02.06.2014

UmweltMessbarer Raubbau

Ist ein Hybridauto sauberer als ein Benziner? Baumwolle ökologischer als Synthetik? Ein neues Buch zertrümmert scheinbare Gewissheiten.
Ein Auto mit Hybridantrieb fährt mit Batterie und mit Verbrennungsmotor, so verbraucht es weniger Benzin und gilt gemeinhin als ökologisches Wunderwerk. Nur nicht in den Augen von Friedrich Schmidt-Bleek. Wer etwas für die Umwelt tun wolle, solle seinen alten Käfer weiterfahren, sagt er lakonisch.
Der Wissenschaftler hat noch mehr solcher Ratschläge auf Lager. Er empfiehlt, Tüten aus Plastik jenen aus Papier vorzuziehen, ein Synthetikhemd zu tragen statt eines Modells aus Baumwolle und das Butterbrot besser in Plastikfolie einzuwickeln als in Aluminium.
Der 81-Jährige ist kein ignoranter Umweltmuffel, sondern das Gegenteil: Schmidt-Bleek, von Haus aus Chemiker, gilt als Pionier der Ökobewegung. Er war Vizepräsident des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt, Energie, bekleidete führende Positionen beim Umweltbundesamt und bei der OECD. Jetzt zieht der "Umwelt-Papst" (Frankfurter Rundschau) auf 304 Seiten eine Bilanz, die verblüfft. Vieles von dem, was die Deutschen stolz als ökologische Errungenschaft feiern, bezeichnet er als "grüne Lügen"(*).
Seit Jahren schon verfolge die Umweltpolitik einen falschen Kurs, lautet seine Diagnose, sie leide unter "fundamentalen Konstruktionsfehlern", das Ergebnis sei fatal: Die Umweltpolitik schade der Natur mehr, als ihr zu helfen.
Das Problem: Heute werde Umweltschutz hauptsächlich auf ein Ziel reduziert, die Verringerung von CO²-Emissionen, findet Schmidt-Bleek, und das sei zu kurz gegriffen. Wenn die Politik den Klimawandel stoppen wolle, müsse sie an der Wurzel des Übels ansetzen, am Verbrauch natürlicher Ressourcen: von Sand und Kalk, von Kupfer und Eisen, von Öl und Gas. Von Stoffen also, die nicht beliebig erneuerbar sind.
Der Wissenschaftler hat ein Verfahren entwickelt, das den Raubbau an der Natur messbar macht. Er ermittelte
für eine Vielzahl von Stoffen und Produkten die Menge an Material, die für ihre Herstellung innerhalb der Prozesskette bewegt wird, vom Bergwerk bis zum Händler.
Um zum Beispiel ein Kilogramm Kupfer zu gewinnen, werden der Natur rund 500 Kilogramm Ressourcen entnommen. Für die Produktion von Aluminium wird das 85-Fache des Eigengewichts benötigt, für ein Gramm Gold sogar eine halbe Tonne ausgegraben. Und ein Smartphone besteht aus Bestandteilen, für deren Herstellung rund 450-mal so viel Material nötig ist, wie das Gerät selbst wiegt.
So besitzt jeder Gegenstand einen "ökologischen Rucksack", den er unsichtbar mit sich trägt. Seine Größe drückt aus, wie stark die Natur bei seiner Erzeugung in Anspruch genommen wurde. "Die Umweltqualität von Produkten", so Schmidt-Bleek, "wird völlig neu bewertet."
Gerade grüne Hoffnungstechnologien entpuppen sich aus Sicht des Wissenschaftlers als ökologisch fragwürdig, weil sie häufig beträchtliche Mengen an Ressourcen verschlingen. Der ökologische Rucksack eines Hybridautos wiegt durch den zusätzlichen Antrieb und den hohen Kupfereinsatz fast doppelt so viel wie der eines herkömmlichen Fahrzeugs. Es verbrauche zwar etwas weniger Benzin, doch diesen Vorteil machten die Schäden an der Ökosphäre wieder zunichte, weil mehr Masse bewegt und Abfall erzeugt wird.
Auch die Herstellung scheinbar so ökologischer Güter wie Baumwolle oder Papier schadet demnach der Umwelt, und zwar mehr als etwa die Produktion von Plastik, weil sie enorme Mengen an Wasser verschlingt. Selbst Klarsichtfolie ist nach dieser Logik rund 200-mal ressourcensparender als Aluminium.
Schmidt-Bleeks Konzept lässt die unterschiedliche Giftigkeit von Stoffen vollkommen außer Acht - und zwar bewusst: Was für den Menschen schädlich sei, bedeute für die Natur noch lange keine Gefahr. "Sand kann für die Natur giftiger sein als Dioxin", formuliert der Chemiker zugespitzt. Wenn der Wind große Mengen Sand verteile, werde selbst das satteste Grün irgendwann unfruchtbar.
Da wundert es wenig, dass Schmidt-Bleek auch die Energiewende für "grüne Augenwischerei" hält, teuer und fragwürdig. Vonnöten sei vielmehr eine Ressourcenwende.
Heute verbrauche jeder Deutsche im Schnitt 70 Tonnen Natur pro Jahr, akzeptabel seien 6 bis 8 Tonnen, findet der Professor. Erreichbar sei dieses Ziel mithilfe einer Steuerreform, die den Faktor Arbeit entlastet und dafür den Verbrauch von Ressourcen erheblich verteuert. Selbst Werbung sei zu besteuern, schließlich fördere sie den Verbrauch wertvoller Ressourcen.
Schmidt-Bleeks Ansatz ist radikal und mit den Vorstellungen keiner politischen Partei zu vereinbaren - nicht mal mit denen der Grünen. Er habe sich extra durch die 327 Seiten ihres Wahlprogramms gekämpft, erzählt der Wissenschaftler. Ergebnis: Die Verschwendung von Ressourcen spielt darin so gut wie keine Rolle.
* Friedrich Schmidt-Bleek: "Grüne Lügen". Ludwig Verlag, München; 304 Seiten; 19,99 Euro.
Von Alexander Jung

DER SPIEGEL 23/2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 23/2014
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Umwelt:
Messbarer Raubbau

Video 00:52

Boxkampf mit Känguru Video sorgt für Empörung

  • Video "Boxkampf mit Känguru: Video sorgt für Empörung" Video 00:52
    Boxkampf mit Känguru: Video sorgt für Empörung
  • Video "Cabrio-U-Boot: Oben ohne unter Wasser" Video 00:46
    Cabrio-U-Boot: Oben ohne unter Wasser
  • Video "Glatteis-Unfall: Massenkarambolage im Zeitlupentempo" Video 01:48
    Glatteis-Unfall: Massenkarambolage im Zeitlupentempo
  • Video "Barack Obama: Letzte Rede zur nationalen Sicherheit" Video 01:54
    Barack Obama: Letzte Rede zur nationalen Sicherheit
  • Video "Werbevideo der US-Polizei: May you be with the force" Video 01:28
    Werbevideo der US-Polizei: "May you be with the force"
  • Video "Kanzlerin begegnet 360-Grad-Kamera: Merkel will's wissen" Video 00:52
    Kanzlerin begegnet 360-Grad-Kamera: Merkel will's wissen
  • Video "Musik mit Knalleffekt: Solo auf der Schrotflinte" Video 00:43
    Musik mit Knalleffekt: Solo auf der Schrotflinte
  • Video "Facebook im Wahlkampf: Haben Likes Trump zum Präsidenten gemacht?" Video 01:44
    Facebook im Wahlkampf: Haben Likes Trump zum Präsidenten gemacht?
  • Video "Videoanalyse zum Nein in Italien: Bankenkrise könnte sich verschärfen" Video 02:08
    Videoanalyse zum "Nein" in Italien: "Bankenkrise könnte sich verschärfen"
  • Video "Erfolg für Naturschützer: US-Armee stoppt Pipeline-Bau durch Ureinwohner-Reservat" Video 01:37
    Erfolg für Naturschützer: US-Armee stoppt Pipeline-Bau durch Ureinwohner-Reservat
  • Video "Amateurvideos aus Sotschi: Riesenwellen treffen Olympiastadt" Video 01:01
    Amateurvideos aus Sotschi: Riesenwellen treffen Olympiastadt
  • Video "Video aus Australien: Segler von sinkendem Boot gerettet" Video 00:45
    Video aus Australien: Segler von sinkendem Boot gerettet
  • Video "Webvideos der Woche: Landen, Ausflippen, Kuscheln" Video 03:08
    Webvideos der Woche: Landen, Ausflippen, Kuscheln
  • Video "Luftverschmutzung: Ein Jahr Feinstaub im Zeitraffer" Video 02:14
    Luftverschmutzung: Ein Jahr Feinstaub im Zeitraffer
  • Video "Videoanalyse zur Wahl in Österreich: Die Wähler sind müde" Video 03:11
    Videoanalyse zur Wahl in Österreich: "Die Wähler sind müde"