerorts löst die Inklusion indes Sorgen und Spannungen aus. In Nordrhein-Westfalen etwa tritt zum August ein verändertes Schulgesetz in Kraft, das behinderten Kindern einen Rechtsanspruch auf einen Platz an einer Regelschule garantiert. Für Lern-Förderschulen wie in Plettenberg gilt künftig eine Mindestgröße von 144 Schülern, derzeit hat die Schule 92.
Kritiker dieser starren Größenvorgabe wie Udo Beckmann, der Vorsitzende des Verbands Erziehung und Bildung (VBE), sprechen von einer "kalten Schließung" der Förderschulen. "Die Politik kann nicht einerseits den Elternwillen hochhalten und andererseits den Eltern die Optionen nehmen", so Beckmann. Eine VBE-Umfrage wies sinkende Zustimmungsraten zur Inklusion in Nordrhein-Westfalen aus. Und der Verband Sonderpädagogik berichtet von einer wachsenden Zahl ernüchterter Inklusions-Eltern, die ihre Kinder von den Regelschulen nehmen.
"Unser Sohn wurde behandelt wie alle anderen Kinder", sagt Sonja Maibach aus Koblenz, Sozialarbeiterin und Mutter des zwölfjährigen Christian. "Aber er kann nicht alles leisten, was andere Kinder leisten." Christian hat eine Lernbehinderung und eine Entwicklungsverzögerung. In der Grundschule hielt er noch mit, doch als er in die Integrationsklasse einer Realschule wechselte, begannen die Probleme: Der Schulalltag war ihm zu hektisch, der Pausenhof zu laut, die Lehrer zu ungeduldig. "Wir sind von der Inklusion enttäuscht", sagt seine Mutter. Seit Januar besuche Christian eine Förderschule; er habe dort nur noch neun Mitschüler.
Marianne Schardt, Sprecherin des Verbands Sonderpädagogik, fordert die Politik auf, die Lehrer besser zu schulen - entsprechend der Ausbildung der Sonderpädagogen. Es gehe eher um die Stärkung des Kindes als nur darum, Wissen zu vermitteln. Doch die Lehrer, die nun mit behinderten Kindern zu tun haben, werden darauf oft nur in Crashkursen vorbereitet.
Die Inklusion sei die "größte Herausforderung für unsere Schulen", sagt Mecklenburg-Vorpommerns Bildungsminister Mathias Brodkorb (SPD). Seine Kollegin Löhrmann, derzeit Präsidentin der Kultusministerkonferenz, appellierte unlängst an den Bund, "seiner Verantwortung bei der Umsetzung der schulischen Inklusion" nachzukommen, also mehr Geld zu spendieren.
"Auch wir haben den Anspruch, unsere Schüler in die Gesellschaft zu integrieren", sagt Peter-Paul Marienfeld, Leiter der Vier-Täler-Schule. Marienfeld verweist auf Werkräume und Kurse zur Berufsvorbereitung. Er will der Abwicklung seiner Schule dadurch entgehen, dass sie mit der Förderschule im 25 Kilometer entfernten Lüdenscheid fusioniert, als Filiale muss die Schule nur 72 Schüler haben. Doch angesichts des politischen Willens und sinkender Schülerzahlen sei er sich nicht sicher, wie lange das Aufschub gewähre, sagt Marienfeld.
Hoffnung habe er auf lange Sicht. Alle Schüler ins Regelschulsystem zu integrieren sei illusorisch, sagt der Schulleiter. "In ein paar Jahren wird uns die Politik wohl wieder einführen, unter neuem Namen."
Von Jan Friedmann und Lena Greiner

DER SPIEGEL 23/2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 23/2014
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Bildung:
„Mama, ich bin dumm“

Video 01:17

Amateurvideo Segelboot rammt Segelboot

  • Video "Bayern-Trainer Kovac über Sanches-Einsatz: Habe mich auf mein Bauchgefühl verlassen" Video 01:50
    Bayern-Trainer Kovac über Sanches-Einsatz: "Habe mich auf mein Bauchgefühl verlassen"
  • Video "Der Fall Maaßen/Seehofer: Ein Widerstandsnest gegen die Kanzlerin" Video 03:07
    Der Fall Maaßen/Seehofer: "Ein Widerstandsnest gegen die Kanzlerin"
  • Video "Moorbrand nach Raketentest: Kilometerweite Rauchwolken über dem Emsland" Video 00:52
    Moorbrand nach Raketentest: Kilometerweite Rauchwolken über dem Emsland
  • Video "US-Amateurvideo: Wagemutige Helfer retten Familie mit Propellerboot" Video 01:44
    US-Amateurvideo: Wagemutige Helfer retten Familie mit Propellerboot
  • Video "Handelsstreit zwischen USA und China: Für beide Seiten steht enorm viel auf dem Spiel" Video 03:34
    Handelsstreit zwischen USA und China: "Für beide Seiten steht enorm viel auf dem Spiel"
  • Video "Umfrage zu Maaßen-Beförderung: Ein Kasperltheater" Video 01:21
    Umfrage zu Maaßen-Beförderung: "Ein Kasperltheater"
  • Video "Test in Potsdam: Weltweit erste Straßenbahn ohne Fahrer" Video 01:59
    Test in Potsdam: Weltweit erste Straßenbahn ohne Fahrer
  • Video "Weihnachten im September: Rührendes Fest für krebskranken Jungen" Video 00:54
    Weihnachten im September: Rührendes Fest für krebskranken Jungen
  • Video "Wie ein Zwölftligist berühmt wurde: Verkaufsschlager Auswärtstrikot" Video 01:48
    Wie ein Zwölftligist berühmt wurde: Verkaufsschlager Auswärtstrikot
  • Video "Überfall auf Wettbüro: Rentner verjagt Räuber" Video 00:41
    Überfall auf Wettbüro: Rentner verjagt Räuber
  • Video "Nach Satire-Dreh über Chemnitz: Autor erhält Morddrohungen" Video 02:39
    Nach Satire-Dreh über Chemnitz: Autor erhält Morddrohungen
  • Video "Schicht im Schacht: Wehmut wegen Steinkohle - aber was ist mit der Braunkohle?" Video 02:56
    Schicht im Schacht: Wehmut wegen Steinkohle - aber was ist mit der Braunkohle?
  • Video "iPhone XS und XS Max: Apples neue Luxus-Smartphones im Test" Video 05:47
    iPhone XS und XS Max: Apples neue Luxus-Smartphones im Test
  • Video "Parodien über US-Wettermoderator: Wie Sie sehen, kann ich mich kaum auf den Füßen halten" Video 01:38
    Parodien über US-Wettermoderator: "Wie Sie sehen, kann ich mich kaum auf den Füßen halten"
  • Video "Amateurvideo: Segelboot rammt Segelboot" Video 01:17
    Amateurvideo: Segelboot rammt Segelboot